Festvortrag von Bbr. Seiters zum 100-jährigen Bestehen
des W.K.St.V. UNITAS Winfridia Münster

„Nicht nur als Mann der Kirche hat Joseph Kardinal Höffner auf theologischen und pastoralen Arbeitsfeldern über nahezu vier Dekaden hinweg die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mit geprägt, sondern auch als Mann des politischen Dialogs zwischen Kirche und Staat.“ Mit diesen Worten rief Bbr. Dr. Rudolf Seiters in seinem Festvortrag beim Kommers zum 100-jährigen Bestehen von UNITAS Winfridia am 30. November 2002 das Wirken eines bedeutenden Kirchenmannes und Wissenschaftlers in Erinnerung, dessen Wirken heute wohl sehr zu Unrecht nur noch wenigen so präsent ist wie seinen vielen Schülern, die in Politik und Gesellschaft an vielen Stellen hohe Verantwortung übernommen haben. Bbr. Seiters, der sich Anfang der 60er Jahre der UNITAS angeschlossen hatte, ist einer von ihnen. Mit seinem mit großem Applaus bedachten Vortrag im Münsteraner Kolpinghaus verband er den Appell, die richtungweisenden Grundzüge von Höffners Überzeugungen auch in den gegenwärtigen Debatten nutzbar und wirksam zu machen. Wir dokumentieren hier seine Rede im Wortlaut.

 

I.


„Ich hatte das Glück, Professor Höffner schon während meiner Studienzeit zu begegnen. Joseph Höffner hatte Anfang der 60er Jahre den Lehrstuhl für christliche Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster inne, ehe er dann 1962 Bischof von Münster und 1969 Erzbischof von Köln und Kardinal wurde. Ich habe ihn damals bei Vorlesungen und Vorträgen erlebt, auch bei Diskussionen in katholischen Studentenverbindungen. Höffner verstand es meisterhaft, seinen Zuhörern in einfacher und fast unakademischer Sprache selbst komplizierte Sachzusammenhänge verständlich zu machen. Er liebte seine Vorträge streng zu gliedern und seine Analysen - in Thesen - zuzuspitzen, was ihm den gut gemeinten Spitznamen „Papst Theseus I.“ eingebracht hat. Der Breite seines Wissens und der Vielschichtigkeit seiner Interessen entsprach die Vielfältigkeit seines Wirkens - wissenschaftlich, gesellschaftspolitisch, theologisch, pastoral. Das ist oftmals umfassend und fachmännisch gewürdigt worden. Ich muss mich heute Abend bescheiden mit dem mehr politischen Part, vor allem mit drei Wirkungskreisen, die bis auf den heutigen Tag nichts an Relevanz und Aktualität eingebüßt haben und daher in die gegenwärtig geführte politische Debatte einbezogen zu werden verdienen. Da ist erstens die Frage nach der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der „Sozialen Marktwirtschaft“, da ist zweitens die Frage nach der Not und Notwendigkeit einer an christlichen Werten orientierten Politik und da ist schließlich die Frage nach der Beziehung und Beziehungslosigkeit von Staat und Kirche.

 

II.


Kardinal Höffner war Schüler von Walter Eucken, dem Begründer der „Freiburger Schule“ und einer der geistigen Väter der „Sozialen Marktwirtschaft“. Er beliebte in Diskussionen seine Ausführungen oftmals mit den Worten einzuleiten: „Ich als studierter Volkswirt ...“ Damit wollte er vor allem klar machen, dass sein Eintreten für die „Soziale Marktwirtschaft“ nicht nur auf dem Boden christlicher Weltsicht, sondern auch und insbesondere auf dem Boden volkswirtschaftlicher Argumente fußte. Der Staat durfte seinem Verständnis nach schon aus ökonomischen Gründen nicht die Rolle eines Nachtwächterstaates spielen. Er hatte eine Wirtschaftsverfassung vorzugeben, für eine Rahmenordnung zu sorgen, die fairen Wettbewerb und sozial ausgleichende Gerechtigkeit sicherte. Ordnungspolitische Interventionen seien deshalb notwendig, weil die klassische Grundannahme des Ökonomischen Liberalismus, der von einer so genannten „prästabilen Harmonie“ ausging, wonach der reine Wettbewerb alleine die angestrebte Verteilungsgerechtigkeit garantiert, in der Praxis nicht funktionierte. Daher die Forderung nach Solidarität als Bauprinzip wechselseitiger Verpflichtungen jenseits von Individualismus und Kollektivismus, als Weg einer Aussöhnung von sozialer Gerechtigkeit mit freiheitlicher Marktordnung.


Neben dem Prinzip der Solidarität stand für Kardinal Höffner als zweite Säule der Christlichen Soziallehre das Prinzip der Subsidiarität - ausgehend von der Erstverantwortlichkeit des Individuums. Höffner hat in diesem Zusammenhang sehr früh und immer wieder neu vor einem Unterlaufen dieses Grundprinzips gewarnt. In den Gesellschaftspolitischen Kommentaren hat er 1987 nachdrücklich für das Primat der Eigenverantwortung plädiert und kritisch angemerkt: „Bedenklich ist es jedoch, dass weite Kreise der Bevölkerung von einem auffallenden Bestreben nach staatlicher Versorgung erfüllt sind, so dass man von den Grenzen des Sozialstaates' spricht. Der Sozialstaat wird besonders sorgsam das Prinzip der Subsidiarität beachten müssen“. Und an anderer Stelle sagt er, es wäre unverantwortlich, wenn die heute Erwerbstätigen durch Staatsverschuldung ihren Lebensstandard erhöhen, über ihre Verhältnisse leben und der jungen Generation zusätzlich zur Versorgung der alten Menschen auch noch eine gewaltige Schuldenlast aufbürden würden“, denn Schulden, so wäre zu ergänzen, sind volkswirtschaftlich gesehen nur aufgeschobene Steuererhöhungen.

 

III.


Wie recht Höffner mit seinen Warnungen hatte, dazu zwei konkrete Beispiele aus der aktuellen Sozialpolitik:


1. Als Mitautor des so genannten „Vier-Professoren-Gutachtens“ von 1955 zur „Neuordnung der sozialen Leistungen“ und damit maßgeblich an der Rentenreform von 1957 beteiligt - mit dem Kernstück der Einführung der Dynamischen Rente - hatte Kardinal Höffner bereits in seinem Gutachten über die „Sozialpolitik im deutschen Bergbau“ 1954 weitsichtig auf das demographische Problem Deutschlands hingewiesen: „Die Schrumpfung der Kinderzahl und der mittleren Jahrgänge, besonders die Zunahme der alten Leute gibt Anlass zu ernsten Erwägungen, denen unser Sozialversicherungssystem eines Tages wird begegnen müssen.“ Und an anderer Stelle warnte Höffner eindringlich: „Die Vergreisung Deutschlands wird sich wie eine schleichende Revolution auswirken.“


Höffners Prognosen haben sich heute mehr als erfüllt und sind zu einer großen politischen Herausforderung für unser Sozialsystem geworden. Wir Deutschen werden immer älter, es werden immer weniger und die Lebenserwartung steigt. Der uns so vertraut gewordene demographische Tannenbaum verwandelt sich allmählich in einen demographischen Pilz. Wenn das Rentensystem bezahlbar bleiben soll, wenn der Generationenvertrag gerecht ausgestaltet bleiben soll zwischen der älteren und der jüngeren Generation, dann müssen wir Vorsorge treffen und durch vernünftige Rahmenbedingungen die notwendige Eigenverantwortung des Einzelnen einfordern - dieser Erkenntnis haben sich viele in Politik und Wirtschaft lange verweigert, bis heute, wie die aktuelle Diskussion zeigt.


Als kleine historische Reminiszenz sei im Übrigen daran erinnert, dass 1889 das Zentrum unter Führung von Bbr. Ludwig Windthorst gegen durch Staatszuschüsse finanzierte Grundbeiträge bei der Einführung der Rentenversicherung stimmte, weil man damals verhindern wollte, dass bereits im Anfangsstadium das Versicherungsprinzip durchbrochen und vom Versorgungsprinzip verdrängt werde und so ein allzu mächtiger Staat seinen Fuß in der Tür des Hauses der Eigenverantwortung habe.


2. Nicht weniger dramatisch stellt sich die Situation unseres Gesundheitswesens dar. Die Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung sind von 25 Milliarden DM im Jahre 1966 auf rund 300 Milliarden DM heute gestiegen. Gründe hierfür sind die immens steigenden Kosten für die High-Tech-Medizin und die höhere Lebenserwartung. Die Pro-Kopf-Behandlungsausgaben pro Jahr liegen bei den bis zu 40-Jährigen heute zwischen 2.000 und 2.500 DM, danach steigen sie rasant auf fast 7.000 DM bei den über 80-jährigen an. Von daher war es verhängnisvoll, dass wir in den letzten Jahren Stillstand der Gesetzgebung erleben mussten, ohne die notwendige Vorsorge zu treffen, um ein menschenwürdiges Gesundheitswesen bezahlbar zu halten.


Ich vertrete ganz auf der Linie von Höffner den Standpunkt: Wer immer in Deutschland regiert, er muss den Mut aufbringen, in diesem sozialen Sicherungssystem neben dem Prinzip der Solidarität der Gemeinschaft gegenüber den Schwächeren stärker als bisher die Eigenverantwortung als zweite tragende Säule dieses Sozialsystems einzubauen. Das System der sozialen Sicherung - Markenzeichen unserer von der „Christlichen Soziallehre“ geprägten „Sozialen Marktwirtschaft“ - muss ein Sicherheitsnetz bleiben gegen die großen Lebensrisiken - wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit - und Schutz bieten gegen Armut im Alter. Alles was darüber hinausgeht, darf der Solidargemeinschaft nicht aufgeladen werden, sondern muss wieder der individuellen Vorsorge vorbehalten bleiben; alles andere ist auf Dauer nicht bezahlbar.

 

IV.


Damit komme ich zur zweiten Frage - nach der Not und Notwendigkeit einer an christlichen Werten orientierten Politik. So engagiert Kardinal Höffner für die Soziale Marktwirtschaft eintrat, so nachdrücklich hat er auch vor falschen Heilserwartungen eines Ökonomismus und dem Glauben an ein unbegrenztes Wachstum gewarnt. „Auch die größten sozialen Reformen“, so schreibt er ganz im christlichen Bewusstsein der Begrenztheit und Endlichkeit des Menschen, „vermögen die Sehnsucht des Menschen nach dauerndem Leben, bleibendem Glück und nie endender Liebe nicht zu stillen.“ Sinn und Heil des Menschen liegen nicht darin, sich in der Welt, in der Ökonomie, in der Politik, in der Arbeit oder in der Freizeit zu verlieren. Bei aller Bejahung der Welt solle und müsse sich der Mensch immer wieder bewusst machen, dass die Ökonomie selbst keine Ziele setzt und keinen Sinn stiftet. Was also gerade heute ' wo der Primat der Ökonomie den Sieg davonzutragen droht, von uns mit Höffner in Zukunft zu fordern sein wird, das ist zugespitzt gesagt eine Kehre von der „ICH-AG“ zur „WIR-Gesellschaft“. Und hierfür tragen Staat und Gesellschaft gleichermaßen Verantwortung. Der freiheitliche Rechtsstaat und die offene Gesellschaft dürfen im eigenen Interesse das Prinzip des Pluralismus nicht mit Beliebigkeit verwechseln. Höffner insistierte zu Recht darauf: „Ein Staat, der keine sittlichen Grundwerte anerkennen, sondern sich mit einer irgendwie funktionierenden äußeren Ordnung begnügen wollte, würde zerfallen.“


Diese Einsicht gilt im besonderen Maße für eine Europäische Union, die sich in den kommenden Jahren in erheblichem Ausmaße erweitern und vertiefen wird. Europa ist nicht nur eine Gemeinschaft der militärischen Sicherheit, der ökonomischen Freiheit und der rechtsstaatlichen Demokratie, sondern in erster Linie auch eine Gemeinschaft der Werte, wie sie in den 53 Artikeln der Grundrechte-Charta auf dem EU-Gipfel in Nizza im vergangenen Jahr proklamiert worden sind. Diese Charta muss aber mit Leben erfüllt werden, wofür Höffner ein sehr schönes Bild gefunden hat: In der römischen Campagna sind die Pfeiler der antiken Wasserleitungen nicht selten stehen geblieben, während die Bogen eingestürzt sind: ein Sinnbild des gegenwärtigen Zustands Europas. Es gilt, die verbindenden Bogen wieder herzustellen, damit das lebensspendende Wasser zwischen den Völkern und Kulturen Europas erneut fließen kann.“ Das ist weit entfernt von einer Politik der großen Gleichmacherei. Auch künftig muss Europa von Eigenverantwortung, Wettbewerb und Vielfalt geprägt sein. Auch hier hat uns Höffner den Weg gezeigt und auf den großen Europäer Thomas von Aquin hingewiesen, wonach gerade eine nivellierende Gleichschaltung die angestrebte Einheit zerstört, genauso wie Musik und Symphonie aufhören, wenn alle denselben Ton singen. Europa ist voller Vielfalt und viele Kräfte haben an Europa mitgebaut.


Für mich steht im Übrigen außer Zweifel, dass der christliche Glaube die identitäts- und einheitsstiftende Kraft Europas ausmacht. Es ist der Glaube an die Einmaligkeit jedes Menschen und seine unveräußerbare Menschenwürde. Weil von Gott geschenkt, steht der Mensch jenseits wissenschaftlicher, ökonomischer oder politischer Verfügbar- und Machbarkeit. Auf das Feld der Politik übertragen bedeutet dies eine hohe Verantwortung.


Höffner hat sich mehrfach mit Fragen der Forschung und der Technik - in der Bewertungspolarität von Dämonisierung und Humanisierung - befasst. Für ihn stellte die wissenschaftliche Erforschung und die technische Bewältigung der Naturkräfte keineswegs einen Widerspruch zum christlichen Weltbild dar, aber ihm war wichtig, dass die Technik ihr Ethos in der dienenden Ehrfurcht vor der Rangordnung der Werte findet und nicht in technische Besessenheit und in Materialismus ausartet. 1988 hat er sich in einer Stellungnahme zur künstlichen Befruchtung klar und unmissverständlich gegen das Vorhaben von „Kinder aus der Retorte“ ausgesprochen. Heute - nach der Entschlüsselung des DANN-Codes, den sich abzeichnenden Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik sowie einer weit fortgeschrittenen Klonierungstechnologie - stehen wir in Staat und Gesellschaft am Scheideweg, ob wir uns noch als Geschöpfe Gottes betrachten oder uns zum Schöpfer von uns selbst machen wollen - machen dürfen? Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat bereits im vergangenen Jahr zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die ethischen Herausforderungen der Biomedizin aufgefordert - in vorausschauender Sorge, „dass die Vorstellungen vom perfekten, vitalen, stets jugendlichen und gesunden Menschen zunehmend Haltungen und Handlungen in unserer Gesellschaft bestimmen.“ Wir müssen diesen Diskurs ohne zeitlichen Entscheidungsdruck und mit der mutigen Entschlossenheit in dem Bewusstsein führen, dass das Fundament unserer Werteordnung auf dem Spiel steht, und dabei geben uns auch die Worte der Deutschen Bischofskonferenz eine wichtige Wegweisung.

 

V.


Ich komme zum dritten Punkt, zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Die Verquickung von Politik und Religion, von absolutem Wahrheitsanspruch und gemeinschaftsbildendem Sendungsbewusstsein kennzeichnet gerade die explosive Mischung des Fundamentalismus. Insofern ist die Eigengesetzlichkeit von Kirche, Staat und Gesellschaft unverzichtbar für den Bestand und das Funktionieren einer freiheitlichen Demokratie. Andererseits macht staatliche Macht nur Sinn, worauf Kardinal Höffner nicht müde wurde, hinzuweisen, wenn sie im Dienste der Ordnung und für das Gemeinwohl beansprucht wird. Dieses artikuliert sich aber nicht in einem werte- und sinnfreien Raum; mit unserem Grundgesetz haben wir keinen laizistischen Staat konstituiert.


Den Schock der Barbarei des Nationalsozialismus tief im Bewusstsein verankert, war für die Menschen der frühen Nachkriegszeit eine auf christlichen Werten fußende Politik, waren kirchliche Bindungen geradezu selbstverständlich. Mit wachsendem Abstand und wachsendem Wohlstand säkularisierten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und lockerte sich auch das enge Band zwischen Politik und Kirche.


Höffner selbst hat nie einen Gegensatz zwischen Christsein und politischem Engagement gesehen; spricht doch die Präambel unseres Grundgesetzes unmissverständlich von der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Gegenüber katholischen Journalisten hat er einmal gesagt: „Der Christ darf nicht mürrisch am Zaun der Welt von heute stehen und ärgerlich zusehen, was da drinnen geschieht. Er muss über den Zaun steigen und handelnd und helfend mitten in der Welt von heute gegenwärtig sein, als Salz und Sauerteig.“ Er selbst hat sich auch nie hinter diesem Zaun versteckt oder aus seinem Herzen eine diplomatische Mördergrube gemacht. Immer dann, wenn er die christlichen Werte in Gefahr sah, hat er sich mit klaren und eindeutigen Worten engagiert in die Politik eingemischt, was ihm in einem Bundestagswahlkampf einmal harsche Kritik von Bundeskanzler Helmut Schmidt eingebracht hat. Den formalen Spielregeln eines religiös-weltanschaulich neutralen Staates folgend, war Höffner auch in verschiedenen öffentlichen Funktionen beratend tätig, so etwa für den Bund Katholischer Unternehmer, für das Ministerium für Arbeits- und Sozialordnung, das Ministerium für Jugend und Familie und das Ministerium für Städtebau und Raumordnung. Bundespräsident Karl Carstens hat über Höffner einmal gesagt, in ihm zeichne sich ein Mann der Kirche aus, „der Staat und Kirche nicht als Gegner, sondern als einander zugeordnet sieht. Beide sind aufgerufen, das „bonum commune“, das Gemeinwohl, zu verwirklichen im Dienste der Menschen.“

 

VI.


Man mag heute sagen, Höffner habe es damals viel leichter gehabt - ich teile diese Auffassung nicht, denn es gehört immer Mut dazu, den christlichen Gestaltungsauftrag gegen den starken Strom eines bequemen Zeitgeistes wahrzunehmen und in die Tat umzusetzen. Dem Dienst am Menschen verpflichtet, das war es, was Kardinal Höffner auszeichnete. Kardinal Höffner, am Heiligen Abend zur Welt gekommen, hatte zu seinem Geburtstag einen ganz persönlichen Bezug. Für Höffner war sein Namenspatron, der Heilige Joseph, ein Mann, den wir schweigend an der Krippe stehen sehen. Liebe und Bescheidenheit sind auch die Persönlichkeitsmerkmale von Kardinal Höffner gewesen und waren auch Ausdruck einer tiefen Prägung durch seine Heimat, in der ein hartes, aber herzliches bäuerliches Leben die Lebenswelt bestimmte, in der Beharrlichkeit und Geduld geradezu natürliche Tugenden waren. So war er auch im Diskurs immer hart in der Sache, aber liebenswürdig und voller Respekt gegenüber der Person; seine Schwester Maria hat einmal gesagt: „Mein Bruder schlägt immer mit Güte zurück.“


Den Politikern hielt er mutig den „Spiegel“ vor und forderte als Grundtugend Charakterfestigkeit, das heißt, auch gegen Widerstände seinen Grundsätzen treu zu bleiben und nicht dem flüchtigen Zeitgeist nachzulaufen. „Mehrheit“, so Höffner, „ist kein Beweis für die Richtigkeit, und die Bundesrepublik Deutschland ist keine Fernseh-Demokratie.“ Wie wahr, so möchte man heute in einer von Einschaltquoten bestimmten Mediengesellschaft sagen. Von Höffner lernen heißt für Politiker, beharrlich für die rechte Sache kämpfen und auch im Sieg bescheiden bleiben - wissend, dass jeder Mensch Fehler macht und verführbar ist. Seinem Namenspatron, so Kardinal Höffner am Schluss eines Pontifikalamtes am 28. Dezember 1986, habe er viele Einsichten zu verdanken. Eine Grundwahrheit, so denke ich, ist eine Lehre, die wir auch und gerade in der Politik beherzigen sollten, sie lautet: „Richtig ist fast immer das Unzeitgemäße, nicht der Konformismus.“ In diesem Sinne ist und bleibt Joseph Kardinal Höffner ganz zeitgemäß - und ein Vorbild!“

 

aus: unitas 1/2003, Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS, 143. Jahrgang, S. 10-13




Joseph Höffner

 

Am 24.12.1906 in Horhausen/Westerwald geboren, studierte zunächst 1926-1934 an der Gregoriana in Rom, war anschließend in der Seelsorge tätig und studierte 1937-1939 Volkswirtschaftslehre in Freiburg. 1944/45 habilitierte er zum Thema „Christentum und Menschenwürde. Das Anliegen der spanischen Kolonialethik im Goldenen Zeitalter“ und übernahm 1945 die Professur für Pastoraltheologie und christliche Soziallehre am Priesterseminar in Freiburg. 1951 wurde er zum Professor für Pastoraltheologie und christliche Soziallehre an der Theologischen Fakultät Trier berufen, im gleichen Jahr folgte er dem Ruf auf die Professur für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Sein Werk war dort vor allem durch aktuelle wirtschaftspolitische, aber auch sozialpolitische Fragestellungen geprägt. Als geistlicher Beirat des Bundes Katholischer Unternehmer und Berater auf dem Gebiet der Sozialpolitik war er in den wissenschaftlichen Beiräten verschiedener Bundesministerien tätig (u. a. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung).

Bis 1962 leitete er das 1951 gegründete Institut für Christliche Sozialwissenschaften, war Herausgeber einer eigenen Schriftenreihe, seit 1960 Herausgeber des „Jahrbuchs für Christliche Sozialwissenschaften“ und wurde 1962 in Münster zum Bischof geweiht. 1968 bereits Koadjutor, wurde er 1969 Erzbischof von Köln und zum Kardinal ernannt. Von 1976-1987 war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Joseph Kardinal Höffner starb am 16.10.1987 in Köln.

 

Helmut Zenz: Joseph Kardinal Höffner im Internet

Geschichte und Entwicklung des in der Mehrheit von Mitgliedern des UNITAS-Verbandes geleiteten Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der WWU Münster

 

 

Stichwort: Kardinal-Höffner-Gesellschaft

 

Fast 15 Jahre nach dem Tod des früheren Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Höffner wurde 2002 die „Joseph-Höffner-Gesellschaft“ (JHG) gegründet. Eingeladen dazu hatten der langjährige Sekretär von Kardinal Höffner, Weihbischof Manfred Melzer, und der Sozialethiker, Prälat und Bbr. Professor Dr. Lothar Roos. Die Schirmherrschaft hat der Kölner Erzbischof Bbr. Kardinal Joachim Meisner übernommen.


Die Joseph-Höffner-Gesellschaft hat das Ziel, „die Soziallehre der Kirche im Sinne des wissenschaftlichen, sozialen und pastoralen Lebenswerkes von Joseph Kardinal Höffner zu pflegen, durch wissenschaftliche Forschung zu vertiefen, zu verbreiten und im Kontext aktueller Fragestellungen und Anwendungen zu vermitteln“, so heißt es in der Satzung der Gesellschaft. Zum Vorsitzenden der JHG wurde Bbr. Lothar Roos gewählt. Sein Stellvertreter ist Martin Lohmann, Chefredakteur der Koblenzer „Rhein-Zeitung“.




Veröffentlicht am: 10:06:55 13.03.2003
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