„Ein gewalttätiges Friedensgeschäft – Die Säkularisation im Ruhrgebiet“, hrsg. v. Bbr. Dr. Baldur Hermans. Bischöfliches Generalvikariat Essen, Dezernat für gesellschaftliche und weltkirchliche Aufgaben. 384 Seiten, 135 Abb., Edition Werry Verlagsgesellschaft mbH, Mülheim a.d. Ruhr (Düsseldorfer Str. 12, 45481 Mülheim/Ruhr, Tel., 0208 – 480598, mail: info@edition-werry.de), 29 Euro (ISBN 3-88867-049-7).

Unzählige Kirchen und Klöster wurden vor gut 200 Jahren in der sogenannten „Säkularisation“ von Staats wegen enteignet – ein Datum, an das im vergangenen Jahr in vielfältiger Weise, mehr oder weniger gelungen, erinnert wurde. Was damals in einer von vielen fälschlicherweise als „geschichtslos“ bezeichneten Region geschah, stellt nun die fundierte Publikation „Ein gewalttätiges Friedensgeschäft - Die Säkularisation im Ruhrgebiet“ von Bbr. Dr. Baldur Hermans dar.

Der Herausgeber, bis Ende 2004 Leiter des Dezernates für gesellschaftliche und weltkirchliche Aufgaben im Bistum Essen, hat die Anregung einer historischen Fachtagung zum Thema „Säkularisation” aufgegriffen und 19 Autoren versammelt, darunter Historiker, Theologen, Journalisten und lokalgeschichtlich Interessierte. Auf 360 Seiten präsentieren sie in 23 Aufsätzen ihre Forschungsergebnisse über die Auflösung, Enteignung und Verweltlichung von Stiften, Abteien und Ordenskommenden im gesamten späteren „Ruhrgebiet“. Das Buch schlägt einen geographischen und thematischen Bogen von der Zisterzienser-Abtei Kamp bis zur Deutschordens-Kommende in Brakel, vom Karmeliterkloster Leuchterhoff bei Marl über das Essener Damenstift bis zum Zisterzienserinnenkloster in Gevelsberg. Für manchen Leser wird es ein völlig neues Licht auf den Raum werfen, der eher und fast ausschließlich als Wiege der Schwerindustrie gilt. Dass dieses einzigartige Laboratorium neuer gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und sozialer Prozesse nicht nur mit dem Namen „Krupp“ verbunden ist, sondern auch eine „Vorgeschichte“ hat, fällt den meisten überregionalen Darstellungen meist zum Opfer. Wie etwa die Aufsätze über die Residenz der Fürstäbtissinnen in Borbeck oder die Benediktiner-Abtei in Werden zeigen, bedeutete die Säkularisation im späteren „Kohlenpott“ den Niedergang zweier reichsunmittelbarer Fürstentümer: Für das Stift Essen bedeutete es das Ende einer milden 900-jährigen Frauenherrschaft, die Werdener Abtei des Hl. Ludgerus wurde zum Zuchthaus (1817-1928) umgewandelt. Wenn auch „die Preußen insgesamt milder als die katholischen Bayern“ verfuhren, wie Hermans bei der Buchvorstellung anmerkte, ging mit der Säkularisation eine Epoche zu Ende. Nicht nur heimatlose Mönche mussten ein neues Auskommen finden, auch die Bevölkerung rund um die „frommen Wirtschaftsbetriebe“, die an manchen Orten sogar gewaltsamen Widerstand gegen die behördlichen Maßnahmen der Obrigkeit leistete, sah sich vor eine völlig neue Situation gestellt. Doch wurde der Schock der Jahre auch zum Startschuss für ein neues, ungeahntes Wachstum der Kirche. Wie am Beispiel der Essener Frauenkommunitäten gezeigt, entstanden nun auch neue Formen von Kongregationen, aus den Resten der Beginenbewegung des Mittelalters wuchsen tätige soziale „Großbetriebe“.

Der Reichsdeputationshauptschluss - ein Bruch des alten Reichsrechtes und eine ungeheure Bereicherung des Staates auf Kosten der Kirche, wie der Herausgeber anmerkt, markierte den Zusammenbruch einer jahrhundertealten Welt- und Sozialordnung. Heute erlebt die in Folge der Ereignisse von damals entstandene bürgerliche Gesellschaft eine Säkularisation anderer Art. Daran erinnert Ruhrbischof Dr. Felix Genn in seinem Geleitwort. Das Buch habe „ein Ereignis zum Gegenstand, das nicht nur die Frage provoziert, welche Folgen es gehabt hat, sondern auch, ob es immer noch Folgen hat, es also bis in unsere Gegenwart hinein andauert. Das macht die Angelegenheit spannend.” Das Buch ist in der Tat nicht nur spannend, sondern auch reich bebildert und mit zahlreichen Hintergrundinformationen bereichert. Ein umfassendes Namens-, Orts- und Stichwortverzeichnis gehört ebenso dazu, wie eine Umrechnung der damals gültigen Währungsgrößen. Dass die umfangreiche Publikation erscheinen konnte, ist auch zahlreichen Sponsoren zu verdanken, darunter die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie mehrere Banken und Sparkassen.

CB

 




Veröffentlicht am: 20:43:46 13.03.2005
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