Europatag 2020: Ein virtueller Salut

 

Liebe Bundesgeschwister, liebe Freunde der Unitas! Ausgerechnet in diesem Jahr! Zum 70. Jahrestag der „Historischen Erklärung" von Bundesbruder Robert Schuman am 9. Mai hätten wir Ruhranen gerne wieder groß gefeiert - wie immer rund um den Europatag.

 

Schon immer begleitet uns an der Ruhr dieses Thema in besonderer Weise: Zur 130. Generalversammlung des UNITAS-Verbands in Trier hatten wir eine von uns intensiv beratene Beschlussvorlage vorbereitet, mit dem sich der Unitas-Verband und alle Mitgliedsvereine 2007 dazu verpflichteten, die Vertiefung und Sicherung des christlichen Wertefundaments Europas zum Querschnittsthema der gesamten Verbandsarbeit zu machen. Auch an unseren beliebten Europakommersen, zu dem wir immer wieder prominente Redner begrüßen durften, haben wir seit dem Sommer 2009 auf unserem Breitengrad in jedem Jahr festgehalten, an Bbr. Schuman erinnert und auch in Wissenschaftlichen Sitzungen immer wieder Aspekte zu diesem großen Thema beleuchtet. In diesem Jahr geht das aus den bekannten Gründen nicht – die Semesterprogramme gestalten sich weitgehend virtuell. Doch mit einigen Beiträgen wollen wir das Ereignis des 70. Jahrestages der „Historische Erklärung“ von Bbr. Robert Schuman nicht ungewürdigt lassen – auf der Facebookseite, aber auch auf unserer Homepage.

 

Schuman sei Dank

 

Bbr. Schuman und den Vielen, die ihm nachfolgten - sei Dank: Europa ist längst Realität. Selbst wenn es vielfach nicht so scheint – oder noch mehr: wenn der Eindruck erweckt wird, dass dies nicht so sei. Natürlich wird mehr denn je gerade in diesen Zeiten deutlich, wo die vielen Baustellen sind, die im wahrsten Sinne des Wortes den Verkehr aufhalten, die aber mehr noch auch schmerzlich spüren lassen, wie schwer und wie schwerfällig dieser sogar weltgeschichtlich einzigartige Prozess des europäischen Einigungswerks ist. Denn beständig droht die Gefahr, dass die grundlegende Verpflichtung zur Wahrung seiner Grundsätze dem Ränkespiel der Mächte zum Opfer fällt, dass „Europa seine Seele verliert“, wie auch Papst Franziskus vielfach gewarnt hat. Mit großer Berechtigung lassen sich solche Entwicklungen beklagen, muss Einhalt gefordert und faulen Kompromissen die rote Karte entgegenstreckt werden. Das nationale Geschacher um Grenzen, Asyl, Geflüchtete, um Alleingänge vieler Art auf dem Kontinent ist erbärmlich, traurig und ärgerlich zugleich.

 

Blick für das Ganze

 

Andererseits: Wer sich ständig auf die Probleme fokussiert, verliert das große Ganze aus dem Blick - das soll uns nicht passieren! Wer immer „Europa“ für alles verantwortlich macht, was vermeintlich nicht „funktioniert“, entlarvt den beschränkten Horizont der Wahrnehmung, der wird zum Opfer und willfährigen Büttel einer billigen Propaganda, die ganz unverhohlen ganz andere, mächtige eigene Ziele verfolgt. Denn ganz offensichtlich ist, dass vielen in Ländern innerhalb und außerhalb unseres Kontinents ein starkes, handlungsfähiges und leistungsbereites Europa alles andere als ins Konzept passt. Nationalisten, Extremismus vieler Art, Wirtschaftslobbys und andere Interessengruppen vieler Art schüren diesen qualmenden Buschbrand, der die klare Sicht nimmt. Hier reicht der Blick auf fortwährende Desinformation, Fake News, Propaganda und ständige Einflussnahme – hinter den Kulissen und vor unser aller Augen, die jedoch in den Dissonanzen unserer öffentlichen Erregungsmechanik oft untergehen. Sie desavouieren Europa und die Europäische Union wahlweise als übermächtige Monstren oder aber als fragmentierte Kulissen und konstruieren aus dem naturgemäß komplexen Miteinander ein katastrophales Gegen- und Durcheinander - die Reizthemen sind Legion. Ihnen allen spielen in die Hände: Eine eigene Kleingläubigkeit und Unentschlossenheit.

 

Die Zukunft ist längst da

 

75 Jahre nach dem verheerenden II. Weltkrieg und 70 Jahre nach der Initialzündung für eine völlige neue Politik und Lebenswirklichkeit halten wir dagegen daran fest: Kleinkariertes, blindes und borniertes Festhalten an vermeintlich Bewährtem ist ebenso wenig angesagt wie das wirre Poltern gegen eine Zukunft, die längst da ist. Und an der eine Generation mit ihren Talenten, ihrer eigenen Begeisterung und Leidenschaft mitarbeitet und mitwirken wird, die selbst nie Zeuge der schweren Anfänge gewesen ist. Sie nicht aus dem Blick zu verlieren, ist heute wichtiger als je zuvor. Damit nicht mutwillig und gedankenlos das verspielt wird, was - Gottseidank – in 75 Jahren Frieden alles längst gewachsen ist. Uns allen einen guten Europatag 2020!

 

Hier ein Artikel, den wir auch dem Verband aus diesem Anlass zur Verfügung gestellt haben:

 

Vor 70 Jahren: „Historische Erklärung“ von Bbr. Robert Schuman

 

PARIS, 9. Mai 1950: „Schuman spricht!“ Wie ein Lauffeuer rast die Nachricht durch das akkreditierte Pressecorps. Und was der französische Außenminister Bbr. Robert Schuman (1886-1963) an diesem Tag um 16 Uhr im Uhrensaal des Außenministeriums am Quai d´Orsay mitteilt, ist schlicht sensationell: Er verliest eine Regierungserklärung, in der er die grundlegenden Gedanken für eine Vereinigung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlindustrie bekannt gibt – und mehr. Das Risiko ist kalkuliert – er nimmt die Konsequenzen auf sich, denn sein Plan kommt einem politischen Selbstmord gleich. Und doch wird seine „Historische Erklärung“ heute mit Recht als die Geburtsstunde dessen gefeiert, was wir heute Europa, das politische Europa nennen.

 

Was er der Welt vor 70 Jahren mitteilt, trieb ihn bereits lange um: „Was wir brauchen, ist ein vereintes Europa, das ausschließlich auf Werke des Friedens ausgerichtet ist, ein Europa, das seine Anstrengungen und seine Ressourcen bündelt, um das wieder aufzubauen, was fünf Kriegsjahre zerstört haben“, hatte er am 17. Januar 1949 in Bern erklärt. Jetzt scheint es ihm an der Zeit, dies endlich in der Politik durchzusetzen: Seine mit Jean Monnet, dem Chef des staatlichen Planungsamtes entworfene Regierungserklärung vom 9. Mai 1950 ist mehrere Wochen streng geheim vorbereitet worden, Schuman hat sie in seinem Haus in Scy-Chazelles noch einmal intensiv überdacht. Ministerpräsident Georges Bidault hat nicht reagiert, nur wenige Stunden zuvor wird der deutsche Kanzler Konrad Adenauer informiert und stimmt sofort zu. Schuman tritt an das Mikrophon und erklärt in seinen einleitenden Sätzen: „Es geht nicht mehr um leere Worte, sondern um eine mutige Tat, um eine Gründungstat. Frankreich hat gehandelt, und die Folgen seines Handelns können gewaltig sein. Wir hoffen, dass sie es sein werden. Frankreich hat in erster Linie im Interesse des Friedens gehandelt. Damit der Frieden eine echte Chance erhält, muss es zunächst ein Europa geben. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands tut Frankreich den ersten entscheidenden Schritt für den Aufbau Europas und beteiligt Deutschland daran. Die Verhältnisse in Europa müssen sich dadurch vollständig verändern. Diese Veränderung wird weitere gemeinsame Taten möglich machen, die bisher undenkbar waren. Daraus wird ein Europa entstehen, ein zuverlässig vereintes und ein sicher gebautes Europa."


Seine Erklärung ist programmatisch: „Der Friede in der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die den Gefahren entsprechen, die den Frieden bedrohen“, sagt er. Europa lasse sich nicht mit einem Schlage herstellen, sondern es werde durch konkrete Tatsachen entstehen. Zunächst müsse eine „Solidarität der Tat" geschaffen, der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht werden – sofort, durch einen ersten ganz pragmatischen, „begrenzten, doch entscheidenden" Schritt: Die französisch-deutsche Kohle- und Stahlproduktion soll einer gemeinsamen Hohen Behörde unterstellt werden, deren Entscheidungen bindend sind. Die Zusammenfassung der wirtschaftlichen Interessen werde zur Hebung des Lebensstandards und zur Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft beitragen, zudem sei dieser Vorschlag offen für alle anderen europäischen Nationen, die die Ziele teilten.


Ein knappes Jahr später erläutert Schuman in der ZEIT (26. April 1951): „Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein geeintes Europa nur eine Improvisation ist, ein Ausweg zur Lösung des deutschen Problems oder ein Schachzug gegenüber der russischen Bedrohung. Es gibt tiefere und nachhaltigere Gründe für die Einigung.“ Die europäischen Länder fühlten sich in ihren nationalen Grenzen mehr und mehr beengt, meint er, sie könnten sich nicht mehr aus eigener Kraft erhalten und ihre inneren Probleme mit eigenen Mitteln lösen. Sein Fazit: „Die Zerstückelung Europas ist ein Anachronismus, ein Nonsens, eine Häresie geworden. Die politischen Grenzen sind das Ergebnis einer historischen und ethnischen Entwicklung, die wir respektieren. Es soll keine Rede davon sein, sie auszulöschen. In früheren Epochen veränderte man sie mit Hilfe gewaltsamer Eroberungen oder ertragreicher Heiraten. Heute genügt es, ihre Bedeutung zu entwerten. Auf den alten Grundmauern müssen wir ein neues Stockwerk errichten. Das Übernationale wird auf nationalen Grundsteinen ruhen.“


Doch das europäische Projekt hat schon Fahrt aufgenommen – sein Vorschlag ist in der Welt. Jetzt seien europäische Körperschaften zu bilden, die für gewisse Aufgaben spezialisiert sind. Seine Vision, so Schuman wörtlich: „Europa schaffen“ heißt gewiss letzten Endes, eine alleinige souveräne europäische Autorität ins Leben rufen.“ (ebd.) Als der erst zwei Monate zuvor einstimmig gewählte erste Präsident des Europäischen Parlaments am Himmelfahrtstag, 15. Mai 1958, mit dem 1950 in Aachen gestifteten Karlspreis ausgezeichnet wird, unterstreicht er erneut die Bedeutung des europäischen „Zentralproblems“ Deutschland-Frankreich „und dass es keine Lösung für Europa geben konnte, solange dieses Problem nicht gelöst war“, erklärt Bbr. Robert Schuman: „Es ist gelöst, und eine Sitzung wie die heutige ist der beste Beweis dafür, dass es in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland keine Streitobjekte gibt und dass es für uns die größte und tiefste Befriedigung ist, die wir in einer Zeremonie wie der heutigen empfinden.“


Am 4.September stirbt Bbr. Robert Schuman im Alter von 77 Jahren in Scy-Chazelles. Abertausende von Bürgern der Stadt Metz säumen am 7. September 1963 die Straßen, als der Sarg von der Präfektur zur Totenmesse in der Kathedrale überführt wird. Für die Bundesrepublik nimmt Bbr. Dr. Heinrich Krone teil, an der Spitze des Leichenzuges zieht die französische Fahne, hinter ihr auf Bbr. Schumans ausdrücklichen persönlichen Wunsch die blau-weiß-goldene Fahne der Unitas, getragen vom Senior der UNITAS Rhenania, mit zwei Bundesbrüdern seiner UNITAS-Salia und der UNITAS Stolzenfels. „R. Schuman hat seit 1904 der Bonner Unitas-Verbindung „Salia" angehört. Er studierte ferner an den deutschen Universitäten Marburg und Berlin, wo er ebenfalls ein treuer und eifriger Unitarier war. Diese deutschen Stationen haben sein europäisches Wesen mitgeformt“, erinnerte der Bonner Zirkelvorsitzende in seinem Nachruf für die Unitas-Zeitung, der mit der unitarischen Delegation und den Chargen zu dem kleinen Kreis der Ehrengäste gehörte („Ein großer Europäer ist heimgegangen“, in: unitas, 103. Jg, Dez. 1963, Heft 12, 226): „Nach einer Woche dankten die beiden französischen Bürgermeister dem Leiter der Unitas-Delegation, Dr. Kessel, schriftlich für die Teilnahme beim Heimgang des großen Franzosen und Europäers Robert Schuman und gaben der Hoffnung Ausdruck, dass Franzosen und Deutsche die jetzige Europapolitik im Sinne Adenauer-Schuman fortsetzen mögen. Monsieur le Maire Raymond Lampert schrieb wörtlich: „Für viele war es sehr gesund, auf diese Weise zu erfahren, dass unser großer Europäer damals schon in Bonn „Unitas“ lebte“ ...“. (s.a. „Ein edler Christ, ein großer Europäer, ein treuer Unitarier“, in: unitas 1963, 182ff.)


Der UNITAS blieb Schuman zeitlebens verbunden, empfing auch als Minister Bundesbrüder aus Mainz und Freiburg, schrieb Briefe. Der vom 3.-9. August 1950 in München tagenden 73. Generalversammlung der UNITAS schrieb Schuman: „Aus Strasbourg, dem Sitz des zurzeit tagenden Europa-Rates entbiete ich dem Unitas-Verband in freundlicher und dankbarer Erinnerung meine besten Wünsche für geistiges Gedeihen und wirksame Friedensarbeit.“ Den UNITAS-Vereinen in Münster wünschte er 1955 zum Stiftungsfest ausdrücklich: „Amicitia über die nationalen Grenzen hinaus soll nunmehr ein Losungswort sein für die Unitas.“ Und egal, was viele auch heute sagen: Europa lebt. Ein Kontinent, der aus seinen christlichen und humanistischen Wurzeln zum Frieden und zur Solidarität aufgerufen bleibt. Die Unitas ist dabei!

 




Veröffentlicht am: 19:39:31 07.05.2020
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