Vor 70 Jahren - Weg in den Schatten

von Bbr. Dr. Martin Nawrath

 

In diesem Sommer jährte sich zum siebzigsten Mal der Jahrestag des Verbotes aller katholischen Studentenverbände durch die Organe der Hitler-Diktatur. Vor zwei Jahren konnten gemeinsam mit Bbr. Dr. Wolfgang Burr im Bundesarchiv in Berlin interessante Dokumente sowohl zur Vorbereitung und Begründung als auch zur Durchführung der geplanten Vernichtung sämtlicher katholischen Studentenverbände erschlossen werden. Anhand einer kleinen Auswahl dieser neuen Dokumente sollen ergänzend zu einem früheren Bericht (1) die staatlichen Maßnahmen gegen unseren Verband festgehalten werden.

 

Am 20. Juli 1933 wurde in Rom das Reichkonkordat unterzeichnet, welches durch die Ratifizierung am 10. September 1933 Rechtskraft und Gesetzescharakter erhielt. Obwohl sich das Deutsche Reich zum Bestandesschutz der katholischen Verbände verpflichtet hatte, bestand angesichts des Totalitätsanspruches der NSDAP zu keinem Zeitpunkt die Absicht, sich an diese Bestimmungen zu halten. Insbesondere auf die katholischen Studentenverbände wurde starker Druck ausgeübt. Obwohl durch verdeckte und offene Unterdrückungsmaßnahmen, wie die erzwungene Gleichschaltung mit der Einführung des „Führerprinzips“ und der Aufgabe des konfessionellen Prinzips, die Nachwuchsarbeit eingeschränkt wurde, gelang es den Machthabern nicht, den Verbänden den geplanten Todesstoß zu versetzen. Die Reaktion der Verbände war recht unterschiedlich. Die angespannte Lage der Studentenverbände Mitte der Dreißiger Jahre wird durch ein Schreiben der Stapo-Stelle Düsseldorf an das SD-Hauptamt in Berlin wiedergegeben.

Die Vorbereitung des Verbotes durch die Gestapo

Die Überwachung der Verbandsaktivitäten durch die Geheime Staatspolizei hatte bereits früher, nachweislich ab 1935, begonnen. Wie eng die Gliederungen der NSDAP mit der Gestapo zusammenarbeiteten, zeigt die sofortige Weitergabe der Abschrift eines internen Rundschreibens des damaligen Leiters des „Unitarischen Berufsamtes für Ärzte“, Bbr. Dr. med. Josef Boekamp (2) vom 18. Oktober 1935 durch den nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund an das Reichssicherheitshauptamt. In dem Bestätigungsschreiben des RSHA heißt es: „Entsprechende Maßnahmen sind eingeleitet. Das Ergebnis wird nach dort mitgeteilt.“ Bbr. Boekamp hatte in dem dreiseitigen Schreiben die auf christlichem Fundament ruhende ärztliche Ethik betont und erläutert, wie stellensuchenden Medizinern innerhalb der Unitas geholfen wird. Über weitere Konsequenzen für Bbr. Boekamp konnten keine Belege gefunden werden.

 

Ab dem Jahresbeginn 1938 wurden die Bemühungen mit dem Ziel eines Verbotes der katholischen Studentenverbände intensiviert; man bemühte sich vor allem, belastende Materialien zu sammeln. In einem „An die SD-Führer aller SD-Oberabschnitte“ gerichteten Rundschreiben heißt es: „Unter Bezugnahme auf die Hauptabteilungeleiter-Besprechung am 1.2.38 wird nochmals darauf aufmerksam gemacht daß sofort vordringlich entsprechende Feststellungen über die konfessionellen Studenten- und Akademikerverbände zu treffen sind.“ Im Folgenden werden die katholischen Studentenverbände aufgelistet. Über den Unitas-Verband wusste man zu berichten:

 

„UV

Aus einer alten katholischen Studentenverbindung, die sich Unitas nannte und an anderen Universitäten Tochterverbindungen gründete, entstand 1860 der nichtfarbentragende Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas, der sog. Unitasverband (UV). Er umfaßte 1930 59 reichsdeutsche und österreichische Vereine mit 2.300 Mitgliedern und 3.600 Alten Herren.

Organ: Unitas (seit 1857).“

 

Am Ende des Rundschreibens werden die zu ergreifenden Maßnahmen aufgelistet und ein Termin für die Vorlage der Ergebnisse festgesetzt:

 

„Die Erörterungen haben sich vor allem auf folgende Punkte zu erstrecken

1.) Erfassung sämtlicher Verbindungen und Ortsvereinigungen der oben bezeichneten Studentenvereinigungen und Altakademikerorganisationen.

2.) Erfassung des politisch belastenden Materials vor der Machtübernahme.

3.) Erfassung und politische Beurteilung der fahrenden Persönlichkeiten*

4.) Feststellungen über die jetzige Tätigkeit der führenden Persönlichkeiten innerhalb und außerhalb des studentischen Lebens.

5.) Beziehungen von Angehörigen dieser studentischen Verbände zu maßgeblichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

6.) Versuche zur Aufrechterhaltung des Korporationsbetriebes an den Hochschulen bezw. auf Schi- und Berghütten, in Exerzitienhäusern usw.

7.) Abhaltung von Stiftungsfesten und ähnlichen Veranstaltungen mit gemeinsamen Gottesdiensten.

8.) Ermittlungen über die Häuser und sonstigen Besitzungen der verschiedenen Verbände.

9.) Überwachung der Stammtische der Inaktiven an den Hochschulen und der Altakademiker an den verschiedensten Orten.

10.) Feststellungen über negative Einstellung zur heutigen studentischen Arbeit, zu den Kameradschaften, zur Studentenkampfhilfe usw.

11.) Erfassung interner Nachrichtenblätter und Feststellung der gesamten Nachrichtenübermittlung.

12.) Allgemeine Äußerungen staatsfeindlicher Art seit 1933.

13.)  Zusammenarbeit mit entsprechenden österreichischen, schweizerischen und sonstigen nichtreichsdeutschen studentischen Organisationen.

 

Es wird gebeten, mit Rücksicht auf darauf, daß das Wintersemester bald zu Ende geht, die Angelegenheit sehr dringlich zu behandeln und den Oberabschnitten zur Berichterstattung über die obigen Punkte als Termin den 18.III.38 zu setzen. Am 21.II.38 wird dann zur Sichtung des Materials der Sachbearbeiter der Reichsstudentenführung nach dort kommen und gleichzeitig mit der pressemäßigen Vorbereitung des Verbots begonnen werden.“

 

Insbesondere die unter Punkt 2 geforderte Durchsicht der Verbandszeitschrift aus den Jahren vor 1933 dürfte zahlreiche Beispiele aus dem Unitas-Verband für die Ablehnung der Nazi-Ideologie zutage gefördert haben.

 

Unmittelbar nach der Annexion Österreichs am 13. März 1938 wurden durch den SD (Sicherheitsdienst der SS) der damalige Reichsstudentenführer, SS-Standartenführer Gustav-Adolf Scheel und Mitarbeiter nach Wien „in Marsch gesetzt“ und „mit der Sichtung des aus Österreich stammenden CV-Materials“ zwecks „Auflösung konfessioneller Studentenverbände“ beauftragt (3). Scheel stand neben seiner Tätigkeit als Reichsstudentenführer in führender Position des SS-Oberabschnittes Südwest. Tatsächlich stammt der überwiegende Teil des „belastenden Materials“ aus den Archiven des CV und KV, wie sich aus der daraus konstruierten, mit über zwanzig Schreibmaschinenseiten sehr umfangreichen, aber doch recht fadenscheinigen Begründung zum später ausgesprochenen Verbot ergibt.

 

Von nun an lief der „Countdown“ zum beschlossenen Ende der katholischen Verbände. Sieben Wochen vor der Zerschlagung der noch bestehenden katholischen Studentenverbände beantragte Scheel beim Gestapa in Berlin das Verbot, welches im veröffentlichten Erlass auch noch einen katholischen Studentinnenverband einschloss:

 

Die von Scheel mitgelieferte langatmige Begründung listet als Beweis für die staatsfeindliche Betätigung aller studentischen Verbände und deren Angehöriger den Schriftverkehr einzelner, weniger Mitglieder des CV und KV in Österreich und Deutschland auf. Der Unitas-Verband wird darin jedoch nur beiläufig erwähnt, Beweise für „unsere“ Staats- und Reichsfeindlichkeit werden keine erbracht. Es heißt darin recht global am Beginn des Schreibens:

 

„I.

1.) Die katholischen Studentenverbände und ihre Altherrenverbände (CV, KV, UV und HV) gehörten nach geschichtlichem Ursprung und politischer Bedeutung zu den wichtigsten und gefährlichsten Stützen des Katholizismus im bismarckschen Reich und im weimarer Staat.

2.) Die katholischen Studentenverbände Österreichs insbesondere waren die schärfsten Hetzer gegen den nationalsozialistischen Staat und gegen den Führer selbst.

3.) Sämtliche führenden Männer um Dollfuß und Schuschnigg waren Mitglieder des CV oder KV.

4.) Sie sympathisierten ferner stark mit dem hochverräterischen Legitimismus.

5.) Sie nutzten jede durch ihre Verbände sich ergebenden Beziehungen aus, um ihre Gedankengänge auch ins Reich zu tragen, im Reich für den katholischen Ständestaat zu werben und die nationalsozialistische Staatsführung zu bekämpfen und zu verleumden.

6.) Die reichsdeutschen Angehörigen der katholischen Studentenvereinigungen wiesen die staatsgegnerische Tätigkeit ihre österreichischen Verbände nicht nur nicht zurück, sondern pflegten die Beziehungen zu österreichischen Verbänden und einzelnen Bundesbrüdern weiter, nahmen staatsfeindliche Mitteilungen aus Österreich entgegen und verbreiteten selbst Greuellügen über reichsdeutsche Verhältnisse nach Österreich.“

 

Anschließend folgt auf 18 Schreibmaschinenseiten auszugsweise der Schriftverkehr von zwei (!) österreichischen Angehörigen des CV und KV mit ihren reichsdeutschen Bundesbrüdern. Zum Schluß heißt es:

 

„... Aus den weiter oben festgelegten Feststellungen ergibt sich bereits, daß der Unitas-Verband und der Hochland-Verband noch in konkreterer Form als der CV Vertreter des Katholizismus waren. Gesellschaftlich und personal-politisch gingen sie zwar im Schlepptau der großen Verbände CV und KV. Konkretes Material über ihre Wirksamkeit ist aus diesem Grunde, wie auch mit Rücksicht auf ihre weit geringeren Mitgliederzahlen, schwierig zu erhalten. Die eindeutigen Ziele dieser Verbände und ihre jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit CV und KV rechtfertigt es jedoch, sie staatspolizeilich grundsätzlich ebenso wie CV und KV zu behandeln.

 

3. Ausnutzung der Beziehungen zur Tarnung und zu einzelnen illegalen Handlungen.

Außer der bisher geschilderten Ausnutzung der Beziehungen zwischen reichsdeutschen und österreichischen Angehörigen der österreichischen Studentenverbände wurden die Beziehungen aber auch im großen Umfang dazu ausgenutzt, um sich illegales Material zu verschaffen oder um in Deutschland unbequeme oder unerwünschte Angelegenheiten auf leichte Weise in Österreich zu ermöglichen. ...“

Das Verbot und seine Folgen für die Vereine

Mit Datum vom 20. Juni 1938 verbot Himmler sämtliche katholischen Studentenverbände (4). Zwar hatten der CV und der KV ihre Verbände bereits 1936 selbst aufgelöst, jedoch bestanden die einzelnen Korporationen weiter. Lediglich der Unitas-Verband hatte sich trotz des wachsenden Druckes einer Selbstauflösung widersetzt. Anlässlich des „Heidelberger Studententages“ hielt der Reichstudentenführer am 23. Juni 1938 eine markige Rede, in welcher erstmalig das Verbot der katholischen Studentenverbände einschließlich der offiziellen Begründung, welche später die gleichgeschaltete NS-Presse wörtlich abdruckte, öffentlich bekannt gegeben wurde. Die wesentlichen Auszüge seien hier als Zitat wiedergegeben:

 

Parteigenossen! Alte Herren!

Kameraden! Kameradinnen!

Der diesjährige Studententag erhält seine besondere Bedeutung durch die Tatsache, daß neben den Führern des Studententums auch die Amtsträger eines großen einigen Altherrentums zusammengetreten sind, um auch über ihre Arbeit Rechenschaft abzulegen, um Richtlinien für die Zukunft entgegenzunehmen und sich gemeinsam mit dem Studententum freudig zum Führer und zur nationalsozialistischen Bewegung zu bekennen. Mit Stolz und Freude stelle ich fest, daß heute zum ersten Mal in der ganzen Geschichte des deutschen Studententums Alte Herren und Studenten, von dem selben Glauben und dem selben Willen beseelt, zusammengekommen sind, um ein einmütiges Bekenntnis abzulegen. Was sich Generationen bester deutscher Studenten und Alter Herren erträumt und ersehnt haben, erleben wir hier in Wirklichkeit: Ein großdeutsches Reich; ein in sich geeinigtes starkes Studententum; ein auf seine inneren und wahren Werte und Traditionen in der nationalsozialistischen Bewegung aufgebautes, geeinigtes Altherrentum. ...

Mit der Erschaffung des Großdeutschen Reiches haben sich die österreichischen waffenstudentischen Verbände aufgelöst und sich mit großer Begeisterung und Einmütigkeit hinter die Ziele des nationalsozialistischen Studententums gestellt. Auch die waffenstudentischen Verbände im Altreich haben freiwillig ihre Kräfte dem Altherrenbund zur Verfügung gestellt und ihre Selbständigkeit aufgegeben zugunsten der Einheit. Mein Dank gilt an dieser Stelle den Verbandsführern der waffenstudentischen Verbände, die angesichts der historischen Tage des Werdens des Großdeutschen Reiches das Trennende zurückgestellt, alte Vorurteile überwunden und in Erfüllung der wahren Tradition ihre großdeutschen Geschichte den positiven Inhalt ihrer Gemeinschaften dem NS-Altherrenbund und damit der Partei übermittelt haben.

Andererseits möchte ich keinen Zweifel darüber lassen, daß nach diesem einigenden Schritt der waffenstudentischen Verbandsführer für irgendeine Altherrenvereinigung außerhalb des NS-Altherrenbundes in Zukunft kein Raum mehr ist.

Wir haben lange genug unter Aufbietung aller Kräfte und einer fast übermenschlichen Geduld um alle aufbauwilligen Kräfte geworben. Wir werden nun auch die Abseitsstehenden mit Haltung und Würde vor eine klare Entscheidung stellen. Wir werden keinen zwingen; denn wir wollen eine lebendige, freiwillige Gemeinschaft werden. Wir werden aber auch keinen bitten; denn wer nicht aus sich heraus, aus dem Grund seines Herzens jung genug ist, mit der Jugend zu gehen, soll abseits stehen bleiben.

Er würde uns nur stören und hemmen und unsere Stoßkraft schwächen. Eines aber werden wir in der Zukunft nicht mehr zulassen: daß dunkle Elemente in der Anonymität sogenannter vertraulicher Rundschreiben mit dem näselnden Hochmut des berufsmäßigen Stänkerers und Besserwissers unsere Arbeit mit unsachlichen und unwahren Anwürfen belasten und sich darüber hinaus - trotz aller ihrer in der Vergangenheit oft bewiesenen unerschöpflichen, sterilen Unfähigkeit - noch gar zum Richter über uns aufzuwerfen versuchen. Wir werden diesen Elementen zu zeigen wissen, daß wir nicht als Einzelne dastehen, sondern als Repräsentanten der Partei und daß der revolutionäre Elan der studentischen Mannschaft heute noch ebenso stark ist wie in der Kampfzeit.

Es ist mir ein besondere Freude und Genugtuung, daß unter die Bereinigung der abseitsstehenden Kräfte des Altherrentums in diesen Tagen ein endgültiger Schlußstrich gezogen wurde. Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat am Vormittag des ersten Tages unseres ersten Großdeutschen Studententages sämtliche katholischen Studentenverbände und Altherrenverbände mit ihren sämtlichen Untergliederungen verboten und ihre Wiedererrichtung unter Strafe gestellt, ihr Vermögen wird der Aufbauarbeit unseres nationalsozialistischen Studententums zufließen.

Die katholischen Studenten- und Altherrenverbände sind diejenigen Kräfte gewesen, die schon zu Zeiten Bismarcks die Einheit und Stärke den Reiches geschwächt haben wo immer sie konnten. Es waren die Elemente, die in der Zeit des Weimarer Systems Hand in Hand mit den Marxismus Deutschland zugrunde gewirtschaftet haben. Aus ihren Reihen gingen Erzberger, Wirth, Kaas und Brüning hervor. Die führenden Kräfte des -politischen Katholizismus, des alten Zentrums und der neues „Katholischen Aktion“ sind durch ihre staats- und volksfeindliche Erziehungsschule gegangen. Auch in den letzten Jahren sind sie abseits gestanden. Im Oesterreich Dollfuß’ und Schuschniggs haben sie jene hauchdünne Oberschicht gebildet, die jahrelang das Deutschtum geknebelt und gefesselt hat. Bis zum März 1938 standen führende Männer des CV und KV im Reich in hoch- und landesverräterischer Verbindung mit ihren Kartellbrüdern in Oesterreich.

Ich danke in dieser Stunde ganz besonders dem Reichsführer SS, daß er diesen historischen Schlußstrich in diesen Tagen gezogen hat. Die offizielle Begründung des Vorbots der neun katholischen Studenten- und Altherrenverbände und eines katholischen Studentinnenverbandes lautet wie folgt:

Die katholischen Studenten- und Altherrenverbände waren vor der Machtübernahme im alten Reichsgebiet die Träger der Zentrumspolitik und im Lande Österreich bis zum 13. März 1938 im Rahmen der Vaterländischen Front die stärksten Stützen des Regimes Dollfuß und Schuschnigg. Trotz äußerer Gleichschaltung haben in den folgenden Jahren 1933 bis 1938 Angehörige dieser Verbände im alten Reichsgebiet staatsfeindliche Beziehungen mit österreichischen Verbandsbrüdern gepflegt. Nachdem sich schon im April 1938 alle waffenstudentischen Verbände unter dem historischen Eindruck der Schöpfung des Großdeutschen Reiches aufgelöst haben, um ihre Mitglieder in den offiziellen, unter Führung des Reichsstudentenführers stehenden NS-Altherrenbund der deutschen Studenten zu überführen und damit die Einigung des gesamten nationalsozialistischen Altherrentums herzustellen, ist das Weiterbestehen von Studenten- und Altherrenverbänden außerhalb des NSD-Studentenbundes und des NS-Altherrenbundes als den hierfür zuständigen Parteigliederungen politisch nicht tragbar.“

 

Noch vor der öffentlichen Bekanntgabe des Runderlasses begann die Gestapo sofort mit ihren Maßnahmen. Gerüchteweise hatten Bundesbrüder von den bevorstehenden Aktionen erfahren und konnten teilweise wichtige Dokumente vor dem Zugriff durch die Gestapo in Sicherheit bringen oder vernichten. Nur in Ausnahmefällen gelang es, Couleurgegenstände und Archivalien bei Bundesbrüdern zu verstecken.

 

Bereits in der Rede Scheels klingt ein wesentlicher Grund für das Verbot an: Neben der weltanschaulichen Gegnerschaft waren es auch die materiellen Werte, die dem NS-System, das vom ersten Tage seines Bestehens an zu vernünftigem Wirtschaften nicht fähig war, zugeführt werden sollten. In den Beständen des Bundesarchivs fanden sich entsprechende Mitteilungen über die „erfassten“ Geldbeträge der hessischen Unitas-Vereine. Besonders ausführlich ist die Ausplünderung der Unitas-Marburg sowie die „freiwillige“ Abtretung durch den damaligen 2. Vorsitzenden dokumentiert.

 

Andere Immobilien, so z.B die Häuser der Unitas-Salia und der Unitas-Rhenania in Bonn wurden sofort nach dem Verbot nach belastendem Material durchsucht, beschlagnahmt und während des Krieges enteignet.

 

Jedoch zeigen die Dokumente auch, dass der unersättlichen Geldgier der NS-Organe mitunter ein Schnippchen geschlagen werden konnte. Vielfach wurden bereits unmittelbar nach der Machtergreifung und dem Einsetzen erster Repressalien gegen die katholischen Verbände die Immobilien entweder veräußert und der Geldbetrag heimlich deponiert (z.B. das Haus der Unitas-Stolzenfels in Bonn) oder zu einem symbolischen Preis an Bundesbrüder verkauft, wie mit dem Bootshaus der Unitas-Berlin geschehen. Letzteres Objekt wurde nach der Wiedervereinigung Deutschlands in den 90er Jahren der Unitas-Berlin zurückerstattet, nachdem die Organe der SED-Diktatur sich der selben Methoden wie die Nazis im Umgang mit ihren weltanschaulichen Gegnern bedient hatten. Aus den Akten des RSHA geht unter anderem für Freiburg ohne Nennung einzelner Korporationen hervor, dass man dort die Sach- und Geldwerte bereits frühzeitig beiseite geschafft hatte und man angesichts unklarer Vereinsstrukturen keinen Bevollmächtigten namhaft machen und damit nur lächerliche Beträge einstreichen konnte: „... Eine so starke Abstoßung des Vermögens der in Freiburg sehr zahlreichen kath. Korporationen war nur deshalb möglich, weil man in diesen Kreisen seit langem mit der Auflösung rechnete. Es dürfte wohl auch zu Verschiebungen des Vermögens gekommen sein, die sich heute kaum noch oder nur sehr schwer werden feststellen lassen. Auf alle Fälle erscheint es sehr auffällig, wenn sich auf dem Postscheckkonto einer Verbindung nur noch RM 50,-- befanden, die als einziges Vermögen angegeben wurden.

Die Erfassung von Mitgliederlisten und Karteien war in Freiburg schwer möglich, da sich die Bundesleiter der Altherrenverbände meistens nicht am Ort, sondern im Rheinland oder in Westfalen befinden. ...“

Reaktionen in der Öffentlichkeit

Von der gleichgeschalteten Presse wurden nahezu wortgleiche Verlautbarungen veröffentlicht, in welchen die Vorwürfe einer angeblichen Staats- und Reichsfeindlichkeit der katholischen Studentenverbände gebetsmühlenhaft wiederholt wurden (5). Lediglich aus Münster ist der Versuch einer realistischen Darstellung bekannt. Im Bundesarchiv fand sich die Abschrift eines Artikels aus dem „Kirchlichen Amtsblatt der Diözese Münster“ vom 4. August 1938. Eine Anfrage beim Bistumsarchiv in Münster ergab, dass in Münster diese Ausgabe Nr. 16 nicht vorliegt, da sie seinerzeit beschlagnahmt wurde (6). Es liegt nahe, in dem Beitrag einen oder sogar den Grund für das verhinderte Erscheinen des Bistumsblattes zu sehen. Nach nunmehr 70 Jahren soll daher der Wortlaut endlich veröffentlicht werden:

 

„Abschrift aus dem Kirchlichen Amtsblatt der Diözese Münster v. 4.8.1938.

Betr. Vereinigungen der Hochschulstudenten.

1. Wie das Deutsche Nachrichten-Büro am 25. Juni 1938 durch die Presse bekanntgemacht hat, hat der Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat („zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte“) sämtliche katholischen Studenten- und Altakademiker-Verbände einschl. aller Untergliederungen und angeschlossener Vereinigungen mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Der Reichsstudentenführer Dr. Scheel hat in einer Rede am 23. Juni 1938 mitgeteilt, daß das Vermögen dieser Verbände dem Aufbauwerk des nationalsozialistischen Studentenbundes zugute kommen soll. (Frankfurter Zeitung Nr. 318 v. 25.6.1938).

Da es gegen Verfügungen der Geheimen Staatspolizei in Deutschland kein Rechtsmittel gibt und eine gerichtliche Nachprüfung der Gesetzmäßigkeit ihrer Maßnahmen und der Beweisbarkeit der von ihr erhobenen Beschuldigungen nicht zugelassen wird, sind somit die Vereinigungen katholischer Hochschulstudenten und die zugehörigen Verbände von Altakademikern definitiv vernichtet. Es bleibt eine Dankespflicht des deutschen Volkes, das Andenken an die Gründer und Leiter dieser Organisationen, die als treudeutsche katholische Männer unzähligen jungen Volksgenossen geholfen haben, ihre Studienjahre in Treue gegen Gott und das Vaterland, in männlicher Zucht und Ehrenhaftigkeit, in zielstrebiger Berufsarbeit und froher Kameradschaft zu erleben, hoch in Ehren zu halten.

 

2. Da der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund und seine Kameradschaften sich eine sog. „Ehrenordnung“ gegeben haben, welche den Mitgliedern die Pflicht auferlegt, gegebenenfalls im Duell sich zu verteidigen, hat der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz in mehreren Eingaben darauf hingewiesen, daß es für Katholiken unmöglich sei, sich diesen Bestimmungen zu unterwerfen, und daß daher jede Nötigung, dem NS-Studentenbunde beizutreten, die Gewissensfreiheit verletzen würde.“

 

Das Fortbestehen der unitarischen Amicitia trotz des Verbotes

 

Von fast allen Vereinen ist überliefert, dass in den folgenden Semestern das Vereinsleben weiterging. Man führte jedoch nur noch ein Schattendasein und traf sich heimlich in Wohnungen von Bundesbrüdern. Dies waren häufig Wohnungen von Priestern (in Bonn bei Bbr. Prof. Wilhelm Neuß, in Freiburg bei Dr. Hermann Schäufele, nachmaliger Erzbischof von Freiburg), wo man gemeinsam die Vereins- und Stiftungsfeste beging. Es fanden auch weiterhin Rezeptionen und Chargenwahlen statt. So wurde beispielsweise Bbr. Dr. Ludwig Freibüter jun. im SS 1939 unter gleichzeitiger Weigerung, dem NSDStB beizutreten bei der Unitas-Sugambria in Münster rezipiert (7). Im Archiv der Unitas-Rhenania befindet sich das Bild von Bbr. Dr. med. Ludwig Wigger im Vollwichs mit dem Datum „März 1939“(8). Der Wille, den Vereinsbetrieb weiterhin aufrecht zu erhalten, bestand weiter, jedoch setzte der am 1. September 1939 ausgebrochene Zweite Weltkrieg diesen Plänen durch die Einberufung der Aktiven und der jungen Alten Herren ein jähes Ende. Bbr. Freibüter gründete 1940 in Münster mit 24 Conabiturienten die an den Prinzipien der Unitas ausgerichtete „Monasteria“ (heute im KV). Auch in der Kriegsgefangenschaft lebte die Amicitia fort. Allgemein bekannt ist das erfolgreiche Werben von Bbr. Freibüter im Kriegsgefangenenlager um Bbr. Walter Keller für die Unitas. Bbr. Hanns Gilen (Unitas-Rhenania) berichtet im Februar 1950, unmittelbar nach seiner Heimkehr, welche Kraft ihm die Unitas auch in den schweren Zeiten der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zu geben vermochte (9):

 

„Lieber Vereinsbruder!

Erlaube mir, daß ich Dir in diesem Rhenanenbrief einige Zeilen schreibe. Viele von Euch werden sich meiner noch erinnern. In mir aber lebt noch die Erinnerung an all die herrlichen Stunden, die ich bei unserer lieben Rhenania in der Ermekeilstraße erleben durfte. Höhepunkt und Ausklang dieser Jahre war das letzte Stiftungsfest am 5. und 6. Juni 1938. Mit blutendem Herzen hörte ich dann vom Schicksal unseres Hauses, vom Schicksal unserer Rhenania.

Bei der Kapitulation des 2. Weltkrieges kam ich im Mai 1945 als Leutnant in russische Gefangenschaft. Wie es einem aufrechten Deutschen, einem echten Rhenanen im Sowjetparadies ergeht, darüber kannst Du Dir in etwa ein Bild machen. Ich will Dir nicht von diesen Dingen berichten, sondern etwas über unitarische Treue und Geist in Gefangenschaft, über den Wert unserer Prinzipien in den schwierigsten Lagen. Als ich im Juli 1945 in das erste Gefangenenlager kam, 400 km ostwärts von Moskau, waren wir dort mit 4500 ehemaligen Offizieren. Eines Abends ging ich zwischen den Baracken spazieren, die Gedanken in der Heimat. Erinnerungen wurden wach, plötzlich standen Rhenanen vor meinen Augen, viele liebe Vereinsbrüder. Während dieses Gedankenfluges spitzte sich unwillkürlich mein Mund und pfiff den Schluß unseres schönen alten Liedes: `Vivat, floreat, crescat Unitas´. Einige Minuten später standen wir uns gegenüber, drei kriegsgefangene Unitarier: ein Breslauer, ein Heidelberger, ein Bonner Rhenane. Mit glänzenden Augen, Hand in Hand, klangen nun die Worte in die abendliche Stille: Erschalle jetzt, du Bundessang, ertöne Lied der Lieder. So brause hin im vollen Chor, im Chore trauter Brüder. Die Brust geht hoch, die Wange glüht, wenn tönt der Unitarier Lied: Vivat, floreat, crescat Unitas.'

Lieber Rhenane, dieser Juliabend war für uns ein herrliches Erlebnis, jeder von uns wußte, daß er in all der Not und all dem Elend BbrBbr. gefunden hatte, auf die er sich in jedem Falle verlassen konnte. Geteilte Freude ward von nun an doppelte Freude, geteiltes Leid, halbes Leid. Jeden Abend trafen wir uns nun zu einem Konvent. Nach. langen Jahren lernten wir von neuem den Wert unserer alten Prinzipien kennen, unserer alten Prinzipien, die doch ewig jung bleiben: Virtus, scientia, amicitia! Virtus vereinigte uns jeden Sonntag in der hl. Messe bei Pfarrer Voigt, scientia führte uns gemeinsam in die Vorlesungen und Vorträge, und amicitia erleichterte uns die schweren Tage der Gefangenschaft.

Leider war es uns nicht vergönnt, die ganze Gefangenschaft gemeinsam zu verbringen. Im Oktober 1947 wurden wir getrennt. Der Breslauer kam nach dem Süden, der Heidelberger nach Norden, der Rhenane nach Südwesten. Waren wir nun auch physisch getrennt, so konnte uns weder Zeit noch Raum jemals trennen von unserem unitarischen Geist, von unserer unitarischen Treue, von unserem Gold-Weiß-Blau, von unserer Fahne, der wir einst als krasse Füchse die Treue geschworen hatten. ...“

 

Als Bbr. Gilen Ende 1949 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hatten sich bereits zahlreiche Unitas-Vereine seit 1945/46 rekonstituiert oder neugegründet; die Rückerstattung der durch die Nazis enteigneten Vermögenswerte war inzwischen in die Wege geleitet worden. Es zeigte sich, daß lebendige Ideen mit ihrer katholischen Wurzel das Schattenreich des „Dritten Reichs“ überwinden konnten Aufgrund der unbestreitbaren Tatsache, dass die katholischen Studentenverbände vom Nazi-System unterdrückt, verboten und ihres Vermögens beraubt worden sind, waren sie die ersten studentischen Korporationen, welche von den Alliierten an den Universitäten zugelassen wurden. Bei zahlreichen schlagenden Verbänden, welche in allzu vorauseilendem Gehorsam gegen den NS-Staat zum NSDStB übergelaufen waren, sollte dies noch ein paar Jahre dauern.

 

 

Anmerkungen

1) unitas 3/2002, S. 125-128; weiterhin s. Schlömer, in: unitas 1960, S. 209ff; Hasenberg: 125 Jahre Unitas-Verband, 1981, S. 139ff; Nemeth, in: Unitas-Handbuch (U-H), Bd. I, S. 111f; Burr, in: U-H, Bd. II, S.43ff.

2) 1925 Gründungsvorsitzender der Unitas-Bavaria, 1926-1938 Ehrensenior U.-Bavaria, s. auch U-H, Bd. I, S. 218, Bd. IV, S. 254 u. 432.

3) Telegramm des SD-Führers des SS Oberabschnittes Süd-West, Stuttgart an den SD des Reichsführers SS vom 11.4.1938

4) Runderlaß des RFSSuChdDtPol. im RMBldI v. 20.6.1938, S. 1087, s. auch unitas 3/2002, S. 125-128.

5) Westdeutscher Beobachter, Generalanzeiger, Mittelrheinische Landeszeitung vom 27.06.1938; s. auch unitas 3/2002, S. 125-128.

6) Schr. Mitteilung Dr. Axel Metz, Bischöfliches Generalvikariat Münster, Hauptabteilung Verwaltung, Bistumsarchiv vom 02.09.2008.

7) Theodor Brunnbauer: Ludwig Maria Freibüter , in: Unitarische Lebensbilder Bd. 5, 2007, S. 10 ff.

8) s. Unitarische Lebensbilder Bd. 5, 2007, S. 238.

9) Rhenanenspiegel Nr. 2, 1950, S. 1 f.

 

aus: UNITAS, Zeitschrift des Verbands der wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine UNITAS, 3-4 2008, 215-219. Dort mit allen Abbildungen und faksimilierten Dokumenten.



Veröffentlicht am: 18:47:33 28.12.2008
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