ESSEN. „Ach Sie wollen sicher zu unserem Franz Stock! Das ist ja auch ein toller Mann - woll?“ Schon bei der eigentlich unnötigen Parkplatzsuche vor dem Franz-Stock-Museum im Fresekenhof ist klar: Hier in Neheim sind sie stolz auf ihren Landsmann. 19 Mitglieder des Essener UNITAS-Zirkels konnten bei der Zirkelreise am Dienstag, 17. Juni, erspüren, was der Gefangenenpriester bis heute in seiner Heimat bedeutet. Mit bislang vielfach Unbekanntem machte die vom AHZ-Vorsitzenden Bbr. Martin Gewiese geplante Fahrt in den heutigen Teil der Stadt Arnsberg vertraut. Auch der Besuch in dem ehemaligen Off-Lag für französische kriegsgefangene Offiziere in Soest war beeindruckend.

Die Führung von Horst Leise vom Franz-Stock-Komitee für Deutschland durch die informative Dauerausstellung im Fresekenhof stellt nicht nur das Wirken von Abbé Stock vor. 1904 in Neheim als erstes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie geboren, war Stock früh von der Katholischen Jugendbewegung geprägt. Nach drei Semestern seines Theologiestudiums, die er in Paris verbracht hatte, war er prädestiniert für die Aufgaben des Rektors der deutschen Gemeinde in Paris, zunächst 1934-1939, dann von 1940-1948. Hier sorgte er zunächst auch für Flüchtlinge, später auch für die seelsorgliche Betreuung der Häftlinge in den Pariser Gefängnissen der deutschen Besatzungstruppen. Die Franzosen gaben Franz Stock die Bezeichnung „L'Aumônier de l'enfer“ („Der Seelsorger der Hölle“) und „L'Archange en enfer“ („Der Erzengel in der Hölle“) - denn bis 1945 musste er auf dem Mont Valérien in Suresne über 1.200 Erschießungen beiwohnen. Das erlebte Grauen setzte er vielfach in Malerei um, die hier dokumentiert ist. 1945 gründete er ein Priesterseminar im Gefangenenlager Dépôt 501 bei Chartres, das er bis 1947 als Regens leitete. Im „Stacheldrahtseminar“ lernten 949 Dozenten, Priester, Brüder und Seminaristen aus Deutschland und Österreich. Franz Stock starb 1948, erst 44 Jahre jung, in Paris. Nuntius Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., nahm selbst die Einsegnung vor. Vieles aus diesen Jahren zeigt die Ausstellung mit vielen originalen Gegenständen aus Franz Stocks Besitz, aber ebenfalls die Auswirkungen seines Lebens und Wirkens auf die Deutsch-Französische Verständigung. Auch das Bild von unserem Bbr. Robert Schuman fehlte hier nicht. 

Im Elternhaus von Franz Stock


Ebenfalls nicht nur als „Museum“, sondern auch als Begegnungszentrum sieht sich Stocks Elternhaus in der heutigen Franz-Stock-Straße. Hier empfing Pfarrer i.R. Leo Reiners die UNITAS-Gruppe. Inmitten der bretonischen Möbel, der Bücher und Bilder von Franz Stock aus seiner Wohnung in Paris, die nach seinem Tod hierher kamen, ließ Pfarrer Reiners die unmittelbare Nähe des hier als Kind aufgewachsenen Priesters spüren, der inmitten von Tod und Unrecht in jedem Häftling Christus selbst sah. Nach dem Tod der Eltern und dem Tod von Franz Stock hatte in diesem Haus dessen Schwester Franziska mit ihrem Mann Pierre Savi, Kunstmaler und Referent der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Bonn, gewohnt. Seine jüngste Schwester Theresia übertrug das Haus vor genau 10 Jahren der Kirche als Stiftung. Heute ist hier auch das Archiv mit Briefen, Fotos und Dokumenten sowie das Atelier seines Schwagers Pierre Savi untergebracht. Anfang September wird es aus Anlass der Stiftungsgründung einen besonderen Gedenktag mit dem Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker in der Heimatgemeinde von Franz-Stock geben. Von Franz Stock habe er schon in frühen Jahren viel gehört, bekannte Pfarrer Reiners, der hier 34 Jahre als Seelsorger wirkte: „Doch ich war stolz, als ich als Pfarrer nach Neheim geschickt wurde, in die Gemeinde, in der Franz Stock groß geworden ist!“ Dass sein eigener Vater auch Unitarier war, verschwieg Pfarrer Reiners ebenfalls nicht und alle Besucher trugen sich an Franz Stocks eigenem Schreibtisch gerne in das Gästebuch ein.

Die "Französische Kapelle" im OfLag Soest

Mehr als nur eine Ergänzung erfuhr dieser Besuch nach dem gemeinsamen Mittagessen im Marienhospital in Soest durch die Führung von Barbara Köster in der ehemaligen Wehrmachtskaserne am Meiningser Weg. In ihr war 1940 das OfLag VI A, eines von 15 Lagern für französische kriegsgefangene Offiziere in Deutschland eingerichtet. Das heute aufgelassene und verfallen wirkende Areal, das später auch Flüchtlinge aus Schlesien aufnahm und bis 1994 als Belgische Kaserne diente, vermittelt noch heute etwas von der Trost- und Hoffnungslosigkeit, der sich die hier einst Gefangenen ausgesetzt sahen. In den für 800 Menschen gebauten Kasernenblöcken waren zunächst 1.400, zuletzt 5.000 Gefangene eingepfercht. Bis zu fünf Jahren verbrachten sie hier streng bewacht hinter Stacheldraht, die sie versuchten, durch ein intensives kulturelles und auch religiöses Leben zu füllen. Davon zeugen bis heute die Ausstellungsstücke, die ein reger Förderverein hier seit gut 10 Jahren zusammengetragen hat, vor allem aber auch die von den Kriegsgefangenen selbst ausgestattete, einzigartige Kapelle, die ein beeindruckendes Bildprogramm zeigt. Ausgestaltet wurde sie vor allem durch den berühmten Architekten, Landschaftsmaler und Lithographen Guillaume Gillet, Gefangener dort von 1940–1945.

Mit vielen neuen Eindrücken sammelten sich die Fahrt der Teilnehmer wieder in Soest, wanderten durch die Altstadt mit ihren Kirchen und probierten zum Ausklang des Tages die Eisspezialitäten im Park an einer historischen Mühle. Ihr Fazit „Eine sehr bereichernde Fahrt!“ gab sie mit großem Applaus an den Organisator der Fahrt weiter.

Kontakt: Franz-Stock-Komitee für Deutschland, Hauptstr. 11, 59755 Arnsberg, Tel. 02932/22050, info@franz-stock.de, Internet: www.franz-stock.de. „Geschichtswerkstatt Französische Kapelle e.V.“, Frau Barbara Köster, Detmolder Str. 12, 59494 Soest, Tel. 02921/77555, Email: ABPKoester @ t-online.de.

 

 





Veröffentlicht am: 09:03:03 17.07.2007
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