Grabsteinrelikt aufgefunden                                                                              

TAUBERBISCHOFSHEIM / ESSEN, 23.11.2009. Durch einen besonderen Zufall ist uns in den letzten Wochen bekannt geworden, dass ein Relikt des Grabsteins von Bbr. Anton Spies existiert. Er wurde mit Alterungsspuren, aber in insgesamt gutem Zustand, wohl als Teil eines ehemals größeren Grabbildnisses in einer Hecke bei einem Feldsteinsammelplatz auf der Gemarkung seines Heimatortes aufgefunden. Wie uns der in Tauberbischofsheim wohnende Finder mitteilte, fanden sich weitere Steinfragmente gleichen Materials und Bearbeitung mit biographischen Daten seiner Eltern. Das wohl in den fünfziger Jahren in Auftrag gegebene Denkmal stand offensichtlich auf dem Friedhof in seiner Heimatgemeinde und erinnerte in dieser Weise an den von den Nationalsozialisten verfolgten Ruhranen.

 

Das Relikt ist ein schwarzer Steinquader (33x30x14 cm), rund 50 kg schwer mit einer in den Stein gemeißelten und gold ausgemalten Schrift: Im Gedenken / an Hochw. Herrn Kaplan / Anton Spies / * 24.11.1909 /+ 19.4.1945 / in Dachau. Im oberen Drittel des Steins ist graphischer Schmuck eingemeißelt, der auf sein Priestertum hinweist. Nach mehreren Kontaktaufnahmen mit dem Finder soll der Stein in die Obhut der UNITAS Ruhrania übergehen, die ihm einen würdigen Platz im UNITAS-Haus in Essen einrichten wird. Der Finder ist stolz, dass am Vorabend des 100. Jahrestages der Geburt von Bundesbruder Anton Spies diese Übereinkunft geschlossen werden konnte. In den nächsten Wochen wird der Stein durch Bundesbrüder am Fundort abgeholt.

Wir dokumentieren im Folgenden einen Aufsatz mit einem Lebensbild von Bbr. Anton Spies, der vor 10 Jahren in der Verbandszeitschrift "unitas" erschien:


Verleumdung brachte ihn ins KZ:
Vor 54 Jahren starb Bbr. Anton Spies in Dachau

Von Bbr. Dr. Wolfgang BURR
aus: unitas 2/1999, 139.Jg., 54-55

Es war im Dritten Reich eine uns von den Nationalsozialisten bekannte Methode, Gerichtsverfahren gegen katholische Geistliche nach folgendem Muster zu eröffnen: Man warf ihnen meist durch Denunziation entweder Volksverhetzung, Regimekritik, Devisenvergehen oder Sittlichkeitsverbrechen vor. Nach der ersten Prozeßwelle, in der gegen katholische Ordensangehörige und Priester hauptsächlich wegen Devisenvergehen Anklage erhoben wurde, rollte Ende der dreißiger Jahre in der Form der sog. „Sittlichkeitsprozesse" (1) eine „zweite große antikirchliche Prozeßwelle des Dritten Reichs". Infolge der künstlich gesteigerten Erregung wurde der Vorwurf des Sittlichkeitsverbrechens vielfach gegen völlig unbescholtene, politisch jedoch mißliebige Priester erhoben, oftmals in eindeutiger Rufmordabsicht. (2)

In einzelnen Fällen endeten solche Verfahren mit einer Verurteilung zu Freiheitsstrafen, denen nach Verbüßung die sog. Schutzhaft und damit meist die Einweisung in ein Konzentrationslager folgte. Opfer einer solchen Kampagne wurde 1941 Bbr. Vikar Anton Spies, der wenige Tage vor Kriegsende, am 19. April 1945 im KZ Dachau verstarb.

Geboren wurde Anton Spies am 24. November 1909 in Heckfeld im badischen Frankenland als Sohn des Landwirts Kilian Spies und seiner Ehefrau Seraphiene, geb. Umminger. Bis zur siebten Klasse besuchte er die Volksschule und wechselte dann, nachdem ihn ein Pfarrer durch Privatstunden besonders in Latein vorbereitet hatte, als Zögling des Erzbischöflichen Knabenkonviktes in die Quarta des Gymnasiums in Tauberbischofsheim. Dort legte er am 29. März 1930 mit durchschnittlicher Benotung das Maturum ab.

Sein Theologiestudium begann er in Freiburg, im Collegium Borromaeum, das er dann in seinem Freisemester in Münster fortsetzte und im Priesterseminar in Freiburg beendete. In Münster schloß er sich der Unitas Ruhrania an, wo er als freundlicher und zurückhaltender Bundesbruder in Erinnerung blieb. Unauffällig, dabei stets eifrig und gewissenhaft waren seine Merkmale, die ihn durch das Studium und sein späteres Leben charakterisierend begleiteten. Die Beurteilung des Erzbischöflichen Priesterseminars „attestierte ihm Frömmigkeit sowie einen willigen und zugänglichen Charakter, die Beurteilung empfahl ihn für einfache Landposten und prophezeite, er werde aufgrund seiner Stetigkeit und Überlegenheit ein solider und würdiger Seelsorger werden".(3)

Verleumdet und in Dachau gestorben: Bbr. Anton Spies

Am 31. März 1935 empfing Bbr. Spies das Sakrament der Priesterweihe. Dann war er Vikar in Lauda, in Mudau, Distelhausen, und Ussingen, bis ihm 1939 in Ketsch, bei Mannheim seine letzte Stelle als Seelsorger übertragen wurde. Die Kirche sah in der Landseelsorge den rechten Platz für ihn und auch sein Ziel war es, Landpfarrer zu werden. Bbr Spies erwies sich auf seinen Kaplanstellen „als in jeder Hinsicht unauffällig, dabei stets (als) eifriger und gewissenhafter Arbeiter im Weinberg des Herrn."

Trotzdem geriet er in dieser nationalsozialistischen Zeit und „katholikenfeindlichen Umgebung" in das Feld der Denunziation. Urheber dieser Vorwürfe war der Lehrer und Rektor der dortigen Volksschule, bereits seit Jahren Parteigenosse und als „höchst gehässiger Kirchengegner" bekannt. Seit Jahren hatte er bereits versucht, den katholischen Ortspfarrer Gustav Josef Westermann „zur Strecke zu bringen". Zwar wurde Pfarrer Westermann am 12. Oktober 1937 vom Kultusministerium mit einem Unterrichtsverbot bedroht, aber letztlich konnte sich der Rektor nicht gegen ihn durchsetzen.(4)

Nun suchte Rektor Vogel in dem jungen Kaplan sein Opfer. Am 28. Februar 1941 wurde Bbr. Spies festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim verbracht. Pfarrer Westermann berichtete am 4. März 1941 an das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg: „Es wird ihm angeblich zur Last gelegt, an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß den Verhältnissen nach er unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor Vogel aus Gehässigkeit gegen uns Geistliche erfolgte." In einem weiteren Schreiben bekräftigte Pfarrer Westermann seine Überzeugung: Das möchte ich noch zum Schluß anführen, daß die Beschuldigungen von sittlich sehr minderwertigen Personen ausgehen, die in enger Freundschaft mit Vogel stehen. Der weitaus größte Teil der Pfarrgemeinde hält Herrn Spies für unschuldig und kennt Vogel".

Bei der Verhandlung schenkte das Gericht den Aussagen der Schüler mehr Glauben als den Unschuldbeteuerungen des Angeklagten. Aussagen zu seinen Gunsten durch Zeugen, darunter ein Lehrer der Schule in Ketsch, konnten ihn nach Ansicht des Gerichts nicht entlasten. Die „von Spies gewählte...wenig glückliche Verteidigungsstrategie" - „ehrlich und wahrheitsliebend wie er war (hat er) zugestanden, es könne durchaus vorgekommen sein, daß er hin und wieder versehentlich und ohne jegliche unsittliche Absicht einen der Knaben berührt habe" - führte bereits nach zwei Verhandlungstagen zur Verurteilung. Das Urteil lautete auf zwei Jahre Zuchthaus, die Bbr. Spies trotz eingelegten Rechtsmittels und einem Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens zunächst im Zuchthaus und später durch Arbeitseinsatz beim Autobahnbau verbüßte. Besonders schmerzlich empfand er, daß nach der Verurteilung das Erzbischöfliche Ordinariat ein kirchliches Strafverfahren gegen ihn einleitete, das nie - bis heute - förmlich abgeschlossen wurde.

Nach Verbüßung der Strafe am 2. August 1943 wurde Bbr. Spies von der GESTAPO in anschließende Schutzhaft genommen. Der Versuch seines Erzbischof, ihn durch Einsatz in der Landwirtschaft freizubekommen, war ebenso erfolglos, wie seine freiwillige Meldung zur Wehrmacht Am 13. September 1943 wurde er in das KZ Dachau eingeliefert und erhielt Häftlingsnummer 55 505. Über sein Schicksal während der folgenden neunzehn Monate Haft im Konzentrationslager wissen wir nur, daß Bbr. Spies wenige Tage vor der Befreiung des KZ Dachau durch die Amerikaner an Flecktyphus erkrankte und am 19. April 1945 verstarb. Sein Leichnam wurde in einem Massengrab beigesetzt.

Bis zu seinem Lebensende beteuerte Bbr. Spies seine Unschuld. Im letzten Brief an seine Mutter schreibt er: „Und wenn ich zeitlebens im Kerker schmachten muß, werde ich meine Unterschrift nie hergeben zur Beglaubigung einer Tat, die ich nie begangen". Nach dem Krieg wurden in dem Entnazifizierungsverfahren gegen Rektor Vogel gravierende Widersprüche in den gegen Anton Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Mehrere der damals vernommenen Schüler gaben an, „von Vogel dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen".

Bbr. Spies wurde nicht nur das Opfer eines fanatischen Priesterhassers, eines voreingenommenen Gerichts und unmenschlicher Haftbedingungen, sondern er verlor unter schrecklichen Bedingungen in einer unmenschlichen Umgebung sein Leben im Bewußtsein ungerechtfertigter Verfolgung.


Anmerkungen:
1) Hans Günther Hockerts, Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester, Mainz 1971.
2) Ulrich v. Hehl, Priester unter Hitlers Terror! 3. Aufl., 1996, 8.61.
3) s. hierzu Dr. Christoph Schmider, Spies, Anton, Vikar, Priester des Erzbistums Freiburg, maschschrftl. o.J.
4) Hehl, a.a.O., 5. 658.
 



BÜCHER
Helmut Moll, Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen..., Martyrer des Erzbistums Köln aus der Zeit des Nationalsozialismus, Köln 1998 und weitere Auflagen.
Benedicta Maria Kempner, Priester vor Hitlers Tribunalen, C. Bertelsmann, München 1966, 1970, 1996, 496 5. ISBN 3- 570-1 2292-1 (Darin Lebensbilder mehrere Unitarier)
 



LINKS

V. In Frontstellung zum Hitlerismus 1930 - 1950: Die Aktivitas der jüngst erneuerten Korporation ist recht stark, beachtlich die Zahl der Füchse, das Vereinsleben äußerst rege. ..

Köpfe und Charaktere aus der UNITAS Ruhrania: Viele Persönlichkeiten haben die UNITAS und die Ruhrania geprägt - und prägen sie bis heute. Unsere Zusammenstellung beginnt, wie es ..

Die Semester von 1989-2004: BERICHTE UND KOMMENTARE, Meldung 29.09.2004 ..

Blutzeuge im Dritten Reich: Bbr. Pfarrvikar Anton Spies: Blutzeuge im Dritten Reich: Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies von Bbr. Lambert Klinke Der zur UNITAS Ruhrania Münster ..

Bbr. Georg Häfner vor der Seligsprechung: VATIKAN / WÜRZBURG. Mit Datum von heute hat der Vatikan den im Konzentrationslager Dachau umgekommenen katholischen Priester Bbr. Georg ..

Lübecker Märtyrer: Gedenken an die vier „Lübecker Geistlichen“: Seligsprechungsprozess für zwei Bundesbrüder ..
Köpfe und Charaktere aus Verein und Region: Bbr. Hermann Ludger Potthoff – Vater und Gründer der UNITAS (*21. Januar 1830, Werden, + 8. Oktober 1888), 1840 ..




Veröffentlicht am: 12:04:36 24.11.2009
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse