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Neues Bild aufgefunden:
Bbr. Johannes Prassek als Chargierter

Bbr. Johannes Prassek als Chargierter, aus dem Besitz von Dr. Peter Thoemmes, Lübeck.LÜBECK / ESSEN. Über ein neues Bild von Bbr. Johannes Prassek freuen sich die Aktiven der UNITAS Ruhrania: Es zeigt den 1943 in Hamburg von den Nazis hingerichteten Bundesbruder in der typischen Kleidung als verantwortlicher Amtsträger seines Studentenvereins. Bbr. Johannes Prassek wird am 25. Juni 2011 gemeinsam mit Bbr. Eduard Müller und Hermann Lange in Lübeck seliggesprochen. Mit dem evangelischen Pastor Karl Stellbrink gelten die vier als die „Lübecker Märtyrer“.
 
„Daran, dass sich ein weiteres Foto aus seiner Studentenzeit finden würde, hätten wir nicht im Traum gedacht. Es ist ein wunderbarer Glücksfall“, so die heute in Essen ansässigen „Ruhranen“.
Gestern hatte der Verein die die aus den frühen 1930-er Jahren stammende Ablichtung durch den Historiker Bbr. Lambert Stamer (UNITAS Cheruskia Gießen) aus Wetzlar erhalten. Er wiederum bekam die Scan-Version eines Originals aus dem Besitz von Dr. Martin Thoemmes aus Lübeck zur Verfügung gestellt, dem wir an dieser Stelle ausdrücklich danken. Die Aufnahme wird neben den bereits dort bestehenden Erinnerungen an unseren Bundesbruder einen besonderen Platz im Conventsaal des Vereins in Essen-Borbeck finden. 

Dargestellt ist Johannes Prassek in der traditionellen, aus der Husarenjacke entstandenen Pekesche, er trägt die üblicherweise in den Verbandsfarben blau-weiß-gold gehaltene Schärpe, den Glockenschläger und das mit Weinlaub bestickte Cerevis. Da der eingestickte Zirkel mit den Vereinsinitialen nicht erkennbar ist, lässt sich allerdings nicht entscheiden, ob die Abbildung während Johannes Prasseks Zeit in Münster oder schon zuvor in Frankfurt entstanden ist. Dort hatte sich der 20-Jährige während seines Studiums an der Jesuiten-Hochschule in St. Georgen 1931 zunächst der 1917 gegründeten UNITAS Rheno-Meonania angeschlossen, bevor er zur UNITAS Ruhrania wechselte und in Münster eine Bude an der Hammer Straße bezog.

Seiner Unitas eng verbunden

Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek, am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboren, ist als Haupt der drei katholischen Martyrerpriester und der festgenommenen Laien der Lübecker Herz-Jesu-Pfarrei wohl der bekannteste Martyrer des UNITAS-Verbandes. Mit zwei Geschwistern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hatte er am Hamburger Johanneum 1931 das Abitur abgelegt. Nach seinen Semestern in Frankfurt am Main wechselte er 1933 nach Münster, wo er sich dem W.K.St.V. UNITAS-Ruhrania anschloss und 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück. Mit seinen Münsteraner Bundesbrüdern blieb er auch in der dort für ihn schwierigen Zeit im Kontakt: 1936 feierte „Knirps“, wie ihn seine Bundesbrüder tauften, das 25. Stiftungsfest seiner Münsteraner Ruhrania in der Ratsschenke mit. Ein Bild der Aktivitas zeigt ihn dort unter seinen Bundesbrüdern (ganz links außen). Ebenfalls auf dem Bild ist Bbr. Eduard Müller zu sehen, mit dem Prassek später in Lübeck gemeinsam tätig werden sollte.


25. Stiftungsfest in der Ratsschänke in Münster 1936 mit den BbrBbr. Prassek und Müller (aus: Geschichte der UNITAS Ruhrania 1911-1938, verfasst von Bbr. Dr. Bernhard Meinersmann aus Warendorf, in mehreren Ausgaben ab 1952 in der Verbandszeitschrift erschienen (8/52, 5/53, 2/54, 7/62 und 1/63).


Lebensstationen: Portraits von Bbr. PrassekNach seiner Priesterweihe am 13. März 1937 im Dom zu Osnabrück trat Bbr. Prassek seine erste Stelle als Vikar im mecklenburgischen Wittenburg an, wurde 1939 schließlich Vikar an der Lübecker Propsteiparrei Herz-Jesu und dort ein Jahr später zum ersten Kaplan ernannt. Auffallend waren seine ungewohnt hohe und hagere Gestalt, sein sonorer Bass, sein Humor und seine Freundlichkeit. Er war schnell ungewöhnlich beliebt und seelsorglich erfolgreich. Aber die beeindruckenden Sonntagspredigten zogen nicht nur zahlreiche Gläubige, sondern auch Gestapo-Spitzel an.

Spitzel lieferten ihn ans Messer

1941 lieferte einer der Spitzel den 30-Jährigen ans Messer: Noch zwei Wochen vor seiner Verhaftung war Prassek wegen seines selbstlosen Einsatzes während der Lübecker Bombennacht „im Namen des Führers“ das Luftschutz-Ehrenabzeichen verliehen worden, doch am 18. Mai 1942 wurde er in das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes (heute Museum Burgkloster) gebracht. Trotz der harten Haftzeit und der Aussicht auf die eigene Hinrichtung verlor Bundesbruder Johannes Prassek nicht seine Glaubensgewissheit, auch nicht die seine Mitgefangenen und die außerhalb der Gefängnismauern um ihn zitternden Freunde tröstende heitere Warmherzigkeit. Gegen den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung keine seiner regimekritischen Äußerungen ab. 

Die Anklage: Hetze gegen den NS-Staat

Der am 22./23. April geführte Prozess gegen Bbr. Johannes Prassek, Bbr. Adjunkt Eduard Müller (* 20.8. 1911 in Neumünster), Vikar Hermann Lange (* 16.4. 1912 zu Leer in Ostfriesland) und Pastor Karl Friedrich Stellbrink dauerte kaum zwei Tage. In der Anklage gegen die gemeinsam an der Lübecker Herz-Jesu-Kirche in der Seelsorge tätigen drei katholischen Geistlichen hieß es: „Ihnen ist zur Last gelegt, seit 1940 oder Anfang 1941 ständig deutschsprachige Sendungen des feindlichen Rundfunks abgehört und verbreitet und dadurch die Feindpropaganda gefördert zu haben. Sie haben ferner seit Frühjahr oder Sommer 1941 auf Anordnung Ihrer vorgesetzten Kirchenbehörde regelmäßig Gruppenabende veranstaltet, die der religiösen Vertiefung der Teilnehmer dienen sollten und zu denen sich auf Einladung durch die Angeklagten überwiegend junge Männer einfanden, die zum Teil der Wehrmacht angehörten und die weitere Gäste einführten; sie sind weiter beschuldigt, auf diesen Gruppenabenden durch Hetze gegen den nationalsozialistischen Staat, und zwar auch durch Verteilung von Schriften, dem Kriegsfeind Vorschub geleistet und Vorbereitung zum Hochverrat begangen zu haben.“ 

„Unbelehrbare Hasser des
nationalsozialistischen Staates“


Das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen ... Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“ 

Das Urteil: Tod durch Enthauptung

Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schafott geführt und durch das Fallbeil hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller, dann Hermann Lange, dann Johannes Prassek und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (Bilder links). Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert. Die sterblichen Überreste unserer Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller sind verschwunden.

Im November 2004 entdeckte der Lübecker Historiker Prof. Dr. Peter Voswinckel eine ganze Reihe von Märtyrer-Dokumenten im Berliner Bundesarchiv, die nach dem Krieg in Archiven der DDR gelandet waren – darunter auch die Jahrzehnte lang als verschollen oder vernichtet gegoltenen Abschiedsbriefe von Prassek, Lange und Stellbrink. Der Volksgerichtshof hatte ihre Auslieferung verboten. Grund waren die Bekenntnisse der Zuversicht, ja der Freude der Geistlichen vor ihrem Tod. „Mit diesen Bemerkungen haben die Verurteilten offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sie sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine gute Sache eingesetzt und ihr Leben als Märtyrer eingesetzt hätten“ - so der Volksgerichtshof.

Neue Publikation vor Veröffentlichung

Das nun aufgefundene Bild von Bbr. Johannes Prassek aus seiner Studentenzeit wird auch in einer neuen Publikation erscheinen, auf die man sicher sehr gespannt sein darf: Für Anfang Oktober wird die Veröffentlichung „Geführte Wege. Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild“ (Butzon & Bercker, 240 S.,mit 230 teils farbigen Abb. und einem Nachwort von Erzbischof Thissen) von Peter Voswinckel erwartet. Der Autor zeichnet mit seinem Buch den Werdegang der vier Geistlichen nach und erläutert die Bedeutung ihres gemeinschaftlichen Widerstands nach. Das Buch wird erstmals am Dienstag, 28. September 2010, um 20:00 Uhr bei einer bereits ausverkauften Literaturveranstaltung in der Buchhandlung Weiland, Königstraße 67a in Lübeck vorgestellt. Einführende Worte spricht Dr. Werner Thissen, Erzbischof von Hamburg.

Bundesbruder Eduard Müller stellt der Aufsatz von Peter Möhring „Eduard Müller (1911 bis 1943) – ein Opfer der NS-Diktatur aus dem Studienheim St. Klemens in Bad Driburg“ vor (in: Jahrbuch Kreis Höxter 2010, Seiten 192-207).

In einer Stellungnahme zur Ankündigung der Seligsprechung hatte Vorortspräsident Bbr. Sebastian Sasse (UNITAS Ruhrania) das besondere Vorbild der Märtyrer herausgestellt. Gemeinsam mit Bbr. Pfr. Georg Häfner, der im Mai 2011 ebenfalls seliggesprochen wird, nähmen sie den UNITAS-Verband auch heute neu in die Pflicht.


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„Zeugen für Christus“. Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von Bbr. Lambert Klinke M.A. mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, aus: unitas 2/2000




Veröffentlicht am: 16:17:23 24.09.2010
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