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 Gedenktafel für Bbr. Dr. Carl Klinkhammer

 Anlässlich des 100. Geburtstages von Dr. Carl Klinkhammer fand am 22. Januar 2003 an seiner ehemaligen Wirkungsstätte St. Johann Baptist in Essen-Altenessen ein Gedenkgottesdienst statt, an dem der UNITAS-Zirkel Essen teilnahm. Im Anschluss an den Gottesdienst und vor einem abendlichen Vortrag von Klinkhammer-Biograph Bruno Kammann (s.u.) wurde in der Kirche von Pfarrer Hans Ferkinghoff und Bundesbruder Kaplan Helmut Wiechmann (UNITAS Ruhrania) eine Gedenktafel enthüllt, die an die Verhaftung des ersten katholischen Priesters durch die Nazis erinnert. Der Text der Tafel lautet:

"Dr. Carl Klinkhammer 1903 - 1997
Kaplan in St. Johann Altenessen 1931 - 1933


Der „Ruhrkaplan" wurde am 21. April 1933 in dieser Kirche St. Johann vor den Augen von 293 Erstkommunionkindern von uniformierten Braunhemden verhaftet. Er war der erste katholische Geistliche, der von den Nationalsozialisten in "Schutzhaft" genommen wurde. Anlaß war seine Predigt in der Abendandacht am 20. April 1933, an der auch Mitglieder der SA und SS aus der Ortsgruppe Altenessen teilgenommen hatten.“

Die Tafel unter dem Apostelleuchter deutet sinnbildlich auf die Verbindung zwischen dem Wirken der Apostel und dem von Klinkhammer hin. Die Tafel ist im hinteren Teil der Kirche neben der Taufkapelle angebracht. Zugang vom Karlplatz aus ist der rechte Eingang.

Kämpfer gegen den Zeitgeist
Ruhrkaplan und Bunkerpastor -
Bbr. Klinkhammer vor 100 Jahren geboren

Von Bbr. Dr. Christof Beckmann

„Vor zwanzig Jahren war es, da sandte die `Titanic´ vom großen Ozean her einen dringenden Hilferuf: Helft uns, wir sinken! – Sie war mit einem Eiskoloss zusammengestoßen. Dieser Zusammenstoß bedeutete den sicheren Untergang aller, wenn nicht schnell Hilfe kam. Auch Deutschland ist heute mit einer solchen `Titanic´ zu vergleichen. Auch wir sehen die Wogen kommen, die unsere Religion zu vernichten und unsere Kirchen zu zerstören drohen, die weiterhin die Familienglücklichkeit und die Persönlichkeit zu entwürdigen trachten. Auch Deutschland sitzt im Atlantik; im stürmischen Meer, aufgerammt auf dem Felsen der Gottlosigkeit, auch Deutschland muss beten, wie es einst die geängstigten und gefährdeten Menschen auf der Titanic taten: Näher mein Gott zu dir! …“

Dr. Carl Klinkhammer spricht – und die Polizei muss den weiteren Zutritt wegen Überfüllung sperren, als er am 1. Mai 1932 bei einer Glaubenskundgebung im großen Saal des Städtischen Saalbaus gegen Sowjetstern und Hakenkreuz am Pult steht. Ein wortgewaltiger Redner  mit einer einfachen und plastischen Sprache - am 22. Januar 2003 wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass legten der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) und der Kölner Dompropst Bernhard Henrichs, zuvor Düsseldorfer Stadtdechant, an seinem Grab auf dem Friedhof in Düsseldorf-Heerdt in einer Feierstunde einen Kranz nieder. Nicht nur in Düsseldorf gedachten unitarische Bundesbrüder seiner – auch in Essen-Altenessen, wo der Geistliche Beirat des Verbandes, Bbr. Kaplan Helmut Wiechmann, mit Hans Ferkinghoff, dem Pfarrer an St. Johann Baptist,  einen Gedenkgottesdienst zelebrierte. Mitglieder des Essener Altherrenzirkels nahmen an einem anschließenden Vortrag von Buchautor Dr. Bruno Kammanns teil und Professor Hans Waldenfels erinnerte am 29. Januar in den Düsseldorfer „mittwochsgesprächen“ an Klinkhammer, der diese auch heute noch stattfindende Gesprächsreihe initiiert hat.

Einer wie er, der reagierte und reizte, hatte viele Namen. Als „Schwarzer“ wurde er unter den Nazi-Braunen zum „roten Ruhrkaplan“, er war Schifferseelsorger und Sanitätssoldat, „Stinkbomben-“ und „Bunkerpastor“. Bbr. Dr. Carl Klinkhammer (1903-1997) ging zeit seines Lebens gegen den Zeitgeist an, wenn er sich mit seinen christlichen Vorstellungen nicht vertrug. Gut zwei Jahre seines Lebens saß der einflussreiche Kanzelredner in Haft oder war in seiner pastoralen Arbeit eingeschränkt.

Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer wurde am 22. Januar 1903 in Aachen geboren, wo er 1923 das Abitur ablegte. Nach dem Studium in Innsbruck und Bonn, wo sich der Lehrersohn der UNITAS anschloss, wurde er 1929 im Kölner Dom zum Priester geweiht. Als Kaplan wirkte er zunächst in Opladen und kam 1931 in das mit wichtigen Persönlichkeiten der unitarischen Gründergeneration verbundene Ruhrgebiet. Dort machte er Erfahrungen, die ihn sehr prägen sollten. Sein Pfarrer in der großen Arbeitergemeinde St. Johann Baptist Essen-Altenessen war Dr. Peter Kreutzer (* 8.4.1866, + 10. Juni 1934), der ebenfalls bei der Bonner UNITAS aktiv gewesen war und als Vorortspräsident eine große Rolle bei der Öffnung des Verbandes für alle Fakultäten gespielt hatte. Kreutzer wirkte mit mehreren Kaplänen in der 14.000-Seelengemeinde und war seit 1925 erster Stadtdechant von Groß-Essen, der mit über 350.000 Katholiken und 200 Seelsorgern zweitgrößten Stadt des Erzbistums Köln.

Der "Rote Kaplan" von Altenessen

Aktiv wurde Klinkhammer in Altenessen, von Beginn an sozialarbeiterisch tätig, und agitierte gegen kommunistische und nationalsozialistische Parolen. In seiner Rede vom 1. Mai 1932 warnte er sowohl vor dem Nationalsozialismus als auch vor dem Kommunismus: „Das Christuskreuz muss an Stelle des Hakenkreuzes und der Bethlehemstern an Stelle des Sowjetsterns stehen.“ Bei Kundgebungen der katholischen Zentrumspartei, bei kirchlichen Veranstaltungen und in Zeitungsbeiträgen hielt er sich nicht zurück. Bis zu 12.000 Teilnehmer kamen zu seinen Ansprachen. Pfarrer Kreutzer ließ seinen Kaplan während seiner zweijährigen Arbeit in der Gemeinde gewähren und unterstützte sogar Klinkhammers schließlich bald über Essen hinaus führende Vortragstätigkeit. Klinkhammer selbst sprach später von einem prägenden Einfluss Kreutzers, der immer wieder auch mäßigend auf ihn einzuwirken gesucht hatte. Scherzhaft, berichtete sein ehemaliger Kaplan Gottfried Salz, habe Kreutzer einmal gesagt: „Ich bete jeden Morgen: Lieber Gott, gib mir heute die Gnade, dass ich nichts Gutes verhindere, was meine Kapläne wirken wollen.“ 

Als erster Geistlicher von den Nazis verhaftet

Und doch blieben für Klinkhammer die Konsequenzen nicht aus: 1933 nahmen ihn die Nazis, die ihn als „feurigen Redner“ bezeichneten, als ersten katholischen Geistlichen in „Schutzhaft“. Am 21. April wurde er vor den Augen der Kommunionkinder aus der Kirche heraus wegen einer früheren Predigt verhaftet. Nachdem sein Pfarrer und Stadtdechant der Polizei versprochen hatte, jede öffentliche Betätigung Klinkhammers zu verbieten, wurde der Kaplan gegen ein Aufenthaltsverbot im „Gau“ Essen wieder freigelassen. Doch bei einem Urlaub in Köln wurde er Ende April 1933 erneut verhaftet. Er wurde 1933 Kaplan in Köln, wo ihn die Kölner Kirchenleitung im Frühjahr 1934 aus seinem Amt entfernte. 1935 musste er in das Bistum Augsburg und dann nach Speyer „ausweichen“. Auch 1937 und 1938 saß er „wegen Kanzelmissbrauchs“ wieder im Gefängnis.

Nach mehreren Stellen im Erzbistum Köln – u.a. als Subsidiar an der Pfarre eines Vetters - war Bbr. Klinkhammer schließlich bei der Christkönigsgesellschaft in Meitingen bei Augsburg und im Bistum Speyer tätig. 1941 zog ihn die Wehrmacht ein und er kam als Sanitätssoldat der 24. Infanteriedivision nach Russland - seine Rettung, denn seine öffentlichen Äußerungen gegen die so genannte „Reichskristallnacht“ hätten ihn unweigerlich wieder in die Hände der Geheimpolizei geliefert. Nach dem Rückzug über die Ostsee geriet er in Schleswig-Holstein in englische Gefangenschaft, aus der er Anfang 1946 entlassen wurde.

Nach seiner Entlassung meldete sich Bbr. Klinkhammer wieder bei seinem Kölner Erzbischof, der ihn 1946 zum Kaplan an der Bonner Münsterkirche St. Martin ernannte. Als Klinkhammer 1947 die Erschießung eines Familienvaters als „Mord“ anprangerte, der beim Diebstahl von Kohle erwischt wurde und eine schwindsüchtige Frau mit drei kleinen Kindern hinterließ, musste der Unbequeme dem Druck der Besatzer weichen. Der aufmüpfige Kaplan musste die „wunderbare Pfarrei“ verlassen, in der er die Kaplanei bis auf ein Zimmerchen einer obdachlosen Familie abgetreten hatte.

"Bunkerpfarrer" am Handweiser in Düsseldorf

So kam er 1947 nach Düsseldorf, in das soziale und pastorale Niemandsland am Heerdter „Handweiser“, wo sich eine altersschwache hölzerne Kirchenbaracke vor einem gigantischen Hochbunker duckte. Der Rektoratspfarrer erkämpfte sich von der englischen Kommandantur die Genehmigung, den auf Kirchenland stehenden Kriegsbunker zu einem Gotteshaus umzubauen. Die Flakstellung auf dem Dach machte er zu einem Glockenturm, in die 2,40 Meter dicken Betonwände sprengte er Kirchenfenster und wandelte das Relikt aus Kriegszeiten in die dem Heiligsten Sakrament geweihte „Bunkerkirche“ um, die er bis 1991 als Pfarrer leitete. Über diese Zeit sagte der meist in Schlapphut und gespendeter Kleidung auftretende Geistliche, der eine beeindruckende Bescheidenheit bis zur beschämenden Bedürfnislosigkeit lebte: „Ich bin nirgendwo in meinem Leben so glücklich gewesen.“

"Stinkbombenpastor" vor Gericht

Als er 1951 vehement gegen den Willi-Forst-Film „Die Sünderin“ protestierte, dessen Autor Walter Menzel zuvor Drehbücher für 20 Nazi-Filme geschrieben hatte, hängte man ihm den unverwechselbaren Titel „Stinkbombenpastor“ an: Mitglieder der von ihm als Geistlichem betreuten Christlichen Arbeiterjugend hatten in einem Kino in seinem Beisein, aber ohne sein Vorwissen, auf drastische Weise demonstriert und Stinkbomben geworfen und eine Schlägerei im Kino ausgelöst. Der Protest galt allerdings weniger dem Auftreten von Hildegard Knef als Nackedei, sondern vielmehr der Verherrlichung von Euthanasie und Selbstmord. In Rheinland-Pfalz wurde der Film verboten. In Nordrhein-Westfalen führte der lautstarke Protest zu einem Prozess gegen Klinkhammer und sechs weitere Demonstranten. Das Landgericht Düsseldorf sprach sie frei. Der Bundesgerichtshof hob den Freispruch auf und verwies den Fall zurück nach Düsseldorf, wo das Verfahren eingestellt wurde.

Vielen wohl unbekannt ist, dass Bbr. Klinkhammer vor der Gründung des Bistums Essen 1958 als dessen erster Bischof im Gespräch war. Eine Anfrage des Nuntius Aloysius Münch aber lehnte er ab, da er sich lieber um die von ihm aufgebaute Gemeinde habe kümmern wollen, wie Karl-Jürgen Miesen dem Verfasser berichtete, ein Redakteur der Rheinischen Post, der für Kirche und Kultur zuständig war und eine besondere Nähe zu Klinkhammer besaß. Auch in Düsseldorf selbst mischte sich der „Bunkerpastor“ ein: 1961 trat er mit den Düsseldorfer „mittwochgesprächen“ in die Fußstapfen der gleichnamigen Diskussionsreihe im Wartesaal 3. Klasse des Kölner Hauptbahnhofs. Die ersten 500 Veranstaltungen leitete er selbst. 1960 hatte er - als Stadtmännerseelsorger hoch engagiert - den 2.500 Konzilsvätern in Rom eine Denkschrift zur Ökumene „Gespaltene Christenheit - darf das sein?“ geschickt. Auf diese eher unbekannte Seite des kämpferischen Pfarrers verweist auch Bruno Kammann in seiner Biografie, der Klinkhammer bei einer Anti-„Sünderin“-Demonstration kennen gelernt hatte. Klinkhammer sei ein „Ökumeniker, der, aufgerufen und begünstigt durch das Zweite Vatikanische Konzil, das Gespräch mit der evangelischen und orthodoxen Kirche energisch vorantrieb und als 'Vater der Ökumene' einen Ehrenplatz in Düsseldorf beanspruchen darf“, so Kammann.

1982 - in der Zeit des Düsseldorfer Katholikentages und wie meist mit keinem Pfennig in der Tasche – hat er der Stadt Düsseldorf das Geburtshaus des von ihm verehrten Großstadtseelsorgers Dr. Carl Sonnenschein in der Altstadt abgekauft und zu einem Studentenhaus umgebaut. 1992 erhielt Klinkhammer, der auch die regelmäßigen Gottesdienste auf dem Düsseldorfer Messegelände einführte, aus den Händen des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Bbr. Joachim Kardinal Meisner, kurz zuvor zum Erzbischof von Köln ernannt im Dezember des gleichen Jahres, überreichte ihm vor seinem 90. Geburtstag die von ihm neu gestiftete Maternus-Plakette. Damals vertraute der bis in das hohe Alter hin jung gebliebene, immer wissbegierige und heitere Mann dem Erzbischof bei dessen persönlichem Besuch in Heerdt an: „Wenn ich noch einmal meinen Lebensweg bestimmen dürfte, so würde ich nicht anders als früher entscheiden: Ich würde immer wieder Priester.“ Von Dank für sich wollte er nichts wissen, denn schließlich sei sein Lebensweg nur durch Gottes Gnade möglich gewesen, „und dann muss man nur Gott danken.“ Wen wundert es, dass der Bunkerpfarrer den „heiligen Narren“ Franz von Assisi besonders verehrte? Als er am 8. Januar 1997 hochbetagt nur wenige Tage vor seinem 94. Geburtstag starb, erinnerte auch die Todesanzeige daran, dass ihm die „versöhnte Christenheit“ ein Herzensanliegen war. „Baut Brücken zueinander!“ lautete eine seiner bekannten Forderungen.

Zwischen Rebellion und Gehorsam

Klinkhammer war ein „Mann zwischen Rebellion und Gehorsam“ – so charakterisiert ihn sein Biograph Bruno Kammann. Seine Enttäuschung über das Schweigen der Bischöfe in der Nazi-Diktatur saß tief, seine Trauer über das Versagen und die nicht genutzte Chance zum Widerstand hat er klar geäußert. Und trotzdem kennzeichnete den „frommen Feuerkopf“ selbst ein unbeirrbares und fröhliches Gottvertrauen. Karl-Jürgen Miesen schrieb über ihn: „Das Geheimnis seiner faszinierenden Persönlichkeit bestand nicht allein in seiner unbändigen Vitalität, nicht nur in seiner kindlichen Neugier, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte; nicht allein in seiner Menschenliebe, die er kaum zügeln konnte; selbst auch nicht lediglich in seiner Gottesliebe, an der er nie Genüge fand; nicht in seiner Freundlichkeit und seinem Scharfsinn, in seiner Fröhlichkeit und seiner Demut, in seinem Weitblick und seiner Innigkeit, in seiner Bildung und seiner Armut - das Geheimnis seiner Persönlichkeit war sein Priestertum. Ein Priestertum, wie es in seiner allumfassenden Wirksamkeit mit Carl Klinkhammer aus dieser Welt verschwunden scheint ... So einen Priester, wie deren vielleicht einmal etliche gelebt haben mögen, gibt es wohl nie wieder.“

In Düsseldorf ist Pfarrer Msgr. Dr. phil. Carl Klinkhammer unvergessen. An das Wirken unseres Bundesbruders sollte auch in der UNITAS immer wieder dankbar erinnert werden.

Literatur:
Bruno Kammann: Carl Klinkhammer. Ruhrkaplan, Sanitätssoldat und Bunkerpastor, 1903 - 1997. (= Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, 55). Essen 2001. 384 S., 38,00 DM, ISBN 3-88474-910-2; zum Verhältnis zwischen Kreutzer und Klinkhammer vgl. auch Interview von H. Wilmer, KULT-URsachen Essen, Skript des Gespräches vom 4.2.1993 in Düsseldorf im Besitz des Verf.; vgl. auch Karl-Jürgen MIESEN, Sonnenscheins Sohn. Biographische Skizze über Carl Klinkhammer, in: Kirche in der Großstadt, Karl Waldenfels zum 80. Geburtstag, 126-167, hier 136-149; Gottfried Salz: Dr. Peter Kreutzer. Ein Großstadtpfarrer. Münster 1940, 22; Bbr. Dr. Peter Kreutzer, ein moderner Apostel in der Großstadt Essen, in: unitas 101. Jg., Mai 1961, Heft 5, 94. Christof Beckmann: Peter Kreutzer, in: UNITAS-Handbuch IV, hg. v. Wolfgang Burr, Bonn 2000, 364-370; Manfred Becker-Huberti: Friedvoll und fröhlich, fragend und fromm – „Bunkerpastor“ Klinkhammer würde 100 Jahre alt, in: PEK aktuell vom 14.01.2003.

 

Beton und Stahl –
ein Bunker als Kunstwerk
Ulla Sommers (Hrsg.), Bunker Kirche Kunstort, Düsseldorf 2004. Erschienen im Grupello-Verlag zum Preis von 14,50 Euro. 

Sie ist die wohl stabilste Kirche der Welt: 120 Zentimeter Stahlbeton als Wand, 250 Zentimeter Stahlbeton als Decke – ein Betonsarg, 35 Meter lang, 20 Meter breit und 9 Meter hoch. Der ehemalige Luftschutzbunker, 1941-1943 von den Nazis in Düsseldorf-Heerdt erbaut, bot in den Bombennächten des zweiten Weltkrieges 2.300 Menschen in beklemmender, düster-hoffnungsloser Enge Schutz. 

Was aber macht man mit einem Hochbunker in einem entmilitarisierten Land? Es war Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer (1903-1997), der eine Antwort wusste. Der ehemalige „Ruhrkaplan" in St. Johann Altenessen (1931-1933) und erste katholische Geistliche, der von den Nationalsozialisten in "Schutzhaft" genommen worden war, hielt sich an die Prophezeiung Jesajas 2,4: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.“ Und wandelte den Bunker in eine Kirche um. Bbr. Klinkhammer und seine Helfer öffneten nach Plänen des damaligen Kölner Dombaumeisters Willy Weyres die Dunkelheit des Bunkers buchstäblich für das Licht der Hoffnung: sie sprengten Fenster aus den Wänden und die Zwischenwände aus dem Gebäude; insgesamt fielen 1.000 Tonnen Schutt an. Man riss die Zellenwände aus den drei oberen Etagen ab und ließ die Decken heraussprengen. Aus diesen drei Etagen wurde die heutige Bunkerkirche, die am 30. Oktober 1949 vom damaligen Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings als Pfarrkirche St. Sakrament konsekriert wurde. Seit 1995 ist das gesamte Gebäude ein Baudenkmal - eine Kirche, einzigartig in der Welt. 

Seitdem ist sie ein Ort Gottes und der Erinnerung gegen den Krieg: Die fünf Glocken, einst aus Danzig abtransportiert, um sie für Kriegszwecke einzuschmelzen, wurden in Hamburg gefunden. Das Taufbecken stammt aus der Notkirche, die im Krieg im Bombenhagel unterging. Der Kirchenraum selbst ist hell, fast ganz ohne Schmuck, nüchtern, will die Erinnerung an dunkle Stunden nicht vergessen machen. Nur vereinzelt findet sich sakrale Kunst, immer hat sie aber eine Bedeutung: Eine Pietà – die Gottesmutter das Gesicht voller Trauer um den toten Sohn, mit zu wenig Kraft, seinen Kopf zu halten, ein Bild der Verzweiflung. Die Stirnwand beherrscht vom Gekreuzigten, die rechte Hand vom Marterpfahl gelöst und die Gläubigen segnend, ein Bild der Hoffnung. 

Bunkerzellen und Turmrampe sind aus diesem kirchlichen Umfeld herausgenommen: Eine der Bunkeretagen - die unter der Bunkerkirche - blieb mit ihren zum Teil noch unrenovierten Zellen im Originalzustand bestehen. Doch auf ihre Art sind auch sie Orte der Erinnerung: Sie beherbergen Werke des in Düsseldorf lebenden koreanischen Künstlers Yong-Chang Chung. Sein Grundmotiv ist der Krieg. Er arbeitet mit einfachen Materialien – Holz, Wachs, Eisen, Leinwand, Farbe. Seine Skulpturen und Bilder sind an die Umgebung gebunden, beziehen ihre Wirkung aus dem Ensemble, aus der Atmosphäre des Bunkers selbst. 

Diese Besonderheit, ja Einmaligkeit der Bunkerkirche in ihren Facetten, stellt nun das von Ulla Sommers, der Vorsitzenden des Vereins „Kunstort Bunkerkirche“, 2004 herausgegebene Buch „Bunker Kirche Kunstort“ vor. Geschichte wird illustriert mit Bildern, erklärt von Experten; die Kunst ist fotografiert von Alfred Tolksdorf. Die 64 Seiten sind kein Kunstkatalog – entstanden ist ein Buch mit einer Schlichtheit, wie sie auch die Bunkerkirche selbst auszeichnet. Die Aufmerksamkeit wird auf die Inhalte gelenkt, nicht von der Aufmachung abgelenkt. Im Vordergrund steht das persönliche Erleben, die Erinnerung. Der Bunker, ein künstlicher Ort, zeigt sich im Buch deutlich als Ort der Kunst. 

Bezugsquellen: Buchhandlung Gossens, D-Oberkassel, Luegallee; Kunstort Bunkerkirche, Knechtstedenstr. 11, 40549 Düsseldorf; per e-mail unter bunkerkirche@gmx.de. Anfahrt und Adresse: Kevelaerer Str. 24 (direkt am Handweiser), 40549 Düsseldorf-Heerdt, Autobahn A52 Abfahrt Meerbusch-Neuss, Richtung Neuss fahren, die Kirche ist direkt am Handweiser an der 2. Ampelkreuzung). Mehr Informationen im Internet unter: http://www.bunkerkirche.de

(PEK/D.P.; CB)

 

aus: unitas 1999/6

Zeitgeschichte in Lebensbildern
Hg. v. R. MORSEY / A. RAUSCHER / J. ARETZ, Band 9, Verlag Aschendorff/Münster, 39,80 Mark

Mit dem Ende Oktober 1999 vorgestellten 9. Band der 1973 von Prof. Dr. Rudolf Morsey begründeten Reihe „Zeitgeschichte in Lebensbildern“ wechselten die Herausgeber Prof. Morsey,  Prof. Dr. Anton Rauscher, Jesuit und seit 1990 Ehrenmitglied der UNITAS, sowie Bbr. Dr. Jürgen Aretz den Verlag: Die münsteraner Verlag Aschendorff wird die bislang im Mainzer Grünewald-Verlag verlegte Reihe fortsetzen. Geblieben ist das Anliegen, herausragende Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu würdigen – und damit auch viele derjenigen, die aus christlicher Überzeugung in Staat, Kirche und Gesellschaft wichtige Aufgaben übernahmen, dem Vergessen zu entreißen. Zu den 145 bislang veröffentlichten Lebensbildern verstorbener Persönlichkeiten kommen 18 neue hinzu. So wird etwa die CDU-Politikerin Aenne Brauksiepe vorgestellt, die sich bereits in den 60er Jahren vorausschauend für die Gleichstellung der Frau in Politik und Beruf eingesetzt hat. Ein Beitrag ist u.a. auch der als „Roter Ruhrkaplan“ in Essen und später als „Bunkerpfarrer“ in Düsseldorf bekannt gewordenen Bbr. Carl Klinkhammer gewidmet, zu den ersten von den Nazis verhafteten Priestern gehörte.




Veröffentlicht am: 10:07:49 29.09.2004
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