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Freudiges Ereignis in Sarajevo:

Kinderheim „Haus Egypta“ wurde eingeweiht

aus unitas 139. Jg., Ausgabe 5/ 1999


von LAMBERT KLINKE
 

Zwei Jahre, nachdem der UNITAS-Verband auf seiner Jubiläums-Generalversammlung in Bonn die von der UNITAS-Salia angeregte Unterstützung beim Wiederaufbau des Kinderheimes „Haus Egypta“ in Sarajevo als neues Sozialprojekt beschlossen hatte, konnte das Haus seiner Bestimmung übergeben werden. Zur Einweihungsfeier am 12. Juni 1999 war auch eine Delegation des UNITAS-Verbandes mit dem Beauftragten des Verbandes für das Projekt, Bbr. Hermann-Josef Grossimlinghaus, dem designierten Vorortsteam der UNITAS-Cheruskia Gießen mit den Bundesbrüdern Rainer Voß, Thomas Luboeinski und Lambert Klinke sowie Bbr. Stefan Demuth als Vertreter der UNITAS-Salia nach Bosnien-Herzegowina gereist. Dabei nutzten die Unitarier auch die Gelegenheit, sich fünf Jahre nach Ende des verheerenden Bürgerkrieges über die aktuelle Situation in der bosnischen Hauptstadt zu informieren. Bbr. Lambert Klinke hat den nachstehenden Bericht verfasst.

 

Ankunft in Sarajevo: Am Flughafen hießen uns nicht nur zwei Schwestern vom Orden der „Dienerinnen vom Kinde Jesu“, herzlich willkommen - sie betreuen das „Haus Egypta“. Es erwartete uns auch schon Ludwig Grunwald, der Beauftragte des Deutschen Caritas-Verbandes für Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Bei einer ersten Fahrt durch die Stadt machte er uns deutlich, dass der Normalisierungsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Insbesondere in der Umgebung des Flughafens stehen noch zahlreiche von Granaten zerschossene und bis heute verlassene Häuserblocks, die Zerstörungen und Schrecken des Bürgerkrieges nachdrücklich vor Augen führen.

 

Aber auch im Zentrum von Sarajevo ragen noch vereinzelt die Ruinen ausgebrannter Hochhäuser mahnend in den Himmel. Hingegen vermittelt ein Rundgang durch die Altstadt schon wieder den Eindruck eines normalen Lebens. Insbesondere junge Leute flanieren durch die restaurierten Gassen und Straßen und bevölkern die vielen kleinen Cafés. Nur die zur Mahnung mit rotem Kunstharz ausgegossenen Granateinschläge auf dem Markt und in der Fußgängerzone erinnern immer wieder daran, dass hier zahlreiche Menschen ihr Leben lassen mussten.

 

Bei einem Gespräch mit dem Provinzial des Franziskanerordens, P. Petar Andjelovic, erfahren wir, dass ein dauerhafter Frieden in der Region nur durch die Versöhnung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen möglich sein wird, ein Prozess, der nach Auffassung des Ordensmannes noch lange Zeit und viel Geduld erfordert, denn zu tief sind die Wunden, die die Greueltaten während des Bürgerkrieges hinterlassen haben.

 

Die Serben haben die Stadt weitgehend verlassen und sich in die eigene Teilrepublik Srpska zurückgezogen. Von den verbliebenen rund 440.000 Einwohnern sind 400.000 Muslime und nur etwa 40.000 Christen, überwiegend Katholiken, die zum kroatischen Bevölkerungsteil gehören. Als Problemfelder werden eine hohe Arbeitslosigkeit, die zunehmende Kriminalität, eine weit verbreitete Korruption in der Verwaltung, aber auch die mentalitäts- und kulturellen Barrieren zwischen Muslimen und Christen benannt. Im täglichen Leben kommt es nicht selten zu Diskriminierungen der christlichen Minderheit.

 

Überall schießen neue Moscheen wie Pilze aus dem Boden - finanziert durch Geldgeber aus dem Iran und arabischen Ländern. Die in der Minderheit befindlichen Christen müssen sich gegenüber der muslimischen Mehrheit immer wieder behaupten. Die katholischen Einrichtungen, die wir besichtigen, machen einen guten Eindruck. Die fünf Pfarrkirchen der Stadt wurden in den letzten Jahren alle restauriert, ebenso das Priesterseminar, das Bischofshaus, eine katholische Schule und andere Gebäude. Fast immer wird in diesem Zusammenhang das katholische Hilfswerk RENOVABIS genannt, das nach dem Ende des Bürgerkrieges schnell und unbürokratisch Gelder zur Verfügung gestellt hat.

 

Mit dem „Haus Egypta“ konnte nun eine weitere katholische Einrichtung ihren Betrieb aufnehmen. Bei unserer Ankunft wurden wir herzlich durch die Provinzoberin Sr. Vitomira Bagic und die Provinzökonomin Sr. Admirata Lu˜i‡, die auch den Wiederaufbau des Kinderheims geleitet hat, begrüßt und mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Im Speisesaal des Hauses erhielten wir einen Imbiss und einen hausgebrannten Slibovic als Willkommenstrunk.

 

Der anschließende Rundgang durch das Haus versetzte uns in Erstaunen. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Schwestern ist es gelungen, das Haus schneller fertigzustellen als ursprünglich erwartet. Wer sich noch an die Bilder mit dem fast völlig zerstörten Gebäude vor Beginn des Wiederaufbaus erinnert (vgl. unitas 5/1997, Seite 172), mag kaum glauben, dass in nur drei Jahren innen wie außen ein echtes Schmuckstück entstanden ist. Das ganze Haus zeigt eine solide und gediegene Ausstattung. Im Keller befinden sich die Küche, die Wirtschaftsräume und die Speisesäle. Im Erdgeschoss liegt zentral die Kapelle, links der Kindergartenbereich, in den auch externe Kinder aufgenommen werden; rechts der Empfang, die Büros für die Verwaltung und ein Saal für Veranstaltungen. Erster und zweiter Stock umfassen die vier Wohneinheiten für das Kinderheim mit Aufenthalts- und Schlafräumen sowie jeweils einem Zimmer für die verantwortliche Schwester. Im Dachgeschoss fand schließlich die Ordensverwaltung ihren neuen Sitz. Hier befinden sich auch einige Gästezimmer. In den Sitzungssaal wurde ein kleines Museum integriert, das an den Begründer des Hauses, Erzbischof Josip Stadler, erinnert.

 

Neben dem UNITAS-Verband haben viele mitgeholfen, den Traum der Schwestern Wirklichkeit werden zu lassen, mit Geld- und Sachspenden, aber auch durch persönlichen Arbeitseinsatz. Zum Beispiel haben österreichische Dachdecker nicht nur das notwendige Material für das neue Dach zur Verfügung gestellt und nach Sarajevo gebracht, sondern auch durch kostenlosen persönlichen Einsatz die notwendigen Arbeiten erledigt. Ein ähnliches Engagement haben SFOR-Truppen aus mehreren Nationen eingebracht. Die Caritas aus Schweden und Österreich haben in einer Gemeinschaftsaktion die Möbel aus massivem skandinavischem Holz zur Verfügung gestellt. Das katholische Hilfswerk RENOVABIS hat die Heizung finanziert. Hinzu kommen viele kleinere Aktionen einzelner Wohltäter und Pfarrgemeinden aus mehreren Ländern. Manche der Förderer waren - wie wir Unitarier - zur Einweihungsfeier nach Sarajevo gekommen, um die Freude mit den Schwestern zu teilen.

 

Mehr als 200 Gäste waren der Einladung gefolgt, neben zahlreichen Repräsentanten der Kirche auch Vertreter staatlicher Organe und der Stadt Sarajevo, der SFOR-Truppen aus Italien, Österreich, Deutschland und Frankreich sowie der Medien. Der deutsche Botschafter, dessen Residenz in der direkten Nachbarschaft des „Haus Egypta“ liegt, war ebenfalls zugegen. Und natürlich nahmen auch schon einige der Kinder, die am folgenden Tag in das Haus einziehen sollten, an der Feier teil. Sie waren allerdings weniger am protokollarischen Ablauf der Veranstaltung interessiert, sondern spielten Fußball auf dem Rasen vor dem Gebäude.

 

Die Kapelle konnte die vielen Teilnehmer am Dankgottesdienst nicht fassen, so dass das Geschehen über Lautsprecher nach draußen übertragen werden musste. Anschließend konnten die Gäste sich nach den offiziellen Ansprachen an einem reichhaltigen Buffet in den von italienischen SFOR-Soldaten im Garten des Hauses errichteten Zelten erfreuen.

 

Das „Haus Egypta“ will nicht nur elternlosen Kindern ein neues Zuhause geben, sondern auch einen Beitrag zur Versöhnung leisten, indem Kinder aus allen Bevölkerungsgruppen Aufnahme finden. In seiner Predigt beim Festgottesdienst zur Eröffnung des Kinderheims ging der Erzbischof von Sarajevo, Kardinal Vinko Puljic, genau auf diesen Aspekt ein: „Das Waisenhaus wird offenstehen für alle Kinder, Religion oder ethnische Zugehörigkeit werden keine Rolle spielen. Ganz im Sinne von Erzbischof Josip Stadler, der dieses Haus vor genau 100 Jahren gegründet hat, soll ‘Egypta’ ein Vorbild für christliche Liebe und Toleranz sein, in dem sich alle Kulturen unserer Heimat begegnen können!“ Josip Stadler als erster Erzbischof von Sarajevo hatte das Haus im Jahr 1899 eingerichtet und die Leitung der von ihm dafür gegründeten Schwesterngemeinschaft der „Dienerinnen vom Kinde Jesu“ anvertraut. Er nannte das Haus damals „Egypta“ bzw. in der Landessprache „Egipat“, womit er an die Aufnahme der Heiligen Familie nach ihrer Flucht nach Ägypten erinnern wollte. Bis zur kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1948 und der Vertreibung und Beschlagnahmung des Hauses haben die Schwestern mehr als 10.000 Kinder erzogen. Erst zu Weihnachten 1995 wurde das Gebäude der Kongregation völlig zerstört zurückgegeben; schon im Januar 1996 wurde dann mit dem Wiederaufbau begonnen.

 

Einen großen Anteil hat dabei seit 1997 der UNITAS-Verband geleistet, der mit bisher rund DM 310.000 nach Angabe der Schwestern den größten Einzelanteil an den Gesamtkosten getragen hat. So konnte Bbr. Rainer Voß als designierter Vorortspräsident nach der Eucharistiefeier einen weiteren symbolischen Scheck über DM 145.000 als Spendenergebnis der letzten 12 Monate an die Provinzoberin des Ordens überreichen. „Dass die UNITAS sich so engagiert hat, ist ein großes Geschenk für uns. Berichten Sie das Ihren Bundesschwestern und Bundesbrüdern“, bat eine bewegte Sr. Admirata, die den Aufbau des Hauses geleitet hat. Auch Kardinal Puljic, mit dem wir zu einem Gespräch im Priesterseminar zusammenkamen, dankte der UNITAS ausdrücklich für ihr Engagement und ihre Hilfe: „Allein schon durch den Beschluss, das Projekt zu unterstützen, haben Sie einen Beitrag zur Versöhnung in diesem geplagten Land geleistet; dass dann auch noch soviel Geld zusammengekommen ist, werden wir nicht vergessen“.

 

Nicht zuletzt dank der unitarischen Hilfe finden nun 40 Kinder im „Haus Egypta“ ein neues Zuhause. In vier Wohneinheiten sollen jeweils unter der Obhut einer Ordensschwester familienähnliche Strukturen den verwaisten, vernachlässigten und zum Teil durch die Kriegserfahrungen verhaltensgestörten Kindern neue Geborgenheit und die Befähigung zu einem selbständigen Leben in der Gesellschaft geben. Durch ihre Offenheit gegenüber allen Bevölkerungsgruppen leisten die Schwestern dabei vor allem auch einen Beitrag für einen interreligiösen und interethnischen Dialog.

 

Wie wichtig diese Zielsetzung für Bosnien-Herzegowina ist, zeigte uns ein Besuch im deutsch-französischen SFOR-Stützpunkt Rajlovac. Nach der sonntäglichen Messfeier, an der wir als einzige Zivilisten neben fast 100 Offizieren und Soldaten teilnahmen, erläuterten uns der Standortgeistliche, Pfarrer Markus Meier, und einige der Offiziere in persönlichen Gesprächen den letztlich aus den „traditionellen“ Gegensätzen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen resultierenden friedenserhaltenden Auftrag der Bundeswehr. Auch hier geht man von einem längerfristigen Einsatz aus; die Rede war von 10, ja sogar von 20 Jahren.

 

Ganz offen wurde auch die sich aus den speziellen Bedingungen des Einsatzes in Bosnien ergebende persönliche Situation der fast 3.000 Soldatinnen und Soldaten diskutiert. Nach einem Mittagessen in der „Oase“, dem gemeinsamen Zentrum der evangelischen und katholischen Seelsorge, und der Besichtigung des Lagers mit seinem Feldlazarett - für die beiden Mediziner aus dem Vorortsteam eine interessante Erfahrung - fuhren wir dann in Bundeswehrbegleitung zum Flughafen, um nach einer herzlichen Verabschiedung durch Sr. Admirata vollgepackt mit einer Vielzahl bewegender Erfahrungen, wie sie innerhalb von drei Tagen sonst wohl kaum zu erlangen sind, zurück nach Deutschland zu fliegen.

Alle Unitarier, die nach Sarajevo kommen, sind herzlich eingeladen, auch im „Haus Egypta“ vorbei zu schauen, denn es ist zu einem guten Stück auch „unser“ Haus. Die Schwestern würden sich sehr freuen!


 

 

 




Veröffentlicht am: 17:05:30 18.06.1999
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