Historiae ecclesiasticae peritus –
Zum 100. Geburtstag von Bbr. Hugo Rahner SJ
von Dr. Wolfgang Burr

„...die Schatten des Abends, die uns das ewige Licht ankündigen, sind doch noch nicht die Nacht, in der niemand mehr wirken kann, sondern gehören noch zum Tag, an dem wir unverdrossen, wenn auch mühselig, weiterwirken sollen. Du hast noch einiges vor. Laß nicht ab. Mach weiter...“.1

Mit diesen Worten zum 65. Geburtstag munterte Karl Rahner seinen von schwerer Krankheit bereits gezeichneten Bruder Hugo auf. Wenige Jahre später verstarb der bekannte Theologe und Historiker Hugo Rahner, der „trotz der ungeheuren Arbeitslast der immer hilfreich-verstehende, seine erübrigte Zeit an die Menschenbrüder verschenkende Priester und Ordensmann geblieben ist“2. Für uns Unitarier war er immer ein hilfreich verstehender Bundesbruder, für uns blieb er immer „der einfache schlichte Bundesbruder, der im Kreis der Altherrenschaft und Aktivitas gütig und friedvoll entstandene Schwierigkeiten löste und neue Wege aufzeigte.“3

Geboren wurde Hugo Rahner am 3. Mai 1900 in Pfullendorf in Baden als drittes von sieben Kindern des Mittelschulprofessors Karl Rahner.4 Das Geschlecht der Rahner leitet sich aus Tirol her. Das Realgymnasium besuchte Hugo Rahner in Freiburg im Breisgau bis zur Mittelschulreife und wurde dann als Einjähriger sofort zum Militär eingezogen. In Flandern überstand er die furchtbaren Materialschlachten des Ersten Weltkriegs und erlebte dort auch die ersten Panzerangriffe der Kriegsgeschichte.

Aus dem Felde kehrte er, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, 1918 heim und trat am 11. Januar 1919 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Feldkirch ein. Seine philosophischen Studien absolvierte er in Valkenburg (Holland) und in Innsbruck. 1923 bis 1926 war Hugo Rahner Präfekt am Jesuitenkolleg, der „Stella Matutina“ zu Feldkirch. Zum Studium der Theologie bezog er die Universität Innsbruck, wo er 1931 zum Doktor der Theologie promoviert wurde. Anschließend studierte er an der Universität Bonn Geschichte, u.a. bei dem großen Historiker Wilhelm Levison, und erwarb in Bonn den Doktor der Philosophie. Zurückgekehrt nach Innsbruck habilitierte er sich 1935 für Kirchengeschichte und Patrologie und wurde noch im gleichen Jahr zum Privatdozenten ernannt.

Während seiner Studienjahre in Bonn war der junge Doktor der Theologie mit dem Professor für Kirchengeschichte, Bbr. Prof. Wilhelm Neuß bekannt geworden. Damit kannte er auch die UNITAS, zu deren Vereine in Bonn er Kontakt hatte. Als älterer, hochdekorierter Kriegsteilnehmer mit bereits abgeschlossenem Studium war eine Aktivenzeit bei einer Verbindung für ihn nicht angesagt. Überliefert ist allerdings durch das Gästebuch der UNITAS-Rhenania ein Besuch von Hugo Rahner gemeinsam mit Wilhelm Neuß und dem damaligen Ehrensenior der Rhenania, Religionslehrer Hermann Joseph Stumpe, anläßlich einer WS auf dem Rhenanenhaus im SS 1934.

Am 1. Oktober 1937 übernahm Hugo Rahner als Professor für Kirchengeschichte, Patrologie und Dogmengeschichte als Nachfolger von Bbr. Prof. Dr. Franz Pangerl SJ die Lehrkanzel an der Universität Innsbruck. In diese Zeit fällt die Entstehung der vieldiskutierten, letztlich verkannten „Verkündigungstehologie“. Sie war aus dogmatischen Vorlesungen entstanden, die Bbr. Rahner auf einem von Kardinal Innitzer für Pfarrer und Kapläne veranstalteten Ferienkurs entwickelt hatte.5

Gleichzeitig mit der Übernahme der Lehrkanzel von Bbr. Pangerl trat er dessen Nachfolge als Ehrensenior der beiden UNITAS-Vereine in Innsbruck an. Bereits am 17. Februar 1937 war Hugo Rahner als Alter Herr in die UNITAS-Norica aufgenommen worden. Er selbst berichtete über die Übernahme des Amtes des Ehrenseniors später: „Zur UNITAS kam ich dadurch, daß ich nicht nur im akademischen Amt, sondern auch in der engen Beziehung zur UNITAS das Erbe meines Vorgängers auf dem Lehrstuhl der Kirchengeschichte, P. Pangerl´s antrat. Dieser hatte in seiner großen Liebe zur UNITAS mir die Sorge um die kleine Schar in seinen letzten Tagen anempfohlen.6 So konnte ich noch im März 1938 bei der Auflösung und Besetzung der lieben, kleinen Bude der UNITAS im Jesuitenkolleg retten, was noch zu retten war“.7 Von dem total zerstampften, von Bbr. Walter Kuen8 geschnitzten Kruzifix konnte er noch einen Arm finden, den er mit in sein Exil nach Sitten in der Schweiz mitnahm. Nach dem Krieg wurde dieser Arm wieder in das neue Kreuz für das UNITAS-Zimmer eingearbeitet. Es war für Bbr. Hugo Rahner, aber auch für die Unitarier in Innsbruck selbstverständlich, daß er am 26. Juni 1954 die Festrede bei der Wiederbegründungsfeier der UNITAS-Greifenstein hielt.

Mit der Aufhebung der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck im Juli 1938 wurde Bbr. Hugo Rahner seines Amtes enthoben. Als auch das internationale Theologenkonvikt Canisianum in Innsbruck, an dem Bbr. Rahner lehrte, besetzt und geschlossen wurde, beschloß er mit der halben Fakultät den Gang ins Exil. Noch 1938 nahm er einen Ruf an die Päpstliche Theologische Fakultät „Canisianum“ in Sitten, Kanton Wallis (Schweiz) an. Dort dozierte er unter dürftigen Umständen weit über sein Fachgebiet hinaus und dort veröffentlichte er das mutige Buch „Abendländische Kirchenfreiheit“, für das ihm die Universität Innsbruck 1968 die Ehrendoktorwürde verlieh.

In diesen Exilsjahren nahm er auch an den „Eranos“-Tagungen teil. Mehrmals traf er dort Hermann Hesse und Carl Gustav Jung. Herausragender Ausdruck seiner Forschungen über Symboltheologie und seines Engagements in Ascona wurde die kleine, zu Recht vielbeachtete Veröffentlichung „Der spielende Mensch“.9 In dem vorwiegend französischen Milieu seines Exils hatte er sich bald akklimatisiert und in außerordentlichem Maße die Sympathien der Sittener Bevölkerung gewonnen.10

Gleich nach Kriegsende stellte sich Bbr. Rahner in den Dienst des Wiederaufbaus der Theologischen Fakultät Innsbruck. Dank seiner guten Verbindungen zur französischen Besatzungsmacht konnte er bereits in der ersten Oktoberwoche 1945 die Eröffnung der Theologischen Fakultät erreichen, nahm dort seine Lehrtätigkeit wieder auf und wurde 1945/46 der erster Nachkriegsdekan. Für das akademische Studienjahr 1949/50 wähle ihn der Senat der Leopold-Franzens-Universität zum Rektor; gleichzeitig übernahm er für sechs Jahr das Rektorat des Canisianums. 1953/54 übernahm er nochmals das Amt des Dekans der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Seine Inaugurationsrede als Rektor Magnificus wurde 1949 als „ein großes Ereignis der geistigen Welt Tirols“ bezeichnet.11

Bbr. Rahner war ein ungeheuer fleißiger und fruchtbarer Wissenschaftler. In der Festschrift zu seinem 60.Geburtstag 1960 zählt nach dreißig Jahren intensiver Arbeit das Verzeichnis seiner Arbeiten bereits 709 Titel auf. Mittelpunkt und Ausgangspunkt seines Denkens und Lehrens waren vor allem die Kirchenväter – so nehmen in seinem Gesamtwerk seine Patristischen Studien die zentrale Stellung ein, und die Studien über seinen Ordensvater, den heiligen Ignatius von Loyola. Von schwerer körperlicher Krankheit heimgesucht hat Bbr. Hugo Rahner „doch der staunenden Mitwelt innerhalb eines Jahres 1964 gleichsam als Summa seines Denkens zwei umfangreiche Bände vorgelegt, beide von klassischer Schönheit der Sprache und tiefgründigem Gehalt: „Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter“ und „Ignatius von Loyola als Mensch und Theologe“.12

In den fünfziger Jahren war Bbr. Hugo Rahner gefeierter Katholikentagsredner. Unvergessen ist seine Rede auf dem Katholikentag 1952 in Wien. Noch heute passen seine Worte vom Katholikentag 1956 in Köln: „ Wir müssen es lernen die Kirche zu ertragen wie Kinder, die wissend geworden sind und hinter die Schwächen ihrer Eltern kommen. Dazu brauchen wir freilich keine halbstarken Lehren von Menschen, die über die religiöse Pubertät nie hinausgewachsen sind“.

Bbr. Hugo Rahner war ein gesuchter Exerzitienmeister und Beichtvater; über Jahre war er Hauskaplan und Beichtvater des Althochmeisters des Deutschen Ordens, Erzherzog Eugen von Habsburg, dem er über Jahre in dessen Hauskapelle in Igls die Sonntagsmesse las. Zahlreich waren die Ehrungen, die diesem bescheidenen Bundesbruder zuteil wurden. So wurde ihm das Ehrenzeichen des Landes Tirol „für den weit über die Grenzen Österreichs bekannten Gelehrten, für einen der bedeutendsten Kirchenhistoriker unserer Zeit und einen der hervorragendsten Kanzelredner Tirols“ verliehen; am 23. November 1955 erhielt er das Großes silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und zu seinem 68 Geburtstag verlieh im die Universität Innsbruck den Ehrendoktor der Staatswissenschaften. In dem Ehrendiplom wurde er bezeichnet als Historiae ecclesiasticae peritus, qui etiam rerum politicarum disciplinam eiusque historiam egregie auxit. Mehrfach schlug er einen ehrenvollen Ruf an die Jesuitenuniversität „Gregoriana“ in Rom aus.

Ende der fünfziger Jahre ereilte ihn eine unheilbare tückische Krankheit (Parkinson). 1962 kam es zu einem ersten Schlaganfall, in dessen Folgen er seine Lehrtätigkeit aufgeben mußte.13 Seine wissenschaftlichen Arbeiten und Veröffentlichungen führte er trotz stets wachsender Krankheit weiter. Am 21. Dezember 1968, am Vorabend des vierten Adventsonntags starb Bbr. Hugo Rahner in München, wohin er sich zu dauernder ärztlicher Betreuung begeben hatte. Auf dem Friedhof des Berchmannkollegs in Pullach fand er seine letzte Ruhestätte.

Anmerkungen:

1 Karl Rahner, Ein brüderlicher Geburtstagsbrief, in: „Gemeinsame Arbeit in brüderlicher Liebe, hrsg. von Abraham Peter Kustermann und Karl H. Neufeld, Stuttgart 1993, S. 69ff (73).
2 Bbr. Franz K. Mayr, Hugo Rahner zu seinem 65. Geburtstag, in: Volksbote 1. Mai 1965 und UNITAS 9/1965, S. 185f.
3 Bbr. Franz Xaver Schredt, P. Hugo Rahner S.J. – Mensch und Gelehrter!, in: UNITAS 5/60, S. 95.
4 Besonders danke ich Bbr. Karl Nemeth, der mit die Akten aus dem Archiv der UNITAS in Österreich zugänglich gemacht hat.
5 Andreas R. Battlogg, Rahners Bruder?, in: Kirche präsent 23.12.1993, S. 51f.
6 Bbr. Prof. Pangel SJ war am 12.01.1937 in Innsbruck verstorben; s. U-H, Bd.I, S. 352.
7 S. Franz Xaver Schredt, in: UNITAS 5/1960, S. 95f.
8 Z. Bbr. Kuen s. U-H, Bd.II, S. 280.
9 Battlogg, a.a.O., S.51. Weitere Veröffentlichungen jener Jahre waren: Eine Theologie der Verkündigung, Freiburg 1939; Abendländische Kirchenfreiheit, Einsiedeln 1942; Mater Ecclesia, Einsiedeln 1943; Griechische Mythen in christlicher Deutung, Zürich 1945, in dem er die Eranos-Reden in Ascona zusammenfaßte.
10 P. Franz Xaver Walker SJ, in: Stella matutina Nr. 106, Mai 1969.
11 Tiroler Tageszeitung (TT) vom 03.05.1960.
12 s.o. Bbr.Mayr a.a.O.
13 TT vom 23.12.1968.
 




Veröffentlicht am: 18:07:42 03.05.2000
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