Europas Identität –
Der Beitrag der christlichen Kultur
zu Europas Vielfalt und Einheit


 

 

Wahlaufruf

 

Vom 4. bis 7. Juni 2009 sind 375 Millionen europäische BürgerInnen in den 27 EU-Mitgliedstaaten aufgerufen, die künftigen VertreterInnen des Europäischen Parlaments zu wählen. Von den politischen Man­datsträgerInnen, den Abgeordneten im Europäischen Parlament, den Regierungsmitgliedern in den EU-Mitgliedstaaten, die im Rat maß­geblich an der europäischen Gesetzgebung mitwirken, aber auch den nationalen Abgeordneten, erwarten wir, dass sie in ihren politischen Entscheidungen gesamteuropäische Zielsetzungen mit bedenken.

 

Dabei darf die europäische Identität nicht ein rein geistiges Konstrukt, ein personales oder kollektives Gefühl bleiben, sondern sie muss konkret das politische Handeln beeinflussen. Europäische Identität bedeutet, in den eigenen Überlegungen nicht mehr bei den nationalen Interessen stehen zu bleiben, sondern das europäische Gemeinwohl im Sinn zu haben. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass nationales und europäisches Interesse keinen Gegensatz bilden, sondern die europäi­sche Einigung Teil des nationalen Interesses darstellt. Der europäische Kompromiss ist ein Geben und Nehmen: Jedes Land wird in einigen Fragen Zugeständnisse akzeptieren müssen, um in anderen Bereichen die Unterstützung der europäischen Partner zu erlangen. Europäische Identität heißt deshalb vor allem europäische Solidarität – ein zentra­les Schlüsselwort im Vertrag von Lissabon.

 

Aber auch wir WählerInnen sind angehalten, bei unserer Wahlentschei­dung europäisches Interesse zu berücksichtigen. So wie wir europäi­sche BürgerInnen berechtigte Erwartungen an die Europäische Union bzw. deren VertreterInnen richten, so haben wir selbst das Unsere zum Gelingen Europas beizutragen. Bei aller berechtigten Kritik an der Union ist es doch unsere Bringschuld, uns zu informieren – Informa­tionsquellen gibt es zur Genüge –, populistischen Parolen kein Gehör zu schenken und eine verantwortungsvolle Wahl zu treffen. Zu den in Europa errungenen Rechten zählt insbesondere das Recht auf freie, demokratische Wahlen. Dieses Privileg ist Teil unserer europäischen politischen Kultur. Begreifen wir deshalb das Wahlrecht als Verantwor­tung und als Möglichkeit, Europa aktiv mitgestalten zu können!

 

Europa ist komplex – doch diese Komplexität ist Folge der nationalen und regionalen Vielfalt, die charakteristisch für Europa ist und die wir bewahren wollen.

 

Europa ist aber auch eine kulturelle und politische Einheit – sie kann und soll es werden.

 

Europas Identität – Der Beitrag der christlichen Kultur zu Europas Vielfalt und Einheit

 

Europa hat eine Verfassung. So hofften viele, nachdem sich die Staats- und Regierungschefs im Juni 2004 – knapp ein Jahr nach Abschluss der Beratungen im Konvent zur Zukunft Europas – in einer großen Kraft- und Willensanstrengung auf den Verfassungsvertrag geeinigt hatten. Der Verfassungsvertrag galt als historische Zäsur. Zum einen legte die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihr konstitutionelles Fundament in einem einzigen Dokument nieder. Zum anderen sollte der Verfassungsvertrag die Integration entscheidend weiter voranbrin­gen sowie die demokratische Legitimierung der EU stärken. Die ableh­nenden Voten der Referenden in Frankreich und den Niederlanden haben indessen das Verfassungsprojekt scheitern lassen – teils weniger aus europäischen Überlegungen denn aus nationalen Beweggründen heraus.

 

Gut drei Jahre später nahm die EU mit der Unterzeichnung des Ver­trags von Lissabon einen neuen Anlauf, die Grundlage für ein hand­lungsfähigeres und bürgernäheres Europa zu legen. Allerdings konnten für viele europäische BürgerInnen erneut weder der mühsame und bisweilen grotesk anmutende Verhandlungsmarathon noch das aus­gehandelte Werk selbst Überzeugungskraft entfalten. Das Nein der Iren zum Vertrag von Lissabon im Mai 2008 hat vielmehr erneut die herrschende Vertrauenskrise der Union schmerzhaft dokumentiert. Trotz der zahlreichen Errungenschaften der EU zeigen viele BürgerIn­nen kaum Interesse an der Europäischen Union und identifizieren sich wenig bis gar nicht mit ihr, was sich u. a. in der geringen Beteiligung an den Europawahlen manifestiert.

 

Warum zeigen Europas BürgerInnen so wenig Begeisterungsfähigkeit? Warum ist ein europäisches Bewusstsein unter vielen BürgerInnen, aber auch PolitikerInnen, so gering ausgeprägt?

 

Europa ist auf der Suche nach sich selbst, jedoch nicht nur im poli­tischen Sinne. Europa ist auf der Suche nach seiner Identität, auch seiner kulturellen Identität. Die Diskussion um den Gottesbezug in der Präambel des gescheiterten Verfassungsvertrages, die Erweiterung der Europäischen Union um acht ostmitteleuropäische Länder sowie Zypern und Malta im Jahr 2004 sowie um Rumänien und Bulgarien nur knapp drei Jahre später, die Debatte um die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und der zunehmende Einfluss anderer Kulturen auf Europa im Zuge der Globalisierung haben die Europäische Union in den ver­gangenen Jahren intensiver als zuvor vor die Frage nach ihrem Selbst-Verständnis gestellt.

 

Mit der vorliegenden Erklärung möchte das ZdK einen Diskussions­beitrag zur aktuellen Debatte um die Identität Europas leisten und die Frage nach der Relevanz einer gemeinsamen europäischen Identität für den inneren Zusammenhalt der Union stellen. Welche Rolle kommt hierbei insbesondere der Kultur zu? Wie könnte eine Politik der Iden­titätsstärkung aussehen?

 

Mangelndes Verständnis von und für Europa

 

Die Gründe, warum es vielen europäischen BürgerInnen so schwer fällt, sich mit der Union zu identifizieren, sind zahlreich. Ein als komplex empfundenes Institutionengefüge, eine oft intransparente Entschei­dungsfindung, unklare Kompetenzabgrenzungen bzw. eine mangelhafte Beachtung des Subsidiaritätsprinzips, Normenflut und übermäßige Bürokratisierung machen die EU für viele unverständlich, unzugänglich, unpersönlich und damit bürgerfern.

 

Auch wird die Union nicht immer den – zu Recht oder zu Unrecht an sie gestellten – Erwartungen gerecht: Vielfach wird Europa nicht als Antwort auf weltweite Herausforderungen wie zum Beispiel die Globa­lisierung wahrgenommen, sondern vielmehr als Teil des Problems (bei­spielsweise in der Frage der Verlagerung von Arbeitsplätzen). Häufig ist die Zustimmung auch stark von einem Kosten-Nutzen-Kalkül geprägt. Europa findet vor allem dann Unterstützung, wenn egoistische – seien es persönliche oder nationalstaatliche – Interessen bedient werden. Gleichzeitig werden Erfolge der Union kaum mehr wahrgenommen bzw. für selbstverständlich gehalten oder zu nationalen Erfolgen umge­deutet. Die europäische Einigung als Garant für Frieden, Freiheit und Recht, wirtschaftliche Entwicklung und Solidarität erscheint vielen – v. a. den Nachkriegsgenerationen und den Menschen in Westeuropa – als ein ein für allemal erreichtes Gut. Dass Frieden und Freiheit jedoch nicht selbstverständlich sind, vielmehr fortwährend gesichert werden müssen, bedarf der beständigen Erinnerung und Mahnung, auch heute im Jahr 2009 – 70 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und 20 Jahre nach der politischen Wende in Ost- und Ostmitteleuropa.

 

Ausgehend von einem konventionellen, traditionellen Verständnis nationaler Identität wird oft festgestellt, dass die EU zwar eine funk­tional sinnvolle Organisation darstellt, aber einen „Raum“ bildet, der weder von einer gemeinsamen Sprache getragen wird, noch über eine gemeinsame Geschichte verfügt. Die jahrzehntelange Trennung Euro­pas in Ost- und Westblock hat die Herausbildung eines gesamteuropä­ischen Geschichtsbildes erheblich erschwert. Kritiker meinen zudem, es fehle ein Mindestmaß an sozialer und kultureller Homogenität, die für ein tragfähiges, belastbares Gemeinschaftsgefühl notwendig sei. Damit gebe es auch kein europäisches „Volk“ (nur „Völker“, wie die Vertragspräambel herausstellt).

 

Auch der Versuch, die EU als Wertegemeinschaft zu sehen, ist nicht unstrittig. Die Aufnahme der Grundrechtscharta in den Vertrag von Lissabon ist außerordentlich zu begrüßen, da diese den europäischen Bürgern Menschen- und Bürgerrechte sowie wirtschaftliche und sozi­ale Rechte auch auf europäischer Ebene zusichert. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dieser „einheitliche europäische Wertekanon“ tatsäch­lich einheitlich und explizit europäisch ist. Zum einen besitzen Men­schenrechte Gültigkeit über die Grenzen der EU hinaus. Zum anderen kommt es innerhalb der Union bei der Umsetzung in konkrete EU-Poli­tik oft zu ganz unterschiedlichen Interpretationen der „europäischen Werte“: Was verstehen wir unter Sozialstaat? Wie definieren wir Ehe und Familie? Welcher Platz kommt der Religion in der Öffentlichkeit zu? Wie gestalten wir Zuwanderungspolitik?

 

Europa braucht ein Gefühl seiner Herkunft und Zukunft

 

Allen Unkenrufen zum Trotz haben die sinkenden Akzeptanzwerte der EU jedoch – auch in der Politik – weithin die Überzeugung reifen las­sen, dass für den erfolgreichen Fortgang des europäischen Einigungs­prozesses die Frage der europäischen Identität von entscheidender Bedeutung ist.

 

Jedes politische wie soziale Gemeinwesen benötigt für sein Funktionie­ren, seine Stabilität und Zukunftsfähigkeit ein geschichtliches und kultu­relles Grundverständnis, das seine geschriebene Verfassung oder seine Vertragsregeln trägt. Staaten und andere Gemeinschaften verfallen in der Regel weniger unmittelbar wegen Schwachstellen in der instituti­onellen und konstitutionellen Architektur, sondern weil der notwen­dige Zusammenhalt zwischen seinen Mitgliedern nicht existiert oder bröckelt. Ein politisches Gemeinwesen findet aber nur dann Akzeptanz und Unterstützung bei seinen BürgerInnen, wenn es Ergebnisse produ­ziert, die den Erwartungen der BürgerInnen entsprechen, oder wenn die BürgerInnen grundsätzliches Vertrauen in seine Institutionen und sein Handeln setzen. Der Auf- und Ausbau von politischen Systemen darf sich somit nicht allein auf die vertrags- bzw. verfassungsrechtli­chen Bestimmungen begrenzen, sondern muss sich auch der Stärkung dieses Vertrauens widmen, dessen Grundlage die Herausbildung einer gemeinsamen Identität ist. (1) Eine gemeinsame Identität trägt erheblich dazu bei, die Akzeptanz der notwendigen Zwänge des Systems und eine gegenseitige Loyalität zwischen den Mitgliedern zu ermöglichen und fortzubilden. Verfassungen dürfen sich daher nicht zu weit von dem „gefühlten“ Verständnis ihrer BürgerInnen entfernen.

 

Kollektive Identitäten sind allerdings keine vorgegebenen, festen Größen. Sie schöpfen aus institutionellen Ordnungen, historischen Gemeinschaften, gemeinsamen Erfahrungen, Erwartungen und leben vom Austausch und Diskurs. Somit unterliegen sie einem beständigen – wenn auch meist langsamen – Wandel. Identität(-sbildung) ist ein Prozess.

 

Wie sieht dieser Prozess in Europa aus? Was macht europäische Iden­tität aus?

 

Europa auf der Suche nach seiner Identität – in Geschichte und Kultur

 

Europa war nie ein eigener Kontinent aufgrund geographischer Gege­benheiten. Seine Einheit verdankt es vielmehr der Geschichte. Die Abgrenzung nach Osten und nach Süden war immer unscharf: Räum­lich ist Europa eine Halbinsel Asiens, geomorphologisch ist es eng mit Afrika verbunden. Die Grenze nach Osten wird üblicherweise vom Südfuß des Uralgebirges entlang der Nordküste des Kaspischen Meeres und der Ostküste des Asowschen Meeres bis zur Straße von Kertsch am Schwarzen Meer gezogen. Mit der Türkei und Russland ragen jedoch auch Staaten nach Europa hinein, deren Landmassen zum größeren Teil in Asien liegen.

 

Für die Begegnung und Entfaltung von Menschen und Völkern bot Europa von Anfang an günstige äußere Bedingungen, denn extreme Kli­maunterschiede waren hier ebenso unbekannt wie ausgedehnte Wüs­ten, Steppen und Ödlande. Besonders der Süden, Norden und Westen waren reich gegliedert: Kaum ein anderer Teil der Erde besaß eine so lange Küstenstrecke und stand mit dem Meer in so enger Verbindung. Erzeugnisse der verschiedensten Art aus unterschiedlichen geogra­phisch-klimatischen Zonen verwiesen die Menschen auf Austausch, Handel, arbeitsteilige Kooperation. Auch war die Bevölkerungsdichte immer hoch. Eine Fülle von Völkern lebte in Europa auf engem Raum zusammen. Dies alles trug dazu bei, dass der europäische Kontinent in einem langsamen, Jahrhunderte dauernden Prozess zum Zentrum von Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilisation wurde – zu jenem Teil der Erde, in dem sich auf engstem Raum die höchste Kraft des Völkerlebens zusammendrängte. (2)

 

In den äußeren Verhältnissen Europas, aber noch mehr in der inne­ren Haltung der Europäer liegt es begründet, dass sich Europa immer wieder gegen Versuche der Fremdbestimmung, der Unterwerfung von außen behauptet hat. Im Lauf der Jahrhunderte setzte es sich erfolg­reich gegen zahlreiche Eroberer aus dem Osten und Südosten (Perser, Hunnen, Mongolen, Türken) zur Wehr. Aber auch Hegemoniebildun­gen im Inneren waren in Europa nie von Dauer: Das gilt sowohl für die Ansätze einer spanisch-deutschen Weltmacht im 16. Jahrhundert wie später für die Eroberungen Ludwigs XIV., der Französischen Revo­lution und Napoleons sowie die tönernen Reiche Mussolinis, Hitlers und Stalins im 20. Jahrhundert. Auch das Römische Reich und seine fränkischen und deutschen Fortsetzungen haben dauerhafte Traditio­nen nur begründet, soweit sie – über die bloße Machtausübung hin­aus – Rechtsordnungen und Formen zivilisierten Lebens zu schaffen verstanden. Die europäische Staatenwelt war stets pluralistischer und vielgliedriger als die der byzantinischen, mongolischen, osmanischen und großrussischen Nachbarn. Neben Großreichen und Nationen haben im europäischen politischen Haushalt immer auch kleine Länder, Stadtstaaten, föderative Gebilde eine Rolle gespielt. Kleinräumigkeit ist daher ein typisches Merkmal europäischen Lebens. Alles Kolossale und Uniforme ist eindeutig uneuropäisch, und das ist das Geheimnis aller Verfeinerung und aller Eigenart europäischer Zivilisation. (3)

 

Die räumliche Pluralität findet ihre Fortsetzung in der Vielfalt der kulturellen Erscheinungsformen, die Europa prägen. Die europäische Kultur ist nicht leicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ihr Kennzeichen ist die Vielgestaltigkeit. Doch die kulturellen Traditionen Europas sind nicht allein plural und verschieden, sondern auch über­national ähnlich und verwandt. Die Definition von Nationalkulturen ist erst ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. Die kulturellen Leistungen Europas, seine Geschichte der Künste, der Wissenschaft und der Men­talitäten zeigen übergreifende Gemeinsamkeiten und Entwicklungen bedingt durch gegenseitigen Austausch.

 

In Europa wurden wichtige Pilotprogramme für die moderne Welt entwickelt. Viele Rationalitätsstrukturen der globalen Welt haben hier ihren Ursprung: der beherrschende Zugriff auf die Natur, der Schritt von der gärtnerisch-pflegenden Agrikultur zur „Kultur“ als einem Werk bewusster Veränderung und Neugestaltung, die Entwicklung von Fern­handel, Technik und serieller Produktion, die Entstehung einer Wissen­schafts-, aber auch einer Gedächtniskultur – dies alles ist europäisch. Weltweit messen und gliedern wir Zeit und Raum mit Maßen, die in Europa entwickelt wurden. Aber auch spezifische politische Struk­turen sind aus dem europäischen Experiment hervorgegangen. Der moderne Dualismus von Staat und Kirche, von politischer Sphäre und Gewissenssphäre ist in der Geschichte Europas über 1700 Jahre hin erdacht und erstritten worden. Hier entwickelte sich eine bis heute verbindliche Rechtskultur.

 

Die Ausbreitung der europäischen Zivilisation über die Welt wurde aus Motiven vorangetrieben, in denen sich Mission, Entdeckungs- und Eroberungslust, Goldgier und Machtstreben überlagerten. Auf dem Weg dieser Ausbreitung entstand im Laufe der neueren Jahrhunderte ein Weltstaatensystem, in dem die Dynamik Europas globale, den gan­zen Erdkreis umspannende Formen annahm. Was wir Globalisierung nennen – die Entstehung des Weltmarkts der Kommunikation, des Ver­kehrs, des Handels und der Kapitalströme –, ist nur der Endpunkt die­ser Entwicklung. Nach dem Ende der Europäisierung der Welt entstehen neue Probleme, die auf den auf sich selbst zurückgeworfenen Konti­nent zurückwirken. Gewinnt die europäische Kultur in einem nunmehr umgekehrten Prozess der Selbsteuropäisierung (4) der Europäer auch in einer globalisierten Welt neue Vitalität?

 

Europa auf der Suche nach seiner Identität – die Bedeutung der Religion

 

Die Suche nach der europäischen Kultur hat zweifelsohne auch mit Reli­gion zu tun. Ohne ihre religiösen Wurzeln und insbesondere ihre christ­lichen Wurzeln ist die Kultur Europas nicht zu verstehen.

 

Die Bibel ist ein Weltkulturerbe ersten Ranges und wesentliches Ele­ment der europäischen Kultur, denn oft stand die Adaption der Bibel am Anfang der Kulturentwicklung der europäischen Länder und Völker. Die Bibel war die Grundlage der Inkulturation. Aus ihren Überset­zungen bildeten sich je spezifische und doch durch die gemeinsame Basis ähnliche Traditionen in unterschiedlichen Variationen heraus. Es gab selbstverständlich immer wieder Rückgriffe auf die griechische und römische Antike. Europas Muttersprache jedoch ist das Christen­tum (Johannes Paul II). Zugleich ist europäische Kulturgeschichte eine Geschichte immer neuer Renaissancen als Kurskorrekturen auf ihre Anfänge.

 

Das Zusammengehörigkeitsgefühl der europäischen Völker gründet in gemeinsamen geschichtlichen Erfahrungen, in einer gemeinsamen Erziehung. Klöster und Kathedralschulen schufen seit dem frühen Mit­telalter eine ganz Europa formende Bildungstradition. Nicht zuletzt das Lateinische als Wissenschaftssprache begründete den Fortschritt übernationaler europäischer Wissenschaften. Die in der Neuzeit in Europa entstandene Vielfalt hoch leistungsfähiger Sprachen ist Quelle und Ausdruck europäischer Kreativität und darf heute nicht einer sprachlichen Globalisierung und kulturellen Nivellierung geopfert wer­den. Kirchenbauten, Bildende Kunst, Musik, Literatur, Theater und Film sind unübersehbare Belege für die nach Ländern differenzierte und doch einheitliche europäische Kultur; einheitlich, weil ihre Basis ein gemeinsamer Glaube ist.

 

Der wichtigste Beitrag der christlichen Kirchen zu Kunst und Kultur war und ist die Feier ihrer Liturgien und Frömmigkeitsformen. Nicht zuletzt diese leise integrierende Wirkung der römischen Liturgie (5) ließ einen europäischen Kulturraum entstehen, der geprägt wurde von der Botschaft des Christentums, der sich immer wieder herausfordern ließ von antiken Überlieferungen der Poesie und Philosophie und der auf der Grundlage des Lateinischen (im Osten des Griechischen und Kir­chenslawischen) eine Fülle nationaler Literaturen entstehen ließ.

 

Die europäischen Künste haben sich in diesem – abseits von Markt oder Freizeitvergnügen liegenden – Kontext ausgebildet:

 

·         Die Bildende Kunst entwickelte symbolische und erzählende Bilder in der Interpretation der Bibel. In den Bildauseinanderset­zungen des ersten Jahrtausends setzten sie sich gegen die antike kultisch gebundene Kunst ebenso wie gegen eine radikale Bildab­lehnung durch.

 

·         Auch die Musik Europas ist in ihren Anfängen textlich gebunden; sie entstand aus der Rezitation liturgischer Texte, entwickelte in der geistlichen polyphonen Musik eine Sprache der Gemütsaf­fekte und löste sich später ganz von ihrer textlichen Bindung, um zu einer eigenen musikalischen Sprache zu finden. Immer war die europäische Kunstmusik übernational.

 

·         Auch Sprache und Literatur sind eng mit der Bibel verbunden. Die Deutschen haben beispielsweise an der Bibel deutsch gelernt – von den frühen Bibelübersetzungen bis zur Prägung des heuti­gen Hochdeutsch durch Martin Luther. Auf der Sprache der Bibel gründen Kunsttraditionen, die sich über biblische Spiele, Erzählun­gen und Hymnen zu Theater, Literatur und Lyrik entfalteten.

 

·         Religiöse Vorstellungen prägen zudem Verhalten und Denken. Christliche Grundlagen bestimmen, zumeist unbewusst, die Ver­haltensweisen auch derer, die kaum Bindungen an die zugrunde liegenden Glaubenstraditionen haben. Dies ist erkennbar im Alltag des Jahreskreislaufs mit seinen Festen und Bräuchen. Auch in all­täglichen Situationen wie dem Ablauf der Woche mit dem Sonntag als Unterbrechung des Ökonomischen, in gemeinschaftlichen und privaten Mentalitäten, Gewohnheiten und Verhaltensweisen lassen sich christliche Anklänge finden.

 

Zum kulturellen Erbe Europas über alle Jahrhunderte hinweg zählt jedoch nicht allein der Beitrag des Christentums. Europäische Kultur und europäische Identität entstanden in einer spezifischen Geschichte der Entfaltung des Christentums aus dem Judentum innerhalb der antiken Welt. Sie stellen eine Symbiose griechischer und römischer Vorstellungen und Ordnungen mit denen des Judentums und des Christentums dar. Griechische Philosophie, Demokratieverständnis und Wissenschaft sowie römisches Recht prägen bis heute. Christen­tum und Judentum gemeinsam ist jene Bibel, die auch das Erste Tes­tament des Christentums ist, die prophetische Ethik und vor allem das zentrale biblische Gebetbuch, der Psalter. Jüdisches Denken, Religi­onsphilosophie, Bibelexegese, jüdische Literatur, Musik und Kunst sind integraler Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte. Juden waren Mitgestalter der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und bis 1933/39 prominent in Wissenschaften und bestimmten Bereichen der Wirtschaft tätig.

 

Das Schisma von 1054 und die Spaltungen seit der Zeit nach 1400 gehö­ren zu den besonders prägenden, differenzierenden Erfahrungen euro­päischer Pluralität. Die Konfessionen haben je eigene Ausprägungen in Kunst und Mentalitäten Europas entwickelt. Die spezifische Freiheits­geschichte der Aufklärung war häufig antikirchlich, jedoch nicht prin­zipiell antichristlich motiviert. Im Gegenteil: die moderne Freiheitsge­schichte, die in der Französischen Revolution besonders im Bekennt­nis zu den unveräußerlichen Menschenrechten kulminierte, speist sich auch aus zentralen Intuitionen der jüdisch-christlichen Tradition(en). Es gehört unzweifelhaft zur tragischen Dialektik europäischer Kultur­geschichte, dass dieses urbiblische Freiheitsethos lange Zeit gegen den teilweise erbitterten Widerstand der Kirchen zur Geltung gebracht werden musste – ein mühsamer Prozess, der katholischerseits erst mit der offiziellen Anerkennung der Religionsfreiheit durch das Zweite Vatikanische Konzil zum vorläufigen Abschluss kam.

 

Neben Judentum und Christentum prägte auch der Islam Europa und zwar sowohl als Gegenüber als auch als Teil der europäischen Geschichte selbst. Auch im Islam leben Ideen der griechischen Antike fort. Zwar wurde in der langen Geschichte der Länder um das Mittelmeer seit dem siebten Jahrhundert der Unterschied zwi­schen dem christlich geprägten Europa und seinen islamisch geprägten Nachbarn zum zentralen Differenz- und Identitätselement; aber die seither vergangenen 1350 Jahre bedeuten keineswegs nur feindliche Nachbarschaft, sondern auch fruchtbare Vermittlungen aus dem Osten und Berührungen der Kulturen. Zeiten kultureller Offenheit und des Austauschs waren in der Geschichte Europas stets blühende Epochen. Die Muslime auf dem Balkan, die wie in Bosnien ihre Religion in das Habsburgische Staatswesen integrierten, verstehen sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als europäische Muslime. Ihre Tradition kann einen wichtigen Beitrag für die Integration eingewanderter Muslime aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt leisten, die das Bild des Islams in Europa heute prägen.

 

Wie können wir das Bewusstsein für dieses gemeinsame vielfältige Erbe wachhalten bzw. erneut schärfen? Welcher konkreten politischen Maßnahmen bedarf es, um eine stärkere Identifizierung der BürgerIn­nen mit diesem Europa, mit der EU zu erreichen?

 

Folgerungen – europäische Identitätsbildung in gemeinsamer Verantwortung

 

Ein Stück europäischer Identität zeigt sich im Prozess der wirtschaft­lichen Integration, deren Anfänge in der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und späteren Europäischen Wirt­schaftsgemeinschaft liegen. Die Schaffung des Binnenmarktes legte die Grundlagen für den freien Waren-, Kapital-, Personen- und Dienstleis­tungsverkehr, für die Wirtschafts- und Währungsunion und damit die Einführung des Euro. Bessere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft sowie höhere Lebensqualität für die Menschen sind die Folge. Die Währungsunion hat sich insbesondere in der aktuellen Finanzkrise trotz nationaler Disparitäten bewährt und verspricht langfristige Stabi­lität. Unabdingbar für die Entwicklung eines Identitätsbewusstseins der europäischen BürgerInnen ist jedoch vor allen Dingen, wirtschaftliche Dynamik und soziale Gerechtigkeit in Einklang zu bringen: „Das freie Spiel der Kräfte des Marktes gilt es, in ein Regelwerk einzubinden, das nicht nur Fehlentwicklungen und Missbräuche verhindern soll, sondern auch auf die Versorgung der sozialen Grundbedürfnisse sowie auf ein ausreichendes Maß an sozialer Sicherheit abstellt.“ (6) Diese Forderung ist heute angesichts der dramatischen Finanz- und Wirtschaftskrise aktueller denn je.

 

Die Union muss aber auch ihre politische Identität stärken. Mit den ursprünglich im Verfassungsvertrag und nun im Vertrag von Lissabon niedergelegten institutionellen Reformen macht die Union einen gro­ßen Schritt in Richtung mehr Bürgernähe. Entscheidungswege werden transparenter, Kompetenzen zwischen EU und Mitgliedstaaten klarer abgegrenzt, die Rechte des Europäischen Parlaments ausgeweitet, den BürgerInnen wird mittels EU-weiter Bürgerinitiative eine direkte Beteiligung ermöglicht. Dem Europäischen Rat wird erstmals ein auf zweieinhalb Jahre gewählter Präsident vorstehen.

 

Insbesondere die Stärkung des Subsidiaritätsgedankens ist jedoch maßgeblich, um die Union weniger zentralistisch zu gestalten. Europa muss vom Bürger her gedacht werden, d. h. von unten nach oben. Das der Katholischen Soziallehre entlehnte Subsidiaritätsprinzip sieht das ursprüngliche Kompetenzrecht bei der kleinsten Einheit, d. h. bei den Gemeinden und Städten. Deren Vielfalt und Eigenfunktionen müssen respektiert werden. Nur das, was die Kraft der kleineren Einheit über­steigt und dort nicht kompetenter realisiert werden kann, darf auf die übergeordnete Ebene verlagert werden. Und auch dies vor allem zunächst im Sinne einer Hilfestellung, im Sinne der Solidarität und nicht zu allererst im Sinne einer sofortigen Kompetenzverlagerung. Dies bedeutet auf europäischer Ebene, dass nur diejenigen Aufgaben, die die Möglichkeiten der Mitgliedstaaten übersteigen, in EU-Kompetenz fallen dürfen; so zum Beispiel die Außen- und Sicherheitspolitik, die Wettbe­werbs- und Währungspolitik, der Klimaschutz. All das, was nicht besser auf europäischer Ebene verwirklicht werden kann, muss hingegen in der Zuständigkeit der Mitgliedsländer, der Regionen, der Städte und Gemeinden bleiben bzw. rückverlagert werden. Subsidiarität sichert Einheit und Vielfalt zugleich, bedarf jedoch auch der Kontrolle, soll sie kein hehrer Grundsatz bleiben.

 

Um das Manko der kaum vorhandenen europäischen Öffentlichkeit zu beheben, müssen häufiger europäische Themen Eingang in die natio­nalen Debatten finden; Europawahlkämpfe dürfen nicht mit nationalen oder lokalen Themen bestritten werden. Dass es Ansätze einer europä­ischen Öffentlichkeit gibt, zeigte die europaweite Diskussion über den Ausgang des Referendums in Irland. Auch erwarten die BürgerInnen, dass die Union außenpolitisch stärker mit einer Stimme spricht, gemein­same europäische Antworten gibt auf gemeinsame Herausforderungen wie Globalisierung oder Klimawandel, die alleine nicht zu bewältigen sind. Die Europäische Union hat bewiesen, dass sie außenpolitisch von Gewicht und erfolgreich sein kann, wenn sie geeint auftritt.

 

Jenseits wirtschaftlicher und politischer Integration ist aber ganz ent­scheidend, dass wir uns des historischen, „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe[s] Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben“ (7) bewusst werden. Die Kultur ist unverzichtbar, damit die EU Wohlstand, Solidarität und Sicherheit erreichen und gleichzeitig ihre Präsenz auf der internationalen Bühne ausbauen kann. Die Union defi­niert im Vertrag von Lissabon als eines ihrer Ziele, „den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt“ zu wahren sowie „für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas“ (8) zu sorgen. Dieses Ziel muss verstärkt seinen konkreten Niederschlag finden in der Bil­dung, im Kulturaustausch und der Förderung guter und qualifizierter Nachbarschaft.

Europa und der Europäischen Union muss in den Lehrplänen grö­ßere Bedeutung zukommen. Gemeinsame Geschichtsbücher, die es bereits zwischen Deutschland und Frankreich gibt und sich zwischen Deutschland und Polen in Vorbereitung befinden, können hier ein Weg sein. Auch Sprachkenntnisse und Austauschprogramme für Jugend­liche, LehrerInnen, StudentInnen, Auszubildende und DozentInnen, grenzüberschreitende Partnerschaften und Kooperationen zwischen Regionen, Städten und Gemeinden, Schulen und Universitäten müssen noch stärker gefördert werden. In der Kirche gilt dies für die Zusam­menarbeit zwischen Diözesen und Pfarreien sowie Verbänden. Insbe­sondere der Kirche kommt als der größten gesellschaftlichen Gruppe hier eine besondere Rolle und Verantwortung zu. So kann es gelin­gen, aus einem bloßen räumlichen Nebeneinander ein Miteinander zu schaffen – ein besseres Kennenlernen, Verständigen, Verstehen und ggfs. Versöhnen, aus dem ein Gefühl für unsere gemeinsame europäische Identität erwachsen kann.

 

Beschlossen vom Hauptausschuss des ZdK am 27. März 2009


Zum DOWNLOAD der ZdK-Erklärung 




Anmerkungen:

1 Vgl. Inga Beinke, Identität - Konstruktion und soziale Tatsache, in: OST-WEST Europäische Perspektiven, 9. Jahrgang 2008, Heft 2, S. 83 ff.

2 Vgl. W. Schulz in: Hans Maier, Christliche Wurzeln der europäischen Identität. Vortrag beim dies academicus zum 85. Gründungstag der Ukrainischen Freien Universität am 17. Januar 2006 in München.

3 Vgl. O. Halecki, Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte, Darmstadt 1957, in: Maier, 2006.

4 Vgl. R. Brague, Die Geschichte der europäischen Kultur als Selbsteuropäisierung, in: Tumult. Schriften zur Verkehrswissenschaft (Wien), 22, (1996).

5 Vgl. G. Tellenbach, in: Maier, 2006.

6 Das Europäische Sozialmodell – Richtschnur für Reformen. Erklärung des ZdK vom 25.11.2006, S. 5., Erklärung zu finden unter: http://www.zdk.de/erklaerungen

7 Präambel der konsolidierten Fassung des Vertrags über die Europäische Union, Amtsblatt der Europäischen Union C 115 vom 9.5.2008.

8 Konsolidierte Fassung des Vertrages über die Europäische Union, Artikel 3, Abs. 3.




Veröffentlicht am: 17:06:19 22.04.2009
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