Soziale Gerechtigkeit in Zeiten der globalen Krise

Krone-Seminar der Unitas und der Joseph-Höffner-Gesellschaft 


Von Christian Poplutz   

 

Was ist „sozial gerecht“? Können Wirtschaftswissenschaften und katholische Soziallehre diesen Begriff in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mit Leben erfüllen oder gehört er einer Vergangenheit an, in der die Welt vermeintlich noch in Ordnung war? Mit dieser Problematik befasste sich das „Krone-Seminar“ des Unitas-Verbandes in Zusammenarbeit mit der Joseph-Höffner-Gesellschaft, benannt nach dem Unitarier Heinrich Krone, Unions-Fraktionschef der Adenauer-Ära und Bundesminister.

 

Spätestens seit Pius XI. Sozial-Enzyklika „Quadragesimo Anno“ (1931) zähle die soziale Gerechtigkeit zu den unverzichtbaren zentralen Werten der Katholischen Soziallehre, betonte der Freiburger Theologe Arnd Küppers, Mitarbeiter an der Streitschrift „Das Kapital“ des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Küppers zufolge scheinen die katholischen Ursprünge des Begriffs allerdings selbst im Gedächtnis der Kirche vergessen zu sein, wenn Papst Benedikt XVI. in „Deus Caritas est“ (Nr. 26) den Einwand, die Armen „bräuchten nicht Liebeswerke, sondern Gerechtigkeit“, dem „marxistischen Denken“ des 19. Jahrhunderts zuschreibe: Karl Marx hätte die Idee einer „sozialen Gerechtigkeit“ als Teil des ideologischen Überbaus einer bürgerlichen Gesellschaft zurückgewiesen, da für ihn – im Gegensatz zu anderen Sozialisten – der Hauptakzent auf der Revolution gelegen habe. Begriff und Idee der sozialen Gerechtigkeit fänden sich in ihrer wahrscheinlich ältesten Ausprägung bei dem sizilianischen Jesuiten Luigi Taparelli, der in seinem Werk „Theoretischer Versuch über das auf Fakten gestützte Naturrecht“ (1840) die soziale Gerechtigkeit als „Gerechtigkeit zwischen Mensch und Mensch“ beschrieben habe. Taparelli, Lehrer Leos XIII., leite aus der fundamental wesensmäßigen Gleichheit aller Menschen bei gleichzeitiger Berücksichtigung ihrer Individualität die Verpflichtung zur Achtung von Menschenrechten und die Erfüllung bestimmter Sozialpflichten ab und formuliere so bereits das vom Zweiten Vaticanum bestätigte und von den Ordoliberalen der Freiburger Schule rezipierte Proprium der christlichen Sozialethik, dass der Mensch als Person im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und somit auch der Wirtschaft stehen müsse.

 

Der Bonner Sozialethiker Lothar Roos führte die aktuelle Wirtschaftskrise auf Missachtungen im „kulturethischen Dreieck“ von Werten, Institutionen und Tugenden zurück und betonte, dass die Pflege dieser drei Pole des Kultursachbereichs Wirtschaft stets neu bewusst gemacht werden müsse. Wie Heilmittel gegen die Krise aussehen könnten, illustrierte der Marburger Ökonom Alfred Schüller, Mitherausgeber der Zeitschrift „Ordo“ und einer der bedeutendsten Vertreter der Ordnungsökonomik. Anders als die Interventionisten jeglicher Couleur (von Keynesianern bis zu Protektionisten) sah er die Lösung in der Stärkung der Selbstheilungskräfte des Marktes im Sinne der klassischen Stabilisierungsansätze. Dazu sei aber ein ganzes Bündel ordnungspolitischer Maßnahmen notwendig, nicht allein die momentan einseitig im Mittelpunkt stehende Regulierung des Bankensektors. Vor allem komme es darauf an, die Investorentätigkeit zu stärken – auch durch eine Abschaffung von Substanzsteuern wie der Erbschaftsteuer – und die Einheit von Entscheidung und Haftung neu zu verankern.

 

Jürgen Aretz, Generalbevollmächtigter der Thüringer Aufbaubank (Brüssel) und zuvor Staatssekretär in Thüringen, warnte davor, das Ende der Sozialen Marktwirtschaft auszurufen – vielmehr sei eine Besinnung auf ihre Grundlagen vonnöten. Dass es dabei – gemäß dem Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln – vor einer ethischen Diskussion auf die genaue Analyse der zu regelnden Sachverhalte ankommt, zeigte die Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer in ihrem Vortrag zum Mindestlohn. Zwar sei die Frage des gerechten Lohnes seit der Forderung einer familiengerechten Entlohnung durch Leo XIII. in „Rerum Novarum“ ein Zentralproblem der christlichen Soziallehre, doch kenne sie in ihrer Tradition weder die Befürwortung eines allgemeinen Mindestlohns noch die Festlegung auf eine solche staatliche Lohnfestsetzung. Gemessen an der Beteiligungs- oder Teilhabegerechtigkeit (formuliert im Wirtschaftshirtenbrief 1986 der US-Bischöfe) könne ein gesetzlicher Mindestlohn sogar kontraproduktiv sein, weil er Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor vernichte. Überdies müsste ein zur Verhinderung von Familienarmut geeigneter Mindestlohn weitaus höher angesetzt werden als bei der vom DGB geforderten Höhe von 7,50 Euro. Es komme vielmehr darauf an, ein bestimmtes Mindesteinkommen zu sichern. Dies könne aber auch durch andere Instrumente (z.B. staatliche Leistungen) sichergestellt werden, was im Einzelfall abzuwägen sei.



 

Quelle: Artikel aus der TAGESPOST




Veröffentlicht am: 16:36:58 16.04.2009
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