Unitarisch gesinnt aktiv gegen Rechts bleiben

Kirche demonstriert gegen Neonazis in Lübeck


BORBECK / LÜBECK. Wie sich die Bilder gleichen: Auf dem Alten Marktplatz sammelt das Aktionsbündnis “Essen stellt sich quer” am 21. April 2007 in Essen-Borbeck mehr als 1000 Mitglieder von Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Verbänden zur Demonstration gegen eine Kundgebung von NPD-Anhängern, die mit antikapitalistisch gestrickten Parolen zwischen Eisengittern am Borbecker Bahnhof auf sich aufmerksam machen wollen - hier unser Bericht von damals.

Lübeck, 29. März 2008: Laut Veranstalter folgten rund 3.000 Menschen dem Aufruf des Bündnisses «Wir können sie stoppen», um ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsverfälschung zu setzen. Das Bündnis aus Kirchen, Parteien, Jugendorganisationen, aber auch antifaschistischen, linken und linksradikalen Gruppen demonstrierten vor dem Holstentor gegen einen Aufmarsch von 350 Rechtsextremisten. Sogenannte Freie Nationalisten hatten ihre Demo als Gedenkmarsch für die Opfer der alliierten Bombenflüge im März 1942 deklariert, dazu mit der NPD bundesweit mobilisiert und liefen gezielt den Lübecker Stadtteil St. Lorenz-Süd an, wo viele Ausländer leben. 1700 Polizeibeamte aus dem gesamten Bundesgebiet hielten NPD-Anhänger und Gegendemonstranten auseinander.

Kirchen engagiert gemeinsam contra Rechts

 

Auch wenn sich im Vorfeld Kritik am Bündnis mit linken Gruppierungen regte, ließen sich die Kirchen nicht beirren: "Seit einigen Jahren wird dieses Datum von der NPD missbraucht, um in Aufmärschen nationalistische Gedanken und Rachegefühle zu verbreiten. Die Lübecker Kirchen sprechen sich deutlich dagegen aus, dass wichtige historische Plätze in Lübeck für rechtsextremistische Propaganda missbraucht werden. Sie rufen deshalb alle Bürger und Bürgerinnen Lübecks dazu auf, Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsverfälschung in Lübeck keinen Raum zu geben", hieß es in einem Flugblatt der Lübecker Kirchen. Sie wollten erklärtermaßen den Rechten nicht das Feld überlassen und starteten den Demonstrationsmorgen mit Andachten in St. Marien, St. Lorenz, der Herz-Jesu-Kirche und in der Lutherkirche. Mehrere hundert Menschen beteiligten sich an den Gottesdiensten und zogen anschließend zur Kundgebung.

 

Erstunterzeichner: Bundesbruder Pfr. Joachim Kirchhoff

 

 Mitorganisator und Unterzeichner des Bündnis-Aufrufs in Lübeck war u.a. Bundesbruder Joachim Kirchhoff (UNITAS Sugambria Osnabrück, Bild links), Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Birgitta: „Für uns ist der Aufmarsch unerträglich", erklärte Bbr. Kirchhoff. Der Aufmarsch finde in dem Stadtteil statt, in dem Pastor Stellbrink gearbeitet hat, der von den Nazis ermordet wurde. "Wir wollen nicht, dass Menschen in Angst leben!", verwies Kirchhoff auf die vielen kirchlichen Altenheime mit Demenzkranken, deren Bewohner regelmäßig Ziele rechtsradikaler Attacken seien. Pastor Dr. Matthias Viertel, der die Protest-Aktionen des Evangelischen Kirchenkreises Lübeck koordinierte, erklärte: "Wir müssen aufpassen, dass unsere Plätze und Symbole nicht von rechtsradikaler Ideologie missbraucht werden." 

 

Bei der Kundgebung kritisierten alle Redner des Bündnisses "Wir können sie stoppen", dass die rechtsextreme Partei den Zusammenhang zwischen den Lübecker Bombennächten und dem deutschen Angriffskrieg ausklammere. Bernd Schwarze, Pastor von St. Marien, betonte bei der von 500 Bürgern besuchten Morgenandacht in seiner Kirche: "Wer des Bombenangriffs gedenkt und die Wahrheit außer Acht lässt, gibt den Toten keine Ehre." "Wir müssen unsere Stimme erheben und unser Gesicht zeigen", erklärte der katholische Propst Franz Mecklenfeld und erinnerte in seiner Ansprache an Verantwortung der Lübecker Christen, sich gegen jegliches rechtsradikales Gedankengut zur Wehr zu setzen. In der Krypta seiner Propsteikirche Herz Jesu befindet sich seit 1955 die Gedenkstätte für die „Lübecker Märtyrer“ , die an der Kirche tätigen Kapläne Bbr. Johannes Prassek (UNITAS Ruhrania), Bbr. Eduard Müller und Hermann Lange und den evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink (s. Bild rechts, v.l.). Seit 1941 waren sie miteinander freundschaftlich verbunden und tauschten Nachrichten und Predigten, unter anderem des Bischofs von Münster Clemens August Graf von Galen, miteinander aus. Am Palmsonntag 1942 hatte Stellbrink in seiner Predigt den in der Nacht erfolgten britischen Luftangriff auf Lübeck als Gottesgericht interpretiert. Die vier Geistlichen wurden am 10. November 1943 kurz hintereinander im Hamburger Zuchthaus am Holstenglacis durch das Fallbeil der Nazi-Richter wegen "Hochverrat" ermordet. Für die Kapläne ist der Seligsprechungsprozess eingeleitet. 

 

Aktueller NRW-Verfassungsschutzbericht:
Wachsamkeit weiter gefordert!
 

Der vom nordrhein-westfälischen Innenministerium am 28. März 2008  vorgestellte Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2007 spricht Bände: "Nach unseren Beobachtungen wollen sowohl die rechtsextremistische NPD als auch "Pro NRW" die Städte- und Gemeindeparlamente missbrauchen und verstärken deshalb ihre Aktivitäten zur Kommunalwahl 2009. Dagegen gehen wir mit einem gezielten Konzept vor", sagte in Düsseldorf Innenminister Dr. Ingo Wolf, just am Tag der Demonstrationen in Lübeck. "NPD und "Pro NRW" wollen über die NRW-Rathäuser den Sprung in den Landtag schaffen", erklärte Wolf. "Dies müssen wir Demokraten gemeinsam verhindern." Das Innenministerium wolle mit den Kommunen Wege finden, den Rechtsextremismus konsequent einzudämmen. 

Getarnt mit bürgerlichem Anstrich würden ausländerfeindliche und rassistische Ideologien subtil an die Sorgen der Bürger vor Überfremdung geknüpft und Vorurteile und Hass gegenüber ausländischen Mitbürgern geschürt. Dies zeige etwa die von der Bürgerbewegung "pro Köln" initiierte Partei "Pro NRW", die seit Jahren mit rechtspopulistischen Themen wie Ausländerkriminalität oder Moscheen-Bau lokalpolitischen Einfluss zu gewinnen suche. Die Partei bezeichne sich selbst als Anti-Islam-Partei und wolle 2010 den Sprung in den Düsseldorfer Landtag zu schaffen. Hierzu hat sie bereits in mehreren nordrhein-westfälischen Städten Kreisverbände gegründet, so u. a. in Köln, Gelsenkirchen, Warendorf, Viersen und Dormagen. Daneben hält sie engen Kontakt zu ausländischen rechtspopulistischen Parteien wie der belgischen Partei Vlaams Belang, die eine ausländerfeindliche Politik verfolgt, und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), einer rechtspopulistischen, nationalkonservativen Partei, die vor allem durch ihre fremdenfeindliche und EU-kritische Haltung Schlagzeilen macht.

Kommunalwahlen 2009 im Blick

Auch die NPD bereite sich mit Hochdruck auf die Kommunalwahl 2009 vor und versuche, sich dabei flächendeckend in NRW aufzustellen. Bei der Kommunalwahl 2004 erzielte die NPD in fast allen Kommunen, in denen sie zur Wahl angetreten war, mindestens ein Mandat. Die NPD verfügt bislang in ca. 45 von 54 Kreisen und kreisfreien Städten über arbeitsfähige Strukturen. "Darauf sollten wir schon jetzt reagieren", forderte Wolf. "Die NPD tarnt sich als Biedermann und netter Nachbar. Inzwischen werden nicht mehr einfach nur dumpfe Parolen, die vor Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nur so strotzen, unter das Volk gebracht. Vielmehr versucht die NPD mit Slogans, die vordergründig wirtschafts- und sozialpolitische Themen wie Harz IV aufgreifen, die Grenze zwischen Rechtsextremismus und sozialer Protestbewegung zu verwischen. Darin liegt die eigentliche Gefahr", sagte der Innenminister. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Kritik an der Globalisierung und dem Kapitalismus seien willkommene Themen, um verschleiert rechtsextremistische Ideologie zu transportieren und die Ängste betroffener Bürgerinnen und Bürger auszunutzen. "Die NPD ist zweifellos eine verfassungsfeindliche Partei. Dies zeigt die verstärkte Zusammenarbeit der Partei mit der Neonaziszene und Teilen der "Autonomen Nationalisten" deutlich", erläuterte Wolf. Letztere seien latent gewaltbereit und heben sich durch ihre schwarze Kleidung bewusst vom gewohnten Auftreten der Neonaziszene ab. Rechtsextremisten umwerben Jugendliche mit moderner Propaganda und nutzen dabei bunt gestaltete Schülerzeitungen oder rechtsextremistische Musik-CDs. Der Verfassungsschutzbericht zum Download unter: www.im.nrw.de/verfassungsschutz.

 




Veröffentlicht am: 16:34:18 29.03.2008
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