Am 25. Oktober 1956 gaben Tausende von Menschen dem verstorbenen Dominikaner Bbr. Laurentius Siemer auf dem Melatenfriedhof in Köln das letzte Geleit. Der Pater war im Alter von 68 Jahren überraschend bei Fernseharbeiten gestorben. Kein Geringerer als Kardinal Josef Frings hielt die Beerdigungsmesse. Bbr. Siemer, rezipiert im Wintersemester 1933 bei UNITAS Deutschritter in Köln, später auch Mitglied der UNITAS Landshut, war entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Als der UNITAS-Verband 1938 als staatsfeindliche Organisation verboten worden war, fanden die Unitarier in Köln bei den Dominikanern Zuflucht und feierten dort ihre Vereinsfeste. Daraus entwickelte sich im Dominikanerkloster Walberberg eine Widerstandsgruppe, die schließlich auch das Kettelerhaus in Köln umfasste und damit über die studentischen Korporationen hinausging (vgl. Heinz-Jürgen Rösgen, o. Laurentius Siemer, in: UNITAS-Handbuch Bd. III, S. 309-319). Nach dem Krieg war der Ordensmann maßgeblich am Gründungsprogramm der CDU beteiligt.

Bbr. Siemer, ein Nachkomme Oldenburger Bauern, wurde als sechstes von zehn Kindern am 8. März 1888 in Elisabethfehn im Hause des dortigen heutigen Museumsgebäudes (früher Kanalwärterhaus) geboren und zwei Tage später in der Pfarrkirche zu Strücklingen auf den Namen Joseph Franz Bernhard getauft. Sein Vater, der Kanalaufseher Franz Joseph Siemer, stammte aus Spreda bei Langförden, seine Mutter, Maria Josephina Franziska geb. Diekhaus aus Repke bei Emstek. Als Kind und Teenager war Joseph Franz Bernhard für ein selbstbewusstes Auftreten, Optimismus und eine originelle Art bekannt – und seine Umwelt war erstaunt, als er nach dem Abitur 1908 in den Predigerorden eintrat und den Ordensnamen Laurentius wählte. Nachdem er zum Provinzial gewählt worden war, verlegte Siemer den Ordenshauptsitz nach Köln. Schließlich lebten und lehrten dort die beiden Dominikaner, die neben dem heiligen Dominikus eine herausragende Rolle im Orden spielen - Albertus Magnus und der unitarische Verbandspatron Thomas von Aquin. Bbr. Siemer war an der Herausgabe der deutschen Thomas-Werke beteiligt und errichtete 1934 in Walberberg zwischen Köln und Bonn die Albertus-Magnus Akademie.

Den Nazis begegnete Pater Laurentius zunächst mit vorsichtigem Taktieren und Skepsis. Aber bald nach der Machtübernahme entschied er, dass deren Ideologie mit der katholischen Glaubenslehre nicht vereinbar sei. 1933 schrieb er in einem Leitartikel der „Germania“, der Parteizeitung des katholischen Zentrums: „Wer in der Nation das Ganze schlechthin sieht, wer sie nicht mehr als Teil erkennt, sondern eine absolute Größe in ihr erblickt, hat die Beziehung zum eigentlichen Ganzen verloren. Es wird schlechthin die Aufgabe aller gotterleuchteten Männer sein, auf die ewige Wertordnung hinzuweisen. Eine Rassenkultur, die der Nation wertvolle Kräfte raubt, wahre Wissenschaft und echte Kunst einengt, Religion abhängig macht von der Rasse, ist Degeneration“.

Siemer überlebt das Gestapo-Gefängnis „Klingelpütz“ 

Die Gestapo nahm den Ordensmann am 9. April 1935 unter dem Vorwand eines Devisenverbrechens in Köln fest. Nach drei Monaten im Kölner „Klingelpütz“ wurde er ins Gefängnis von Oldenburg verlegt. Die dortigen Haftbedingungen haben zwei weitere Dominikaner, der vorherige Provinzial Pater Thomas Stuhlweißenburg und der Missionsprokurator von Vechta, Pater Titus Horten, nicht überlebt. Siemer entwickelte sich nun zu einem entschiedenen NS Gegner. Er rief die Bischofskonferenz auf, sich stärker gegen den Unrechtsstaat zu wehren und traf 1941 auf Vertreter der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) in Köln. Im dortigen Kettelerhaus fand 1942 eine historische Besprechung statt - es wurden Pläne für ein „Viertes Reich“ entworfen. Zu den engsten Weggefährten im Widerstand von Bbr. Siemer - Mitglied sowohl des Kölner wie auch des Kreisauer Kreises - gehörten der Rechtsanwalt Josef Wirmer, Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus, Monsignore Otto Müller wie auch Pater Eberhard Welty. Als am 20. Juli 1944 der Attentatsversuch auf Hitler fehlschlug, befand sich Bbr. Siemer im Kloster Schwichteler bei Vechta, um eine Bronchitis auszukurieren. Zwei Monate später, am 16. September, spürte ihn die Gestapo dort auf. Doch gelang ihm auf abenteuerliche Weise die Flucht in den Stall eines Landwirts in Schwichteler. Bald darauf begab er sich zu einem entlegenen Hof in Handorf bei Holdorf. Dort hielt er sich auf, bis britische Soldaten am 11. April 1945 durch den Ort zogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Verfechter eines „christlichen Sozialismus“ Der bis Anfang 1947 amtierende Provinzial wurde von 1949 bis 1952 Generalsekretär der Katholischen Deutschen Akademikerschaft in Köln. Der Verfechter eines „christlichen Sozialismus“ widmete sich nun vor allem sozialethischen Fragen und baute Walberberg zu einem geistigen Zentrum der neuen Bundesrepublik aus. Schließlich entdeckte er, als einer der ersten Theologen überhaupt, die modernen Medien als „Kanzeln der modernen Zeit“. Durch Rundfunk- und Fernsehansprachen wurde er weit über Köln hinaus bekannt. Unerwartet starb er während der Vorbereitungen für die Fernsehsendung „Der Regenbogen“ am Abend des 21. Oktober 1956 im Dominikanerkonvent Sankt Andreas zu Köln, wo er die letzten Jahre seines Lebens zugebracht hatte. 

Aktuelle Sonderausstellung
Eine Sonderausstellung im Moor- und Fehnmuseum Elisabethfeen hat sein Leben und Wirken durch Bilder, schriftliche Dokumentationen, Exponate, Ton- und Videoaufnahmen für Besucher der Ausstellung aufbereitet: „Pater Laurentius Siemer“: vom 1. November bis 17. Dezember 2006, dienstags bis sonntags von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr. Für Gruppen auf Anmeldung auch außerhalb dieser Zeiten! 
Mehr: http://www.fehnmuseum.de/sonderausstellung_pater_laurenti.htm

Bild: Gedenkstein für Bbr. P. Laurentius Siemer auf dem Klostergelände „Christinenhof“ der Gemeinschaftder Kongregation der Ilanzer Dominikanerinnen vom hl. Joseph in Cappeln-Schwichteler.  

 




Veröffentlicht am: 14:56:11 17.12.2006
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