„Jugendlichkeit der Kirche keine Erfindung der Moderne”        

MÜNCHEN, 8. Februar. Die Katholische Kirche ist nach Auffassung des Erzbischofs von München und Freising, Bbr. Reinhard Marx, in einem ständigen Prozess der Erneuerung. „Veränderungsfähigkeit und Jugendlichkeit der Kirche sind keine Erfindung der Moderne, sondern kommen aus der Tradition der Kirchenväter. Schon sie wussten: der gute Grund der Kirche ist Jesus Christus! Dieser Grund veraltet nie“, sagte Marx am Samstag, 7. Februar, um 17.55 Uhr im zweiten Hörfunkprogramm des Bayerischen Rundfunks.


Vehement trat Bbr. Marx aktuellen Befürchtungen entgegen, die Kirche falle ins Mittelalter zurück. Er bekräftigte, dass das II. Vatikanische Konzil „selbstverständlich zur Tradition unserer Kirche gehört und verbindlich bleibt für alle, die katholisch sein wollen“. Um ihren Auftrag zu erfüllen, habe die Kirche die Pflicht, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“, zitierte Marx aus der Konstitution des Konzils „Gaudium et Spes“.


Die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die in der Bibel und in der Tradition bewahrt sei, werde nicht relativiert durch Veränderungen. „Sondern es geht je neu um die Frage, wie wir in der Zeitstunde, in die wir gestellt sind, unseren Glauben leben und bezeugen“, so der Erzbischof: „Tradition richtet sich nicht ängstlich und weltfremd zurück. Tradition ist ein Lebenswissen, das uns hilft, heute zu leben. Tradition bewahrt Erinnerung, damit Zukunft möglich ist.“


Marx erinnerte an den Konzilpapst Johannes XXIII. Er zitierte die Eröffnungsansprache, in der Johannes XXIII. „Unglückspropheten“ eine deutliche Absage erteilt habe, „die immer das Unheil voraussehen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde“ und die unablässig davon redeten, „dass unsere Welt im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei“.



DOKUMENTIERT

 

Erzbischof Dr. Reinhard Marx:

Wort zum Sonntag, Bayrischer Rundfunk

7. Februar 2009, 17.55 Uhr

 

Die Aufhebung der Exkommunikation für vier Bischöfe der Piusbruderschaft hat in den letzten zwei Wochen für große Diskussionen gesorgt. Dabei wurde auch immer wieder gefragt: „Fällt die Kirche zurück ins Mittelalter?“ Es ist mir deshalb wichtig, noch einmal an das Zweite Vatikanische Konzil zu erinnern, das selbstverständlich zur Tradition unserer Kirche gehört und verbindlich bleibt für alle, die katholisch sein wollen.

 

Vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils waren nicht alle einer Meinung, ob die Kirche sich erneuern müsste oder ausschließlich das Alte zu bewahren habe. Sollte die Kirche sich bewusst auf Augenhöhe mit der modernen Welt neu positionieren? Da gab es unterschiedliche Meinungen und auch Befürchtungen. Am 11. Oktober 1962 eröffnete Papst Johannes XXIII. feierlich das Zweite Vatikanische Konzil. Seine wegweisende Ansprache zu Beginn, in der er sehr deutlich seine eigenen Gedanken ausdrückte, zeigt uns bis heute auf, in welcher inneren Verfassung die Kirche den Weg der Erneuerung gehen kann und muss. Johannes XXIII. sah die Probleme der Gesellschaft und erkannte die Herausforderungen und die „Stimmungslage“, in der die Kirche war. In seiner Ansprache heißt es:

 

„In der täglichen Ausübung unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen Unser Ohr betrüben, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge, noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den Zeiten der früheren Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitten und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und recht zugegangen. Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussehen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde.“

 

Johannes XXIII. begleicht mit dieser Rede keine „offenen Rechungen“ mit anderen Meinungen, sondern er drückt seine feste Zuversicht und Überzeugung aus, dass die Kirche in all ihren Gliedern immer „semper reformanda“ und „semper iuvenescens“ sein kann, immer erneuerungsbedürftig und immer neu jugendlich aufbrechend. Veränderungsfähigkeit und Jugendlichkeit der Kirche sind keine Erfindung der Moderne, sondern kommen aus der Tradition der Kirchenväter. Schon sie wussten: der gute Grund der Kirche ist Jesus Christus! Dieser Grund veraltet nie.

 

Im Herzen ist die Kirche jung, weil sie einen alten Schatz hat, der aber nicht altern kann: die Botschaft des Evangeliums und der Schatz des Glaubens sind der „Jungbrunnen“ der Kirche. Die Kirche ist getragen von der Liebe Gottes und sie ist berufen, diese Liebe Gottes in die Welt zu tragen. Nicht sauertöpfisch und ängstlich, sondern frei, heiter und leidenschaftlich.

 

Die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die in der Bibel und in der Tradition bewahrt ist, wird nicht relativiert durch Veränderungen. Darum geht es eben nicht. Sondern es geht je neu um die Frage, wie wir in der Zeitstunde, in die wir gestellt sind, unseren Glauben leben und bezeugen. Tradition richtet sich nicht ängstlich und weltfremd zurück. Tradition ist ein Lebenswissen, das uns hilft, heute zu leben. Tradition bewahrt Erinnerung, damit Zukunft möglich ist.

 

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1 Petr 3,15) So sagt es der heilige Petrus. Wir müssen die Botschaft, die Hoffnung nicht neu erfinden. Aber wir müssen Rede und Antwort stehen, die Hoffnung soll durch uns sichtbar und hörbar werden. Mitten in unserer Zeit. Mitten im Leben.

 

Ganz so hat es auch das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution über die Kirche in der Welt „Gaudium et Spes“ festgehalten: Um ihren Auftrag zu erfüllen, hat die Kirche die Pflicht, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Aber in diesem Auftrag und in dieser Tradition stehen wir. Und wir fallen nicht dahinter zurück.

 

Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Sonntag.

Quelle: Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariates

 

 

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Veröffentlicht am: 13:09:46 08.02.2009
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