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Blick in die Corona bei der Morgensitzung zum Vereinsfest im Essener Unitas-Haus

Pater Dr. Johannes Römelt CSsR:
„Die ganze Wahrheit aufdecken“

Engagierter Vortrag zum Thema „Sexueller Missbrauch"

ESSEN-BORBECK. „Wir müssen uns in der Kirche den Tatsachen stellen!“ Mit dieser Feststellung stimmte Pater Dr. Johannes Römelt CSsR vom Jugendkloster der Redemptoristen in Bottrop-Kirchhellen am Sonntag auf das schwierigste kirchliche Schlagzeilenthema dieses Jahres ein. Und so viel steht - auch nach der Diskussion nach der Morgensitzung beim Vereinsfest Maria Immaculata - fest: Alle Fragen um den sexuellen Missbrauch in der Kirche werden diese noch lange begleiten.

„Natürlich gab es in der hohe Wellen produzierenden öffentlichen Debatte auch viele Verzerrungen“, erklärte der Regionalobere der Kölner Region der internationalen Ordensprovinz St. Clemens bei der Wissenschaftlichen Morgensitzung im Essener UNITAS-Haus. Vor allem im Hinblick darauf, dass die zwischen 80.000-120.000 geschätzten Fälle pro Jahr einen in allen Schichten verbreiteten Missbrauch gegen Minderjährige deutlich als ernstes gesamtgesellschaftliches Problem kennzeichneten.

Klima des Schweigens

Doch freimütig bekannte Pater Dr. Römelt, dass auch in zwei Einrichtung seines Ordens Missbrauchsvorfälle bekannt geworden sind. Und bewusst stellte er die beklemmende Schilderung eines ihm dadurch bekannt gewordenen Opferschicksals seinem Vortrag voraus. Es machte deutlich, in welchem Klima die Übergriffe vor vier Jahrzehnten ungesühnt blieben: Rigide Sexualmoral, eine Unkultur des Schweigens und fragwürdige Erziehungsmethoden gingen damals eine unheilvolle Allianz ein.

„Machen wir uns nichts vor: Hinter all dem steht auch ein völlig falsches Bild eines strafenden und rächenden Gottes“, so der auch in der Telefonberatung ausgebildete Seelsorger. Ängste, den kirchlichen Vorschriften nicht zu genügen, Versagensängste, eine unreife Sexualität, die Unmöglichkeit eines offenen Gesprächs, der perfide Missbrauch einer Vertrauensstellung bei Seelsorgern – all das führte für eines der leidtragenden Opfer in eine Negativspirale des jahreslangen Scheiterns und endloser Therapien. Und all dies sei nur ein öffentliches Thema: „Das ist das einzig Gute daran“, erklärte Pater Römelt. 

Als Mitglied des Arbeitsstabs des Bistums Essen zur Untersuc­hung von sexuellem Missbrauch berichtete der Pater nicht nur aus der Perspektive der Opfer. „Nach diesen wirklichen Verbrechen“, erklärte Römelt, „ist der sehr massive Vertrauensverlust für die ganze Kirche nur zu verständlich.“ Man müsse sich die Fragen gefallen lassen, wie das überhaupt geschehen konnte: „Wie konnte es sein, dass davon nichts nach außen drang, dass der Vorwurf der Vertuschung nicht von der Hand zu weisen ist? Gehen wir mit dem Problem tatsächlich aufrichtig um, bekennen wir wirklich zu unserer Verantwortung? Wie gehen wir mit den Opfern, aber auch mit den Tätern um? Was müssen wir also im Blick auf Struktur und Personal ändern?“

 

Die ganze Wahrheit aufdecken

Voraussetzungen für diese neuen Fragen seien ein anderes Umfeld, neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung zu pädophilen Dispositionen und zum Wesen des Missbrauchs gegen Minderjährige als Gewaltphänomen im Bereich der Intimität. Eine Antwort darauf habe die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2002 mit ersten Richtlinien gegeben, seit 2003 seien eigene Beauftragte in den Bistümern und Orden benannt worden. Das erste Ziel: Die Wahrheit aufzudecken. Maßnahmen sind danach Versetzungen in den Ruhestand, Zusammenarbeit mit der Polizei und die Unterrichtung der Öffentlichkeit. Die inzwischen überarbeiteten Richtlinien legten nun einen weiteren Schwerpunkt auf den Bereich der Prävention. Dazu gehörten Themen wie das Führungszeugnis für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, deren Auswahl und Ausbildung.

„Einen halben Schritt weiter“

„Ich habe den Eindruck, dass wir immerhin einen halben Schritt weiter sind“, erklärte Dr. Römelt. Die heftigen Reaktionen auf Versagen der Führung habe sehr viel ausgelöst. Und das offene Gespräch darüber sei bereits Teil des bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe angestoßenen Dialogs. Doch gehe es jetzt nicht darum, neue Papiere zu produzieren. „Ich bin nicht der Meinung, dass wir in fünf Jahren das Ergebnis eines großangelegter Dialogprozess wirklich haben“, zeigte er sich skeptisch. „Es ist aber eine wirklich spannende Situation für die Kirche bei uns im Land. Es sind totale Umbruchszeiten“, so sein Resümee. Nicht der Zölibat sei im Übrigen das Problem, wie von vielen als Grund für Übergriffe im Bereich der Kirche in die Diskussion geführt. Neu bedacht aber werden müsse, wie man eine Auffassung über die menschliche Sexualität neu vertreten könne, die in der Realität niemand mehr ernst nehme. „Da ist es vor allem gut, wieder neu über Ideale zu sprechen.“ Und Gespräche wie diese seien bereits ein wichtiger Teil des geforderten Dialogs.

Eine Frage, die unter anderem auch die vom Essener UNITAS-Zirkelvorsitzenden Bbr. Martin Gewiese geleitete Diskussion um Vorbilder aus der Praxis in Familie, Schule und Gemeinde wieder aufgriff. Mit herzlichem Dank für seine offene Stellungnahme sprach Bbr. Gewiese dem Referenten seinen Respekt aus und überreichte einen guten „Schlosstropfen.“ Vor allem die wackeren Zirkelmitgliedern, die sich trotz höchst unwirtlichen Wetterbedingungen bereits zur vorangegangenen Messe in St. Dionysius auf den Weg gemacht hatten, setzen die Debatten anschließend noch fort. Die um die Hamburg-, Frankfurt- und Düsseldorf-Fahrer dezimierte Aktivitas vertraten die von VOS und Consenior Stefan Slupina angeführten Bundesbrüder am Ort, verstärkt durch die Mitglieder der KStV Franziska Christine. Ihnen allen herzlichen Dank für die vielen adventlichen Vorbereitungen auf dem wieder einmal gastlichen Haus. 


PS: Für alle, die im Gästebuch nicht ganz vollständig unterzeichnen konnten -
hier noch mal ein Bild.

 




Veröffentlicht am: 18:19:52 05.12.2010
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