Wissenschaftliche Sitzung:

„Kamerun: Überblick und Aktuelles"

 

ESSEN. Der Blick auf den Nachbarkontinent Afrika bleibt spannend: Nach der Wissenschaftlichen Sitzung „Nigeria – Land der Hoffnung“, zu der im vergangenen Juni Pfarrer Sylvester Ejike Ozioko berichtete, wird nun der Fokus auf Kamerun gerichtet. Dazu referiert am Mittwoch, 13. Februar 2019, Bbr. Donald Menyeng Ndem, stud. math., ab 19.30 Uhr c.t. im Unitas-Haus Feldschlösschen.

 

Seit Monaten kommt das 25,6-Millionen-Einwohner-Land nicht mehr aus den Schlagzeilen. Ende Januar wurde Oppositionsführer Maurice Kamto (64) in der Wirtschaftsmetropole Duala verhaftet – kurz nach Demonstrationen in mehreren Städten gegen die Regierung von Paul Biya (85), der das Land seit 1982 regiert. Aufgerufen zu den Protesten hatte Kamtos „Bewegung für die Renaissance Kameruns“ (MRC), denn der Zweitplatzierte bei der Präsidentschaftswahl vom Oktober 2018 sieht sich als rechtmäßiger Gewinner. Über 100 Menschen wurden verhaftet, zahlreiche verletzt. Kurzfristig war sogar in der Nacht zum 27. Januar die Botschaft Kameruns in Berlin besetzt worden.

 

Proteste im englischsprachigen Kamerun

 

Nach Angaben des Verfassungsrats hatte Biya bei den Wahlen am 7. Oktober 71,28 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigt, Maurice Kamto 14,2 Prozent. Er forderte Biya am Tag nach der Wahl dazu auf, einen friedlichen Übergang vorzubereiten und erklärte sich selbst zum Sieger. Ein Streit, der das Land in einem denkbar unpassenden Augenblick erreicht: Denn seit 2016 äußern sich Proteste vor allem im anglophonen Landesteil Kameruns. Hier klagt die englischsprachige Bevölkerung über starke Benachteiligungen durch die frankophon dominierte Regierung. Die zunächst friedliche Bewegung für mehr Eigenständigkeit im Nordwesten des afrikanischen Landes wurde 2017 gewaltsam unterdrückt, die Bildung von Unabhängigkeitsgruppen und gewaltsame Ausschreitungen folgten. Nach Einschätzung des Amtes zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) sind derzeit 437.000 Menschen auf der Flucht.

 

Steigende Opferzahlen

 

Die Zahl der Opfer steigt: In den vergangenen zwei Jahren kamen nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen mindestens 400 Zivilisten und 175 Sicherheitskräfte bei Zusammenstößen ums Leben. Im November wurde ein katholischer Priester, Mitarbeiter eines Projektpartners von Caritas international beim Beschuss einer Kirche in Kembong vom Militär erschossen. Er wurde Opfer eine Einschüchterungsaktion, wie das Katastrophenhilfswerk mitteilte. Verschleppte katholische Ordensmänner kamen dagegen nach Berichten des vatikanischen Pressedienstes Fides wieder auf freien Fuß. Zwei Claretiner-Patres, ein Student des Ordens und der Chauffeur waren im Südwesten des Landes auf einer Landstraße von Bewaffneten gekidnappt worden. Sie waren nach Ordensangaben in die englischsprachige Region unterwegs, um vom Bürgerkrieg betroffenen Einwohnern Nahrungsmittel zu bringen.


Keine politische Lösung in Sicht

 

Die Menschenrechtler der GFbV warfen der Bundesregierung Mitte November Versagen vor. Deutschland, aber auch die anderen beiden ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien würden tatenlos dabei zuschauen, wie Kamerun in Chaos und Gewalt versinke. Alle drei Staaten besäßen immer noch großen Einfluss in dem afrikanischen Land, vor allem Kameruns Schutzmacht Frankreich habe jedoch bislang die Regierung des Landes nicht zu einer politischen Lösung des eskalierenden Streits um die Zukunft der anglophonen Regionen drängen können. Doch auch Präsident Paul Biya zeige sich nach seiner Neuwahl im Oktober nicht zu einem glaubwürdigen politischen Dialog zur Lösung der Krise bereit. Statt sich um Vertrauensbildung mit den anglophonen Regionen zu bemühen, schüre Biyas Regierung die militärischen Auseinandersetzungen und gehe gewaltsam gegen die Verfechter von mehr Autonomie der englischsprachigen Regionen vor, so die GfbV.

 

Wechselhafte Geschichte


Kamerun, Region alter afrikanischer Königreiche, wurde 1884 deutsche Kolonie: Bereits seit den 1860er Jahren waren hier norddeutsche Handelshäuser tätig. Um den Engländern zuvorzukommen, unterstützte Reichskanzler Bismarck die Einrichtung eines Protektorates, das in militärischen Expeditionen unterworfen und sogar vergrößert wurde. Einheimische Revolten und Meutereien wurden brutal niedergeschlagen, große Plantagengesellschaften eingerichtet und das Land durch Eisenbahnprojekte erschlossen. Die schwachen deutschen Schutztruppen konnten die Kolonie im Ersten Weltkrieg nicht halten – sie ging mit dem Vertrag von Versailles 1919 zunächst offiziell in den Besitz des Völkerbundes über. Er gab ein Mandat zur Verwaltung an Großbritannien und Frankreich und bei der Aufteilung des Landes wurde Frankreich vier Fünftel, ein kleinerer Teil den Briten zugeschlagen.

Seit Mitte der 1950er Jahre setzten sich bewaffnete Gruppen für die Unabhängigkeit Kameruns ein. Sie wurde zum 1.1.1960 erreicht, doch blieben die Unruhen bestehen. Aus einer Diktatur ging 1982 der bis heute amtierende Staatschef Biya als Präsident hervor und Kamerun galt lange als Stabilitätsanker in der Region. Die englischsprachigen Regionen, die weitreichende Zugeständnisse für das Englische als Verkehrssprache und Teile des britischen Rechtssystems erhalten hatten, klagen jedoch seit Jahren über wachsende Repressionen durch die Zentralregierung. Vor einem Jahr riefen englischsprachige Kameruner symbolisch den neuen Staat „Ambazonien“ aus. Früher teils gewaltsame Grenzstreitigkeiten mit dem weitaus größeren und mächtigen Nachbarstaat Nigeria wurden durch Zugeständnisse Nigerias 2008 friedlich beigelegt. Seit einem Jahrzehnt sind die Beziehungen zu China sprunghaft ausgeweitet worden.




Veröffentlicht am: 12:45:55 08.02.2019
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