Falsche Hierarchie der Werte":
Kirchen fordern Politik und Gesellschaft zum Überdenken des Wertesystems auf

 

BRÜSSEL, 11. Mai 2009. „Die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise offenbart eine geistige Krise und eine falsche Hierarchie der Werte.” Dies ist die Analyse, die Adrianus van Luyn, Bischof von Rotterdam und Präsident der COMECE, mit den Präsidenten der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments anlässlich des jährlichen Treffens der Vertreter der monotheistischen Religionen mit den Spitzen der EU-Institutionen teilte.

Auf Einladung des Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso (Bild links), waren am 11. Mai 2009 rund zwanzig hohe Vertreter der christlichen, jüdischen und muslimischen Religionen aus zwölf EU-Mitgliedsstaaten und Russland zu einer gemeinsamen informellen Diskussionsrunde am Sitz der Europäischen Kommission im Berlaymont in Brüssel zusammengetroffen. Schirmherren des fünften Treffens seiner Art waren der Kommissionspräsident und der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering. Das Schwerpunktthema in diesem Jahr: „Die große Herausforderung für die Europäische Union und die Welt: Die Wirtschafts- und Finanzkrise und die ethischen Beiträge für eine europäische und weltweite Wirtschafts-Governance.“

Beitrag der Religionsgemeinschaften von entscheidender Bedeutung

„Angesichts der voranschreitenden Wirtschafts- und Finanzkrise, wird es immer deutlicher, dass der Moment gekommen ist, die Wirtschafts-Governance mit unseren grundlegenden ethischen Werten zu versöhnen, auf die sich das europäische Einigungswerk seit mehr als 50 Jahren stützt“, erklärte Präsident Barroso. „Die Kommission hat in dieser Hinsicht wichtige Initiativen ergriffen, vor allem zur Regulierung der Finanzmärkte, um das Gefühl für Verantwortung und Nachhaltigkeit in unseren Volkswirtschaften zu stärken.“

Prof. Hans-Gert Pöttering (Bild rechts) hob hervor, die Bürger der Europäischen Union durchlebten wirtschaftlich extrem schwierige Zeiten: „In Zeiten wie diesen muss Europa wieder als eine Solidaritäts- und Wertegemeinschaft in den Vordergrund gerückt werden. Die gemeinsamen Lösungen, um die wir uns bemühen, müssen sich auf die Menschenwürde stützen und gewährleisten, dass alle Teile unserer Gesellschaft berücksichtigt werden. Der Beitrag der Religionsgemeinschaften und Kirchen ist hierbei von entscheidender Bedeutung. Häufig kümmern sie sich gerade um die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft.“ Im Blick auf die Neuordnung der Finanzmärkte in Europa und darüber hinaus äußerte Pöttering, das Prinzip des Marktes sei nicht mit der Zügellosigkeit unregulierter Märkte gleichzusetzen: „Wir brauchen angemessene Regeln und eine nachhaltige Aufsicht, eine Ordnungspolitik im Sinne einer Sozialen Marktwirtschaft! So steht es ja auch im Vertrag von Lissabon festgeschrieben: Der Markt ist nicht mehr Selbstzweck, sondern Mittel zur Erreichung eines Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodells. Die soziale Marktwirtschaft ist das richtige Konzept für die Zukunft, gerade auch angesichts der Globalisierung. Nicht nur die Europäische Union braucht eine Ordnungspolitik im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft, wir müssen auch alles daran setzen, unsere europäischen Standards auf internationaler Ebene zu verankern!"

Kirchen: Kritische und mahnende Töne 

Wie die Kommission der europäischen Bischofskonferenzen (COMECE) heute mitteilte, betonte Bischof Adrianus Van Luyn, dass der Mangel an Verantwortlichkeit, der zur Wirtschaftskrise führte, nicht allein Bankern und Aktienhändlern vorzuwerfen sei. Mitverantwortlich seien auch jene Vertreter der Politik, die in den vergangenen Jahren mehr versprochen hätten, als sie tatsächlich halten wollten. Ein Beispiel hierfür sei der mangelnde Einsatz für die Milleniums-Entwicklungsziele. Bbr. Reinhard Marx (Bild links), Erzbischof von München und COMECE-Vizepräsident, sprach von einer „Renaissance der Sozialen Marktwirtschaft“. Diese sei aber keine Selbstverständlichkeit, sondern ein „Zivilisationsprodukt“. Die Gefahr eines Vertrauensverlustes in die freiheitliche marktwirtschaftliche Ordnung betreffe besonders die Staaten Mittel- und Osteuropas, in denen diese Ordnung in den vergangenen 20 Jahren für viele Menschen mit großen Hoffnungen verbunden gewesen sei.


Erziehung zum Gemeinwohl auf allen Ebenen 


Bbr. Kardinal Miloslav Vlk, Erzbischof von Prag (Bild rechts), rief zu einer verantwortlichen Erziehung zum Gemeinwohl auf allen Ebenen – in der Finanzwirtschaft, in den Familien, Unternehmen, in der öffentlichen Verwaltung und der Zivilgesellschaft – auf. Die Erziehung zur Verantwortung solle auf die soliden Prinzipien der katholischen Soziallehre gegründet werden: die Universalität des Gemeinwohls, die allgemeine Bestimmung der Güter und der Vorrang der Arbeit gegenüber dem Kapital. Einen angemessenen ethischen und rechtlichen Rahmen für ein effektives Funktionieren der Wirtschaft und die Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Aufgabe, forderte der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin. Das Augenmerk auf die Schwächsten der Gesellschaft zu legen, sei eine wesentliche Bedingung für neuerliches Wachstum. Der Bischof warnte davor, dass „ohne eine zielgerichtete Politik zur Förderung der Talente der Schwächeren, die Marginalisierten am Ende der Rezession noch stärker an den Rand gedrängt sein werden und die Gesellschaft umso brüchiger sein wird.”


Soziale Gerechtigkeit vorrangiges Ziel der Politik

Die EU-Gastgeber Barroso und Pöttering betonten die vitale Bedeutung des Dialogs der EU mit den Religionen, der in den vergangenen fünf Jahren vom persönlichen Goodwill der EU-Obersten abhängig gewesen sei, jedoch mit Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags und seines Artikels 17 rechtlich bindend werde. Die Teilnehmer des Treffens begrüßten die Bemühungen der EU um Koordinierung, Förderung und Lenkung von Maßnahmen zur stärkeren Regulierung der Finanzmärkte, Wiederbelebung der Wirtschaft und Förderung der Beschäftigung in Europa und weltweit. Sie unterstrichen, dass soziale Gerechtigkeit ein vorrangiges Ziel der Politik bleiben müsse, und erinnerten daran, dass unsere Gesellschaften in einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit und Armut auf ein beunruhigendes Niveau ansteigen, in der Lage sein sollten, gemeinsam konkrete Maßnahmen zur Begrenzung der Auswirkungen der Krise auf die Bürger zu entwickeln und umzusetzen. Schließlich unterstrichen sie ihre Bereitschaft, daran mitzuwirken, die Solidarität unter den Europäern aller Glaubensrichtungen und Überzeugungen wiederzubeleben und ein ethischeres Verhalten in der Wirtschafts- und Finanzwelt einzufordern.

 

Quellen: COMECE, Europäische Kommission

 


LINK: Rede des Präsidenten des Europäischen Parlaments bei dem Treffen der Kommission und des Europäischen Parlaments mit den Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften zum Thema: „Wirtschafts- und Finanzkrise und die ethischen Beiträge für eine europäische und globale wirtschaftliche Governance"




Veröffentlicht am: 12:27:47 11.05.2009
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