Seiters, Rudolf: In der Spur bleiben. Politische Wegmarken zu Rechtsstaat und Demokratie, Europa und Weltfrieden, bürgerliche Verantwortung und Solidarität. Olzog Verlag, 2005, Paperback, 160 Seiten, ISBN 3-7892-8174-3, EUR 14,90

Es ist ein programmatischer Titel, den unser Bundesbruder Dr. Rudolf Seiters seinem aktuellen und bei aller Nüchternheit spannenden und lesenswerten Buch voranstellt. „In der Spur bleiben“ ist Rückschau auf eigene politische Erfahrungen und ein programmatisches, persönliches Bekenntnis zugleich. „Dreiunddreißig Jahre im Deutschen Bundestag, von 1969 bis 2002: Eine Zeit voller Umbrüche, im Inneren wie im Äußeren. Ich habe erfahren, wie wichtig – auch – im politischen Handeln ist: Ein innerer Kompass, ein Wertefundament, Bürgernähe, das gegebene und gehaltene Wort, Verlässlichkeit. Und was in die Irre führt: Haltlose Versprechungen, das Verfangensein in Ideologien, Geschichtslosigkeit“, schickt Rudolf Seiters den 160 Seiten im Vorwort voraus.

Seine bei Olzog verlegte und Ende November veröffentlichte Sammlung von Vorträgen, Ansprachen, Zeitungsartikeln, Reden und Tagebuchnotizen aus knapp zwei Jahrzehnten sind mehr als ein Protokoll erlebter Geschichte aus der Perspektive eines Beteiligten.Vorgetragen wurden sie in Kirchengemeinden, bei Ausstellungen, vor der Konrad-Adenauer-Stiftung, im Hohen Dom zu Münster, Berlin, Papenburg, in der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena, der Bundeswehr-Hochschule in München, vor der Genfer Flüchtlingskonferenz, beim Osnabrücker Friedensgespräch, der Deutschen Botschaft beim Vatikan und dem Club zu Bremen. Die Zusammenstellung ist eine lebendige Erinnerung an beklemmende Situationen in den Tagen, in denen sich das „Wunder der Deutschen Einigung“ ereignete, an internationale Irritationen und ein Blick hinter die Kulissen und in die Mechanik der Macht in historischen Zeiten. Sachlich, bar jeden Pathos, beschreibt Bbr. Seiters ein Stück deutscher Geschichte, an der er selbst entscheidend mitwirkte. 

Das und sein erfolgreiches Vermittlungsgeschick in wichtigen Verhandlungen mit allen Beteiligten bis zum Zustandekommen des Einigungsvertrages dokumentiert ein wesentlicher Zeitzeuge: „In den dramatischen Monaten des Umbruchs war mir im Kanzleramt Rudolf Seiters – neben dem Leiter der außenpolitischen Abteilung, Horst Teltschik – ein wertvoller Berater und treuer Weggefährte“, erinnert Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl im Klappentext. „Ich schätzte Rudolf Seiters von Anfang an wegen seiner großen Zuverlässigkeit, seiner Fachkenntnis und seiner Weitsicht in Fragen der Deutschlandpolitik.“

Vorbilder für eine neue Weltinnenpolitik

Den Blick in die jüngere deutsche Geschichte ergänzt der Autor mit der weiteren und wichtigen Perspektive auf das europäische Einigungswerk und eine neuen Weltinnenpolitik zur Sicherung eines friedlichen Zusammenlebens der Weltgemeinschaft. Eine eigene politische Wegmarke, der sich der ehemalige Chef des Bundeskanzleramtes, Bundesminister für besondere Aufgaben, Bundesminister des Innern, Stellvertretende Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Erste Vizepräsident des Deutschen Bundestages nach seinem Ausscheiden aus der politischen Arbeit seit genau zwei Jahren als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes weiter zur Verfügung stellt. Die dort thematisierte bürgerschaftliche Verantwortung, die Notwendigkeit der Stärkung des Ehrenamts in einer lebendigen Bürgergesellschaft, führen auf die grundlegenden Eingangskapitel zurück, in denen er die „Spur“ bezeichnet, in der er die christliche Verantwortung für das demokratische Gemeinwesen als sein eigenes Movens bekennt: „Der Rechtsstaat, in dem wir leben ... ist wohl der freiheitlichste und sozialste, den es jemals auf deutschem Boden gab. Und deshalb werbe ich dafür, dass möglichst viele Bürger, gerade auch möglichst viele Christen, bereit sind, über das private Leben hinaus Verantwortung zu übernehmen – in der Gesellschaft insgesamt, im Ehrenamt und auch in der Politik.“ (S. 16f.) Es gehöre, dem Dienst am Menschen und Gemeinwohl verpflichtet, „immer Mut dazu, den christlichen Gestaltungsauftrag gegen den Strom eines unbequemen Zeitgeistes wahrzunehmen und in die Tat umzusetzen“ (S. 30). Auch durch unzeitgemäße Charakterfestigkeit, die sich in besonderer Weise in einer von Einschaltquoten bestimmten Mediengesellschaft und kaum noch steigerungsfähigen Betroffenheitskultur beweise. (ebd., S. 31)

Das unabdingbare Eintreten für Gerechtigkeit, Solidarität und die unantastbare Würde des menschlichen Lebens unterstreicht er deutlich auch im Vorwort, wenn er feststellt: „Heute stehen wir vor einem Generationenwechsel in Politik und Gesellschaft mit gravierenden Folgen. Zum einen wird die Generation mit Wiederaufbauerfahrung von einer Generation mit Wohlstandserfahrung in der Verantwortung abgelöst. Zum anderen gilt es, alte und neue Lasten für die Schultern einer schwindenden Nachfolgegeneration tragbar zu machen. Unser Land, Staat und Bürger gleichermaßen, sind gefordert, den beschleunigten Strukturwandel hin zu einer globalen Wissensgesellschaft zu meistern. Der Staat allein kann dies nicht schaffen. Wir brauchen Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitnehmer, die Wissenschaft, vor allem aber brauchen wir die Bürger – mit mehr Freiheit und mehr Verantwortung für den Einzelnen.“

UNITAS-Mitglieder verwundert nicht, dass Bbr. Dr. Rudolf Seiters, der seit 1969 über 33 Jahre lang den Wahlkreis nördliches Emsland/Grafschaft Bentheim und den Landkreis Leer im Deutschen Bundestag vertrat, in besonderer Weise auf das Beispiel des leidenschaftlichen Parlamentariers Ludwig Windthorst verweist. Grundüberzeugungen und Vorbild unseres seiner Heimat entstammenden Ehrenmitglieds haben ihn ebenso geprägt wie sein universitärer Lehrer Joseph Höffner. „Von Höffner lernen, heißt für Politiker, beharrlich für die rechte Sache kämpfen und auch im Sieg bescheiden bleiben“, so sein persönliches Bekenntnis. Für unitarische Bundesgeschwister ist zweifellos eine besondere Freude, dass die Ausführungen zu den mutigen Thesen des späteren Kardinals von Köln – wie auch eigens vermerkt – auf den Festvortrag zurückgehen, den Rudolf Seiters zum 100-jährigen Bestehen der UNITAS Winfridia in Münster gehalten hat.
Christof Beckmann

Aus: unitas 4/2005, S. 231



Veröffentlicht am: 20:13:05 13.12.2005
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse