Verbändeforum mit Kolping

 

ESSEN-BORBECK. „Selten so einen starken Vortrag gehört!" - das war eine der Stimmen nach der Veranstaltung mit Buchautor Heinrich Wullhorst, der am Montagabend, 18. Juni, den Saal des Dionysiushauses in Essen-Borbeck füllte. Knapp 80 Besucher nahmen teil und nicht nur als Gäste: Sie alle waren gefragt und selbst Teil des provozierend formulierten Themas, das sich angesichts vieler Entwicklungen in Kirche, Gesellschaft, aber auch in den vielgestaltigen katholischen Verbänden stellt – „Ende der Verbände? - Leuchttürme oder Teelichter?“

 

Alter Triumphalismus

 

Wer in die Geschichte schaut, neigt zur Verklärung. Sicher war nichts wirklich besser als heute, aber anders. Die Einführung machte klar: Insbesondere an der Katholischen Kirche kam vor Ort – wie im „Schwarzen Borbeck“ – aber auch in der ganzen Region niemand vorbei. Sie deckte alle Lebensbereiche ab, war durch ihre klare und hartnäckig verteidigte Deutungshoheit, auch mit ihren zahllosen sozialen Einrichtungen von der Wiege bis zur Bahre fast alternativlos. Der Kulturkampf-Schock saß tief – das Trauma der tiefgreifenden staatlichen Eingriffe in das kirchliche Leben in der Bismarckzeit geriet zum Motor für einen trotzigen und erfolgreichen Triumphalismus.

 

Milieu und Subkultur

 

Religiöses und soziales Leben verdichteten sich im jungen Kaiserreich in einer hohen Plausibilität und stärkten im Miteinander der kirchlichen Amtsträger und der organisierten Gemeinde eine ausgeprägte Subkultur, die sich zunehmend ausdifferenzierte. Sie wuchs in einer beständigen Aufbruchsstimmung, die auch trotz starker Einbrüche durch den Ersten Weltkrieg kaum beeinträchtigt wurde, versprach sozialen Aufstieg und gesellschaftlichen Einfluss, war ausgesprochen öffentlichkeitswirksam, darin hochmodern und demonstrierte mit großer Regelmäßigkeit ihre immense Schlagkraft bis in die hohe Politik der Weimarer Republik - nicht zuletzt durch den massiven Organisationsgrad im kirchlichen und vorpolitischen Raum, der das Leben in einem geschlossenen katholischen Milieu prägte und soziale Netze spannte, aus denen ein Ausbruch auch kaum möglich war.

 

Neue Zeiten

 

Das alles ist inzwischen Geschichte. Wie ein fernes Echo klang es bereits in der Nachkriegszeit, als das Verbot der meisten Verbände – heute vor genau 80 Jahren - noch präsent war. Auch wenn ihr Einfluss im Wiederaufbau der Bundesrepublik noch blieb: Die Zeiten gingen an den kleinen und großen Sozialverbänden nicht vorbei. Im Traditions- und Generationenabriss, in der schleichenden Auflösung des engen Konnex mit der Kirche selbst sowie durch die schwindende Präsenz im vorpolitischen Raum und in gesellschaftlichen Institutionen verloren sie ihre Aufgabe als intermediäre Organe und ihre Scharnierfunktion zwischen Kirche und Welt. Haben sie sich also inzwischen überlebt? Haben sie ihren mehr als 160-jährigen Beitrag zur Entwicklung unseres Staatswesens und der Kirche in Deutschland geleistet und können nun gehen?

 

Bleibender Auftrag

 

Nein, sie sind mehr als eine Restgröße. Sie haben einen bleibenden Auftrag - so Heinrich Wullhorst, erfahrener Verbandsexperte und langjähriger ehemaliger Pressesprecher des Kolpingwerks Deutschland in Köln in seinem temperamentvollen und meinungsstarken Vortrag: Wenn sie deutlich profiliert Orte sind, an denen aus dem Glauben heraus Gesellschaft mitgestaltet wird, muss der Weg in die Bedeutungslosigkeit nicht zwangsläufig vorgezeichnet sein. Sein Rat: Wenn sie sich deutlich profiliert und selbstbewusst auf ihre Eigenarten und Stärken besinnen, wenn sie sich nicht als Lückenfüller für Hilfsdienste in den Gemeinden in Beschlag nehmen lassen, sondern sich selbst als eigenständige lebendige Gemeinde begreifen, wenn sie aus dem Schatten der Kirchtürme heraustreten, die Öffentlichkeit suchen und sich in die Dinge einmischen, die die Menschen vor Ort wirklich betreffen – dann haben sie die katholischen Verbände nicht nur weiter eine Chance, sondern dann erfüllen sie schlicht ihren ureigenen Auftrag.

 

Raus in die Öffentlichkeit

 

„Darum muss die verbreitete Closed Shop-Mentalität ein Ende haben“, so Wullhorst. „Raus aus den Pfarrheim-Verstecken, hin in den öffentlichen Raum!“ Verbände seien keine „Orte der Selbstbespaßung“. Dabei müsse viel mehr „von unten nach oben“ gedacht werden: „Das wahre Leben spielt sich vor Ort ab“, so der Buchautor, viele übergeordnete und zwischengeordnete Strukturen seien wie die ständig neuen Debatten um neue Leitbilder schlicht „Ballast“, erklärte er: „Bleibt unbequem, lasst euch nicht für „Gedöns“ einspannen, ihr habt ein poltisch-gesellschaftliches Mandat.“ Und dass bei allen Schwierigkeiten um die Gewinnung von Nachwuchs die in analogen Zeiten entwickelten Errungenschaften auch in digitalen Zeiten gelten müssen, war nur ein Aspekt aus der spannenden anschließenden Diskussion, die viele Aspekte aufgriff. Sie weitete zuletzt auch den Blick auf die globalen Herausforderungen der Weltgesellschaft heute, denen sich nicht zuletzt die rasant wachsende Kirche auf anderen Erdteilen stellen muss. Dazu haben die vielfach totgesagten katholischen Verbände in Deutschland, bereits jetzt schon ihren eigenen historischen Beitrag geleistet. Und sie tun es immer noch.






Veröffentlicht am: 14:42:15 19.06.2018
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