170 Jahre „Unitas“: Neue Quellen zu Hermann Ludger Potthoff

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ESSEN. Die meisten Unitas-Vereine stecken derzeit in der Vorbereitung von Neujahrsempfängen und Ende Januar feiern sie wie immer überall ihre Vereinsfeste zum Gedenktag des Verbandspatrons Thomas von Aquin, über dessen anstehende Jubiläumsjahre in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift sehr viel äußerst Kenntnisreiches zu finden ist. Zugleich lohnt es sich aber aus zwei Gründen, auch einen Blick auf den Unitas-Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff zu werfen: Am Sonntag, 21. Januar 2024, jährt sich sein Geburtstag zum 194. Mal. Vor allem aber ist unter seiner Ägide am 2. Februar 1854 – vor 170 Jahren – die heutige Unitas entstanden.

Vom Bau an den Königlichen Hof in Sachsen

Hermann Ludger Potthoff, am 21. Januar 1830 in Werden (heute Essen) geboren, war dazu bestimmt, den Baubetrieb seines Vaters zu übernehmen. Dazu besuchte er nach der Rektoratsschule in Werden 1840 die Bau- und Gewerbeschule in Hagen und wurde Bautechniker. Doch er wollte Priester sein, wie seine Brüder in Bonn studieren. So holte er zunächst das Abitur nach und war ab 1852/53 Theologiestudent in Bonn. 1855, mit 25 Jahren, beendete er sein Studium, zog ins Priesterseminar nach Köln, empfing im August 1856 die Priesterweihe und feierte in Hardenberg/Neviges seine Primizmesse. Sieben Jahre war er anschließend Kaplan in Kapellen-Gilverath, heute Stadtteil von Grevenbroich.

1863 wurde der 33-Jährige durch den Kölner Kardinal von Geissel in die Diasporaarbeit nach Dresden „ausgeliehen“ – der Apostolische Vikar für das von einem katholischen Herrscherhaus regierte Sachsen hatte seelsorgerische Hilfe in der sächsischen Landeshauptstadt angefordert. Ab 1867 ist Potthoff im St. Benno-Kalender für Sachsen als Stiftskaplan im königlichen Josephinenstift verzeichnet (1), er leitete ein Waisenhaus, war Hofprediger (2), Redakteur und Herausgeber des Kirchlichen Handbuchs und Kirchenblattes, arbeitete im Vorstand des Bonifatius-Vereins und blieb 23 Jahre als königlicher sächsischer Konsitorialrat in vielfacher Weise auch im Fadenkreuz deutschnationaler Kreise und Presse. (3)

Vor 170 Jahren: Die UNITAS entsteht

Seit seinem Eintritt in die seit 1847 bestehende landsmannschaftlich ausgerichtete Bonner „Ruhrania“ hatte Potthoff die Entwicklung der Gemeinschaft aus Studenten seiner Heimat maßgeblich geprägt. Er wurde 1853 für mehrere Semester ihr Senior (Präses) und wandelte sie im WS 1853/54 grundsätzlich um: Vor 170 Jahren, am 2. Februar 1854, stellte sie der Stifter und Gründer der Unitas auf eine eindeutige religiöse Grundlage, gab ihr den Namen „Unitas", um dem Verein einen umfassenderen Charakter zu geben, war federführend bei der Entwicklung der unitarischen Prinzipien „virtus – scientia – amititia“ (wissenschaftliche Betätigung, Feier der Vereinsfeste, Lebensbundprinzip) und wählte den unitarischen Wahlspruch.

„Einheit im Glauben, Einheit in der Wissenschaft und Einheit in der Freundschaft“, so der ausführliche Vermerk im Protokoll damals. Auf die erste Seite des Protokollbuches schrieb Potthoff selbst: „In necessariis UNITAS, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – seit 1854 ist dies seither ununterbrochen der Wahlspruch der UNITAS geblieben. Sein „unitarisches Testament“, von ihm bereits 1854/55 als Erläuterung der Statuten 1854/55 verfasst, wurde viele Jahrzehnte lang in der älteren UNITAS jeweils zu Beginn eines jeden Semesters vorgelesen. (4)

Prägende Stifterfigur der Unitas

Auch von Dresden aus blieb Potthoff ab 1867 weiter in engem Kontakt mit den Bundesbrüdern im Westen und nahm steten Einfluss auf die Entwicklung der Unitas, deren Generalpräses er bis 1873 war. Bis zu seinem Tod nahm er regelmäßig an den Generalversammlungen teil, besuchte die Unitas-Vereine in Bonn, Münster, Tübingen und Würzburg und unterhielt eine rege Korrespondenz.

Auf seinen Antrag beschloss die GV 1871 in Bonn-Poppelsdorf unter anderem die Herausgabe eines „Vereinsorgans für die Mitglieder der „clerikalen und akademischen Unitas“ - sie setzte die Festbriefe der Unitas fort, die man seit 1860 anlässlich der unitarischen Vereinsfeste zwischen den Coeten der Unitas austauschte. Poffhoff wurde die Schriftleitung übertragen. Die erste Nummer der Zeitschrift erschien zum 1. Januar 1872 - als Treuebekenntnis zu Papst Pius IX. unter dem Namen ROMA. Ein Jahr nach ihrem Erscheinen kam die „Correspondenz der Unitas“ heraus, die ebenfalls in Dresden erschien und von Potthoff redigiert wurde.

Als 1886 Potthoffs Bundesbruder und Mitgründer der Unitas, Friedrich Ludger Kleinheidt aus Essen-Heisingen, Generalvikar der Erzdiözese Köln wurde, holte er Hermann Ludger nach 23 Jahren aus der Diaspora in seine Heimatdiözese Köln zurück - als Oberpfarrer in Burtscheid, heute gehört es zu Stadt und Diözese Aachen. Ein Jahr später fand die außerordentliche GV 1887 in Neuß statt: die Unitas steht ab nun Studenten aller Fakultäten offen. Die Coeten, die Einzelvereine der Unitas, nannten sich seitdem „wissenschaftliche katholische Studentenvereine Unitas“. Dies setzte Gründer Potthoff – gegen den Widerstand von Prof. Franz Hitze - mit dem jungen Studenten und damaligen Präses Peter Kreutzer durch, dem späteren ersten Stadtdechanten von Essen.

Mit der Öffnung der Unitas für Nichttheologen erwies Potthoff seiner Unitas einen letzten großen Dienst. Denn ein Jahr später, stirbt er im 58. Lebensjahr. Sein Grab auf dem Friedhof von Aachen-Burtscheid machte die Unitas zu einem Denkmal.

Quelle im Kirchenbuch von Aachen-Burtscheid

Was Hermann Ludger Potthoffs Todestag im Dreikaiserjahr 1888 betrifft, scheint nun eine neue Quelle eine Korrektur notwendig zu machen. Bislang galt vielfach der 8. Oktober vor 136 Jahren als sein Todestag – so auch das zuletzt von Bbr. Dr. Wolfgang Burr verfasste Lebensbild des Stifters der Unitas im Unitas-Handbuch (5), das auch auf die bekannten Schriften der Verbandshistoriker Werner Ohlendorf und Peter-Josef Hasenberg zurückgreift.

Klarheit schaffen jetzt die Matrikel der Pfarrkirche St. Michael Burtscheid in der 1827 restituierten Erzdiözese Köln (6). Unter den 16 Matriken der Kirchenbücher aus den Jahren 1596-1892 sind unter der Signatur KB 070_4 auch die Sterbefälle vom 1. Januar 1868 bis 31. Dezember 1892 verzeichnet. Unter der laufenden Nummer 81 findet sich hier im Register der „defuncti“ unter dem Datum 7. Oktober 1888 handschriftlich eingetragen:

„Adm. Rev. Dom. Hermannus Ludgerus Potthoff – parochus ecclesiae sti. Michaelis Archangeli per viginti unum menses sacerdos per trigenta duo annis – vir ingenio, pietate, charitate, mansuetudine praeditus – R.i.P.”.

Auf Deutsch:

„Der verehrungswürdige, achtunggebietende Herr Hermann Ludger Potthoff, 21 Monate Pfarrer der Kirche des Hl. Erzengels Michael, 32 Jahre lang Priester, ein Mann, ausgestattet mit Verstand, Frömmigkeit, Nächstenliebe und Sanftmut. Er ruhe in Frieden! 58 Jahre alt." (7)

Dass unser Verbandsgründer am 7.10.1888 gestorben ist, ist sicher nur eine eher kleine Korrektur. Aber diese Recherche, die auch auf einige neue Quellen aus Sachsen verweisen kann, erinnere vor allem an die beiden Daten, die zum Ende des Januar und beginnenden Februar sicher Beachtung finden dürften: An Hermann Ludger Potthoffs Geburtstag und den Geburtstag der Unitas vor genau 170 Jahren.

C. Beckmann

Auszug aus dem Kirchenbuch von St. Michael Burtscheid, Verzeichnis der Gestorbenen im Jahr 1888, unten: Auszug

Quellen:

(1) St. Benno-Kalender, Katholischer Kirchen- und Volks-Kalender, 17.Jg., Leipzig 1867, S. 151.

(2) Das Handbuch der Kirchenstatistik für das Königreich Sachsen (N.F., 10. Ausg., Dresden 1875, S. 269) nennt unter „Hochwürdigste katholische Hofgeistlichkeit“ für das Jahr „1871. Zweiter Hofprediger, Hermann Ludger Potthoff, Inh. d. Laz.-Denkm., 1856 Kaplan in Kapellen-Gilverath (Erzdiözese Cöln, Rheinpreußen), 1864 Stiftskaplan, Seelsorger u. Schulinspektor an dem Josephinen-Mädchenstifte und dem damit verbundenen Freiherrl. v. Burkersroda´schen Fräuleinstifte, geb. 13. Januar 1830 in Werden a.d. Ruhr (preuß. Rheinprovinz).“ Im St. Benno-Kalender, 28.Jg., Leipzig 1878 ist er verzeichnet als „2. königlicher Hofprediger zu Dresden“ (S. 138) und erscheint als „Potthoff, Herm. Ludger, K. Hofprediger, Schloßstr. Cat.-Nr. 757, II.“ auf S. 296. Als seine Adresse für das Jahr 1877 verzeichnet das „Adreß- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden (Dresden 1877): Am Taschenberg, (Schloßstraße / Sophienstr. / Theaterplatz) im von königl. Hofbediensteten bewohnten III. Stock des Königlichen Palais.

(3) Dass Hermann Ludger Potthoff dem stark asthmakranken König Johann von Sachsen (1801-1873) die letzte Ölung gab und an seinem Sterbebett war, verzeichneten viele Zeitungen reichsweit. So schrieb auch der kirchenkritische Schwabmünchner Tages-Anzeiger (Nr. 84) vom 7. August 1873: „Die Beängstigung des Leidenden ist so groß, dass fort und fort ein Leibarzt in seiner Umgebung sein muss, während als religiöser Beistand der seit Jahr und Tag nur zu oft genannte Lobredner der Jesuiten, Hofprediger Potthoff, dem König zur Seite steht …“). Der Nachfolger König Albert veranlasste seinen Hofprediger in den Auseinandersetzungen sogar, die Redaktion des „katholischen Kirchenblattes für Sachsen“ niederzulegen. (Nordböhmisches Volksblatt, Politische Wochenschrift, 1.Jg. Nr. 10, vom 6. Dezember 1873, Beilage, S. 58). - Potthoff, auch Beichtvater der Königin-Mutter Amalie Auguste von Sachsen, geb. am 13.11.1801 als Tochter von König Maximilian I. Joseph von Bayern, leitete am 8. November 1877 ihre Einsegnung im Königlichen Schloss. (St. Benno-Kalender, 28.Jg., Leipzig 1878, S. 174)

(4) Zur Frühgeschichte der Unitas mehr: „Von der Ruhrania zur Unitas. Vom Herausgeber“, in: Werner Ohlendorf, Gedenkblätter zum 80. Stiftungsfeste der Unitas-Salia Bonn, Bielefeld, 1927, 83-95.

(5) Wolfgang Burr, Hermann Ludger Potthoff, in: UNITAS-Handbuch, Band I, 289-295. - Im Handbuch der Zentrums-Partei (s. Bild oben) wird als Todestag sogar der 11. Oktober 1888 angegeben.

(6) vgl. Handbuch des Bistums Aachen. Dritte Ausgabe, hg. vom Bischöflichen Generalvikariat Aachen, Aachen 1994, S. 75, heute „Kath. Pfarrgemeinde St. Gregor von Burtscheid“, Homepage: https://st-gregor-von-burtscheid.de/pfarre/gotteshaeuser/pfarrkirche-st.-michael/   

(7) Vielen Dank dem kenntnisreichen Übersetzer Bbr. Dr. Nikolaus Mantel, Essen. ;-)

Ort vieler Fackelzüge und Festveranstaltungen war seit 1930 auch Hermann Ludger Potthoffs  Geburtshaus in Essen-Werden, wo in der Hufergasse 15 heute noch eine 2021 durch den Essener Unitas-Zirkel renovierte Gedenktafel an den Gründer der UNITAS erinnert, der ihr die Grundlagen und wesentlichen Strukturen gab. Mehr zur Geschichte dieser Tafel. Mehr zu Hermann Ludger Potthoff unter „Persönlichkeiten"