AACHEN, 21. Mai 2009. Kraftvoll, begeisternd, visionär - die Dankesrede des diesjährigen Internationalen Karlspreisträgers Prof. Dr. Andrea Riccardi am Donnerstag nach der Preisverleihung im Krönungssaal des historischen Rathauses wurde zum leidenschaftlichen Plädoyer für ein seiner Geschichte und Verantwortung in der Welt bewusstes „Europa der Völker“. Der 50. Karlspreisträger warb in seiner mit viel Applaus bedachten Ansprache für einen starken geeinten Kontinent. Er stehe sonst in der Gefahr, sich aus der Geschichte zu verabschieden und in „nationale und regionale Egoismen“ zu verfallen, warnte der Historiker.

Karlspreisträger Prof. Andrea Riccardi zitierte Bbr. Robert Schumans
Vision einer „universalen Solidarität"
 

„Die Welt braucht Europa!“

 

Doch Europa dürfe nicht für sich allein leben. Dazu fordere das Christentum auf, zitierte er Papst Johannes Paul II., der von einem friedlich vereinten Europa vom Atlantik bis zum Ural gesprochen habe. „Die Welt braucht Europa, seine Menschlichkeit, die Stärke seiner Vernunft, seine Fähigkeit zur Vermittlung, seine wirtschaftliche Kraft, seine Kultur“, so Riccardi. Trotz Weltkriegen und Shoa könne es zu einem „Paradigma des Friedens“ werden: „Die Kultur des Zusammenlebens ist unsere Antwort auf Terrorismus und Fundamentalismus“. Geschichte speise sich aus der Kraft des Faktischen und der Poesie zugleich, vor allem aber auch aus Visionen - so spielte er auf ein Wort von Bbr. Robert Schuman an, den er namentlich nannte und als eine „der großen Gestalten Europas“ kennzeichnete. Schuman hatte von einer universellen Solidarität gesprochen, für die Europa eintreten müsse. Wie er wies Riccardi vor allem auf die großen Aufgaben Europas in Afrika hin, einem Thema, das der Preisträger kürzlich mit seinem Buch „Convivenza“ (Zusammenleben) beschrieben hatte. Er rief die europäischen Staaten auf, sich nicht aus Afrika zurückzuziehen und plädierte für ein „Euroafrika, zwei Kontinente, die auf gleicher Ebene vereint sind“. Das in seiner Verschiedenheit und Vielfalt vereinte Europa, auf das die Völker in Lateinamerika und Afrika mit großen Hoffnungen schauten, finde seinen Sinn in dieser Aufgabe. „Stürmen wir den Palast Europa“, rief Riccardi und forderte den Kontinent dazu auf, seine Bestimmung zu finden: „Die Welt braucht Europa!“

 

„Verbindung von Wissenschaft und Vernunft“

 

Das Leben des italienischen Historikers stehe für eine „tiefe Verbindung von Wissenschaft, Glauben und gesellschaftlichem Handeln“, sagte der ehemalige Europaparlamentspräsident Pat Cox in seiner Laudatio. Riccardi habe sich 1968 als junger Mann „mit Bibel und Zeitung bewaffnet“ und eine Gemeinschaft gegründet, die heute 60.000 Freiwillige in 70 Ländern zähle. Ihr sozialer Einsatz stehe „in kraftvollem Gegensatz zum selbstbezogenen Zynismus“, der zur globalen Wirtschaftskrise geführt habe, so der aus Irland stammende Karlspreisträger 2004. Festredner Michel Camdessus, Ex-Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), hob Riccardis Verdienste im Kampf gegen Armut und Konflikte und im interreligiösen Dialog hervor. Seine Gemeinschaft pflege „Freundschaft mit den Armen“. Drogenabhängigen, Aidskranken und Ausgegrenzten trete sie „ohne Herablassung“ entgegen. Die Mitglieder strebten nicht nach Macht. In politischen Konflikten zeigten sie eine „Diplomatie der schwachen Kraft“. Camdessus: „Sie verwirklichen ihren Traum, die Welt geschwisterlicher zu machen.“ Der Karlspreis für Sant'Egidio bringe Hoffnung in einem Moment, „in dem das Weltsystem an seinen eigenen Exzessen zusammenzubrechen scheint“.


„Den Schrei der Armen hören“

 
Vor dem Festakt hatten Preisträger und Gäste ein Pontifikalamt im Dom mit Bischof Ambrogio Spreafico aus dem italienischen Frosinone und dem Aachener Bischof Mussinghoff gefeiert. Spreafico sagte in seiner Predigt: „Wir brauchen in unserem Europa Menschen, die fähig sind, durch ihren Glauben den Blick zum Himmel zu lenken, denn von dort weitet sich der Blick auf die ganze Welt aus.“ Der Gründer der christlichen Gemeinschaft Sant'Egidio sei ein Mann, der durch seinen tiefen Glauben und seine große Menschlichkeit fähig sei, einzelnen Menschen und ganzen Völkern den Himmel der Hoffnung, des Mitleids, der Solidarität, des Friedens und der Liebe zu öffnen und der auch in schwierigen Situationen die Werte der Geschichte und der Kultur Europas betone, würdigte der Bischof den Karlspreisträger. Die Botschaft des Karlspreises 2009 sei ein Aufruf an die Europäer, trotz Wirtschaftskrise das Leid der Welt nicht zu übersehen und „den Schrei der Armen“ zu hören, so Spreafico. Das Karlpreis-Direktorium habe den Italiener Riccardi als Vorbild einer solchen Nächstenliebe beschrieben. Spreafico feierte das Pontifikalamt gemeinsam mit dem Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, Kardinal Peter Turkson aus Ghana und Erzbischof John Onaiyekan aus Nigeria.

 

An den Feierlichkeiten nahmen viele Vertreter aus Politik und Religionsgemeinschaften teil, darunter Europaparlamentspräsident Hans-Gert Pöttering, die Bundesministerinnen Heidemarie Wieczorek-Zeul und Ulla Schmidt (beide SPD), NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und frühere Karlspreisträger wie Großherzog Henri von Luxemburg und die französische Politikerin Simone Veil. Unter den Gästen sind auch Oberrabbiner David Brodman von Savyon in Israel, der russisch-orthodoxe Erzbischof Longin von Klin, der griechisch-orthodoxe Bischof Evmenios und der evangelische Superintendent Hans-Peter Bruckhoff.


„Ein großer Europäer“


Der Karlspreis ist eine der wichtigsten europäischen Auszeichnungen. Sie wird seit 1950 traditionell am Fest Christi Himmelfahrt an Personen oder Institutionen verliehen, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben. Er ging zuvor meist an Politiker, darunter Bbr. Robert Schuman, Konrad Adenauer, Francois Mitterand, Helmut Kohl, Vaclav Havel, Bill Clinton und Angela Merkel. 2004 erhielt Papst Johannes Paul II. einen Außerordentlichen Karlspreis. Mehr: www.karlspreis.de.

In der Begründung des Karlspreis-Direktoriums 2009 heißt es, Riccardi sei ein „großer Europäer“, der leidenschaftlich für die Verständigung über konfessionelle und nationale Grenzen hinweg eintrete. Mit Sant'Egidio habe er einen „bedeutenden Beitrag für eine friedlichere und gerechtere Welt“ geleistet.

Die 1968 in Rom von Andrea Riccardi als Student im römischen Stadtteil Trastevere gegründete ökumenische Bewegung Sant'Egidio erhielt für ihre Friedensinitiativen etwa in Mosambik und Guatemala 1999 den Friedenspreis der UNESCO. Mehr: www.santegidio.de.




Rede von Prof. Dr. Andrea Riccardi, Karlspreisträger 2009, 
anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen

 

Es ist mir eine große Ehre, diesen Preis zu empfangen, durch den ich als fünfzigster in eine bedeutende Liste von Preisträgern aufgenommen werde. Ich danke dem Direktorium des Karlspreiskomitees für die Ehre, die es meiner Person entgegenbringt. Für mich richtet sich diese Ehre vor allem an die Gemeinschaft Sant’Egidio, mit der mein Leben und mein Tun eng verbunden sind. Ich danke für die eindringlichen und freundschaftlichen Worte meines großen Freundes Michel Camdessus. Ich danke Pat Cox für seine großzügige Laudatio.

 

Es ehrt mich, einen europäischen Preis zu empfangen, der zu Europa spricht in einer Stadt, die eine Wegkreuzung für Begegnungen und ein Symbol für den Dialog zwischen verschiedenen Menschen darstellt. Hier hat Sant’Egidio im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Bischof von Aachen, Mons. Mussinghoff, den ich herzlich grüße, ein großes und feierliches Treffen der Religionen im Geist des Friedens veranstaltet. Damals sah ich, dass sich die Stadt als Botschaft an Europa wendet. Diese Entedeckung wiederholt sich heute.

 

Die Entscheidung des Karlspreiskomitees ist nicht auf einen Politiker gefallen, wie es üblicherweise geschieht. Ich frage mich nach den Motiven für diese Entscheidung. Seit seiner Gründung im Jahr 1949 ist der Preis von „Freiheit, Menschlichkeit, Frieden“ inspiriert. Zu den Preisträgern gehört Alcide De Gasperi, mein großer Landsmann, der Gründer der italienischen Demokratie, ein Mann des Glaubens mit großen Träumen in der dunklen Zeit des Faschismus und des Krieges. Als Führer des neuerstandenen Italien hat er nicht auf Träume verzichtet. Er glaubte, dass Freiheit und Frieden nur durch ein vereintes Europa gesichert werden können. Er und die anderen Gründer sahen Europa als ananké an, als Notwendigkeit, als historisches Schicksal. Ja, ein historisches Schicksal für Menschen, die die Tragödie des Weltkrieges erlebt hatten. Wieder hatte ein europäischer Krieg die Welt in Brand gesetzt. Europa konnte sich selbst und die Welt nicht weiter zerstören. Aus der Ablehnung des Krieges und einer rein nationalen Sicht der Politik entstand der Traum von der Einheit. Man musste etwas radikal Neues tun! Angesichts der unvorstellbaren Realität der Shoah war die Logik der nationalen Politik ungenügend.

 

Damals träumte man vom Beginn einer großen Geschichte. Ja, von der Einheit als Ananke, als Notwendigkeit der Geschichte. Heute ist Europa reicher als in der Nachkriegszeit, doch verspürt es die gleiche Notwendigkeit? Es gibt eine gefährliche Tendenz zur Zersplitterung und zum Lokalismus. Die Menschen haben Angst vor Europa und fühlen sich durch eine globalisierte Welt enteignet. Man befürchtet, dass die Union ihre Lebensmodelle aufzwingen will. Institutionen, die als fern erscheinen, sind ungeliebt, auch wenn wir vor einer Europawahl stehen. Europa ja, aber als Eigentümergemeinschaft, so denken viele, doch ohne die Dringlichkeit der Geschichte. Ein Europa, das nicht Leidenschaft und Traum bedeutet, sondern nur als ferner Hintergrund für nationale und lokale Politik dient. Man darf diese Haltungen nicht nur verurteilen, sie müssen verstanden werden: Entwurzelte Männer und Frauen flüchten sich in einer globalisierten Welt in ihre Heimat.

Doch unsere Heimat ist nicht von Dauer ohne Europa. Kleine Schritte reichen nicht aus ohne den Geschmack an Europa, noch genügen den Bürgern des Kontinents die Kommunikationsmöglichkeiten. Man bleibt gefangen in den Debatten in den Schlagzeilen unserer Länder, die laut ausgerufen und schnell vergessen werden. All das heißt nicht Geschichte, sondern Schlagzeilen. Schreibt Europa noch Geschichte oder beschränkt es sich auf die Schlagzeilen?

 

Der große polnische Historiker Gemerek, der mit bloßen Händen gegen den Kommunismus kämpfte, sagte: „Die Geschichte ist ein Gemisch aus Wissenschaft und Poesie“. Das europäische Schicksal muss zur Poesie werden, die die Zukunft inspiriert. So macht man Geschichte. Der Realist De Gasperi war ein leidenschaftlicher europäischer Träumer. Man mache sich keine Illusionen! Auch wenn es nicht den Anschein hat, stehen wir vor einer Entscheidung mit enormer Tragweite, die die Entwicklung Europas in diesem Jahrhundert prägen wird. Ohne eine gemeinsame und europäische Vision wird sich jener Abschied von der Geschichte vollziehen, von dem Benedikt XVI. spricht. Dann wären wir Gefangene der Schlagzeilen, die die Gazetten und Fernsehsender füllen, doch das hätte nichts mehr mit Geschichte zu tun. Europa würde sich aus der Weltgeschichte verabschieden.

 

Die Konfrontation mit der Globalisierung, mit Indien und China, mit wachsenden Kulturen, Wirtschaftssystemen und der Bevölkerungsentwicklung kann nicht durch einzelne Länder allein erfolgen. Wenn wir nicht gemeinsam handeln, werden die europäischen Länder eine quantité négligeable sein. So werden sich unsere Werte und Identitäten in den Strömungen der Globalisierung auflösen. Dies wäre ein Verlust für die Welt und die Zivilisation. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne in der globalen Geschichte getrennt unterwegs sein. Wenn es keine wahre europäische Einheit gibt, werden die europäischen Länder in der Welt keine Rolle spielen. Dann bleibt die Erinnerung an alte Großmächte, an herrliche oder schreckliche, aber vergangene Zeiten. Ohne Europa werden die europäischen Werte der Freiheit, des Friedens und der Menschlichkeit verloren gehen.


Diese Sichtweise mag als Katastrophenszenario oder als Projektion in die Zukunft erscheinen. Doch haben wir uns nicht zu sehr daran gewöhnt, ohne Visionen zu leben? Johannes Paul II. schrieb in einem Gedicht: „Ich glaube jedoch, dass der Mensch vor allem am Mangel an Visionen leidet“. Und er folgerte: „Wenn der Mensch am Mangel an Visionen leidet, muss er sich einen Weg durch die Zeichen bahnen...“.

 

Der mir verliehene Preis ist ein Zeichen, das über meine Person hinausreicht. Dies lässt mich besser verstehen, warum er mir zugedacht wurde. Ich bin weder Politiker noch Vertreter einer Institution. Mein Leben ist mit der Gemeinschaft Sant’Egidio verbunden, die 1968 in Rom entstand und in Ost- und Westeuropa, sowie in zahlreichen afrikanischen, asiatischen und nord- und südamerikanischen Ländern verbreitet ist. Sie besteht aus gläubigen Männern und Frauen, die Freunde der Armen sind, für den Dialog der Religionen, aber auch für den Dialog zwischen Nichtgläubigen und Gläubigen arbeiten. Vor allem ist sie auf den Straßen präsent, in den Städten, in den Peripherien der europäischen Städte: von Rom bis Aachen, von Berlin bis Paris, Brüssel, Kiew oder Neapel, um nur einige zu nennen. Sant’Egidio ist eine europäische Realität und verspürt die Leidenschaft, außerhalb Europas zu leben und tätig zu sein.

 

Der Preis ist für mich ein Zeichen, ein Appell an die Europäer, an die Christen. Allein kommt die Politik nicht zurecht. Wenn wir über Christentum sprechen, sind wir weit von einer Konfessionalisierung des Kontinents entfernt. Ein berühmter Träger des Karlspreises war Schweizer Reformierte Frère Roger Schutz, der mitten im Krieg in Taizé ein monastisches und ökumenisches Leben begann. Er machte daraus eine Pilgerstätte des Friedens und des Glaubens, einen Begegnungsort für europäische Jugendliche. In hohem Alter wurde er im Jahr 2005 umgebracht, als er mitten unter Jugendlichen in der Kirche beim Gebet war. Sein Tod zeugt von einem Leben, das sich nicht selbst verteidigt hat und das für die europäischen Jugendlichen und die Welt auf dem Hügel von Taizé hingegeben wurde. Das christliche Zeugnis dieses Mannes und vieler anderer Menschen beunruhigt das müde und kurzsichtig gewordene europäische Gewissen.

 

Der christliche Glaube – wie wir ihn in Sant’Egidio leben – ruft dazu auf, nicht für sich zu leben. Der Apostel Paulus schreibt: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5,15).

 

Der eindringliche Hinweis auf das Evangelium Jesu, das von Paulus von Griechenland bis Rom nach Europa gebracht wurde, stellt die Kultur eines Lebens für sich selbst in Frage. Europa darf nicht für sich leben. Die Perspektive darf nicht nur die wirtschaftliche Ausdehnung der eigenen Region und des eigenen Landes sein. Das Leben für sich selbst wird zu einer gänzlich merkantilen Logik. Nach dem marxistischen Materialismus beherrscht der praktische Materialismus einen großen Bereich des europäischen Verhaltens: Die Konzentration auf den Markt vernichtet die Freiräume der Unentgeltlichkeit im sozialen Leben. In der Tat erleben wir derzeit eine Krise der Familie und anderer Gemeinschaften vor Ort. Auch wer eigene Interessen verfolgt, braucht Geist, Großzügigkeit und Visionen.

 

Im 20. Jahrhundert haben die vom Nationalismus infizierten europäischen Länder gegeneinander Kriege geführt. Wie viel Leid und vergeudetes Leben! Es war der größte Diebstahl der Geschichte, sagte Settimia Spizzichino, eine römische Jüdin, die nach Deutschland deportiert wurde. Heute leben wir in einer anderen Zeit: Die Kultur des Lebens für sich selbst führt zu nationalem, lokalem und regionalem Egoismus und zum Verlust von Visionen. Doch wenn sie nur für sich selbst leben, sterben die Menschen; ein Land, eine Gemeinschaft, eine Nation gehen zugrunde.

 

Ja, Europa ist in Gefahr, sich von der Geschichte zu verabschieden und in die Schlagzeilen abzugleiten. Nachdem die Europäer die Welt eroberten, zogen sie sich gleichsam erschrocken aus ihr zurück. Sie wollen keinen Einfluss mehr haben - vielleicht um keine Fehler zu begehen. Hierin zeigt sich die political correcness von heute. Es geht nicht darum, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Es ist nötig, über eine neue Art der Präsenz in der Weltgeschichte im Zusammenhang mit der europäischen Einheit nachzudenken.

 

„Wenn der Mensch am Mangel an Visionen leidet, muss er sich einen Weg durch die Zeichen bahnen“, schrieb Johannes Paul II. Ist es nicht ein Zeichen, dass in vielen Teilen der Welt nach Europa gefragt wird? In Afrika und Lateinamerika stelle ich auf meinen Reisen ein großes Interesse an Europa und an den Entscheidungen der Europäer fest. Die Welt braucht Europa, seine Menschlichkeit, die Stärke seiner Vernunft, seine Fähigkeit zur Vermittlung und zum Dialog, seine Ressourcen, seine wirtschaftliche Kraft, seine Kultur. Schuman, einer der Gründerväter Europas, schrieb: „Das vereinte Europa ist das Vorbild für die universale Solidarität der Zukunft“.

 

Europa hat zwei Weltkriege und die Shoah verursacht. Kann es statt dessen nicht zu einem Paradigma des Friedens und der weltweiten Solidarität werden? Kann es nicht einen entscheidenden Beitrag zur Geschichte des Friedens und der Menschlichkeit in der Welt leisten, statt in die Tageschronik abzugleiten?

 

Ja, Europa hat eine Sendung. Ich denke an Afrika, wo mindestens die Hälfte der Mitglieder der Gemeinschaft Sant’Egidio, lebt, kämpft und hofft. Der Präsident der italienischen Republik, Ciampi, selbst Karlspreisträger, erklärte: „Vor uns steht eine epochale Aufgabe: Die Zukunft Afrikas solide und dauerhaft mit Europa zu verbinden.“ Eine leidvolle und reiche Geschichte verbindet Europa mit Afrika. Doch viele europäische Länder ziehen sich aus Afrika zurück. Afrika erscheint nur noch als das Land derer, die nach Europa auswandern. Die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika, die Bekämpfung von Krankheiten - wie die Aidsbehandlung - und des Krieges sind europäische Aufgaben. Es sind die wahren Antworten auf den unaufhaltsamen Migrationsfluss, der nicht an den Grenzen oder durch Kontrollen im Mittelmeer zu stoppen sein wird. Wenn die Wirtschaft und die Hoffnung in Afrika neu erstarken, wird er gestoppt werden!

 

Ich glaube sehr an den Traum des senegalesischen Präsidenten Senghor, eines Mannes mit europäischer und afrikanischer Kultur: Euroafrika, zwei Kontinente, die miteinander auf gleicher Ebene vereint sind und die einander brauchen. Die erste Mission Europas heißt Afrika. Vereint zu sein, findet dort seinen Sinn.

 

Europa ist in der Welt ein Friedenszeichen. Es ist ein Kontinent, der seit sechzig Jahren im Frieden lebt. Das eine Europa ist vielfältig: Es besteht aus verschiedenen Sprachen, Traditionen, Kulturen, Religionen, Düften und Geschmacksrichtungen. Wenn Europa in seiner Verschiedenheit vereint ist, verwirklicht es die Kultur des Zusammenlebens. Diese Kultur fehlt in der vereinheitlichenden und verflachenden Welt der Globalisierung, die mit dem Kampf der Kulturen und der Religionen reagiert. Sie fehlt einer unmenschlichen Wirtschaft ohne Mitmenschlichkeit. Die Kultur des Zusammenlebens ist unsere Antwort auf Terrorismus und Fundamentalismus.

 

Das unterschiedliche und vereinte Europa verkörpert die Kultur des Zusammenlebens: Ihre Zutaten sind der Dialog, die Achtung jeder Freiheit und die Kunst des Zusammenlebens. Dass „alle Menschen wie Verwandte und doch alle verschieden“ sind – das ist unser Traum. Ich sage dies mit den Worten von Germaine Tillion, die das Konzentrationslager Ravensbrück erlebt hatte.

 

Vielleicht brauchen wir heute Europa mehr als gestern. Sonst wird uns die Globalisierung zur Bedeutungslosigkeit verurteilen und, was noch schlimmer ist, wird auch mit unseren Werte so verfahren. Wir brauchen ein vereintes Europa, mit seiner Mission, um Europäer zu sein, um uns nicht aufzulösen, um in einer großen und schrecklichen Welt zu existieren, wie Antonio Gramsci sagte, ein italienischer Kommunist, der von Stalin verraten wurde. Ein vereinteres Europa wird die große Welt viel weniger schrecklich machen.

 

Europa muss unsere Leidenschaft sein, nicht etwas weit Entferntes und Nebulöses. Eine Leidenschaft, die Notwendigkeit ist: ananké. Wie kurzsichtig – und ist die Politik unserer Länder nicht oft kurzsichtig? – ist das Tun derer, die nur mit einem an den Schlagzeilen haftenden Blick in die Zukunft schauen. Der Traum und die Vision sind realistischer als die Kurzsichtigkeit, die als Realismus verkauft wird. Johannes Paul II., der vielleicht letzte große Europäer, sprach 1978 vom Traum eines vereinten Europa vom Atlantik bis zum Ural. Dies schien Utopie zu sein. Ein vereintes Deutschland erschien bis 1989 als Utopie. Doch die Geschichte ist voller Überraschungen und wird, mehr als wir wissen, von den tiefen Strömungen großzügiger Leidenschaften und vom Geist bewegt.

 

Europa ist kein ferner Traum. Liebe Freunde, wir sind mehr Europäer als wir uns bewusst sind. Die Bürger unserer Länder sind europäischer als sie selbst wissen. Die europäischen Institutionen sind in den verschiedenen Ländern sehr einflussreich. Das menschliche und kulturelle Umfeld, in dem wir leben, ist europäisch. Es gibt einen ständigen Austausch. Die Jugendlichen bewegen sich europäisch. Jedes wichtiges Unternehmen auf dem Kontinent bewegt sich im europäischen Kontext.

 

Wir müssen – in gewisser Weise – den Palast der Macht, den Palast Europas erstürmen. Nicht mit Gewalt, sondern mit europäischer Leidenschaft und mit Ideen, um den Regierenden zu helfen, mehr in die Ferne zu schauen und von einem Europa der Völker zu träumen und davon, dass die Europäer zum Volk werden mögen. Eile ist geboten. Auch der Wille der Bürger wird dies befördern, die die europäische Vision hoch halten müssen. Visionen sind Ikonen der Hoffnung. Sie helfen, die Hoffnung zu sehen, sie wecken die Leidenschaft für die Zukunft. Wir, die Europäer von der Straße, können viel tun. Wie der große Hillel sagte, ein jüdischer Lehrer zur Zeit Jesu: „Wenn es an Menschen fehlt, bemüh dich, Mensch zu sein!“ ...

 


 

Quelle: www.karlspreis.de


LINKS 

Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen Dr. Jürgen Linden

Laudatio in honour of Prof. Dr. Andrea Riccardi by Pat Cox

Rede des ehemaligen Generalsekretärs des Internationalen Währungsfonds

Conferimento del premio Carlomagno Prof. Dr. Andrea Riccardi 

DOWNLOADS 
Bericht in unitas 2/2009 zum DOWNLOAD

HIER DIE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG DER DANKREDE DES KARLSPREISTRÄGERS 2009, PROF. ANDREA RICCARDI, ZUM DOWNLOAD ALS PDF  

 




Veröffentlicht am: 14:54:00 21.05.2009
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