Heute: 100. Gründungstag der UNITAS-Ruhrania

Am 12. Januar 1911 tagte der erste Convent der Ruhrania in Münster
 

Donnerstag, 12. Januar 1911: Während in Berlin die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet wird, ein Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft, steigt der Norweger Roald Amundsen in der Antarktis von den Planken. Er will - und wird - als erster Mensch den Südpol erreichen. Doch an diesem Tag geschieht noch mehr: In diesen Stunden des 12. Januar 1911 sitzen im beschaulichen Münster Studenten bei einem Convent beisammen, um ebenfalls Neuland zu betreten. Sie fassen einen Entschluss …

 

Ein neuer Unitas-Verein entsteht

 

Sie sind gewillt, einen neuen UNITAS-Verein zu begründen - es wird der fünfte am Ort sein. Doch es ist kein einfacher Schritt: Sechs von ihnen gehören der Unitas-Sugambria an, die 1899 aus der Unitas-Frisia (1859) hervorgegangen war. Schon 1902 initiierten Sugamber die Gründung der Unitas-Winfridia, die Frisia zog 1904 mit der neuen Unitas-Burgundia nach. Jetzt soll der UNITAS-Baum an der Alma Mater Monasteriensis noch weiter verzweigt werden. Mit Einverständnis der Alten Herren fasst die Sugambria einen Beschluss: Sie wird die sechs Mitglieder ziehen lassen und die Neugründung unterstützen.

 

Bild rechts: Das Ur-Wappen vermerkt
das Gründungsdatum 12.1.1911


Der neue Verein heißt „Ruhrania“


In Frieden und Freundschaft scheiden sie aus ihrem alten Verein und bestimmen auf ihrem Gründungsconvent am Donnerstag, 12. Januar 1911: Der neue Unitas-Coetus soll den Namen „Ruhrania“ erhalten – im Andenken an den ersten Verein des Verbandes überhaupt. Ihn hatten Theologiestudenten aus dem späteren Ruhrgebiet 1847 an der Universität Bonn ins Leben gerufen. Aus ihm war die Unitas entstanden, als er sich 1855 umbenannte und die gültigen Prinzipien annahm. Erster Senior der Ruhrania wird cand. phil. Engelbert Schlömer aus Neurhede im Emsland, der sich vom Studium der Theologie der Altphilologie zugewandt hatte.

 

Nicht bei der Sugambria, aber bei den anderen Vereinen erheben sich gegen diese „M 5” große Widerstände. Sie müssen auf dem CC der münsterschen Vereine mit ihren Alten Herren überwunden werden. Unitas-Burgundia „dimittiert” ihren Burschen Franz Schöne, der ohne Genehmigung seine Korporation zur Ruhrania übergetreten war, Unitas-Winfridia macht Schwierigkeiten wegen ihres Mitgliedes Peter Becker, der sich ebenfalls entschlossen hatte, Ruhrane zu werden. Der GV bleibt es vorbehalten, die Streitfälle bei der Aufnahme der Ruhrania in den Verband zu bereinigen. Unitas-Frisia jedoch, die Mutterkorporation der münsteraner Vereine, lässt sich nicht nehmen, sich mit zwei weiteren Aktiven an der Gründung zu beteiligen und steuert die beiden ersten Füxe bei.

 

Festliche Publikation

 

Von guter und schneller Planung des ganzen Unternehmens zeugt die unverzügliche Anerkennung als akademische Vereinigung durch die Universität: Sie kommt für die Unitas-Ruhrania schon am 1. Februar 1911. Als Verkehrslokal wird der „Zentralhof” an der Rothenburg (Bild oben) bestimmt, das Vereinszimmer („Kneipe”) liegt auf der Seite zur Ludgeri-Straße hin und wird von Pachtwirt Frido Kahle betreut.

 

Bild rechts: Blick auf die Rothenburg, an der die Konstante der Unitas-Ruhrania lag

Hier, im „Zentralhof”, werden auch die Pläne für die festliche Publikation weitergeschmiedet. Sie steigt am 23. Februar 1911, im glanzvollen altstudentischen Rahmen der „wilhelminischen” Ära: Voranreitende Militär-Fanfarenbläser verkünden die Kutschenauffahrt der Chargierten der Bundeskorporationen, die zum Fest angereist sind. Vertreten sind alle Unitas-Vereine aus Münster, aus Bonn sind mit der älteste Korporation Unitas-Salia auch die Vertreter der Unitas-Sigfridia (heute Stolzenfels) gekommen, drei weitere Vereine haben sich aus Göttingen, Berlin und Kiel auf den Weg gemacht. Zum Programm gehören ein musikalischer Frühschoppen und ein Festessen im Verkehrslokal. Höhepunkt ist das feierliche Levitenamt in der Martinikirche mit der Weihe der bereits frühzeitig bestellten neuen Fahne. Die Festpredigt hat der eben zum Ehrenmitglied der Sugambria ernannte Studentenseelsorger Kpl. Drießen übernommen.

 

Das Präsidium beim abendlichen Festkommers im Zoo-Saal führt zunächst der Sugambern-Senior. Neben vielen Alten Herren, Vertretern der Bundesvereine und der übrigen katholischen Verbände begrüßt er den Universitätsrektor S. Magnifizenz Prälat Prof. Dr. Dietkamp. Die Festrede hat Bbr. Oberlehrer Kuckhoff aus Essen übernommen: „Er sprach von dem um 1850 erwachenden katholischen Studententum, stellte die aus dieser Zeit hervorgegangenen Männer als Muster zur Nacheiferung hin und schloss mit dem Wunsche, die junge Ruhrania möge nicht nur aus jener Zeit sich den Namen geholt haben, sondern auch solche Männer formen. Es folgte die Verpflichtung der Ruhrania auf die unitarischen Prinzipien und die vorläufige Aufnahme in den Verband durch den VOP. Dann übernahm der erste Senior der Ruhrania, cand. phil. Engelbert Schlömer, die Leitung und der erste AH, Dr. Johannes Speckamp, hielt eine zündende Papst- und Kaiser-Rede. Der Kommers erwies sich wie das ganze Publikationsfest als guter Start für das Wirken der „M 5”…“ - so vermerkt Bbr. Dr. Bernhard Meinersmann in seiner Ruhranengeschichte.

 

Das erste Semester

 

Zwar zählen die Ruhranen im Sommersemester 1911 zunächst nur sechs Burschen und zwei Füchse als „Gründer”. Doch schon zum Publikationsfest schließt sich der erste nächste Neofuchs an, rund ein Dutzend weitere folgen in diesem Semester. Durch Zuzug aus dem Verband erhöht sich die Zahl der Aktiven sogar noch auf 20. Die Anerkennung des Gesamtverbandes bleibt nicht aus: Bei der GV in Fulda am 6. Juni 1911 erfolgt die Aufnahme in den Verband.

 

Das zweite Semester im Winter 1911/12 bereichert den Fuchsenstall um noch drei Mitglieder. Religion und Wissenschaft prägen das Semesterprogramm und zeigen eine lebendige Verwirklichung der unitarischen Prinzipien. Auch in den folgenden Semestern setzt sich das Wachstum des Vereins fort, besonders unterstützt von dem Beigeordenten Bbr. Dr. Krüsmann, de facto schon „Ehrensenior” des Vereins. Am Ende des Semesters zählt die Ruhrania 29 Studierende und einen Alten Herrn. Neben den Prinzipien und der gesellschaftlichen Schulung pflegt man jetzt auch den Sport: Mit einer Bootshauskasse entstehen Pläne für ein eigenes Bootshaus - als „Keilmittel” gerade in Münster wichtig.

 

Im WS 1912/13 führt Ruhrania bereits den Vorsitz im Gesamtausschuss aller münsterschen Studentenkorporationen. Höhepunkt in jedem Programm ist das von den münsterschen Vereinen gemeinsam begangene Vereinsfest, auch die Teilnahme an der „Großen Prozession” und Mitgliedschaft vieler in der Congregatio Mariana Academica zeugen von einem echt religiösen Leben. Den regelmäßigen wöchentlichen wissenschaftlichen Sitzungen folgt nach damaliger Sitte eine „Kneipe”; die Vorträge wechseln noch in bunter Mischung aus den verschiedensten Fachgebieten.

 

Freundschaftlich ist das Verhältnis zu den Bundesvereinen; die münsterischen werden häufig besucht, oft nach eigener Veranstaltung: Frisia im Hansahof, Sugambria an der Hammer-Straße, Winfridia in der Kaiser-Friedrich-Halle, Burgundia im Gesellschaftshaus „Union”; zu auswärtigen Vereinen geht es meist bei besonderen Anlässen. Amicitia im Sinne sozialen Verhaltens wird praktisch verwirklicht im Rahmen des von Carl Sonnenschein gegründeten SSS (Sekretariat Sozialer Studentenarbeit).

 

Letztes Friedens-Semester

 

Sport wird großgeschrieben: Turnen, Tennis, Schwimmen und Rudern beim Ruderverein Münster, Kegel-Nachmittage vor dem Neubrückentor, dazu gibt es Maifeiern, das Kaiser-Jubiläum mit Kommers, regelmäßige wissenschaftliche Vorträge, einen Tanzkurs, Gesellschaftsnachmittage und –abende im „Neuen Krug”. Ausflüge nach Hiltrup, Mecklenbeck und anderswo zeugen von intensivem Vereinsleben und schönster Studentenromantik - bevor der Kriegsbrand ausbricht. Im siebten Semester im Sommer 1914 steigt die Mitgliederzahl auf 40, Ruhrania hat den Vorsitz im UV Münster. Die Füchse schenken der Korporation prächtige Schabracken mit Zubehör, die Ruhrania macht bei Auffahrten mit Pferdekutschen „Furore”.

 

Gegen Ende des SS 1914, während man sich schon auch in der UNITAS auf den für Münster vorgesehenen Deutschen Katholikentag vorbereitet, zieht das Gewitter des ersten Weltkrieges auf. Gründungssenior Engelbert Schlömer, vom Kriegsausbruch im Staatsexamen überrascht, fällt schon nach zehn Tagen in Russland, sein Nachfolger Josef Beine aus Verlar stirbt im Oktober 1914 nach einem Sturm auf Neuve Chapelle. Und die bis heute erhaltene Gedenktafel der Ruhrania mit den Gefallenen der Gründergeneration verzeichnet viele Namen mehr. Ein erstes Kapitel des Vereins neigt sich dem Ende zu. Erst nach dem Krieg kommt das Vereinsleben wieder in Gang. Der Weg der UNITAS Ruhrania durch das vergangene Jahrhundert setzt sich fort ….

 

Heute sind die 100 erreicht

 

Was hier aus der Geschichtsschreibung des Vereins nur in Auszügen berichtet wird, dürfte in diesen Tagen sicher manchem alten und jungen Ruhranen vor Augen stehen: Seit heute sind nun „Die 100“ geschafft. „Werden wir die wirklich je erreichen?“ – das mögen sich die Gründerväter und unzählige nachfolgende Generationen vielleicht hin und wieder gefragt haben. Aber jetzt ist es passiert. Und beigetragen dazu haben so viele, denen vor allem dies wichtig war: Einer Gemeinschaft im Glauben anzugehören, in der Freundschaft und Beständigkeit etwas gilt. In der das Fragen nach dem, was „die Welt im Innersten zusammenhält“, nicht aufhört. Und in der Denkfaulheit ebenso wenig gilt wie ein Leben „hinter dem Baum“.

 

Vivat Unitas – vivat Ruhrania –

gefeiert wird noch viel in diesem Jahr!






Veröffentlicht am: 17:28:07 12.01.2011
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