Anti-Rechts-Protest mit buntem Fahnenmeer

BORBECK. Bunt, bereit und bewegend: Rund 1.000 Demonstranten auf dem Alten Markt in Borbeck machten heute unmissverständlich klar, dass rechte Parolen und Neonazis in Borbeck nicht willkommen sind. „Essen stellt sich quer - Borbeck stellt sich quer“ - unter diesem Motto bewies am Vormittag vor der St. Dionysius-Kirche ein breites Bündnis gegen die gleichzeitige Kundgebung der NPD am Bahnhof eine beeindruckende Einmütigkeit. Und der Himmel stand dem Protest durchaus bei: Nicht nur, weil das Wetter stimmte. Denn es läutete das volle Geläut fünf Minuten vor dem Beginn vom Kirchturm. Und ohne den zugleich schnell von Küster Heribert Schiffer aus der Anbetungskapelle der Kirche herbeigezauberten Strom für die Lautsprecheranlage wären die Redner wohl kaum zu verstehen gewesen ….

Den Auftakt machte der als „Erster Bürger der Stadt“ begrüßte Dr. Wolfgang Reiniger. Der Essener Oberbürgermeister und gebürtige Borbecker äußerte seine Freude über die große Zahl der Demonstranten und unterstrich nachdrücklich, dass rechtes Gedankengut und neonazistische Umtriebe in der Ruhrstadt keine Chance haben. Wie er knüpfte Stadthistoriker Dr. Ernst Schmidt an die Geschichte an: Zugleich der wohl bewegendste Beitrag zur Kundgebung. Denn er erinnerte in einem sehr persönlichen Vortrag an einst die rund um den Platz wohnenden jüdischen Mitbürger, die vom Nazi-Mob drangsaliert und in den Tod geschickt wurden. In die Stille auf dem Borbecker Markt hallten die Namen der in der Reichspogromnacht Gejagten und viele konnten Tränen der Rührung nicht verbergen.

Erinnerung an Opfer der braunen Herrschaft

Nachdenkliches schloss sich auch von Seiten der Gewerkschaften an: Der Verdi-Kreissekretär mahnte zur Wachsamkeit und Entschlossenheit im Alltag. Ein Gedanke, den auch der Dechant von Borbeck, Pfarrer Peter Richter von St. Michael in Dellwig, als Vertreter der Katholischen Kirchengemeinden aufgriff. Mit Hinweis auf eigene Erlebnisse unterstrich er die Bedeutung der Erziehung, wies auf die vielen Menschen hin, die in unterprivilegierter Lebenssituation lebten, den Versprechungen der rechten Parolen fast hilflos ausgeliefert seien und erinnerte mit Pater Theodor Hartz und Pater Reinhold Unterberg an die aus Borbeck stammenden kirchlichen Opfer der nazistischen Herrschaft. „Menschen sind nicht schwarz, noch weiß, noch braun“, erklärte Pfarrerin Brigitte Schneller von der Evangelischen Pfarrgemeinde in Vogelheim. „Sie sind Abbild Gottes. Darum ist Borbeck bunt und so soll es bleiben!“ Die Vertreterin vom Bund der Verfolgten des Nazi-Regimes forderte nachdrücklich das Verbot der NPD und konnte viele Unterschriften für ihre Petition gewinnen. Ihrem Anliegen schloss sich auch die Bezirksschülervertretung an. Und Dr. Sykorra, ehemaliger Direktor des Borbecker Gymnasiums, stellte als Vorsitzender des Bürger- und Verkehrsvereins klar: „Szenen, wie wir sie vor mehr als 60 Jahren in Borbeck und überall erlebt haben, dürfen sich nicht wiederholen!“

UNITAS in einer bunten Koalition

Eine seltene Demonstration in Borbeck und eine seltene Koalition von gesellschaftlichen Gruppen zugleich, die sich da von 10-11.15 Uhr einträchtig vor der Dionysius-Kirche  versammelt hatten - diszipliniert, mit viel Applaus und Instrumenten, um anschließend den „Flachpfeifen von Rechts die Flötentöne“ beizubringen, wie der Moderator vermerkte. Vielfach deutlich gemacht wurde, dass die Strategie der als „Nazi-Nachfolgepartei“ bezeichneten NPD nicht verfangen dürfe, dass sie in dieser Verkleidung die Mitgliedschaft in kommunalen Parlamenten anstrebe und mit Blick auf die nächsten Landtagswahlen ihre Positionen ausbauen wolle.

An Pfeifkonzerten und Applaus beteiligten sich auch die anwesenden Mitglieder der Borbecker Muttergemeinde St. Dionysius, die vor dem mit Kirchenfahnen geschmückten Kirchplatz mit verschiedenen Flugblättern „alle Menschen guten Willens“ in einem „großartigen Stadtteil“ willkommen hießen (Flugblätter s.u.). „Kolping stellt sich quer“ leuchtete auf einem am Freitagnachmittag spontan gestalteten Transparent, die Fahnen der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung KAB und der Messdienerschaft standen einträchtig neben der Ludgerus-Fahne des Katholischen Studentenvereins UNITAS Ruhrania. Die Pfadfinder von der DPSG, Pfarrgemeinderat und Familienkreise fanden sich wie die UNITAS-Vertreter Senior Sebastian Sasse, Michael Heliosch und Christof Beckmann unvermittelt neben den laut skandierenden Mitgliedern der Marxistisch-Leninistischen Partei MLPD, das Kolping-Emblem wehte zwischen Che-Guevara-Banner und GRÜNEN-Transparent. Gemeinsam zeigten die Dionysius-Vertreter, dass Kirche ein sichtbarer Faktor in Borbeck bleibt, dass dieses Flaggezeigen stark macht, Gemeindemitglieder auch ermutigt und durchaus anderen Respekt abnötigt. Dass zum Abschluss bis auf den vorsorglichen Gewahrsam von drei linken "Autonomen"  alles friedlich blieb, auch als sich der Demonstrantenzug zum Neuen Markt begab und den dort zu ihrer NPD-Kundgebung Versammelten den Protest entgegenschrie, haben die Organisatoren dankbar vermerkt.

"Borbeck bleibt sauber!"

Ach - übrigens - die, gegen die sich alles richtete: Eingesperrt zwischen Bahnhofsmauer und Demonstrationsgittern, hatten die dunkel gekleideten rund 60-80 Rechten keinen Kontakt zur Bevölkerung. Martialisches Auftreten mit flatternden NPD-Fahnen, pseudo-antikapitalistische Transparente mit dem Demo-Motto und Plakate, auf denen von „Fremdarbeiter-Stopp“ die Rede war, fanden kaum Publikum. Weder Flugblätter noch anderes wurden an den Mann gebracht. Da konnte man sich per Mikrophon noch so bemühen: Antreten, Auftreten, Abtreten, das war´s. "Die können einem ja fast leid tun", grinste der eine, „Borbeck bleibt sauber“, stellte ein anderer Gegendemonstrant zufrieden fest. "Aber gefährlich bleiben sie doch!" Und zwischendurch ging man noch mal schnell einen Kaffee bei Tchibo holen. "Sonst war das Geschäft schlecht. Aber wenigstens der ging heute", meinte die Verkäuferin. Doch viel eher als gedacht, war dann der Spuk plötzlich vorbei: Die bis 14 Uhr angemeldete Rechts-Demo packte schon eine Stunde früher zusammen. Und dass alles soweit ohne direkte Auseinandersetzungen zu Ende ging, war nicht zuletzt der aus Essen angerückten, von Aachener Einheiten verstärkten Polizei zu verdanken. Wer aber - wie gesagt - hätte gedacht, dass für die Reden und die kernige Demo-Musik der Strom ausgerechnet aus der Anbetungskapelle kommen würde …


Hier per Klick zu den Berichten der Organisatoren, 
der Polizei und der komplette Text aller gehaltenen Reden.

 

 




Veröffentlicht am: 08:52:14 21.04.2007
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