Lübeck demonstriert gegen Nazi-Aufmarsch

 

LÜBECK. Ein breites Bündnis stellt sich einem am 28. März in der „Stadt der Lübecker Kapläne“ geplanten Rechtsradikalen-Aufmarsch entgegen. Die Rechtsextremen werden nicht einmal in die Nähe der Innenstadt kommen und den Hinterausgang des Bahnhofs nehmen müssen. Denn auf dem Bahnhofsvorplatz wird bereits eine Kundgebung des Bündnisses „Wir können sie stoppen“ stattfinden. Damit würden die Rechten noch weiter aus der Stadt verdrängt, berichten u.a. Hl-Live, Lübecker Zeitung und Lübecker Stadtzeitung.



Anlass der jährlichen Neo-Nazi-Demo ist die Bombardierung Lübecks durch die britische Luftwaffe im März 1942. Veranstalter des Aufmarschs zum „
Gedenken an die Opfer des alliierten Bombenterrors vom 28./29.März 1942“ sind sogenannte „Freie Nationalisten aus Lübeck“, die auf ihrem Internetportal www.widerstand.info für Hemden und Pullover mit dem Aufdruck „Nationaler Sozialismus“ werben. Ihr Gedenkmarsch in Lübeck sei „zu einer festen Größe geworden und kann in den kommenden Jahren mit vereinten Kräften des nationalen Widerstandes weiter ausgebaut werden zu einem zentralen Bombenopfergedenken im Norden“, heißt es in der Werbung zur Teilnahme an der Demo. Es sei ein Kampf „gegen das Vergessen dessen, was alliierte Mörderbanden damals an der Zivilbevölkerung verbrochen haben“ und richte sich zugleich „gegen die von den alliierten Bombentyrannen bestimmte Nachkriegspolitik“.  

Aufmarsch der Kameradschaften

„Abgesehen von dem Wetter, das naßkalt und überwiegend regnerisch war, war die Veranstaltung ausgesprochen zufriedenstellend“, so die Bilanz von Christian Worch nach der Lübecker Neo-Nazi-Demo am 29. März 2008. Der Multifunktionär der militanten Neonazi-Szene in Deutschland war im vergangenen Jahr als einer der Redner aufgetreten. Der vorbestrafte Holocaustleugner, Millionenerbe und Enkel des NSDAP-Kreisleiters in Karlsruhe, aktiv als Leiter der Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS), im Vorstand der Freiheitlichen Deutsche Arbeiterpartei (FAP) und der Nationalen Liste (NL), Teilnehmer bei Führungstreffen der NSDAP/Auslands- und Aufbauorganisation fungierte längere Zeit als einer der entscheidenden Verbindungsmänner der „Freien Kameradschaften“ zu Aktionen der NPD. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind 150 dieser regional und überregional agierenden Kameradschaften mit einer Mitgliederzahl von je fünf bis zwanzig Personen bundesweit bekannt. Die Gruppen gründen ideologisch auf der Weltanschauung der Nationalsozialisten, sie sind autonom, aber stark miteinander vernetzt. Sie sehen sich als Teil des „nationalen Widerstandes“ an und arbeiten in überregionalen Bündnissen „Freier Nationalisten“ zusammen.

In zahllosen Internetauftritten nationalistischer Organisationen wird seit Monaten für die Teilnahme an der Veranstaltung in Lübeck geworben. Artikel über Flugblattaktionen und Infotische, Auseinandersetzungen mit Antifa-Gruppen und „Rotfaschisten“ mischen sich darin mit Berichten über stimmungsvolle Gedenkabende für den Nazi Horst Wessel und Aufmärsche an Heldengedenksteinen. Mit ihnen, so scheint es, schwören sich die Gruppen für den großen Auftritt in Lübeck ein.

Braunes Geschichtsbild

Bei der Demonstration im vergangenen Jahr hatten sich nach Internet-Berichten der NPD Kiel diverse „Kameraden“ in mehreren Redebeiträgen geäußert und vor nach eigenen Angaben „fast 400 nationalen Aktivisten“ u.a. den deutschen Bombenangriff auf die englische Stadt Coventry als nach damaligem und heutigem Völkerrecht legitimen Angriff bezeichnet. „Im Gegenzug wurde beispielsweise der Bombenangriff auf Lübeck im Jahr 1942 in erster Linie gegen zivile Einrichtungen und gegen die Menschen geführt“, heißt es. Der Zweite Weltkrieg sei vor allem deshalb entfacht worden, „weil die sozialen Erungenschaften des Deutschen Reichs auf andere Staaten auszustrahlen begannen. Dadurch wurden die Profitinteressen des internationalen Großkapitals gefährdet“, erklären die Rechtsextremen wörtlich ihr revisionistisches Geschichtsbild.

„Wir können
sie stoppen!“

Bild rechts: Bbr. Joachim Kirchhoff, katholischer Pfarrer von St. Birgitta in Lübeck, bei der Demonstration gegen den Neo-Nazi-Aufmarsch 2008

„Das ist heuchlerisch und zynisch! Denn es war Nazi-Deutschland, welches den 2. Weltkrieg entfachte und so Europa und die ganze Welt in Brand setzte“, erklärt das Gegenbündnis auf seiner Kampagnenseite http://www.wirkoennensiestoppen.de/n/ und fordert dazu auf, der Geschichtsverdrehung zu widersprechen: „Ganz bewusst verschweigen die Nazis, dass die Bomben auf Lübeck eine Reaktion auf den deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg waren. Kurz zuvor war die britische Stadt Coventry durch deutsche Luftangriffe vollständig zerstört worden. Das Geschehen von damals wird komplett aus seinem historisch-politischen Kontext gerissen. Die Toten der Bombardierung Lübecks werden von den Nazis benutzt, um den Holocaust zu verharmlosen und die millionenfachen Verbrechen des Nationalsozialismus vergessen zu machen. Die Geschichte mahnt uns, den Nazis heute rechtzeitig und konsequent entgegenzutreten.“
 

Der jährlich stattfindende Marsch durch Lübeck habe sich zu einem Treffen von Nazis aus ganz Norddeutschland entwickelt, warnen die Organisatoren der Gegendemonstration. Veranstaltungen wie diese förderten den Einstieg in die Nazi-Szene: „Sie zelebrieren den Zusammenhalt im Sinne einer nationalsozialistischen Identität und dienen ihrer Vernetzung.“ Das aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen zusammengefundene Gegenbündnis einige bei allen unterschiedlichen weltanschaulichen, politischen und religiösen Positionen die Überzeugung, „dass die Demokratie der Naziideologie grundsätzlich, undiskutierbar und ganz entschieden gegenübersteht“. Weiter heißt es: „Weil wir das Recht auf freie Meinungsäußerung als ein hohes Gut schätzen, dürfen wir denen keinen Raum geben, die die unveräußerlichen Menschenrechte mit Füßen treten und die Demokratie beseitigen wollen. Mit Gottesdiensten und Prozessionen, gemeinsamen Kundgebungen und vielfältigen Aktionen auf Straßen und Plätzen haben wir dies in den vergangenen Jahren klar und deutlich zum Ausdruck gebracht.“

Demonstration gegen braunen Sumpf

Auch in diesem Jahr bringt sich der Widerstand in Stellung. Unter dem Leitsatz „Wir können sie stoppen“ hatten sich bereits 2005 bürgerliche und linke Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Kirchenvertreter zusammengeschlossen, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs für die Gegendemonstration gehört wieder auch Bundesbruder Joachim Kirchhoff, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Birgitta und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Lübeck.

 

Organisiert gegen den Aufmarsch der Rechten: Uwe Polkaehn (DGB), Bbr. Pfarrer Joachim Kirchhoff, Holger Wulf (Avanti) und Harald Quirder (SPD).

Mehrere Gottesdienste setzen den Auftakt vor der gemeinsamen Kundgebung: 9:00 Uhr Lutherkirche (Moislinger Allee), 9:00 Uhr St. Matthäikirche (Schwartauer Allee 38), 9:00 Uhr St. Lorenz (hinter dem Bahnhof), 9:00 Uhr Herz Jesu-Kirche, 9:00 Uhr St. Marien. Anschließend begeben sich die Teilnehmer zur zentralen antifaschistischen Kundgebung auf dem Bahnhofs-Vorplatz. Dazu hat Pröpstin Petra Kallies ab 9 Uhr Prozessionen von der Lutherkirche, St. Matthäi, St. Lorenz, Herz Jesu und St. Marien zum Bahnhof angemeldet. Mit ihnen soll an die von den Nazis deportierten Lübecker Mitbürger erinnert werden. Die Hauptdemonstration beginnt um am 28. März 2009 um 10:00 Uhr auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Sprechen werden dort unter anderem Pröpstin Kallies, Landgerichtspräsident Hans-Ernst Böttcher und Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer. Erwartet werden mehrere tausend Teilnehmer. Die Organisatoren hoffen auf eine möglichst breite Unterstützung der Bevölkerung. „Mit diesen Dingen spielt man nicht“, mahnt Bbr. Joachim Kirchhoff vor Sympathien für die Rechten.

 Link: http://www.wirkoennensiestoppen.de/n/, Aufruf der christlichen Kirchen in Lübeck



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Veröffentlicht am: 14:59:12 14.03.2009
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