Erste Seligsprechungsphase für Lübecker Kapläne abgeschlossen

HAMBURG. Genau 62 Jahre nach ihrem Tod ist das Seligsprechungsverfahren für die „drei Lübecker Kapläne“ auf Diözesanebene abgeschlossen worden. Erzbischof Werner Thissen übergab die Akten am Donnerstag, 10. November 2005, in Hamburg dem Anwalt Andrea Ambrosi, der das Verfahren im Vatikan weiter vertritt. Hermann Lange sowie die zwei Bundesbrüder Eduard Müller und Johannes Prassek (UNITAS Ruhrania) hatten gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink gegen die NS-Verbrechen protestiert. Sie starben am 10. November 1943 unter dem Fallbeil. Stellbrink wird nicht selig gesprochen, soll aber nach Vereinbarung der katholischen und evangelischen Kirche vereinbart ehrend erwähnt werden.

Wie die Katholische Nachrichtenagentur berichtete, befinden sich unter den 2.110 Seiten, die an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen geleitet werden, persönliche Dokumente der Kapläne, theologische und historische Gutachten sowie Protokolle über Zeitzeugen-Befragungen. Das im Mai 2004 in der Diözese Hamburg von Erzbischof Dr. Werner Thissen eingeleitete Verfahren musste nachweisen, dass die drei Kapläne für ihren Glauben gestorben sind, nachdem sie in Predigten und Glaubensgesprächen die Verbrechen des Nationalsozialismus verurteilt, Flugblätter vervielfältigt und kritische Informationen ausgetauscht hatten. Im Frühsommer 1942 wurden sie verhaftet und in einem gemeinsamen Prozess vom Volksgerichtshof 1943 zum Tode verurteilt. Am 10. November 1943 starben sie gemeinsam im Hamburger Gefängnis Holstenglacis durch das Fallbeil.

Unitarisches Gedenken und wissenschaftliche Sitzung in Essen

Die UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund hat am Abend des Tages, an dem die Nachricht bekannt wurde, Ihres Bundesbruders Johannes Prassek gedacht. Zum Auftakt einer Wissenschaftlichen Sitzung, die sich am 10. November am Beispiel des Hl. Dionysius von Paris dem Thema der Heiligenverehrung widmete, erinnerte Senior Sebastian Sasse an das Glaubenszeugnis des Geistlichen. Der Vortrag von Bbr. Roderich Oberstehöhfeld und die anschließende Diskussion machten deutlich, welche Bedeutung der Rolle von Vorbildern im Glauben zukommt. Im engagierten Gespräch erörterten die Bundesbrüder und Gäste die Wirkung der Heiligen im frommen Volksglauben der frühmittelalterlichen, vorwissenschaftlichen Welt, in der Alltagskultur bis hin zum Entstehen des modernen Europa. Märtyrer für den Glauben - wie auch Johannes Prassek – wiesen auf die extremen Dimensionen gelebten Einstehens für Religion und Kirche hin, erklärte Sebastian Sasse. „Es gibt Situationen, in denen man für den Glauben – nicht nur im übertragenen Sinne - durchaus den Kopf hinhalten muss.“

Die angestrebte feierliche Seligsprechung der Kapläne bedeutet: Die ganze Kirche bestätigt das Leben und den Tod der Seligen als vorbildliches Glaubenszeugnis. Sie bekräftigt ihren Glauben, dass diese Zeugen in die Herrlichkeit Gottes auferweckt sind. Sie erlaubt die Verehrung der Seligen durch das Gottesvolk als Vorbild und Fürsprecher. 

Die UNITAS Ruhrania ist sich des Vorbilds ihres prominenten Mitglieds Johannes Prassek bewusst und ehrt sein Andenken.

Bbr. Johannes Prassek: Von Spitzel verraten

Bbr. Johannes Prassek gilt als der politische Kopf der drei Lübecker Kapläne. Er wurde am 13.8.1911 in Hamburg-Barmbek geboren und studierte nach dem Abitur am Johanneum Theologie in Frankfurt und Münster. Der Vater war Maurer und stammte aus Schlesien. Seine Mutter, Konvertitin, starb noch während seiner Ausbildung. 1937 wurde er in Osnabrück zum Priester geweiht. Seine erste Stelle war Wittenburg in Mecklenburg. 1939 kam er als Vikar nach Lübeck, wurde 1940 Kaplan. 

Der große und asketische Mann überzeugte durch seine Natürlichkeit, Offenheit und seine vertrauensvolle Hinwendung zu einzelnen Menschen. Prassek muß ein zupackender, spontaner Mensch gewesen sein. Sein Glauben war geprägt durch die katholische Jugendbewegung. In seiner Zeit muss er als aufgeschlossener Priester gegolten haben. Begeisterung, Schwung in der Gemeindearbeit, Begegnungen ohne die übliche Distanz des Amtes kennzeichneten ihn. Auch als Prediger vertrat er offen seine Meinung und scheute keine Kritik an der NS-Ideologie. Das sprach sich herum. Gemeindemitglieder und Freunde warnten den Kaplan vor der Gefahr, die die öffentliche Kritik mit sich brachte. Er selbst war nicht mit der Zurückhaltung einverstanden, die die katholischen Bischöfe gegenüber dem NS-Regime an den Tag legten. Umso mehr verehrte er mutige Einzelgänger wie den Münsteraner Kardinal von Galen, dessen Portrait auf seinem Schreibtisch stand. Im evangelischen Pastor Stellbrink fand der Kaplan einen Mitstreiter: Beide tauschten Flugblätter und Informationen, auch über „Feindsender“ aus. Eine weitere Provokation:  Er lernte Polnisch, um den polnischen Zwangsarbeitern in Lübeck seelsorgerisch beizustehen. Auch half er ihnen - was verboten war - mit Lebensmittelmarken und Kleidung. In der Lübecker Bombennacht 1942 rettete er aus dem katholischen Krankenhaus Frauen und ihre Babys. Der Staat verlieh ihm dafür das „Luftschutz-Ehrenzeichen“ - zwei Wochen vor seiner Verhaftung. 

Ein Spitzel, der sich als sozial bedürftiger Glaubenssuchender ausgab, denunzierte den Geistlichen. Prassek hatte dem Mann vertraut und ihm seine kritischen Meinungen mitgeteilt. Der Verrat traf ihn schmerzlich. Am 18. Mai 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet. Während der einjährigen Untersuchungshaft streute die Gestapo Gerüchte über Prasseks Lebenswandel und Beziehungen zu Frauen. Der Gefangene erhielt gefälschte Nachrichten, wonach ihn der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning fallengelassen habe. Im Gefängnis schwankten seine Empfindungen - wie bei den anderen auch - zwischen mystischer Gotteserfahrung, wachsendem Glauben und Zweifel an sich selbst und an Gott. In einem Brief aus dem Gefängnis vom 23. Juni 1942 schrieb Prassek in Gedanken an den Spitzel der Gestapo: „Vor allem habe ich Ruhe vor den Menschen, und das ist im Augenblick das Beste, was ich mir wünsche. Ich habe nach dem, was ich in diesen Tagen von Menschen erlebte - besonders von einem, den ich geliebt habe wie einen Bruder ... und der mich dann verraten hat, genug. Ein solcher Mensch zerschlägt allen Mut und Idealismus.“ 

Die eineinhalb Jahre im Gefängnis verstärkten die Verbindung zwischen den vier Geistlichen. Trotz verschiedener Konfessionszugehörigkeit waren sie eine feste, unteilbare Gruppe – und wurden auch als solche verstanden. Eine wichtige Rolle spielte dabei der katholische Gefängnispfarrer Behnen. Er besuchte auf Bitten der drei Katholiken auch den evangelischen Pastor regelmäßig. Dabei war den politischen Gefangenen nicht einmal der Gottesdienst gestattet. Ihre Briefe wurden zensiert, pro Woche durften sie nur einen Brief schreiben. Besucher waren nur selten zugelassen. Isolation und Hunger gehörten zu den Haftbedingungen. Johannes Prassek schrieb in einem Brief an einen Freund: „Weißt du, was Hunger ist? Wenn der Magen knurrt und man hat dieses unangenehme Hungergefühl, das ist noch kein Hunger! Aber wenn es dir aus dem Hals rausstinkt vor Leere [...], wenn im Munde zwischen den Zähnen [...] so ein fieser Geschmack des Mangels sich bemerkbar macht, wenn das Zahnfleisch sich löst und schon bei einer leichten Berührung mit der Zunge das Blut herausquillt, wenn trotz Kleidung, trotz sommerlicher Hitze Dein Körper nicht warm wird, sondern die Finger [...] und die Zehen [...] blutleer und abgestorben sind, wenn Du bis an die Ellenbogen kalte Arme und bis an die Knie kalte Beine hast [...]. Und dann dieses grausige dumpfe Gefühl im Kopf, [...]. Es ist einfach physisch unmöglich, anders zu sein als unzufrieden. Das ist Hunger, und das ist hier seit Monaten mein Begleiter.“

Bis auf eine kurze Unterbrechung, während der die Gefangenen nach Hamburg verlegt wurden, blieben sie in Lübeck. Und trotz strenger Kontrolle durch das Wachpersonal und trotz des großen Risikos brach bei einer Gruppe in der katholischen Gemeinde eine Zeit vieler heimlicher Aktivitäten an. Einmal, als die Gefangenen – die Laien waren noch dabei – zu Arbeitseinsätzen an eine Baustelle beordert wurden, gelang es Verwandten und Mitgliedern der Gesprächskreise, den Gefangenen Essen zuzuschmuggeln. Ein andermal brachten sie ihnen Hostien aus der katholischen Messe. Sie schafften es sogar, Brot und Wein ins Gefängnis zu schleusen. So konnten die Priester heimlich auf ihren Zellen die Eucharistie feiern. Mut bewies dabei Fräulein Johanna, die Haushälterin des Pfarrhauses. Der Kaplan Westholt, Nachfolger der drei in der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr an manchen Abenden mit dem Fahrrad unter die Gefängnisfenster und erteilte den Katholiken heimlich die Generalabsolution, die Vergebung der Sünden, die sonst in der Beichte vollzogen wird. Für sie bedeuteten diese kirchlichen Vollzüge – gerade als sie ihnen gewaltsam vorenthalten werden sollten – Hilfe und Trost. Gegen den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung keine seiner regimekritischen Äußerungen ab. 

Am 24.6.1943 wurde er mit seinen Mitstreitern zum Tode verurteilt. Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, durfte aber Besuche, u.a. von Bischof Berning, empfangen. Die Besucher schildern die Stimmung der Todgeweihten als gelöst, ja glücklich. „Ich habe lange Zeit nicht mehr so ruhig und selig gelebt, vielleicht noch nie, wie jetzt“, schrieb Johannes Prassek. „Ich habe nur eine Sorge: Es könnte das Urteil vielleicht zurückgenommen werden“. Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schaffot geführt. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller, dann Hermann Lange, dann Johannes Prassek und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink.

Bbr. Eduard Müller –
beliebter Seelsorger

Eduard Müller, geboren am 20. August 1911 in Neumünster, kam aus armen Verhältnissen. Der Vater hatte die Familie mit sieben Kindern früh verlassen, die Mutter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Müller lernte Tischler, war in der katholischen Jugendbewegung aktiv und wäre gerne Priester geworden. Der Neumünsteraner Kaplan und Bundesbruder Dr. Bernhard Schräder (später Weihbischof in Schwerin) förderte ihn und besorgte Geldgeber für seine Schulbildung. 1936 legte Bbr. Müller sein Abitur am Spätberufenen-Kolleg in Bad Driburg ab und nahm in Münster das Studium der Theologie auf.

Nach der Priesterweihe 1940 wurde er Adjunkt in der Lübecker Herz-Jesu Gemeinde, wo er von Pfarrer Dr. Msgr. Albert Bültel, ebenfalls Bundesbruder und pastor primarius in Lübeck, sehr gefördert wurde. Müller war besonders bei der Jugend und bei den einfachen Leuten beliebt. Er legte Hand an, wenn ein Handwerker gebraucht wurde. Der junge Priester hatte keine politischen Ambitionen. Er war sich aber im klaren, dass Nationalsozialismus und Christentum unvereinbar waren. 

Wie bei Bbr. Johannes Prassek konnte ihm die Anklage keine öffentliche Kritik an der NS-Herrschaft vorwerfen. Trotzdem wurde er am 22. Juni 1942 festgenommen und zum Tode verurteilt. Nach der Urteilsverkündigung schrieb er: „So habe ich die Erwartung und Hoffnung, dass ich in keinem Stück werde zuschanden werden, sondern dass in allem Freimut, wie immer, auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werde, sei es durch Leben, sei es durch Tod. Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn.“




Veröffentlicht am: 16:07:30 11.11.2005
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