Ruhr-UNITAS feierte 175. Geburtstag
von Hermann Ludger Potthoff


ESSEN. Das 94. Stiftungsfest der UNITAS Ruhrania stand ganz im Zeichen des 175. Geburtstags unseres Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff. Mehr als 60 Gäste versammelten sich am 22. Januar 2005 auf dem neuen Ruhranen-Haus, um so ihren ganz speziellen Beitrag zum Jubiläumsjahr des Verbandes zu leisten.

Ein schwungvoller, von FM Rüdiger Duckheim im „Feldschlösschen“ geschlagener Kommers sorgte für eine würdige und fröhliche Feierstunde. Ermunternde Worte richteten VOS Andreas Memmesheimer (UNITAS Rheinfranken), der Geistliche Beirat Kaplan Helmut Wiechmann und StD a.D. Martin Gewiese als Vorsitzender des ältesten UNITAS-Zirkels Essen an die Corona. Grüße überbrachten auch Vertreter des Borbecker CV-Zirkels „Kohle“, der CV-Verbindungen K.D.St.V. Nordmark (Essen) und AV Silesia (Bochum). Große Artikel in den örtlichen Zeitungen hatten den aus Werden stammenden Gründer der UNITAS bereits einem großen Publikum vorgestellt. Unter einem neu gerahmten großen Jugendbild des Verbandsstifters erinnerte die Festrede von Ehrensenior Dr. Christof Beckmann an Hermann Ludger Potthoffs Leben und Bedeutung, die wir im Folgenden in neuer Fassung wiedergeben:

Ein Herz und eine Seele

„Cor unum et anima una / Ein Herz und eine Seele“ Potthoff hieß der Wahlspruch, den Potthoff vor 145 Jahren bei der 1. Generalversammlung in Düsseldorf prägte. Unter ihm wurde damals die so genannte „klerikale UNITAS“ ins Leben gerufen. Ihr sollten die Priester angehören, die als Studenten den seit 1847 in Bonn, 1855 in Tübingen und 1859 in Münster aktiven Vereinen angehört hatten. Den sie nun ergänzenden „Priesterverein UNITAS“ der Alten Herren bezeichnete Bbr. Werner Ohlendorf in seinem 1913 erschienenen Handbuch für den Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS“ als „eine der einzigartigsten Organisationen, die die Geschichte des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert aufweisen kann.“ Zweck der Vereinigung war die freundschaftliche Verbindung untereinander aber auch die Vermittlung von religiöser und wissenschaftlicher Anregung. An ihrer Spitze stand als Präses, zugleich Generalpräses der UNITAS, bis 1873 Hermann Ludger Potthoff als treibende Kraft der ganzen Vereinigung.

Dass die UNITAS an der Ruhr ihn, dessen Geburtstag sich am 21. Januar zum 175. Mal jährte, in den Mittelpunkt ihres 94. Stiftungsfestes stellt, legt schon die Nähe zu seinem Geburtsort im heutigen Essen-Werden nahe. In seinem Todesjahr 1888 aber wurde auch der erste Altherren-Zirkel des Verbandes in der Ruhrstadt gestiftet – damit ist bereits auch die Lebensspanne unseres Gründers beschrieben: Von 1830 bis 1888 – ganze 59 Jahre alt ist er geworden, war Hermann Ludger Potthoff „Herz und Seele“ der UNITAS. 

Sein Werk, aus dem der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands wuchs, entsteht in einer unruhigen und turbulenten Zeit. Umbrüche und Aufbrüche kennzeichnen das Umfeld der Gründung im 19. Jahrhundert, die Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche erreichen einen weiteren Höhepunkt.

Ein Kontinent in Aufruhr

Hermann Ludger Potthoff und seine Freunde sind Zeugen einer sehr bewegten Zeit. Das 1842 begangene Kölner Dombaufest und die ein Jahr später begangene Jahrtausendfeier des Reichs sind Ausdruck eines schwärmerischen und turbulenten Aufbruchs, einer Zeit, in der allenthalben patriotische und nationale Bewegungen Auftrieb erlangen. In ihr gerät der ganze Kontinent in Aufruhr, ausgelöst durch die französische Juli-Revolution in Mittel- und Südeuropa und allen Staaten Europas - mit Ausnahme Englands und Russlands. Die Ereignisse überschlagen sich: Aufstände überall, die gewaltsame Vereinigung Italiens führt zur Besetzung des Kirchenstaats und Inhaftierung von Papst Pius IX., radikale Unruhen in den deutschen Ländern - besonders im Südwesten, in Wien und Berlin - brechen sich Bahn. Verwegen gewandete aktive und ehemalige Studentenführer rufen die Republik aus, Freischaren proklamieren die bewaffnete Revolution. Im Streit zwischen großdeutschen und kleindeutschen Parteiungen gibt es Demonstrationen für Vereins- und Pressefreiheit, auch für Religions- und Glaubensfreiheit. Die verfassungsgebende Nationalversammlung konstituiert sich in der Frankfurter Paulskirche, wird bald durch Militär gesprengt. Ein Land im Ausnahmezustand: Standgerichte, Massenerschießungen und -auswanderung, Fürstenunion und Reaktion. Widerstand, besonders im katholischen Volksteil Preußens gegen Kulturpolitik, bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen. 

Kurz: Im manifesten Zusammenbruch der Alten Welt – zwischen Revolte und Beharrung - entsteht die bürgerliche Gesellschaft. Dramatische Schritte vollziehen sich, es entfaltet sich ein rasantes Potenzial in den Wissenschaften, der Wirtschaft und an Ideologien. All dies kulminiert für unseren preußisch dominierten Raum in diesen entscheidenden Jahren zwischen 1848 bis 1859, dem Jahr, in dem die Zentrumspartei gegründet wird. In diesen Umbruchszeiten liegt die Wurzel eines Verbandes – unseres Verbandes, in einer zersplitternden Welt.

1847 hat sich im Gasthof „Engel“ die „Ruhrania“, ein Verein katholischer Studenten in Bonn gegründet, einer von fünf, die sich dort zur so genannten „Union“ zusammenschließen. Eine Protestaktion vor allem gegen antikatholisches Vorgehen Preußens in den neu gebildeten Provinzen Rheinland und Westfalen. Dieser Union ist trotz heißer Schwüre beim gemeinsamen Fest auf der Klosterruine Heisterbach keine lange Existenz beschieden - die Ruhrania überlebt, weil sie sich ab Sommersemester 1850 total reformiert: Sie verzichtet auf Couleur - (die Farben der Ruhrania waren orange-weiß-rot) - äußerliches Zeichen einer gänzlichen Neuorientierung. Und sie richtet das Vereinsleben bewusst auf die Bildung des katholischen Glaubens unter den Prinzipien „virtus, scientia und amicitia“ aus. Im SS 1852 unter Leonhard Brandt, später Missionar in den USA, wählt die Ruhrania den hl. Thomas von Aquin und den hl. Aloisius zu ihren Patronen. Die Mitglieder verpflichteten sich, an den Festtagen dieser Heiligen zur gemeinsamen Eucharistiefeier, zur anschließenden Agape und einer Festsitzung, für die sich der Name Morgensitzung einbürgert. Später, 1854 – nach der Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis - kommt als weitere Patronin die Immaculata und damit ihr Fest als drittes Vereinsfest dazu.

Ein Bautechniker wird Priester

Die wichtigen Weichen der späteren UNITAS sind damit bereits gestellt, als der junge Bautechniker Hermann Ludger Potthoff im Wintersemester 1852/53 in die Ruhrania eintritt. Und doch bezeichnen wir ihn mit Recht als ihren Gründer. Hermann Ludger Potthoff ist schon gut zwei Jahre vorher in der damals noch ziemlich kleinen und jungen Universitätsstadt Bonn mit der Ruhrania zusammengetroffen. Viele ihrer Mitglieder sind von der Ruhr zum Studium an den Rhein gegangen. Ihre Geburtsorte gehören heute zur Stadt Essen, wie Werden, Heisingen, Heidhausen, Borbeck und Schönebeck. Sein ältester Bruder Wilhelm war 1847 einer ihrer Gründer, studierte dort zunächst Medizin, dann wie sein zweiter Bruder August ab 1850 Theologie. 

Ihr Vater ist Bauunternehmer in Werden - Sohn Hermann Ludger soll das Unternehmen erben und fortführen. Ab 1840 auf der Rektoratsschule in Werden, besucht er die Bau- und Gewerbeschule in Hagen. In den Ferien arbeitet er auf den Baustellen seines Vaters. Auf dem frühesten Bild bis zu seinem Altersbildnis ist er alles andere als ein durchgeistigter, schmaler Gelehrter: Ein durchaus tatkräftiger, ja humorvoller, im Leben stehender Mensch, mittelgroß, mit kräftiger Statur und offenem, optimistischem Blick macht sich Ende 1849 von der Ruhr auf an den Rheinstrom unter dem Siebengebirge, um seine Brüder zu besuchen. Er lernt dort im Freundeskreis der Ruhrania eine ganz andere Welt kennen. Und beschließt: Ich will auch Priester werden und Theologie studieren. 

Dazu muss er erst das Abitur nachholen. Ostern 1850 zieht er nach Bonn. Sein Landsmann Wilhelm Pingsmann aus Werden, ebenfaIIs Ruhrane und später Domkapitular und Offizial der Erzdiözese Köln, bereitet ihn auf das Abitur vor. Schon 1852 hat Potthoff es bestanden, beginnt sofort das Studium und kann nun - nach seiner Immatrikulation - vollberechtigtes Mitglied der Ruhrania werden. Bereits zum Sommersemester 1853 wird er zum Präses gewählt und bleibt dies mehrere Semester.

Zug um Zug setzt er nun den Umbau des landsmannschaftlichen Vereins ins Werk. Deutlich wird dies am Beispiel des Prinzips scientia – in einer Zeit, in der Seminare heutiger Zeit noch nicht existieren. Prinzip und Praxis nehmen damit viele Entwicklungen an der Universität bereits vorweg. Nach heißen Debatten beschließt der Convent damals unter seiner Leitung:
1. Jeder (wöchentliche) Vortrag muss frei gehalten werden. Nur die Dispositionen (Stichpunkte) dürfen während des Vortrags eingesehen werden.
2. Jedes Mitglied soll wenigstens einmal im Semester eine schriftliche Arbeit einreichen. Zu ihr haben die anderen Mitglieder eine schriftliche Kritik einzureichen.
3. Es wird den einzelnen Mitgliedern dringend ans Herz gelegt, durch das Studium des vorkommenden Themas und Vorbringungen von Einwendungen die Disputation zu beleben.

Dies sind dies mehr als die Grundzüge eines unverbindlichen Rhetorikseminars: Denn was nutzt es, viel zu wissen, wenn man es nicht mündlich und schriftlich an den Mann bringen kann? Was nutzt es etwas zu vertreten, wenn man es nicht begründen und verteidigen kann? Was nutzt es, viel zu hören, wenn man sich keine eigenen Gedanken dazu machen und Kritik anbringen kann? Was nutzt an einem selbst geübte Kritik, wenn man sie nicht ertragen und danach zu handeln lernt? Und nicht zuletzt: Was nutzt es zu kritisieren, wenn man selbst nichts von der Sache versteht? Zweifellos: Ein pädagogisch wertvolles Programm - hier ist das wöchentliche Training für jedes Mitglied ein echter Nutzen – in einem Verein, der sich das Attribut „wissenschaftlich“ wählt.

Das zweite - und nicht weniger wichtig - war das Abrücken vom althergebrachten Prinzip der Landsmannschaft. Am 2. Februar 1854 wird der Name „UNITAS“ einstimmig angenommen. Ein programmatischer Name, der das „Katholisch“ unterstreicht. Seine Bedeutung: „Einheit im Glauben, Einheit in der Wissenschaft und Einheit in der Freundschaft“, so der ausführlichere Vermerk im Protokoll. Und auf die erste Seite des Protokollbuches schreibt Potthoff: „In necessariis UNITAS, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – seit 1854 ist dies seither ununterbrochen der Wahlspruch der UNITAS geblieben.

Ein Lebensbund entsteht

Genau ein Monat später, am 3. März 1854, bekräftigen alle Unitarier mit ihrer Unterschrift die neuen Statuten. Sie drücken das aus, was Hermann Ludger Potthoff sich schon zu dieser Zeit unter UNITAS vorstellte – es ist das alles umschließende Band der Einheit: In allen grundsätzlichen Fragen, in allen Lebenslagen, beruflichen und persönlichen Herausforderungen. Ein hehres Ziel, aber auch hier ganz praktisch: Denn die Statuten bestimmen u.a. außerdem: Die UNITAS ist nicht nur ein Freundeskreis für die Studentenzeit, sondern für das ganze Leben. Ein wirklicher Lebensbund entsteht – und das zieht sich mit all den vielfältigen persönlichen Kontakten und Freundschaften durch die gesamte unitarische Geschichte – ja sogar durch große und entscheidende Teile unserer deutschen Geschichte.

Für diese Generationen übergreifende amicitia setzt sich später keiner so engagiert ein wie Potthoff selbst. Er beendet 1855 sein Studium, zieht ins Priesterseminar nach Köln, empfängt im August 1856 die Priesterweihe und feiert in Hardenberg/Neviges seine Primiz. Sieben Jahre ist er Kaplan in Kapellen-Gilverath, wird 1863 vom Kölner Kardinal von Geissel in die Diasporaarbeit nach Dresden „ausgeliehen“ – der Apostolische Vikar für Sachsen – das Herrscherhaus ist katholisch - hat seelsorgerische Hilfe in der sächsischen Landeshauptstadt angefordert. Potthoff wird Stiftskaplan in der Hofkirche, leitet ein Waisenhaus, ist Hofprediger und bleibt als königlicher sächsischer Konsitorialrat für 23 Jahre dort.

Auch in dieser Zeit bleibt er in engem Kontakt mit den Bundesbrüdern im Westen. Es ist inzwischen die Zeit der Reichsgründung, dem Deutsch-Französischen Krieg folgt ein Preuße auf dem deutschen Kaiserthron, als der inzwischen 41-jährige Potthoff in einer weiteren Weise für den inneren Zusammenhalt tätig wird: Auf seinen Antrag beschließt die GV 1871 in Bonn-Poppelsdorf unter anderem die Herausgabe eines „Vereinsorgans für die Mitglieder der „clerikalen und akademischen UNITAS“. Poffhoff wird die Schriftleitung übertragen. Die erste Nummer der Zeitschrift kommt zum 1. Januar 1872 - als Treuebekenntnis zu Papst Pius IX. unter dem Namen ROMA. Vielen klingt er zu anspruchsvoll - Potthoff nimmt die Kritik auf und nennt die Zeitschrift ab 1873 „Correspondenz der UNITAS“. Ein Jahr später heißt es „Correspondenz-Blatt der UNITAS“ – Potthoff wird jetzt „Urpräses“ der UNITAS genannt. 

Übrigens – und darum unterstreiche ich dies auch hier besonders gerne: Seit 1898 wird die Zeitung unter der Leitung von Prälat Joseph Prill in Essen redigiert, bekommt ein ganz neues Gesicht. Und sie erhält hier ab 1900 den Namen „UNITAS“. Eben jener Joseph Prill, damals Religionslehrer am Burggymnasium, hatte im Todesjahr von Hermann Ludger Potthoff 1888 in dessen Geburtsort Werden den ersten Altherrenzirkel der UNITAS gegründet. Dass die „UNITAS“ heute im 144. Jahr - und ja auch wieder in Essen - erscheint, liegt daran, dass sie sich bereits auf die Festbriefe der UNITAS bezieht, die seit 1860 anlässlich der unitarischen Vereinsfeste zwischen den Coeten der UNITAS ausgetauscht wurden.

Abkehr vom reinen Theologen-Verband 

Nun wären dies bereits einige wichtige Aspekte, die seine Bedeutung herausstellen. Doch Potthoffs Engagement sind nicht nur die kurz beleuchteten Grundsätze, die innere Ausgestaltung und die Grundlagen der Kommunikation im Verband zu verdanken. Denn er ist ebenfalls wesentlich dafür verantwortlich, dass die UNITAS überhaupt ihre heutige Gestalt annimmt. Wie oft erwähnt, handelt es sich bei der jungen UNITAS durchaus und keineswegs um einen reinen Theologenverband: Sehr früh hatten die Statuten von 1853/ 54 festgelegt, dass auch Studenten anderer Fakultäten in den Verein aufgenommen werden konnten, jedoch nur nach einstimmigen Beschluss der Mitglieder. Ein Zusatz, der 20 Jahre später, 1873 gestrichen wurde. Denn die Integration der Nichttheologen hatte offenbar völlig problemlos geklappt. Nun wird es 14 Jahre später auch ganz offiziell und verbandsweit beschlossen. Denn 1886 ist Potthoffs Bundesbruder und Mitgründer der UNITAS, Friedrich Ludger Kleinheidt aus Essen-Heisingen Generalvikar der Erzdiözese Köln geworden. Hermann Ludger wird nach 23 Jahren aus der Diaspora in seine Heimatdiözese Köln zurückgeholt - als Oberpfarrer in Burtscheid, heute gehört es zu Stadt und Diözese Aachen. 

Ein Jahr später findet die außerordentliche GV 1887 in Neuß statt: die UNITAS steht Studenten aller Fakultäten offen. Und die Coeten, die Einzelvereine der UNITAS, nennen sich nun „wissenschaftliche katholische Studentenvereine UNITAS“. Dies setzt Gründer Potthoff – gegen den Widerstand von Franz Hitze - mit dem jungen Studenten Peter Kreutzer durch. Dem späteren Pfarrer in St. Johann in Altenessen und ersten Stadtdechanten von Essen, steht später in dem jungen „Roten Ruhrkaplan“ Bbr. Carl Klinkhammer der erste Priester zur Seite, der von den Nazis verhaftet werden wird.

Mit der Öffnung der UNITAS für Studenten aller Fakultäten hat Potthoff seiner UNITAS einen letzten großen Dienst erwiesen. Doch keiner ahnt, dass sein Leben seinen Lauf vollendet hat: Ein Jahr später, am 8. Oktober 1888, stirbt er im 59. Lebensjahr. Sein frisches Grab auf dem Burtscheider-Friedhof macht die UNITAS zu einem Denkmal. Ort vieler Fackelzüge und Festveranstaltungen in den über 100 Jahren, die seitdem vergangen sind, wird auch sein Geburtshaus in Essen-Werden, wo in der Hufergasse 15 heute noch eine Gedenktafel an den Gründer der UNITAS erinnert, der ihr die Grundlagen und wesentlichen Strukturen gab.

Das unitarische Testament

Zwar ist Vieles über und von Hermann Ludger Potthoff noch erhalten, auch manche seiner Predigten oder seiner Dispositionen zu Predigten. Ein Buch könnte man über ihn schreiben. Doch wenn auch nur sein „unitarisches Testament“ bekannt geblieben wäre – bereits dies wäre allein schon ein einzigartiger Grund, in ihm eines der größten Unitarier zu gedenken. Dieses „unitarische Testament“, von ihm bereits 1854/55 als Erläuterung der Statuten 1854/55 verfasst, wurde viele Jahrzehnte lang es in der älteren UNITAS jeweils zu Beginn eines jeden Semesters vorgelesen. Es ist ein Dokument eines aufmerksamen und scharfen Beobachters, eines abgeklärten Menschenkenners und eines sehr praktisch veranlagten Seelsorgers, der ganz und gar in der Kirche zu Hause ist. 

Was würde er sagen, wenn er heute die Einladung zur 150. Generalversammlung am Gründungsort Bonn lesen würde? Wo ganz offenbar wird, dass seine Ideen, sein Lebenswerk, bis heute bestehen – in einer der ältesten im 19. Jahrhundert entstandenen katholischen Vereinigungen überhaupt? Was würde er sagen, wenn er uns heute sähe, das Handy griffbereit zur Hand, mit ISDN und Flatrate ausgestattet? Uns, die Zeugen einer Zeit, in der die ganze globalisierte Welt auf dem Bildschirm zu erreichen ist, in der sich wieder entscheidende Umbrüche auf unserem Kontinent und überall abzeichnen? Was würde er sagen, wenn er unseren Vereinsalltag erlebte: das Gelingende, die äußeren Umstände, unsere Zweifel und Anfechtungen. Zumal wenn uns an der Ruhr sein Blick streifte, wo wir etwas Neues beginnen – in Zeiten, die der Kirche, seiner und unserer Heimat, ganz offensichtlich eine radikale Neubesinnung abverlangen?

Kein Mythos, sondern Lebenspraxis

Das Werk des sehr handfesten, nüchternen Bautechnikers, Jugendführers und Pädagogen, der viele begeistern konnte, der gefragte Kanzelredner und Zeitgenosse entscheidender Ereignisse unserer Geschichte brachte unzählige Menschen nach seinem Vorbild in einer einzigartigen Korporationsform zusammen. Doch um Hermann Ludger Potthoff wurden keine Legenden und Geschichten wie manchen anderen Gründerfiguren gedichtet. Aus der Literatur wissen wir schlicht: Er war geachtet, beliebt, wurde sehr respektiert. Wohl, weil er darin selbst ein Vorbild war: Er achtete die Meinung des anderen, er glättete die Wogen mancher interner Auseinandersetzung, respektierte seine Freunde, verhalf jedem zu seinem Recht und blieb doch konsequent. Er selbst hat bis zu seinem Tod so für die UNITAS gelebt, wie er es in seinem frühen Testament gefordert hat: nie herrschsüchtig, selbstlos, hilfsbereit und vor allem tief fromm.

Wir leben seinen Traum

Hermann Ludger Potthoff - ein ganz und gar lebenspraktischer Mensch, hatte – so ließe sich sagen - einen Traum. Es war ein Traum, der Wirklichkeit wurde. Und den – so ließe sich ebenfalls sagen - auch wir leben. Wenn wir heute seiner gedenken, dann erinnern wir uns daran, was es bedeutet, wenn er in seinem unitarischen Testament von „Einheit, aber nicht Einerleiheit“ spricht, was „Lust zum Studium“, „stets offene Augen für das praktische Leben“ und „entschiedenes Handeln“ bedeuten. Und „Liebe zu Gott, Demut des Herzens, Freundschaft im Herrn“, wie er es ausdrückte.

Vor gut 140 Jahren, damals 34 und Oberhofprediger in Dresden, schrieb er: „Wer durch die UNITAS mein Freund geworden, für den war ich es ganz, so gut ich es konnte. Ich fragte nicht nach seinem Namen, seiner Landsmannschaft, nicht nach seinen Talenten allein. Je mehr er mir ein Unitarier schien, je mehr war er mir Freund. Das war mir Bedürfnis, das war mir heilige Pflicht. Man hat es zu öfteren gesagt, und selbst edle Naturen sprechen es heute wohl nach, das akademische Vereinsleben seien jugendliche, oft gut gemeinte, aber immerhin Träume, die in der Wirklichkeit des Lebens wieder in ihr Nichts sich auflösen würden. Ich habe diese Reden, sofern sie auch UNITAS betrafen, niemals verstanden, verstehe sie auch heute nicht und werde sie niemals verstehen. Was mir die UNITAS war, das war kein Traum, denn es war katholisches Leben, Fühlen und Handeln.“

„Cor unum et anima una“ – wir kehren an den Anfang zurück. „Ein Herz – ein Geist und eine Seele“ – in der tieferen, der tiefsten Bedeutung des Wortes. Es ist eine wahrhaft unitarische Redewendung – sie hat bei uns Geschichte. Und sie muss mit einem Wirklichkeit gewordenen Traum zu tun haben. Wohl kaum hätte die UNITAS 2005 Gelegenheit, ihr 150-jähriges Bestehen zu feiern. Und wenn es sie nicht gäbe, müsste sie - um es mit einem Wort von Bundesbruder Dr. Ludwig Freibüter zu sagen - gerade jetzt neu erfunden werden.

Und auch daran sei zum Schluss erinnert: Daran, dass die UNITAS 1988 im Essener Saalbau – aus Anlass des 100. Todestages von Hermann Ludger Potthoff und des 100. des Essener Zirkels – erstmals die Vorortsübergabe im Rahmen eines Kommerses feierte. Das aus Alten Herren bestehende Präsidium erklärte damals, dass der Verband in Potthoffs Heimat einen neuen Anlauf nehmen werde. Es ist getan. Unter dem Namen des Vereins, dem er seinen Stempel aufdrückte. Der RUHRANIA. Stolz, froh und dankbar setzen wir es in seinem Namen – hier in diesem Haus - fort. Gott sei Dank! Unserer lieben UNITAS Ruhrania ein herzliches „Vivat, floreat, crescat!“, und dem ganzen Verband – „ad multos annos!“

Die Zukunft: Virtuell und real

Das Geburtstags-Fest für Hermann Ludger Potthoff im Revier endete mit einem zünftigen Ausklang und dem Hochamt am Sonntag in der Pfarrkirche St. Dionysius. Aktivitas und Alte Herren nutzten die Gelegenheit, dem scheidenden Pfarrer Otmar Vieth zu seiner Ernennung zum Dompropst zu gratulieren, bevor sich die Runde zu einem Frühschoppen wieder auf dem Haus versammelte. In der vorlesungsfreien Zeit und im Sommersemester steht nun dessen Renovierung an. Hausbauverein und CC hatten am Samstagnachmittag über den Stand der Planungen und die Kostenkalkulation beraten. Einen ersten virtuellen Eindruck vom Kneip- und Vortragssaal gibt es schon: Architekt Bbr. Otfried Jäger (Wesel) hat die unter den beiden Türmen geplante Halle mit offener Dachkonstruktion bereits als 3-D-Animation vorbereitet. Es wäre zu schön, wenn aus der beeindruckenden virtuellen Ansicht im Video bald eine reale werden könnte.

Dem in Essen gehaltenen Vortrag lag neben der Verbandsgeschichte von Peter Hasenberg und früheren Artikeln in der Verbandszeitschrift auch die einschlägige Literatur aus den UNITAS-Handbüchern zugrunde. Wichtige Informationen und einige der verwandten Bilder versammelt die Festschrift zum 150. Stiftungsfest von Unitas-Salia von 1997.

Aus: unitas 1/2005




Veröffentlicht am: 20:49:44 13.03.2005
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