Semesterstart: „Ohne Freundschaft ist nichts“

ESSEN. „Wer zu spät kommt, den …“ – und doch gab es irgendwo noch ein Plätzchen. Zum Semesterstart bei der Unitas im Revier war der Turmsaal im „Feldschlößchen“ bis zum Rand gefüllt. Und die „Fürstinnen“ machten den Auftakt.

Bestens präpariert schlug Bsr. Katharina Schenk die Ankneipe als amtierende Prima der Unitas Franziska Christine. Zum fünften Mal - und wieder stellen ausnahmslos bereits approbierte Ärztinnen das Chargenkabinett. Unter einem eigens erkorenen Thema, wie Bsr. Schenk deutlich machte: „Unser diesjähriges, von Cicero entlehntes Semestermotto „sine amicitia vitae est nulla “ – ohne Freundschaft gibt es kein rechtes  Leben“ haben wir ganz bewusst gewählt, denn diese, unsere Freundschaft ist es, die uns vielleicht in einer Minute des Überschwungs noch einmal dazu trieb, ein Semester zu stemmen.“

„Der Saal ist besetzt“

Über 60 Gäste waren zu begrüßen, auch von befreundeten Korporationen: Eine s.v. K.St.V. Markomannia im KV zu Münster, e.s.v. AV Silesia Halle Bonn zu Bochum und e.s.v. K.D.St.V. Nordmark Rostock Karlsruhe zu Essen eilten zum festlichen Gelage, aber auch natürlich Vertreter der Unitas-Vereine im weiten Rund: Unitas Sugambria Osnabrück und Unitas Clara Schumann Bonn waren angereist, die großartige Unitas Rolandia Münster kam auf ihrer Ruhrgebiets-Rundfahrt gleich mit 10 Mann, und die Ruhranen waren natürlich in zu erwartender Sollstärke angetreten. Ihr Senior Matthias Schmitt übernahm zudem in einfühlsamer Weise die Bierorgel, die manchen munteren Gesang begleitete. Und die aufmerksam teilnehmend-beobachtenden neuen Hausbewohner machten kaum den Eindruck, dass sie nicht gerne wiederkommen würden…

Prinzipienrede über die Freundschaft

Schwerpunkt aber war die Prinzipienrede, die uns an eine wesentliche Konstante der unitarischen Gemeinschaft erinnerte: Die Amicitia. In ihrer Ansprache entwickelte Bsr. Katharina Schenk das Thema in mehreren Schritten - über die Klärung der Begriffe bis zu medizinischen Aspekten und einem Sidestep zu Internet und Socialmedias. Die Freundschaft sei ein auf gegenseitige Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichne, so die Prima.

„Ein wahrer Freund ist ein Geschenk, kostbar und unersetzlich“, zitierte sie Montaigne und seine Sicht auf die Freundschaft und ihre herausragende Bedeutung für Menschen und Gesellschaften. Und Bsr. Schenk rief nicht zuletzt einen Grundsatz der unitarischen Gemeinschaft in Erinnerung: „Im Grundgesetz des Unitas Verbandes heißt es im Artikel III: „Das ernste Streben eines Unitariers nach Verwirklichung soll sich erfüllen in einer freundschaftlichen Hinwendung zum Bundesbruder und in einer sozialen Bereitschaft im öffentlichen Leben“.



Wer aber sind die Freunde?

Wer nun Freunde seien, sei in der Wahrnehmung sehr unterschiedlich. Grundsätzlich seien es meist ganz ähnliche Menschen, so die Festrednerin: „Nicht nur, was Alter, Beruf, Weltanschauung anbelangt – auch genetisch.“ Denn das Erbgut der besten Freunde sei dem eigenen so ähnlich, als wären sie Cousins oder Cousinen vierten Grades, zitierte sie die US-Wissenschaftler James Fowler und Nicholas Christakis.

Wie es genau gelinge, solche „fakultativen Verwandten“ und Wahlverwandten in der Menge zu erkennen, darüber rätselten die Forscher noch. Es sei der Zufall - so etwa sehe es z.B. eine Studie des Psychologieprofessors Mitja Back von der Universität Mainz. Menschen bewerteten andere spontan positiv, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe befänden. Oft reiche damit die physische Nähe von zwei Menschen, damit zwischen ihnen eine Freundschaft entsteht – etwa die Sitzordnung in Hörsälen. „Vielleicht kann der ein oder andere das ja auch bestätigen“, so Bsr. Schenk. „Mit meinen beiden Sitznachbarinnen aus der ersten Vorlesung und auch gemeinsamen Präpariergruppe im ersten Semester des Medizinstudiums nach der Schule bin ich bis heute befreundet.“ Nicht zuletzt seien es „die gemeinsamen Erlebnisse, das Lachen über einen Witz, das gemeinsame Fremdschämen über unqualifizierte Fragen anderer Kommilitonen oder schlichtweg die gemeinsame Verzweiflung über die Unmengen an Stoff, den man nicht versteht“, was einen zusammenschweiße. „Wenn ich mir unseren Verein und meine Bundesschwestern anschaue, so kann ich für mich beide Thesen befürworten“, erklärte Katharina. Durch die zahlreichen Veranstaltungen der Unitas habe man quasi die physische Nähe oder „Zufall“ und Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, die nicht das Gleiche studieren, und damit über den Tellerrand zu blicken.

In der eigenen Identität erkannt werden

„Und dafür bin ich dankbar“, bekannte sie Prima der „Fürstinnen“: „Den einen oder anderen hätte ich sonst wahrscheinlich nie kennengelernt. Uns alle verbindet der unitarische Gedanke. Wenn ich mir mein Chargenteam heute so anschaue, dann kann ich sicherlich auch die andere These der Ähnlichkeit und gleichen Interessen bestätigen, so kommen wir doch alle drei aus dem medizinischen Bereich“, erinnerte sie an geteilte Vorliebe für exotische Fernreisen und Erfahrungen bei einer Auslandsfamulatur in China. Aus erlebter Nähe, Unterstützung und der Häufigkeit der Kontakte ließen sich auch nach einer Längsschnittstudie in Tacoma/Washington berechnen, welche Freundschaften über Jahre hinweg Bestand hatten. Als einziger und entscheidender Faktor sei für den „besten Freund" das Gefühl, von ihm in der eigenen Identität anerkannt und bestätigt zu werden.



Gesunde Botenstoffe

Natürlich gebe es auch medizinische Aspekte, die in diese Frage hineinspielten: Mit der Buchstabenfolge CYIQNCPLG - einer Sequenz aus neun Aminosäuren, den Grundbausteinen des Hormons Oxytocin - gebe es ein „Freundschaftshormon“ bzw. Botenstoff, der auch im Gefühl freundschaftlicher Geborgenheit ausschüttetet werde. Gründe für ein solches Gefühl seien vielfältig: Weil man Spaß zusammen habe, zusammen feiern und auch weinen könne, geteilte Erfahrungen wertvoller seien und man manchmal ein tröstendes Wort und eine wärmende Umarmung benötige und vieles mehr. Nicht zuletzt aber: Weil es gesund ist, unterstrich die Medizinerin: „Wer Freunde hat, lebt länger, fanden Forscher der australischen Flinders-Universität heraus, freundschaftliche Kontakte stärken das Immunsystem und senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.“

Hingegen wirke sich ein Leben ohne Freunde so schädlich wie Zigarettenkonsum aus und sei schädlicher als Übergewicht, so Bsr. Schenk. Freunde wirkten nach Vermutungen von Forschern wie ein Puffer: Die Unterstützung der Mitmenschen dämpfe die Wirkung von akutem Stress und dauerhaften Belastungen. Zudem achteten Menschen mit engen Bindungen nach Ansicht der Wissenschaftler mehr auf ihre Gesundheit: „Das ist eine Tatsache, die ich im Krankenhaus oft auch erlebe, Patienten ohne soziale Kontakte kommen deutlich häufiger in einem desolaten Zustand mit dem Rettungsdienst zu uns, kommen immer wieder ins Krankenhaus und genesen langsamer.“

Facebook-Freunde auf Mausklick

Doch: „Keine Freundschaft kongruiert völlig mit der Idee der Freundschaft“ – so habe Immanuel Kant schon weit vor der Social-Media-Moderne die seit ewigen Zeiten andauernde Diskrepanz von angestrebter und tatsächlicher Freundschaft beschrieben. Freundschaft sei nie oder nur selten mit dem Ideal in Deckung zu bringen, betonte Bsr. Schenk. Heute, da der Freundschaftsbegriff nicht zuletzt Dank Facebook inflationär verwendet werde, habe sich nun das, was man Freundschaft nenne, wohl weiter von seinem Ideal entfernt denn je. Durch per Mausklick geschlossenen „Freundschaften“ erfahre der Freundschaftsbegriff eine ständige Überdehnung. Und eine ganze Industrie lauere auf die via Mausklick ausgelösten Hormonausschüttungen des narzisstischen Netzmenschen von heute.



Kein Kulturpessimismus

Doch habe Facebook trotzdem nicht wirklich die Qualität von Freundschaft verändert. „Die Netzfreunde sind Teil eines Spiels­, es sind systematisierte, virtuelle Kommunikationsriten“, zitierte die Prima das Magazin Cicero. „Ein Spiel also, das wir ernst nehmen, aber nicht als Wurzel allen Übels kulturpessimistisch diffamieren sollten“, meinte Katharina: „Bleiben wir nüchtern und stellen fest: Facebookfreundschaften sind in der Regel keine. Sie dienen der schnellen, beiläufigen Kommunikation mit Bekannten, klassischem Networking und nicht zuletzt dem eigenen Sendebewusstsein.“

Immerhin hätten in einer Umfrage des Allensbach Instituts 87 Prozent der Deutschen angegeben, dass die wichtigsten Kriterien für enge Freunde Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit seien. Damit glaube die Mehrheit der Deutschen nicht, dass Internetfreundschaften so tiefgehend wie persönliche Freundschaften sein können: „Da sind wir doch beruhigt“, so Bsr. Katharina. „Und so möchte ich nun mit dem Spruch unseres Semesters enden: Sine amicitia vitae est nulla - ohne Freundschaft gibt es kein rechtes Leben – die etwas schroff klingende deutsche Übersetzung des Zitates von Cicero trifft es doch eigentlich ganz gut.“

Fahnenweihe voraus

Bereits jetzt kündigte die Prima ein Highlight dieses Semesters an: Anfang Dezember wird zum Vereinsfest Maria Immaculata im Rahmen des 8. Stiftungsfestes die Weihe der neuen Fahnenweihe stattfinden. Den Festvortrag hat Dr. Olav Heinemann übernommen, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Uni Duisburg-Essen zum Thema „Heraldik – verstaubt oder aktuell?“ sprechen wird. Die Fahne wird von Pfarrer Dr. Jürgen Cleve, dem Stadtdechant von Essen, anschließend geweiht. Einladungen hierzu werden gesondert ergehen.

Der mit viel bedachten Prinzipienrede folgte natürlich das, was kommen musste: Die hochgesellige Runde nahm in den Grußworten viele gute Wünsche entgegen, ein einziges Lob der Freundschaft in den Vereinen, Zirkeln - und über die Grenzen der Verbände hinaus. Es gelte, das Gemeinsame zu suchen und zu finden, daraus ein tätiges gemeinsames Handeln abzuleiten, um auf diese Weise auch gemeinsam Zeugnis aus dem Glauben zu geben. Das erklärte Bbr. Pastor Helmut Wiechmann, Wiederbegründungssenior der Ruhranen und langjähriger Geistlicher Verbandsbeirat, theologisch-praktisch und gewohnt ermunternd mit der „natürlichen und der übernatürlichen Freundschaft“, die alle verbinde. Und während nach 3 Uhr am Morgen die ersten Schlafsäcke auf dem Boden ausgerollt wurden, hielten die Gespräche noch ziemlich lange freundschaftlich an. Ein schöner Semesterauftakt.





Veröffentlicht am: 01:12:33 16.10.2017
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