Borbeck, 16./17.11.2008.
„Der Mensch ist heute auf vielen Gebieten der medizinischen Forschung schon oder fast in der Lage, Veränderungen vorzunehmen, die vorher allein der Natur vorbehalten waren. Dies ist Zeichen für stetige Weiterentwicklung und birgt vielfältige Chancen, jedoch auch große Gefahren!“ Mit diesen Worten führte der Vorortspräsident beim Begrüßungsabend am Freitag auf dem UNITAS-Haus in die Thematik des Aktiventags 2008 in Essen ein. „Ist die Natur nur Ausbeutungsobjekt im Dienst menschlicher Interessen oder ist sie Wert und Zweck an sich? Arbeitet der Wissenschaftler in einem interessenfreien Raum? Gibt es Werte, die seine Fragestellungen bestimmen, und solche, die die Auswirkungen seines Forschens bestimmen müssen? Wie viel Verantwortung darf der Mensch an technische Systeme delegieren?“, fragte der VOP und lud herzlich zum Mitargumentieren und Diskutieren beim UNITAS-Aktiventag 2008 vom 14.-16. November in Essen.

 

Wissenschaftsarbeit in Don Bosco

 

Gelegenheit dazu gab der Samstag mit der Wissenschaftsarbeit im Theatersaal des Don Bosco-Gymnasiums. Nach Begrüßung durch Pater Direktor Jochen Aretz SDB setzte dazu den Auftakt Dr. Ulrich Eibach, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, mit einer Beurteilung der Stammzellforschung aus christlich-ethischer Sicht. Der Biologe, Theologe und Ethiker gab mit seinem Vortrag eine umfassende Grundlage zum Thema und erörterte Begriff und Inhalt der Menschenwürde im Zusammenhang „verbrauchender“ Embryonenforschung, an die sich hohe medizinische Erwartungen knüpften. Eindeutig stellte er die Gottebenbildlichkeit des Menschen heraus, dem keine Menschenwürde zugesprochen werden könne, sondern die ihm bereits von Beginn an zukomme. Über Fragen zum Beginn menschlichen Lebens aus biologischer und anthropologischer Sicht spannte er den Bogen bis zum Rechtsverständnis des Grundgesetzes und warnte vor einer Relativierung des Tötungsverbotes. Er zeigte ethische Konfliktsituationen auf und verwahrte sich gegen das Ausspielen von Prinzipienethik gegen Verantwortungsethik. Nachdrücklich unterstrich er, die Humanität einer Gesellschaft erweise sich nicht in einer verbesserten Behandlung von Krankheiten, sondern im Umgang mit unheilbar Kranken. Der uneingeschränkte Schutz der Menschenwürde müsse in allen Phasen des Lebens gelten.



 
v.l.: Prof. Ulrich Eibach (Bonn), Bbr. Christian Poplutz (Wiesbaden), Bbr. Stefan Rehder (Aachen), Dr. Christina Mira Schannwell (Düsseldorf), Ulrike Flach MdB (FDP) aus Mülheim/Borbeck


Dass ganz im Gegensatz zur Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen die Entwicklung von Therapien aus adulten Stammzellen längst erhebliche größere Fortschritte macht, zeigte der lebendige und anschauliche Vortrag von Dr. Christiana Mira Schannwell, Privatdozentin an der Uni-Klinik in Düsseldorf. Gerade erst mit einem begehrten US-amerikanischen „Research Award“ ausgezeichnet, verzeichneten die von ihr vorgestellten und in Deutschland entwickelten neuen Verfahren zur Behandlung von Herzinfarktpatienten eine sprunghafte Anwendung weltweit. Alle Daten zur Therapie mit Stammzellen nach einem akuten Herzinfarkt zeigten Spitzenergebnisse zu Verträglichkeit, Wohlbefinden des Patienten, Krankheitsverlauf und -dauer. Nebeneffekte seien nicht zu beobachten. Vor allem: Für den Einsatz von adulten Zellen aus dem Knochenmark des Menschen gebe es – im Gegensatz zu den embryonalen Stammzellen – keine ethischen Probleme.

 

Noch vor wenigen Monaten hatte die so genannte „Stichtagsregelung“ die Gemüter erhitzt (vgl. "Beiträge gegen eine verbrauchende Embryonenforschung", Plenardebatte im Deutschen Bundestag, 14. Februar 2008). Dem Wunsch der Wissenschaft folgend, die Forschung an Stammzellreihen aus „übrigen“ Embryonen zu ermöglichen und „frische“ Stammzellreihen importieren und nutzen zu können, hatte der Bundestag damals gegen großen Widerstand – gerade der Kirchen - eine Verschiebung beschlossen. Streitig ging die von Autor und Publizist Bbr. Stefan Rehder geleitete Podiumsdiskussion auch auf dieses Thema ein: Die FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach(Mülheim/Borbeck), Technologiepolitische Sprecherin ihrer Partei und Mitglied des Parlamentarischen Ethikbeirats, nahm eine klare Position gegen Beschränkungen für die Forschung an embryonalen Stammzellen ein. Sie plädierte im Sinne einer „Ethik des Heilens“ für breite Forschungsmöglichkeiten auch in Deutschland und verwies auf die engen Grenzen der Zweckbestimmung im Gesetz. Nicht ohne heftigen Widerspruch von Bbr. Christian Poplutz, Mitglied im Bundesvorstand der Christdemokraten für das Leben (CDL). Er argumentierte aus rechtlicher und christlicher Sicht gegen diese Forschung und den Import von aus menschlichen Embryonen gewonnenen Stammzellen aus dem Ausland. Embryonale Stammforschung sei im Wesentlichen subventionierte Grundlagenforschung, der Lebensrecht und Menschenwürde geopfert würden – ohne dass bislang ein Nutzen deutlich werde. Damit sei selbst auch eine Rückverlegung des Stichtages nur konsequent, so der Vorsitzende des Beirats für Gesellschaftspolitik des Unitas-Verbandes. Dem Menschen komme in allen Lebensstadien uneingeschränkte Menschenwürde zu, unterstrich Professor Eibach. Aus christlicher Sicht von der Gottesebenbildlichkeit und aus dem Grundgesetz könne es kein abgestuftes Lebensrecht geben, so der Ethiker. Die allgemeine Debatte berührte unter anderem auch die sehr unterschiedliche Gesetzeslage weltweit: Trotz seiner einzigartigen rechtlichen "Insel"-Situation sei Deutschland in der adulten Stammzellforschung inzwischen führend, stellte Dr. Schannwell heraus und plädierte für EU-weit geltende, eindeutige gesetzliche Vorgaben für die Forschung. Mit zahlreichen Unterschriften unterstützten die Teilnehmer der Tagung eine Europäischen Petition „Für das Leben und die Würde des Menschen". Sie fordert das Recht auf Leben eines jeden Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod und das sofortige Ende der finanziellen Förderung der verbrauchenden Forschung an menschlichen Embryonen.

 

Dass diese Diskussionen auf fundamentale Prinzipien unseres Gemeinwesens und unserer Sicht vom Menschen verweisen, dass sie längst nicht abgeschlossen sind und im öffentlichen Bewusstsein bleiben müssen, verdeutlichte der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Bbr. Michael Brand MdB (CDU) mit seiner Festrede am Abend in Schloss Borbeck. Beim Festkommers sprach er sich mit seinem Vortrag „Das Leben achten von Anfang an – Positionen im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Schutz des ungeborenen Lebens“ gegen unklare Begriffe in der öffentlichen Diskussion aus und plädierte mit großem zustimmendem Applaus nachdrücklich und nicht zuletzt mit Blick auf die zur Zeit zwischen den Bundestagsparteien umstrittenen Fragen der Spätabtreibungen und der Patientenverfügung für den Schutz der Menschenwürde in allen Lebensphasen.

 

Gedenken an Hermann Ludger Potthoff

So sehr das Rahmenthema die Gespräche beherrschte – für die aus 15 von gut 40 Vereinen von Hamburg bis Nürnberg angereisten UNITAS-Mitglieder bot das erste Treffen an der Ruhr viele Gelegenheiten, die Gemeinschaft zu festigen. Ein langer Begrüßungsabend auf dem Haus und eine durch
Heinz-Josef Bresser, Apotheker Heinz Hoffmanns und Dieter Mölling fachkundig geleitete Führung durch Essen-Werden am Samstagmorgen machten mit dem Leben und Umfeld der Ruhr-UNITAS vertraut. Begeistert zeigten sich Stadtführer und Bundesgeschwister über eine spontane Einlage von Ruhranen-Senior Christoph Weyer, der als Kirchenmusiker an der bedeutenden Orgel der Evangelischen Kirche improvisierte. Vor dem Geburtshaus von Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff (1830-1888) sammelte sich eine sangesstarke Exkursion zum Bundeslied und zum Vereinsgebet. Potthoff hatte aus dem von Studenten aus dem Ruhrgebiet 1847 an der Universität Bonn unter dem Namen „Ruhrania“ gegründeten Verein 1852/53 den bis heute bestehenden bundesweiten UNITAS-Verband gemacht, erinnerte der Vorortspräsident aus Köln in einer kurzen Ansprache, bevor sich Teilnehmer gemeinsam zum Foto am Ludgerusbrunnen stellten.

Festlicher Kommers auf Schloss Borbeck 


Die rund 200 Besucher des vom Vorortspräsidenten geschlagenen feierlichen Kommerses erlebten nach der Wissenschaftsarbeit ein wunderbar hergerichtetes Ambiente in der Residenz der Fürstinnen. In den Grußworten dankte Bbr. Martin Weise als Vorsitzender des Essener Zirkels für die Glückwünsche, die die Anwesenden dem ältesten Zirkel im Verband zu seinem 120-jährigen Bestehen aussprachen. Für die Vertreter des CV-Ruhr-Gaus und des CV-Zirkels Kohle aus Borbeck erinnerte Dipl.-Math. Winfrid Knobloch an die Verpflichtungen des katholischen Akademikers, die Prinzipien für die Aufgeregtheiten der tagesaktuellen Themen hinaus zu leben. Pfarrer Dr. Jürgen Cleve von St. Dionysius, in seiner neuen Aufgabe als Essener Stadtdechant begrüßt, überbrachte die Grüße der Gemeinde und der Stadtkirche. Naturwissenschaft und Glaube begegneten sich im Herzklopfen, so der AHV-Vorsitzende der K.E.St.V. Assindia: Christ zu sein – auch im katholischen Studentenleben - beweise sich nicht nur in der Diskussion über Wissensangelegenheiten, sondern auch im Teilen von Herzens- und Glaubensangelegenheiten, erklärte er.

Mit herzlichem "Glückauf!" äußerte Ehrensenior Dr. Christof Beckmann die Freude der Unitarier im Ruhrgebiet über den großen Besuch aus Nah und Fern und dankte für das wunderbare interkorporative Miteinander der katholischen Verbände an der Ruhr. Bbr. Helmut Wiechmann erinnerte bereits im Blick auf das Tagesevangelium vom Sonntag an die jedem anvertrauten Talente: „Dass Leben muss – und kann gelingen!“, unterstrich er die Chancen der unitarischen Lebensgemeinschaft. Aktiven-Senior Christoph Weyer, der mit Kommilitonin Katharina Grasser den Kommers vierhändig schwungvoll am Flügel beleitete, sprach insbesondere den Aktiven und der Hausgemeinschaft im „Feldschlößchen“ an der Flurstraße seinen Dank für den großen Einsatz bei der Vorbereitung der Tagung aus. Verbandsgeschäftsführer Bbr. Dieter Krüll (s. Bild) äußerte temperamentvoll „den Stolz des Verbandes“ über die gelungene Tagung: „Ihr seht, was geht. Packt es an. Sagt weiter, dass sich der Einsatz lohnt!“, rief er den Aktiven der angetretenen Vereine zu.

 

Ihm selbst gratulierten Präsidium und Festcorona um Mitternacht in wohlkingendem Kanon aus vielen Kehlen zum Geburtstag, bevor sich viele Anwesende anschließend zum Ausklang mit Fassbier und Hausbrot im „Feldschlößchen“ trafen. Beim von Pfarrer Dr. Jürgen Cleve mit Bbr. Helmut Wiechmann gefeierten Festhochamt am Sonntag in St. Dionysius standen die Chargen und der bestens gestimmte Projektchor des Bistums links und rechts vom Altar (s. "Berichte" unter www.dionysius.de). Das erste Talent eines jeden sei die Fähigkeit Gott zu suchen und zu finden, so der Stadtdechant in seiner Predigt. Gottesbegegnung ereigne sich im Aufmerksamwerden und Hören - nicht nur in der Stille, sondern auch und gerade in der Gemeinschaft, erklärte er und zitierte die Bedeutung des „Ecce quam bonum et iucundum habitare fratres in unum“ aus dem Vereinsgebet der UNITAS. Dies geschehe nicht zuletzt im gemeinsamen Blick auf die Eucharistie. Messe mit Predigt und Schlusswort des Geistlichen Beirats setzte den Höhepunkt eines Ereignisses, das vielen Besuchern sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.



Herausforderung bestanden

Ermattet und zufrieden blieben nach der Abreise der letzten Gäste die Aktiven und Hausbewohner an der Flurstraße zurück. Zum allgemeinen Flügelstrecken im perfekt wiederhergestellten Urzustand des Hauses am Sonntagabend liefen bereits die ersten Bilder von den Tagen an der Ruhr über die Leinwand. Leicht aufgekratzt zogen Bundesbrüder und Hausgemeinschaft gemeinsam Bilanz der vergangenen Tage. Sie waren inhaltsschwer und ernst, aber auch ausgelassen und fröhlich - angesichts des gestellten Themas und des bestens organisierten geselligen Teils nicht weiter verwunderlich. In die Freude über die lange vorbereitete und schließlich gelungene „Gipfelbesteigung“ mischte sich nicht zuletzt und vor allem eine große Dankbarkeit für das engagierte Mittun so vieler, ohne die diese erste Tagung kaum möglich gewesen wäre. Auch wenn bei unendlichen vielen Details nicht alles nach Plan klappte - die Improvisation stimmte. Perfekt organisiert waren Tagungsorte und Transfers – vor allem Dank Bbr. Norbert Breiderhoff und einem unermüdlichen Team. Die größte Herausforderung seit Bau und Einweihung des Hauses ist bestanden. Vom inhaltlichen Schwerpunkt der Tagung über die Organisation bis zur guten Atmosphäre zwischen Borbeck und Werden: Es war eine gelungene Werbung für das Studentenleben an der Ruhr!


 

Blick aufs Kommerspräsidium mit Festredner Bbr. Michael Brand MdB



Ausflügler im Heimatort von UNITAS-Gründer Bbr. H. L. Potthoff am Ludgerusbrunnen in Werden



Blick ins Kommerspräsidium: Ausschnitt mit UNITAS Rheinfranken Düsseldorf (rechts)



Fachkundige Stadtführung: Ortstermin in Werden mit Vereinsgebet



Festliche Stimmung im Großen Saal von Schloss Borbeck: CV-Zirkel Kohle



Direktor Pater Jochen Aretz begrüßte die Tagungsteilnehmer im Don Bosco-Gymnasium



Hamburger BbrBbr in fröhlicher Stimmung beim Kommersausklang am Feldschlößchen



Auszug nach der feierlichen Sonntagsmesse in St. St. Dionysius Essen-Borbeck



GLÜCKAUF! Vivat, floreat, crescat! Und auf ein Wiedersehen an der Ruhr!


Bilder:
CB, M. Gewiese, H.-J. Grossimlinghaus

Bild unten: "Ein Schnack" - würden die Hamburger sagen. Und von denen, nämlich der UNITAS Tuisconia Hamburg, kommt es auch.
 









Das Thema des Aktiventages
und die Tagung in den Medien:


 

Mai 2008 Die Resolution des UNITAS-Verbandes von der 131. Generalversammlung in Köln zum Thema Stammzellenforschung

14./15.11.2008 Vorbericht in den BORBECKER NACHRICHTEN vom 13. November 2008 und in den WERDENER NACHRICHTEN vom 14. November 2008

20.11.2008 Bericht in den BORBECKER NACHRICHTEN vom 20. November 2008
20.11.2008 Stammzellforschung: Chancen, Grenzen, Konsequenzen. Unitas-Studenten diskutierten bei Aktiventag in Essen
22.11.2008 Artikel im RUHRWORT vom 22. November 2008
25.11.2008 Agenturmeldung auf "zenit - Die Welt von Rom aus gesehen"
28.11.2008 Bericht in den WERDENER NACHRICHTEN vom 28.11.2008
 

 

 




Veröffentlicht am: 17:39:26 17.11.2008
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