ESSEN, 17. Dezember 2008. Ein festlicher Tag war es in Bonn: Beim Vereinsfest Maria Immaculata am 6. Dezember 1998 wurde S.E. Dr. Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka, die Ehrenmitgliedschaft im UNITAS-Verband zuerkannt. Wenige Tage vor dem 50. Jahrestag der Verkündung der Menschenrechte würdigte die UNITAS damals mit einem Festakt im Collegium Albertinum die Verdienste des engagierten Oberhirten aus Bosnien-Herzegowina für seinen unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit und Frieden. Bischof Komarica hatte auch über die UNITAS Ruhrania zum Verband gefunden.


Der UNITAS-Verband schätze sich glücklich, dass er den Antrag angenommen und ihm die Ehre erwiesen habe, Ehrenmitglied des UV zu sein, stellte der damalige Vorsitzende des Altherrenbundes, Günther Ganz, bei der Festveranstaltung das eigentliche Gewicht der höchsten Auszeichnung des Verbandes heraus. In Anwesenheit des Botschafters von Kroatien, Prof. Dr. Zoran Jasic, des Botschafters von Bosnien-Herzegowina, Magister Anton Balkowic, sowie weiterer Kultur- und Militärattachés der Länder erinnerte Bbr. Ganz an den Wahlspruch des Bischofs „Der Herr ist meine Stärke und mein Lied“ aus dem 118. Psalm. Es sei das „Wissen um den Beistand Gottes auch in größter Not, das gläubigen Menschen Kraft gibt, allen Schrecknissen unserer Zeit zu widerstehen und durch mutiges und besonnenes Verhalten anderen Menschen Vorbild und Beispiel zu geben“, unterstrich Ganz in seiner Laudatio vor rund 120 Bundesbrüdern, -schwestern und Gästen im großen Saal des Collegium Albertinum. Die vom amtierenden Vorortspräsident Johannes Schmitz (Aachen) überreichte Ernennungsurkunde würdigte Bischof Komaricas „beispielhaftes Eintreten für die Achtung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen ungeachtet seiner Religions- oder Volkszugehörigkeit, sein unbeugsames Ausharren als Oberhirte seiner Diözese in den Zeiten der Bedrängnis, Unterdrückung und Verfolgung, seinen mutigen und besonnenen Einsatz zur Verhinderung des Ausbruchs größerer kriegerischer Zusammenstöße in seiner Heimat und seinen unermüdlichen Kampf für die ethnische Aussöhnung in Bosnien-Herzegowina.“ Tief bewegt nahm Bischof Komarica die Urkunde als neuer Bundesbruder entgegen. 


Bischof Komarica - ein mutiger Christ


Bischof Dr. Komarica, 1946 in Banja Luka geboren, studierte im österreichischen Innsbruck Theologie und Kirchenmusik, promovierte 1978 im Fach Liturgiewissenschaften und lehrte bis 1986 an der Theologischen Hochschule in Sarajevo. 1985 wurde er Weihbischof in Banja Luka, 1989 Bischof - in einem damals noch multikulturellen und multiethnischen Gebiet. Komarica nutzte die Möglichkeiten seines Amtes seit den ersten Auflösungserscheinungen des kommunistisch regierten, noch gemeinsamen Staates der Serben, Bosnier und Kroaten, leitete viele Initiativen für eine lebendigere Kirche in seinem Bistum ein.
Als Vertreter der römisch-katholischen Kirche im ehemaligen Jugoslawien war er lange Zeit das jüngste Mitglied der Bischofskonferenz in Rom. Seit 1992 Mitglied des Päpstlichen Rates für den Dialog der Kirchen, setzte er sich immer für ein gutes Verhältnis zu den anderen Konfessionen seines Landes ein. 


1992-1995, während des Krieges in Bosnien-Herzegowina, kamen 80 Prozent des Bistums Banja Luka (Bild unten: Bischofskathedrale) unter die Kontrolle der bosnischen Serben, die mit „ethnischen Säuberungen“ ein Regime der Unterdrückung und Vertreibung errichteten. In dieser Zeit wurde Bischof Dr. Komarica zum mutigen Streiter für die Menschenrechte und die Würde jedes Menschen, rettete durch besonnene Verhandlungen und Appelle unzähligen Menschen, Katholiken, Orthodoxen und Moslems, das Leben. Dem Druck der serbischen Behörden beugte er sich nicht. Auch der zynischen Aufforderung, die Stadt „um seiner Sicherheit willen“ zu verlassen, folgte er nicht. Von Mai bis Dezember 1995 unter Hausarrest gestellt, machte Bischof Komarica durch Appelle weltweit auf die brutale Verletzung der Menschenrechte und auf die materielle Not in seinem Land aufmerksam und suchte die politisch Verantwortlichen der Welt mit Briefen und Denkschriften aufzurütteln. Der Balkankrieg war für die Region Banja Luka verheerend: 25.000 Katholiken fielen den serbischen Aggressoren zum Opfer. Sie wurden aus ihren Häusern getrieben, misshandelt und ermordet. Gleichzeitig wurden 98 Prozent der Kirchen und Klöster zerstört, Priester und Ordensleute mussten fliehen oder wurden umgebracht. Bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Dayton warnte er die Verantwortlichen vor neuen Ungerechtigkeiten, die das Abkommen mit sich bringe.

 

Friedensstreiter Gottes


Bereits im Mai 1997 war Bischof Komarica mit dem Heinrich-Pesch-Preis ausgezeichnet worden.
Bei der Übergabe des Hans-Pesch-Preises äußerte der Vorsitzende des nach dem Jesuiten, Sozialethiker und Unitarier benannten Preises, Bbr. Professor Lothar Roos (Bonn): „Sie haben angesichts der unermesslichen Leiden, die Sie persönlich, die ihnen anvertrauten Gläubigen und viele andere der auf dem Gebiet Ihrer Diözese lebenden Menschen durch die zurückliegenden kriegerischen Ereignisse erdulden mussten, das Beispiel eines wahrhaft guten Hirten gegeben. Sie haben durch ihr Ausharren, Ihre sozial-karitative Tätigkeit gegenüber den Notleidenden ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit und Religion und durch ihr Eintreten für die Würde und Rechte aller Menschen, öffentlich kundgemacht, wofür die Soziallehre der Kirche steht.“

 

Der Bischof bekannte sich auch in Essen öffentlich zur UNITAS und bekundete sein Interesse für die Geschichte und Prinzipien des Verbandes: Bei einer gemeinsamen Veranstaltung von UNITAS Ruhrania und Junger Union, Stadtbezirk Ruhrhalbinsel, hatte er am 29. Oktober 1997 nach einer gemeinsamen Messe einen Vortrag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Unterkirche von St. Gertrud gehalten. Das christliche Abendland verrate seine Wurzeln, erklärte er damals, wenn statt Prinzipien nur Interessen die Politik bestimmten. „Europa ist sehr herzkrank“, so Bischof Komarica. Die Lage in Bosnien-Herzegowina bleibe ein Krebsgeschwür des Kontinents, eine „furchtbare Tragödie und die größte Schande seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Im „Haus Europa“ dürfe seine Heimat nicht „wie ein Abstellraum“ behandelt werden. Nach dem Vortrag hatten ihm die Bundesbrüder der UNITAS Ruhrania bei einem Abendessen im Restaurant "Herzegowina" die Ehrenmitgliedschaft angetragen. Komarica unterstrich seinerzeit: „Die UNITAS ist eine großartige Idee. Es ist schade, dass sie sich noch nicht bei uns entwickelt hat. Haltet an ihr fest, füllt sie mit Leben!“


Europa braucht ein Fundament


Bischof Komarica zeigte sich in Bonn bei der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft sehr bewegt: „Wir sind hier aus vielen Völkern Europas. Und wir fühlen uns dem Prinzip der Solidarität verpflichtet.“ Es bedeute gemeinsames Füreinander-Einstehen, das Gefühl einer inneren Zugehörigkeit vieler untereinander und werde in der Form der christlichen Nächstenliebe am konkretesten. „Solidarität begegnet uns in Christus in ihrer vollkommensten Form“, erklärte er und erinnerte zugleich daran, dass Christsein sich auch darin zeige, ob man gewillt sei, Opfer zu bringen. Der Kontinent Europa, in dem seine dezimierten Landsleute um das „Recht auf Heimat“ kämpften, brauche insgesamt diese christlich verstandene Solidarität, um nicht den zerstörerischen Kräften ausgeliefert zu werden. Mit einer gewissen Skepsis fragte er: „Quo vadis, Europa?“ Wohin Europa steuere, welchen Weg es einschlage, hänge entscheidend von den großen Völkern ab. Europa erwarte die neue Besinnung auf verbindende Grundlagen und Werte. Ohne sie bleibe Europa eine Utopie. Von den kleinsten Gemeinschaften, aus den Familien und Vereinen, sei die „Hoffnung Europa“ aufzubauen. „Sind wir gerüstet für unseren Einsatz auf der Baustelle Europa und für die Arbeit im Weinberg des Herrn?“

 

Gerade die UNITAS-Mitglieder seien mit ihren Prinzipien herausgefordert, sich an den geistigen Auseinandersetzungen um das Fundament Europas aktiv zu beteiligen. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten müsse die UNITAS kraftvoll und optimistisch nach ihren Möglichkeiten wirken. „Auch eine kleine Gruppe überzeugter Christen kann viel erreichen“, meinte er mit Verweis auf den Burscheneid. Unitarier seien zu gesellschaftlicher Einflussnahme berufen und dürften sich im vielstimmigen Konzert der Meinungsmacher und Entscheidungsträger nicht verstecken. Sie seien die entscheidenden, betonte Bischof Komarica. „Diesen Tag werde ich nie vergessen“, versicherte das neue Ehrenmitglied seinerzeit. Er fühle sich unter „echten Bundesbrüdern“. Wann immer Bundesbrüder seine Heimat in der heutigen „Serbischen Republik Bosnien“ besuchten, seien sie herzlich in seinem Bischofshaus eingeladen. 

 

Bischof Franjo Komarica, den die Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europa-Parlament mit der Robert-Schuman-Medaille ehrte, ist seit 2002 Präsident der Bosnisch-Herzegowinschen Bischofskonferenz. Im selben Jahr wurde ihm die Auszeichnung der Coudenhove-Kalergi-Stiftung verliehen, 2005 wurde ihm der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis (s.Bild) zuerkannt, 2006 der Aschaffenburger Mutigpreis. In einem Interview mit Radio Vatikan rief er Anfang August 2008 überraschend zum Gebet für den als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic auf. Der frühere Führer der bosnischen Serben, für den bald in Den Haag ein Prozess beginnt, sei eigentlich ein „armer Mann“ und nur ein Rädchen in einer Tötungs- und Vertreibungs-Maschinerie gewesen, erklärte er. Was verbrecherisch und unmenschlich war, müsse man verurteilen – das sei die Sünde -, aber den Sünder müsse man retten, für die Sünder müsse man beten. Für besorgniserregend halte er, dass noch immer viele Verbrecher frei, viele Mörder auch in den einflussreichen, gesellschaftlichen und politischen Funktionen seien. „Wir wollen kämpfen für eine bessere Zukunft – gerade, weil wir erlebt haben, wie wenig einfach das menschliche Leben gilt, wollen wir uns einsetzen für das Gedeihen des Lebens.“

 

Nach dem den abgeschlossenen Wiederaufbau eines großen Kinderheims des auch im Bistum Essen vertretenen Ordens der „Dienerinnen vom Kinde Jesu“ (Kroatische Gemeinde in Borbeck-Vogelheim) in Sarajewo hatte der UNITAS-Verband Bbr. Franjo Komarica mit einem weiteren Sozialen Verbandsprojekt unterstützt. Ab 2003 wurde ein ehemaliges Presbyterium in Prijedor, Diözese Banja Luka/Bosnien-Herzegovina, mit 112.000 Euro zu einem Internat für 20 Schüler aus entfernten Bergregionen umgebaut.

 

Vgl. weitere Meldungen:

09.05.1997: Heinrich-Pesch-Preis an Bischof Komarica
29.10.1997: Bischof Komarica: Der Friede muss ein Werk der Gerechtigkeit sein
06.12.1998: Bischof Dr. Franjo Komarica - unser neues Ehrenmitglied

Köpfe und Charaktere aus Verein und Region
Persönlichkeiten aus dem UNITAS-Verband




Veröffentlicht am: 22:32:21 17.12.2008
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse