Bsr. Dr. Ilse Krisam (vorne, Mitte links) im Kreis ihrer Unitas bei einer Wissenschaftlichen Sitzung im Unitas-Haus „Felschlößchen“ an der Flurstraße in Essen-Borbeck



In memoriam Bsr. Dr.
Ilse Krisam

 

ESSEN. „Im Grunde genommen haben wir die Aufgabe, eine neue Alterskultur zu entwickeln. Dieses Anliegen ist den meisten Menschen fremd. Für Christen sollte es selbstverständlich sein“, schrieb unsere Bundesschwester Dr. Ilse Krisam 2004 in einem Aufsatz für die Verbandszeitschrift „Unitas“ (Studieren im Alter, unitas, 144. Jg. 2/2004, 98-100). Auch im dritten Lebensalter habe man nicht nur die „Freiheit", sondern auch „die Verantwortung, es mit Werten zu füllen und für diese Zeit neue Lebensentwürfe zu entwickeln - auch vorbildhaft für kommende Generationen“, forderte sie. Sie selbst hat es in außergewöhnlicher Weise getan: Unsere liebe Bundesschwester starb am Montag, 5. März, im gesegneten Alter von 96 Jahren. Heute wurde die Pionierin des Studiums im Alter in Essen-Haarzopf zu Grabe getragen.

 

Dank der Gemeinde und der Unitas

 

Eine große Trauergemeinde gab Ilse Krisam am 12. März das letzte Geleit in der Katholischen Gemeinde Christus König in Essen-Haarzopf. Ein wunderbarer blau-weiß-goldener Kranz des Essener Unitas-Zirkels war ein kleines Zeichen der Dankbarkeit für viele gemeinsame Jahre, in denen sie die Essener Unitas-Familie mitprägte – wie viele Lebensbereiche, in denen sie sich aktiv einsetzte. Das machte auch die Auferstehungsmesse deutlich: „Sie war so etwas wie die „Grande Dame“ unserer Gemeinde“, unterstrich die Predigt, die ihren besonderen Charakterzug treffend herausstellte. Ihre beständige Suche nach Verstehen, ihre Fähigkeit zum Dialog und ihr aufgeklärter Glaube waren begründet in einer tiefen Verwurzelung im Glauben. Credo ut intelligam - „Ich glaube, damit ich erkennen kann“ -, dieses Programm von Anselm von Canterbury, ist gewiss das Vermächtnis und Zeugnis, das die spät promovierte Diplom-Pädagogin auch ihren Bundesbrüdern und Bundessschwestern weitergibt.


Aufmerksame Zuhörerin und engagiert im Dialog: Dr. Ilse Krisam (1922-2018)

 

Neugier auf das Leben

 

Bis ins hohe Alter und bis zuletzt bewahrte sie ihre Neugier auf das Leben, auf Ideen und Ereignisse - ein besonderes Talent und typische Eigenschaft, die sie ihr Leben lang begleiteten. Das Studium blieb der 1922 Geborenen zunächst verwehrt, trotzdem konnte sie nach einer kurzen Bankausbildung endlich an die Pädagogische Hochschule in Köln gehen und anschließend viele Jahre im Schuldienst tätig sein - „mit Leib und Seele“, wie sie kurz vor ihrem Tod bekannte. Ihrer Ehe mit Bbr. Dr. Raymund Krisam, der Staats- und Sozialwissenschaften in Mainz,
Köln, Innsbruck und
Paris studierte, entsprossen ab 1958 drei Kinder: Mit einer Tochter und zwei Söhnen wurden sie über Stationen in Köln, Dortmund, Hamburg, Münster und Bochum ab 1972 in Essen heimisch. Hier übernahm Raymund Krisam an der frisch gegründeten GHS Essen den Lehrstuhl für Soziologie und Sozialpädagogik und war ab 1980 als Universitätsprofessor tätig.

 

„Überall fanden wir gleich Heimat und Anschluss in den Pfarrgemeinden“, berichtet Ilse Krisam in ihren Lebenserinnerungen. Ihr Mann gehörte bis zu seinem Tod am 13. November 2006 (unitas, 146. Jahrgang 4/2006, 274) über 50 Jahre der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) an, sie war im Pfarrgemeinderat aktiv und Mitglied der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd). Gemeinsam teilten sie nicht zuletzt die Heimat der unitarischen Familie am Ort: Es wird wohl kaum einen monatlichen Stammtisch, ein Vereinsfest, Vorträge, Zusammenkünfte und Kommerse der Aktivitas gegeben haben, an denen sie nicht gemeinsam teilnahmen.

 

Lebenslanges Lernen

 

Noch im Rentenalter wollte sie es selbst wissen: Sie nahm noch einmal das Studium der Erziehungswissenschaft an den Universitäten Essen und Münster mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Soziologie auf. Für ihre Diplomarbeit untersuchte sie 1991 die „Motivationen und Probleme älterer Studierender an der Universität Essen“ und blieb ihrem Lebensthema weiter verbunden. Im Mai 2000 gründete sie den Verein „Lebenslanges Lernen (LLL) - Verein zur Förderung des Studiums im fortgeschrittenen Alter an der Universität Essen e.V." und übernahm den Vorsitz.

 

Als organisatorische Plattform für ältere Studierende unterstützt er seitdem im Uni-Leben, Forschung und Lehre, gibt Möglichkeiten zur Begegnung und will im Kontakt zum Netzwerk „Bundesarbeitsgemeinschaft Ältere Studierende" einen europaweit unter dem Begriff „Learning in Later Life - Universität des Dritten Lebensalters" laufenden Prozess fördern. Ilse Krisam selbst brachte ihre Erkenntnisse in einer grundlegenden Arbeit zu Papier. Ihre Dissertation an der Universität Essen erschien 2002 unter dem Titel „Zum Studieren ist es nie zu spät. Statistische Daten, Soziokulturelle Basis, Motivationen, Inhalte und Gestaltung eines ordentlichen Studiums im dritten Lebensabschnitt“ im Waxmann-Verlag.

 

„Leben mit Werten füllen“

 

Vom Stellenwert dieser Thematik blieb unsere Bundesschwester nachhaltig und unablässig überzeugt: „Es geht um Werte, die der eigenen Lebensqualität im Alter, aber auch unserer Familie, unserem Umfeld und der Gesellschaft zugute kommen“, erklärte sie 2006 in der Verbandszeitschrift Unitas. „Durch verantwortungsvollen Umgang mit unserer Zeit können wir auch in der Öffentlichkeit die negativen stereotypen Aussagen über das Alter verändern und zeigen, wie man Alter sinnvoll leben und mit Werten füllen kann.“

 

Das hat sie auch ihrer unitarischen Familie immer wieder gezeigt: Nachfragen, hinterfragen, verstehen und sich auch in andere Meinungen hineinversetzen – das ist und bleibt ihr großes Lebenszeugnis. Das gemeinsame von Jung und Alt erfuhr sie selbst als für alle bereichernd – hoch interessiert nahm sie 2010 auch Anteil an der Gründung des Unitas-Studentinnen-Vereins Franziska Christine. Und für das Studium im Alter war sie sehr selbstbewusst der Überzeugung: „Ohne Vermessenheit kann man annehmen, dass dieses gemeinsame Arbeiten der Qualität der Wissenschaftlichen Arbeit an den Hochschulen zugute kommt. Die Älteren bringen ihre Berufs- und Lebenserfahrung in die Diskussion, die Jungen ihren spontanen Ideenreichtum und ihre Flexibilität.“

 

Wir sind ihrer trauernden Familie sehr verbunden. Ilse Krisams Nachfragen, die große Aufgeschlossenheit der „Grande Dame“ des Essener Unitas-Zirkel und die wunderbare Jugend ihres Alters werden uns fehlen. Die größte aller ihrer Fragen wird nun beantwortet.

CB

 

Buchhinweis: Ilse Krisam, Zum Studieren ist es nie zu spät. Statistische Daten, Soziokulturelle Basis, Motivationen, Inhalte und Gestaltung eines ordentlichen Studiums im dritten Lebensabschnitt. WaxmannVerlag 2002, 368 S., 25,50 Euro, ISBN 3-8309-1138-6. Die Dissertation an der Universität Essen erschien als Band 7 der bei Waxmann veröffentlichten Reihe „Studium im Alter. Forschungen und Dokumentationen", hg. v. Gerhard Breloer (ISSN 1430-2683).




Veröffentlicht am: 16:00:09 12.03.2018
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