LÜBECK.
"Als Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Religionen in Lübeck rufen wir alle Lübecker und Lübeckerinnen auf, sich am Protest gegen den Nazi-Aufmarsch am 28.März 2009 zu beteiligen. Als Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt müssen wir öffentlich zeigen: In Lübeck ist kein Platz für Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“

So heißt es jetzt in einem Interreligiösen Aufruf zum 28.März 2009 unter dem Titel „Lübeck – Stadt aller Menschen“. In der Hansestadt setzen die Kirchen auf breites Bündnis aus der Mitte der Gesellschaft gegen Rechtsradikale, die am 28.3. einen „Gedenkmarsch für die Opfer des alliierten Bombenterrors“ veranstalten wollen.
Gemeinsam rufen Katholiken, evangelische Gemeinden, Mennoniten und Freikirchen dagegen zum Protest auf. Auch sunnitische muslimische Gläubige und die Alevitische Gemeinde haben ihre Unterschrift zugesagt. Rund 5.000 Lübecker werden zu Prozessionen erwartet, die an diesem Tag an fünf Kirchen im Stadtgebiet starten und zum Bahnhofsvorplatz ziehen werden.


Bild rechts: Pfarrer Joachim Kirchhoff, Bischöfin Maria Jepsen, Pröpstin Petra Kallies und Propst Franz Mecklenfeld rufen die Lübecker gemeinsam zum Protest auf. Foto: VG / HL-Live


Erinnerung an
die Lübecker Märtyrer

Aktiv dabei ist Bundesbruder Joachim Kirchhoff, Pfarrer der St. Brigittenkirche und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Lübeck: „Als katholischer Pfarrer fühle ich mich in der Tradition der Lübecker Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller verpflichtet, alten und neuen Nazis entgegenzutreten“, schrieb er mit Bezug auf die 1943 von den Nazis durch das Fallbeil ermordeten UNITAS-Mitglieder in einer Mail an die UNITAS Ruhrania am Sonntag. Die jungen Geistlichen waren damals an der Lübecker Herz Jesu-Kirche als Seelsorger vor allem in der Jugendarbeit tätig.

„Wir Katholiken können nicht dulden, dass die unsägliche Nazipropaganda in die Öffentlichkeit getragen wird. Für uns gibt es weder lebensunwertes Leben noch Untermenschen. Alle Menschen haben von Gott die Würde verliehen bekommen, seine Ebenbilder zu sein“, erklärte der Priester in seiner Stellungnahme. Als Pfarrer der Kirchengemeinde St. Birgitta sei er besonders herausgefordert, „da sicher 80 Prozent unserer Täuflinge, Erstkommunionkinder und Firmlinge in das Beuteschema der Neonazis passen, weil sie für sie nicht genug deutsch sind“, so Bbr. Kirchhoff wörtlich.

 

Gegen nationalistische Parolen

Der Schöpfer habe alle Menschen mit einer Würde ausgestattet, die niemand dem anderen absprechen darf, heißt es im Interreligiösen Aufruf zur Gegendemonstration: „Kulturelle und religiöse Vielfalt ist ein Reichtum unserer Stadt. Das Zusammenleben gelingt im gegenseitigen Respekt vor dem anderen Menschen. Deshalb wehren wir uns gegen alle Versuche, mit nationalistischen Parolen unser bürgerliches Zusammenleben zu stören.“

Die Organisatoren laden am Samstag, 28.03.09, zum „Gebet für unsere Stadt“ (9.00 in der St. Marienkirche, Herz Jesu Kirche, Lutherkirche, St. Matthäikirche und in der St. Lorenzkirche am Bahnhof, 9.30 in der Synagoge) und zur Kundgebung mit Gedenken an die aus Lübeck von den Nazis deportierten Menschen auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes ab 10.00 Uhr. Dort wird unter anderem Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer sprechen und Schüler der Geschwister-Prenski-Schüler verlesen Namen der von den Nazis aus Lübeck Deportierten.


Lübeck ist ein Symbol geworden
 

„Die Nazi-Ideologie spricht gegen alles, was Jesus Christus vertreten hat“, erklärte Bbr. Pfarrer Joachim Kirchhoff am Dienstag, 17. März 2009 nach einem Bericht in HL-Live die bemerkenswerten Geschlossenheit des kirchlichen Protestes. Dort sprach sich auch Bischöfin Maria Jepsen für Gewaltfreiheit aus: „Es ist die Pflicht der Christen, sich für die Menschen einzusetzen, für ihre Würde und für die Würde des Glaubens.“ Das sei mit Krawall nicht vereinbar, zitierte sie die Zeitung. Wichtig sei eine große Beteiligung: „Lübeck ist ein Symbol geworden.“

 

Aufruf der christlichen Kirchen

 

In der Nacht des 28. Märzes 1942 wurde die Innenstadt Lübecks durch einen Luftangriff der Alliierten zerstört, viele Menschen waren bei diesem Vergeltungsschlag für die Bombardierung Coventrys ums Leben gekommen, erinnern die Christlichen Kirchen in ihrem Aufruf. Zugleich weisen sie darauf hin, dass unmittelbar nach dem Krieg der Prozess der Versöhnung begann: „In der St. Marienkirche befindet sich bis auf den heutigen Tag ein Nagelkreuz, das an alles erlittene Leid und die vernichtende Kraft des Krieges erinnert, zugleich aber auch den unbedingten Willen zur Versöhnung dokumentiert“, heißt es in dem Aufruf.

Doch werde seit einigen Jahren dieses Datum von rechtsradikalen Kräften „missbraucht, um in einem Aufmarsch in Lübeck nationalistische Gedanken, Rachegefühle und pure Gewalt zu rechtfertigen. Die Kirche will und darf nicht schweigen, wenn demokratiefeindliche Kräfte die Mahnmale der Versöhnung als Orte für nationalistisches Gedankengut missbrauchen. Es müsse deutlich gezeigt werden, dass in Lübeck kein Platz für Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsverfälschung sein dürfe. Ihre Hauptforderungen:

 

·         „Wir treten dafür ein, dass rechtsextreme Gedanken keinen Einzug in öffentliche Räume halten dürfen.

·         Wir wenden uns gegen alle Versuche, Kirchen und kirchliche Räume für Propaganda zu missbrauchen.

·         Wir setzen uns dafür ein, dass die Opfer von Gewalt Schutz und Hilfe in der Kirche erfahren.

·         Wir treten ein für Toleranz und Gewaltlosigkeit bei allen politischen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen.

·         Wir unterstützen alle Maßnahmen, die durch Aufklärung, Bildung und Begegnung dazu beitragen, dass Parolen des Rassenwahns und der Gewaltverherrlichung in Lübeck nicht mehr auf fruchtbaren Boden fallen.“


Pröpstin Petra Kallies - für den evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Lübeck

Propst Franz Mecklenfeld – Dechant der römisch-katholischen Kirche in Lübeck

Pastorin Imke Akkermann-Dorn - für die evangelisch reformierte Gemeinde Lübeck

Pastor Thomas Leßmann - für die Evangelisch-methodistische Kirche

Pastorin Corinna Schmidt - für die Mennonitengemeinde Lübeck

Pastor Viktor Albrecht - für die Evangelische-Freikirchliche Gemeinde Lübeck-Eichholz

Pastor Gerhard Menn - für die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten

Pastor Lutz Heipmann - für die Freie evangelische Gemeinde Lübeck

Pastor Joachim Kirchhoff – Vorsitzender der Arbeitgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK)


 


 

Mehr im Internet unter: http://www.ack-luebeck.de/, http://www.wirkoennensiestoppen.de/n/


s. a. Meldung vom 14.03.2009:
Lübeck demonstriert gegen Nazi-Aufmarsch


WEITERE BERICHTE UND KOMMENTARE

11.02.2009   Demonstrationen in Dresden und Köln
06.02.2009   Bbr. Eduard Müller: Ehrung für „Lübecker Märtyrer“
14.01.2009   „Ausgerechnet in unserer Stadt“: Duisburger Kirchen 
                   kritisieren „völlig inakzeptable antijüdische Demonstration“

09.01.2009   Bbr. Erzbischof Marx attackiert Rechtsradikale
08.11.2008   Aachener Bischof irritiert über Zulassung von Neonazi-Aufmarsch
03.09.2008   Überraschende Begegnung: Spuren der Lübecker Martyrer
10.08.2008   Auf den Spuren der „Lübecker Kapläne“
10.08.2008   Aktiv gegen Rechts: Christen zeigen Gesicht
29.03.2008   Bundesbruder Pfr.Joachim Kirchhoff Erstunterzeichner
                   gegen Rechtsextremisten-Marsch in der Stadt der „Lübecker Kapläne“

09.11.2007   Jahrestag der Ermordung der Lübecker Märtyrer

 


 




Veröffentlicht am: 21:52:21 17.03.2009
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse