Aktuelles > Neuigkeiten > Bbr. Johannes Prassek + 10. November 1943

Bbr. Kaplan Johannes Prassek

Unser Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek ist als Haupt der drei katholischen Martyrerpriester und der festgenommenen Laien der Lübecker Herz-Jesu-Pfarrei wohl der bekannteste Martyrer des UNITAS-Verbandes. Johannes Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboren. Er hatte noch zwei Geschwister, eine Schwester und einen Bruder. Sein aus Schlesien stammender Vater war Maurer. Prassek wuchs unter wirtschaftlich einfachen Verhältnissen auf. Besonders liebte er seine Mutter, eine aus Mecklenburg kommende Konvertitin, dessen liebenswerte Art und ihre Frömmigkeit ihn besonders prägten. Beeinflusst wurde der junge Prassek aber auch durch die „Grauen Schwestern“, die an der Katholischen Schule Elsastraße in Barmbek lehrten.

Nachdem er hier die Grundschulzeit absolviert hatte, wechselte er auf die Katholische Höhere Knabenschule. Ostern 1927 trat er in das Hamburger Johanneum ein, wo er 1931 das Abitur ablegte. Im gleichen Jahr bezog er die Jesuiten-Hochschule Sankt-Georgen in Frankfurt am  Main, wo er in den W.K.St.V. UNITAS-Frankfurt rezipiert wurde. 1933 wechselte er nach Münster, wo er sich dem W.K.St.V. UNITAS-Ruhrania anschloss, 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück. 1936 feierte "Knirps", wie ihn seine Bundesbrüder tauften, das 25. Stiftungsfest seiner Münsteraner Ruhrania in der Ratsschenke mit (s. Bild, ganz links außen).
In diesem Jahr starb 49-jährig seine Mutter. Ab diesem Zeitpunkt schilderte er sein studentisches Leben später als recht karg. Zwar wurde ihm das Studium vom Bischöflichen Stuhl in Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg zum Teil finanziert, dennoch musste er sich nebenher mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.

Am 13. März 1937 wurde Johannes Prassek im Dom zu Osnabrück zum Priester geweiht. Am Tag seiner Weihe bezeichnete er sich als den „glücklichsten Menschen“, meinte aber, er werde noch einmal viel zu leiden haben. Kurz darauf trat er seine erste Stelle  als Vikar im mecklenburgischen Wittenburg an. Im Jahr 1939 wurde er schließlich Vikar an der Lübecker Pfarrei Herz-Jesu und dort ein Jahr später zum ersten Kaplan ernannt. Er war dort schnell ungewöhnlich beliebt und seelsorglich erfolgreich. Dieses hing auch mit seiner Art und seiner Ausstrahlung zusammen. Seine ungewohnt hohe und hagere Gestalt, sein sonorer Bass, sein Humor und seine Freundlichkeit beeindruckten gleichsam schon im vorreligiösen Bereich. Seine Seelsorge brachte ihn bis an den Rand seiner körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit, wollte Prassek doch „allen alles sein“, wie sich noch viel später Gemeindemitglieder erinnerten. Seine Herzlichkeit, Weltzugewandtheit und gelegentliche Burschikosität konnten und sollten nie seine eindringlichen Bemühungen um eine Vertiefung christlicher Wahrheitserkenntnis verdecken. Sein Ruf als Prediger wuchs schnell, die beeindruckenden Sonntagspredigten zogen aber nicht nur zahlreiche Gläubige, sondern auch Gestapo-Spitzel an. 

Vor der Kirche warnten ihn Wohlmeinende nach dem Gottesdienst wegen der in ihren Augen allzu unvorsichtigen Kritik gegenüber der NS-Ideologie. Prassek ließ sich dadurch nicht beeindrucken und meinte nur, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse. In seinen Gesprächskreisen, insbesondere mit in Lübeck stationierten Soldaten, aber auch in seinen Seelsorgestunden war die Atmosphäre entspannt und herzlich. Hier wurde zuweilen offen über den Nationalsozialismus, die kirchenfeindliche Politik des Regimes, den Krieg und das sittenwidrige Verhalten der Machthaber gesprochen. Inzwischen hatte Prassek etwas Polnisch gelernt, um den polnischen Zwangsarbeitern in Lübeck seelsorglich und menschlich Beistand leisten zu können. Dieses war eigentlich unter Androhung hoher Strafen strikt untersagt, blieb aber der Gestapo bis zum Schluss verborgen, weswegen diese Aktivitäten auch später in der Anklageschrift gegen ihn nicht auftauchten.

Nachdem Johannes Prassek im Sommer 1941 den um 17 Jahre älteren und ihm geistesverwandten evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink kennengelernt hatte, konnte er seine bisherigen gegen das NS-Regime gerichteten Tätigkeiten noch verbreitern. Man beschloss, Informationen über „feindliche“ Rundfunksender auszutauschen und Flugschriften zu verteilen. Unterdessen hatte sich bei Prassek jedoch ein Gestapo-Spitzel eingeschlichen. Prassek vertraute dem jungen Mann, der vorgab, sich dem katholischen Glauben zuwenden zu wollen und nahezu mittellos zu sein. In seiner spontanen Art half er ihm und vertraute ihm auch rückhaltlos seine Kritik am Regime an. Dass er den jungen Mann für einen Freund nur gehalten hatte, konnte er erst nach seiner Verhaftung feststellen. Dieses war für ihn, wie er später in einem Brief aus dem Gefängnis schrieb, eine besonders schmerzhafte Erfahrung. Doch ließ die Staatsmacht Prassek vorerst an der langen Leine laufen, mehr noch: Zwei Wochen vor seiner Verhaftung wurde Prassek wegen seines selbstlosen Einsatzes während der Lübecker Bombennacht „im Namen des Führers“ das Luftschutz-Ehrenabzeichen verliehen.

Als die Gestapo Bundesbruder Johannes Prassek am Vormittag des 18. Mai 1942 abholte, kam dieses für ihn nicht überraschend. Er wurde in das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes gebracht. Das Burgkloster (heute Museum Burgkloster) diente bis in die 60er Jahre als Gerichtsgebäude und Gefängnis. Prassek und die anderen Gefangenen mussten über ein Jahr auf ihren Prozess warten. Über seine Gefangenschaft sind wir aufgrund erstaunlich zahlreicher Briefe, die ihre Empfänger auf zum Teil abenteuerliche und, in einem Fall, mit zwölfjähriger Verspätung erreichten, besonders gut unterrichtet. Die Gefängniskost war damals auch für Untersuchungsgefangene außerordentlich dürftig und unzulänglich. Für den schon vorher magenempfindlichen Prassek wurde sie zur Qual. Auch unter der Kälte der im Winter kaum geheizten Zelle hatte er schwer zu leiden. Besucher waren nur selten zugelassen. Isolation und Hunger gehörten zu den Haftbedingungen. Johannes Prassek schrieb in einem Brief an einen Freund: „Weißt du, was Hunger ist? Wenn der Magen knurrt und man hat dieses unangenehme Hungergefühl, das ist noch kein Hunger! Aber wenn es dir aus dem Hals rausstinkt vor Leere [...], wenn im Munde zwischen den Zähnen [...] so ein fieser Geschmack des Mangels sich bemerkbar macht, wenn das Zahnfleisch sich löst und schon bei einer leichten Berührung mit der Zunge das Blut herausquillt, wenn trotz Kleidung, trotz sommerlicher Hitze Dein Körper nicht warm wird, sondern die Finger [...] und die Zehen [...] blutleer und abgestorben sind, wenn Du bis an die Ellenbogen kalte Arme und bis an die Knie kalte Beine hast [...]. Und dann dieses grausige dumpfe Gefühl im Kopf, [...]. Es ist einfach physisch unmöglich, anders zu sein als unzufrieden. Das ist Hunger, und das ist hier seit Monaten mein Begleiter.“

Schließlich wurde ihm nach einer kirchlichen Intervention das kleine Privileg zugestanden, dass er aufgrund seines sich verschlimmernden Magenleidens private Verpflegung annehmen durfte. Gegen dieses Privileg hatte er sich zuerst gewehrt, gab dann aber wegen seines schon bedrohlichen Gesundheitszustandes nach. Besonders litt Prassek aber unter den menschlichen Verwerfungen. Der Verrat seines vermeintlichen Freundes ließ ihn zu Anfang seiner Haft daran zweifeln, ob er, so er jemals wieder frei käme, für die Seelsorge noch geeignet sein werde. Zusätzlich streute die Gestapo in Lübeck vollständig unfügliche Gerüchte über seinen Lebenswandel bzw. über sein Ernstnehmen des Zölibats, was zu dieser Zeit in ganz Deutschland eine beliebte Methode war. Mit solchen Gerüchten versuchte die NS-Propaganda immer wieder, einen Keil zwischen die Geistlichen und ihre Gläubigen zu treiben. Dieses gelang, nach allem was wir wissen, in Lübeck mitnichten, was Johannes Prassek in seiner Isolation aber nicht ahnen konnte. Vielmehr wurde ihm von den vernehmenden Gestapo-Beamten vermittelt, sein Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning schenke diesen Gerüchten wirklich Glauben. Diese infame Verunsicherung konnte auf Prassek eine gewisse Zeit nicht ohne Wirkung bleiben, denn tatsächlich hüllte sich Bischof Berning zu seinem Schmerz gegenüber ihm und seinen ge­fangenen Mitbrüdern zunächst in Schweigen, das er schließlich jedoch um so beherzter mit Briefen, Besuchen und Eingaben an staatliche Stellen brach.

Trotz der harten Haftzeit und der Aussicht auf die eigene Hinrichtung verlor Bundesbruder Johannes Prassek nicht seine Glaubensgewissheit sowie die seine Mitgefangenen und die außerhalb der Gefängnismauern um ihn zitternden Freunde tröstende heitere Warmherzigkeit. Vielmehr fürchtete er, das Todesurteil könne noch zurückgenommen werden, wobei diese und die seiner gefangenen Mitbrüder Haltung zum Teil auch den Gefängnisbeamten Sympathie einflößte. Gegen den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung keine seiner regimekritischen Äußerungen ab. 

Bis auf eine kurze Unterbrechung, während der die Gefangenen nach Hamburg verlegt wurden, blieben sie in Lübeck. Und trotz strenger Kontrolle durch das Wachpersonal und trotz des großen Risikos brach bei einer Gruppe in der katholischen Gemeinde eine Zeit vieler heimlicher Aktivitäten an. Einmal, als die Gefangenen – die Laien waren noch dabei – zu Arbeitseinsätzen an eine Baustelle beordert wurden, gelang es Verwandten und Mitgliedern der Gesprächskreise, den Gefangenen Essen zuzuschmuggeln. Ein anderes Mal brachten sie ihnen Hostien aus der katholischen Messe, schafften es sogar, Brot und Wein ins Gefängnis zu schleusen. So konnten die Priester heimlich auf ihren Zellen die Eucharistie feiern. Mut bewies dabei Fräulein Johanna, die Haushälterin des Pfarrhauses. Kaplan Westholt, Nachfolger der drei in der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr an manchen Abenden mit dem Fahrrad unter die Gefängnisfenster und erteilte den Katholiken heimlich die Generalabsolution, die Vergebung der Sünden, die sonst in der Beichte vollzogen wird. Für sie bedeuteten diese kirchlichen Vollzüge – gerade als sie ihnen gewaltsam vorenthalten werden sollten – Hilfe und Trost.

Erhalten ist das Neue Testament des Kaplans mit Notizen und Anstrichen. Der Bischof von Osnabrück liest an jedem Todestag in der Eucharistiefeier das Evangelium aus diesem Buch. Auf der ersten Seite hat Johannes Prassek den Satz aufgeschrieben: „Wer sterben kann, wer will den zwingen?“ In seinem Abschiedsbrief an seine Familie schreibt er:

Hamburg, den 10. XI. 1943
„Ihr Lieben!
Heute Abend ist es nun so weit, daß ich sterben darf. Ich freue mich so, ich kann es Euch nicht sagen, wie sehr. Gott ist so gut, daß er mich noch einige schöne Jahre als Priester hat arbeiten lassen. Und dieses Ende, so mit vollem Bewußtsein und in ruhiger Vorbereitung darauf sterben dürfen, ist das Schönste von allem. Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft auch Ihr Euch freuen. Für Euch ist mein Tod kein Verlust, ich hätte in meinem Amte als Priester Euch doch kaum mehr dienen können. Was ich für Euch habe tun können, daß ich täglich für Euch gebetet habe, werde ich jetzt noch viel mehr tun können. Was meine große Sorge um Euch ist, die gleiche, die ich auch für Paul habe, wißt Ihr. Aus dieser Sorge heraus müßt Ihr das auch verstehen, was ich Euch manchmal geschrieben habe. 
Darf ich Euch bitten, mir zu verzeihen, wenn ich Euch bisweilen weh dabei getan habe? Es war nicht böse gemeint. Und Dank für alle Sorge und Mühe, die Ihr in meinem Leben Euch um mich gemacht habt. Vom Himmel aus will ich versuchen, Euch alles wieder gut zu machen. Wie es wohl sein wird? Lebt wohl. Ich grüße Euch noch einmal in herzlicher Liebe und Dankbarkeit. 
Euer Hans

Grüßt alle Bekanten noch einmal: Pastor Alves, die Schwestern in Rahlstedt, Webers, Gerdines, Cordes, Heiwings, meinen Pastor in Lübeck, die Schwestern dort, grüßt mir vor allem den Bischof und dankt ihm in meinem Namen für alles, besonders dafür, daß er mich zum Priester geweiht hat. Größeres und Schöneres habe ich auf der Erde nicht erfahren, und nun kommt die größte Freude, Gott, die ewige Liebe. Ich segne Euch ein letztes Mal. Über meine Sachen habe ich im Testament bestimmt. Laßt es dabei bleiben."
 

Das gemeinsame Gedenken an die „vier Lübecker Märtyrer“ ist heute eine feste ökumenische Angelegenheit der Lübecker Christen. Ihr 50. und der 60. Todestag wurde mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den 60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche. Damals erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange zu beantragen. Mit der Ernennung des römischen Anwalts Dr. Andrea Ambrosi zum Postulator des Verfahrens begannen am 10.Mai 2004 die Vorbereitungen für das Seligsprechungsverfahren. Nach der Sessio ultima am 10. November 2005 und dem Abschluss des ersten, diözesanen Teils im Seligsprechungsverfahrens wurden die Prozessakten für den zweiten und entscheidenden Teil des Verfahrens an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen nach Rom übermittelt. Die 2110 Seiten umfassenden Akten enthielten die übersetzten Aussagen von Zeitzeugen, sämtliche schriftliche Zeugnisse sowie theologische und historische Gutachten.

Am 25. Juni 2011 fand in Lübeck die Seligsprechung der Lübecker Kapläne statt - ein großes Ereignis für die Kirche im Norden, eine Verpflichtung auch für die UNITAS.



Veröffentlicht am: 19:28:51 09.11.2015
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