„Nächstenliebe und Wahrheit sind das Fundament der Soziallehre der Kirche“ - dies sagte Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, als er im Pressebüro des Heiligen Stuhls die Enzyklika von Benedikt XVI. vorstellte. Der Titel lautet „Caritas in Veritate und spricht damit zwei grundlegende Ausdrücke des Magisteriums von Benedikt XVI. an. Kardinal Martino stellte die Enzyklika gemeinsam mit Msgr. Giampaolo Crepaldi, Sekretär des päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, und Kardinal Paul Josef Cordes, Präsident des Paäpstlichen Rates „Cor unum“ am Dienstag, 7. Juli, in Rom vor.

„Wir dürfen dem Papst für dieses
moralische Ausrufezeichen dankbar sein“

Bbr. Erzbischof Reinhard Marx würdigt die Sozialenzyklika von Benedikt XVI.      

                                                                                               

MÜNCHEN, 7. Juli 2009. Der Erzbischof von München und Freising, Bbr. Reinhard Marx, hat die Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. am Dienstag, 7. Juli, bei einer Pressekonferenz in München gewürdigt. Im Folgenden dokumentieren wir die Stellungnahme von Bbr. Marx im Wortlaut:


„Die lang erwartete Enzyklika Papst Benedikt XVI. zu den aktuellen Fragen der Entwicklung und der Globalisierung schlägt einen großen Bogen. In sechs Kapiteln geht sie auf sehr viele Aspekte der heutigen Herausforderungen ein und deutet sie im Licht der Katholischen Soziallehre. Es wird notwendig sein, diese Enzyklika in den nächsten Monaten genauer zu studieren und auch als Arbeitsauftrag für die Wissenschaft, die Politik und auch die Wirtschaft zu diskutieren. Einige erste Hinweise möchte ich im Folgenden geben:


1. Dem Papst geht es auch um eine theologische und philosophische Grundlegung der Soziallehre der Kirche. Deswegen wählt er bewusst den Titel „Caritas in veritate“, um deutlich zu machen, dass die sozialen Probleme nur menschlicher und gerechter von einem Grundansatz der Liebe her gelöst werden können. Dabei ist Liebe für ihn nicht einfach Gefühl und Erfahrung, sondern die grundsätzliche Bereitschaft, dem anderen zu begegnen, bis hin zur Erkenntnis, dass wir zu einer Menschheitsfamilie gehören. Diese Überzeugung kann nur tragfähig und nachhaltig sein, wenn sie vom Menschenbild der Gottebenbildlichkeit aller Menschen ausgeht. Eine Welt, die nur in Interessen und Meinungen, Vorteilen und Machtkalkülen befangen ist, wird die Kraft zu einer globalen Gestaltung, in deren Mitte der Mensch steht, nicht aufbringen. Dabei ist der Papst durchaus offen für die Zusammenarbeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen, wenn sie die grundsätzliche Offenheit von Glauben und Vernunft füreinander anerkennen. Eine Menschheitsfamilie kann nur Institutionen und Strukturen, die am Weltgemeinwohl orientiert sind, aufbauen, wenn ein gemeinsames ethisches Verständnis möglich ist. Hier erinnert der Hl. Vater an die Notwendigkeit naturrechtlichen Denkens, ohne das ja auch gemeinsame Menschenrechte nicht vorstellbar sind.


2. Der Papst knüpft an die Enzyklika „Populorum progressio“ von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1967 an. Er analysiert die über 40jährige Geschichte der Rezeption und betont besonders die Wiederaufnahme des Entwicklungsgedankens von Papst Johannes Paul II. zwanzig Jahre später in der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“. Eine wirkliche, ganzheitliche Entwicklung der Völker und aller Menschen kann es nur geben, wenn auch der Mensch in all seinen Dimensionen im Blick bleibt. Sowohl Paul VI., wie Johannes Paul II., wie Benedikt XVI. unterstreichen, dass eine rein technische Sicht der Entwicklung, eine materialistische Verkürzung, auch langfristig ökonomisch nicht zu dem Ziel führt, alle, besonders auch die Armen, in ihren eigenen Entwicklungsmöglichkeiten zu befördern. Wie seine Vorgänger, verurteilt er utopistische und ideologische Visionen, seien es marktradikale oder sozialistische Vorstellungen, die in unterschiedlicher Weise eine materialistische Verkürzung menschlicher Entwicklung sind. Er betont aber, wie sehr das Wort Entwicklung eine positive Sicht des Menschen beinhaltet, eine Haltung des Vertrauens dem Menschen gegenüber und seinen Fähigkeiten, in Freiheit und Verantwortung das Gute zu suchen und Schritt für Schritt zu erreichen. Diese Grundsicht, dass die Gestaltung der Welt Gabe und Aufgabe für den Menschen ist und die Globalisierung nicht einfach ein Verhängnis, sondern eine konkrete anzunehmende Aufgabe, durchzieht die ganze Enzyklika. Deswegen bezieht der Papst auch andere Äußerungen Paul VI. mit ein, die ein ganzheitliches Bild vom Menschen unterstreichen. Es geht eben nicht nur um eine materielle Entwicklung oder Wohlstandsmehrung. Es geht um das Leben des Menschen insgesamt. Nur wo eine positiv annehmende Haltung dem Leben gegenüber da ist, werden auch die Kräfte mobilisiert, das zu tun, was dem Menschen und seinem Leben dient.


3. Angesichts der dramatischen Krise, in der wir uns befinden, erinnert der Papst an die Forderung Johannes Paul II. nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, jetzt die Chance zu nutzen, ein neues Denken, eine „neue humanistische Synthese“ (vgl. Nr. 21) in Gang zu bringen. Er leugnet nicht, dass in den letzten Jahrzehnten durchaus für einige Völker ein größerer Wohlstand erreicht wurde. Er weist aber auf die neuen Spannungen hin, sowohl innerhalb der entwickelten, wie der weniger entwickelten Völker, auf neue Formen der Armut, der Ausgrenzung, auf die Vergrößerung von Ungleichheit. Diese Spannungen können durch die Finanz- und Wirtschaftskrise noch verstärkt werden. Wenn wir die aktuellen Herausforderungen nicht als einen wirklichen Lernort, als Chance begreifen, haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die Soziallehre der Kirche und der Glaube können der Vernunft aufhelfen und deutlich erkennen lassen, wie wir die Zeichen der Zeit zu verstehen haben. Das ist die Auffassung des Papstes.


Eine wichtige Herausforderung ist dabei, die Rolle von Staat, Markt und Zivilgesellschaft auch auf globaler Ebene neu zu bestimmen. Hier knüpft der Papst an die Enzyklika „Centesimus annus“ von Johannes Paul II. an. Ganz in der Tradition der Soziallehre der Kirche fordert er eine subsidiäre Gestaltung der verschiedenen Verantwortlichkeiten auf Weltebene. Dabei stellt er gleichzeitig klar, dass der Staat auch im globalen Zusammenhang seine Bedeutung behält, die internationale Zusammenarbeit allerdings mit einer stärkeren, verbindlicheren Autorität versehen werden muss. Das ist übrigens eine Forderung, die schon Johannes XXIII. 1961 erhoben hat. Er ermutigt auch zu einer stärkeren gewerkschaftlichen Organisation auf internationaler Ebene, um die Rechte der Arbeitnehmer zu wahren und er gibt den Hinweis, dass auch international Unternehmen in unterschiedlicher Form agieren können und sollen. Eine alleinige Orientierung am Shareholder-Value lehnt er ab und betont, dass Unternehmen die berechtigten Interessen anderer mit einbeziehen müssen, auch über das hinaus, wozu sie rechtlich verpflichtet sind. Der Zugang aller zur Arbeit und die Erkenntnis, dass der Mensch die wichtigste Ressource überhaupt für die Entwicklung ist, darf niemals hintangestellt werden. Damit diese Ziele der Wirtschaft zum Tragen kommen, muss eine rein kurzfristig angelegte Strategie überwunden werden. Eine Ausrichtung nur auf den schnellen Profit schädigt letztlich die menschliche Entwicklung (vgl. Nr. 32).


4. Der Papst plädiert für eine Weiterentwicklung der Marktwirtschaft, für ein neues Justieren von Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Hierüber wird man sicher intensiv weiter nachdenken müssen. Das ist eine der Hauptherausforderungen des 21. Jahrhunderts, und der Papst gibt dazu bedenkenswerte Anregungen. Er stellt klar, dass der Markt kein moralfreier Raum ist, dass die Trennung von Institutionen- und Tugendethik künstlich bleibt und den Menschen aufspaltet. Es braucht Regeln und Rahmenordnungen. Aber auch die Beziehungen der Menschen, die auf Märkten stattfinden, sind eben menschliche Beziehungen und dürfen nicht auf technische Interaktionen reduziert werden. Staat, Markt und Zivilgesellschaft und auch der einzelne Akteur sind miteinander verknüpft. Es wird weiter zu überlegen sein, an welcher Stelle und wie Regeln und moralische Impulse ihren Platz haben müssen. Deswegen unterstreicht der Papst auch die wichtige Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit, die nicht einfach den Gesetzen des Marktes, sondern der Hilfe gehorcht, die durchaus langfristiges Eigeninteresse beinhalten kann, aber nicht kurzfristig auf Gewinn aus ist. Ohne ein solches, an Werten orientiertes Verhalten wäre die eine Menschheitsfamilie nicht aufzubauen und Globalisierung nicht zu gestalten.


5. Natürlich spricht der Papst eine ganze Reihe von Einzelthemen an, die aber immer wieder verknüpft werden mit der grundsätzlichen Ausrichtung auf die Entwicklung der einen Menschheitsfamilie. Es wird deutlich, dass diese Einzelprobleme nur gelöst werden können, wenn die Menschheit auch strukturell handeln kann mit einer verbindlicheren Autorität auf Weltebene, und gleichzeitig mit den vielfältigen moralischen Impulsen, die von einzelnen Personen, aber besonders auch von den religiösen Gemeinschaften ausgehen. In diesem Zusammenhang spricht der Papst das Bevölkerungswachstum an, das nicht als Hauptursache der Unterentwicklung betrachtet werden darf. Er verwirft Entwicklungsmethoden, die gegen das Leben gerichtet sind. Denn „die moralisch verantwortungsvolle Offenheit für das Leben ist ein sozialer und wirtschaftlicher Reichtum“ (Nr. 44). Der Papst betont die Verantwortung gegenüber der Schöpfung und die Verpflichtung, die Erde als Gabe und Aufgabe Gottes zu sehen und sie nicht auszubeuten, ohne an die folgenden Generationen zu denken. Er berührt die Ernährungsfrage und die Energieproblematik und betont, wie schon Johannes Paul II., dass ohne eine „Humanökologie“ auch eine Umweltökologie nicht funktionieren kann (vgl. Nr. 51). Er thematisiert ebenso die Gefahren des internationalen Tourismus, das Problem der Migration, die Erneuerung der Strukturen des Finanzwesens, die Verantwortung der Verbraucher und ihrer Verbände.


6. Für Benedikt XVI. ist klar: „Die ganzheitliche Entwicklung der Völker und die internationale Zusammenarbeit erfordern, dass eine übergeordnete Stufe internationaler Ordnung von subsidiärer Art für die Steuerung der Globalisierung errichtet wird und dass eine der moralischen Ordnung entsprechende Sozialordnung, sowie jene Verbindung zwischen moralischem und sozialem Bereich, zwischen Politik und wirtschaftlichem und zivilem Bereich, die schon in den Statuten der Vereinten Nationen dargelegt wurde, endlich verwirklicht werden.“ (Nr. 67) Darüber sollte die Debatte der nächsten Jahre weiter gehen. Hier ist ein entscheidender Punkt der politischen Agenda berührt, und der Papst steht hier ganz in der Tradition der jahrzehntelangen Forderungen der Katholischen Soziallehre. Zum Schluss betont der Papst, dass die Entwicklung der Völker nicht ein technisches Problem ist, ja dass die Technik, wenn sie nicht Mittel sondern Zweck ist, sich gegen den Menschen wenden kann. So sehr die Technik zu loben ist als ein Ort der kreativen Entfaltung menschlicher Möglichkeiten, so sehr kann sie sich auch gegen die Freiheit des Menschen wenden, wenn sie zum technologischen Imperativ wird: „Was technisch möglich ist, soll auch gemacht werden“. Das betrifft die Fragen der Bioethik, der sozialen Kommunikationsmittel, also der Medien, wie auch letztlich die Gestaltungsfrage der Globalisierung selbst dann, wenn alles nur zu einem technischen Problem erklärt wird und die moralische Herausforderung beiseite geschoben wird. „Es gibt keine vollständige Entwicklung und kein universales Gemeinwohl ohne das geistliche und moralische Wohl der in ihrer Gesamtheit von Seele und Leib gesehenen Personen.“ (Nr. 76) Damit ist die Grundaussage der Enzyklika gut ausgedrückt.


7. Die Enzyklika steht in der großen Tradition der Sozialenzykliken, die das Denken und Handeln nicht nur der Christen, sondern aller Menschen guten Willens anregen wollten und wollen. Sie sind keine direkten politischen Programme, aber sie geben Richtungen an und wollen das wissenschaftliche und politische Nachdenken beeinflussen. Eine Enzyklika ist weder ein wissenschaftlicher Text, obschon er in seinen Aussagen wissenschaftlich abgesichert sein muss, noch eine Predigt, noch ein politisches Programm, sondern eine lehramtlich verbindliche Richtungsanzeige für die Gestaltung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Richtungsanzeige hat uns der Papst zur rechten Zeit gegeben. Unsere Aufgabe ist es, diese Richtungsanzeige in den öffentlichen Diskurs einzubringen und auch in den unterschiedlichen Situationen zu konkretisieren. Wir dürfen dem Papst für dieses moralische Ausrufezeichen und für sein zutiefst ermutigendes Wort dankbar sein.“


Stellungnahme von Erzbischof Marx (mp3)                                  



 

Quelle: Erzbistum München und Freising

 




Veröffentlicht am: 16:55:31 07.07.2009
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