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129. Generalversammlung 
der UNITAS in Neuss 2006
Erinnerung an die Bundesbrüder 
Ferdinand Rheinstädter und Peter Kreutzer

Die GV vom 28. April bis 1. Mai 2006 in Neuss war dem Schwerpunktthema „Zukunft ohne Kinder - Gesellschaft ohne Zukunft“ gewidmet. Zudem erinnerte die Generalversammlung "in memoriam Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter und der 27. GV 1887 zu Neuss" an die damals erfolgte Öffnung des 1855 gegründeten und maßgeblich durch Theologen geprägten UNITAS-Verbandes für Studierende aller Fakultäten.

Federführend für die Durchsetzung des historischen und wegweisenden Beschlusses war der damalige Senior der UNITAS in Bonn und spätere erste Stadtdechant von Essen, Dr. Peter Kreutzer. Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter, Gründer der Neusser Zentrumspartei und des "Neusser Wochenblattes" war Kreutzers Religionslehrer am Gymnasium in Neuss gewesen. Nicht von ungefähr wird Kreutzer in der unitarischen Geschichtsschreibung neben Hermann Ludger Potthoff aus Werden als der „zweite Gründer“ der UNITAS bezeichnet. Peter Kreutzer, 1907 zum Pfarrer an St. Johann Baptist in Essen-Altenessen berufen und 1925 zum Stadtdechant von Groß-Essen ernannt, wirkte 27 Jahre als Großstadtseelsorger in der Ruhrmetropole. An seiner Kirche wirkte als Kaplan Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer, der als erster Priester von den Nazis verhaftete „rote Ruhrkaplan“ und spätere „Bunkerpfarrer“ von Düsseldorf. Bbr. Peter Kreutzer starb am 10. Juni 1934 im Alter von 68 Jahren. Zu seiner Beisetzung gaben ihm Kardinal Karl Josef Schulte aus Köln und 150 Priester das letzte Geleit. Sein Grab auf dem Nordfriedhof in Altenessen trägt das Bild des Guten Hirten.  

(Ein Lebensbild im Anschluss an den folgenden Bericht und die beschlossene Resolution zur Familienpolitik).

„Zukunft ohne Kinder, Gesellschaft ohne Zukunft“  
129. GV in Neuss im Zeichen der Familienpolitik / UNITAS Frankonia Eichstätt zum neuen Vorort gewählt

Von Bbr. Hermann-Josef Großimlinghaus

Es war in erster Linie eine Generalversammlung der Aktiven, die mit über 160 Bundesschwestern und -brüder sehr gut vertreten waren. Die Anmeldezahl der Alten Herren war hingegen niedriger als erwartet. Vielleicht lag es am frühen Termin über ein durch den 1. Mai verlängertes Wochenende, der manchen nicht passte, weil sie für diese Zeit Urlaub geplant hatten. Vielleicht war Neuss für manche auf den ersten Blick auch nicht so attraktiv, oder vielleicht war das Programm ohne Festball, aber mit viel Party-Time eher auf den Geschmack der Aktiven ausgerichtet. Wie auch immer: Die in Neuss dabei waren, hatten sicher ihren Spaß.

„Willkommen in Neuss, der Stadt mit unitarischer Geschichte, der Stadt des Hl. Quirinus und der Schützen“, so der einleitende Satz im Programmheft zur GV. Mit diesen drei Attributen gab Neuss dem Jahrestreffen der UNITAS ihr besonderes Gepräge. Das fiel schon beim Begrüßungsabend auf. Bei zünftiger Blasmusik – gespielt von der Jägerkapelle Straberg – zogen viele Uniformierte ein. Doch es dominierte nicht das unitarische Blau-Weiß-Gold, sondern die Farben Grün, Blau und Schwarz der verschiedenen Züge des Neusser Schützenregiments. Denn: Was wäre Neuss ohne seine Schützen? Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll, selbst Major der Scheiben-Schützen und im Jahr 2000 sogar Schützenkönig - die wohl höchste Würde im gesellschaftlichen Leben der Stadt -, sah es daher als seine Pflicht, den GV-Teilnehmern das Schützenwesen und das Brauchtum näher zu bringen.

Überhaupt – zu einem guten Stück war es einfach „seine“ Generalversammlung. Dieter Krüll hatte sie hierhin geholt, nicht nur weil die Verbandsgeschäftsstelle in Neuss ihren Sitz hat und weil es seine Heimatstadt ist. Die UNITAS hat auch noch andere Verbindungen zur Quirinus-Stadt. Hier hatte Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter, einer der Mitbegründer des UNITAS-Verbandes, seinen Wirkungsort und bei einer außerordentlichen GV wurde in Neuss 1887 der für den Verband damals lebensnotwendige Beschluss gefasst, die UNITAS auch für Laien zu öffnen. Und schließlich: Beim Festkommers wurde Bbr. Dieter Krüll für seine Verdienste um den Verband mit der Goldenen UNITAS-Nadel geehrt. – Doch alles der Reihe nach.

In diesem Jahr war der auf einen Montag fallende 1. Mai mit in die GV einbezogen worden. Sie begann daher erst einen Tag später als sonst üblich. Am Freitagvormittag hatte schon der erweiterte Verbandsvorstand getagt und letzte Vorbereitungen getroffen. Nach einem Empfang im Rathaus ging es dann in die Plenarsitzungen. Unter der souveränen Leitung des GV-Präsidenten Bbr. Kyrill Makoski konnte die Tagesordnung zügig abgehandelt werden, sodass in diesem Jahr drei Sitzungen reichten.

Mehr Kommunikation notwendig

In ihrem Rechenschaftsbericht hob Vorortspräsidentin Elisabeth Fels besonders die Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit hervor – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die ganze GV zog. Dabei sah sie durchaus hoffnungsvolle Zeichen, sprach von einer „Phase des Aufbruchs“, in der viele Vereine wieder verstärkt neue Mitglieder recipieren konnten. Allerdings gebe es auch zahlreiche Missstände im Verband. Vor allem mangele es an der notwendigen Kommunikation und am erforderlichen persönlichen Engagement. „Viel zu oft verlässt man sich darauf, dass sich schon jemand kümmern wird“, beklagte Elisabeth Fels. Die Lasten in den Vereinen und im Verband müssten von möglichst vielen Bundesschwestern und –brüdern getragen werden. Nur gemeinsam seien die angesichts der demographischen Entwicklung notwendigen verstärkten Anstrengungen zu meistern.

Die Botschaft lautete: Nachwuchswerbung hat künftig höchste Priorität! Dies wurde auch deutlich in der Diskussion verschiedener Berichte und Anträge. So hatte der Vorort etwa beantragt, einen Referenten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu schaffen, quasi als Stabsstelle. Ziel: mit einer effizienteren PR-Arbeit dem Verband nach außen ein stärkeres Profil zu geben und nicht zuletzt so auch interessierte Studierende auf die UNITAS aufmerksam zu machen. Der Antrag fand zwar nicht die notwendige Mehrheit, vor allem aus finanziellen Erwägungen, denn nach der Vorstellung der Vorortspräsidentin sollte die Stelle „angemessen honoriert“ werden. Doch in der Aussprache wurde klar: Der UNITAS-Verband ist einer breiteren Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt, professionelle Hilfe in diesem Feld tue not. „Wir müssen hier über das Klein-Klein-Denken im UV hinauskommen“, forderte ein Bundesbruder. Da Pressearbeit vor allem an den einzelnen Hochschulorten geleistet werden muss, erging die Mahnung an alle Aktivitates, Altherren- und Hohedamen-Vereine, die Kontakte zu den örtlichen Medien zu intensivieren und die Arbeit der Vereine ansprechend „zu verkaufen“.

Vor dem Hintergrund veränderter Studienstrukturen im Rahmen des Bologna-Prozesses, von Studiengebühren und eines härteren Wettbewerbsdrucks auf dem Arbeitsmarkt muss ermittelt werden, wie Studierende heute bei verringertem Zeitbudget noch in der Lage sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Auch der UNITAS-Verband muss sich mit seinen Strukturen und seiner Arbeit an diese veränderten Realitäten im Hochschulbereich anpassen. So wird der Beirat für hochschulpolitische Fragen auf Antrag des Vororts bis zur kommenden GV in Trier ein Konzept vorlegen, wie der Verband sich auf diese veränderten Bedingungen einstellen kann.  

Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll monierte in seinem Bericht ebenfalls „das zu geringe Interesse und fehlende Engagement vieler Unitarier“ und die hohen Außenstände bei den Verbandsbeitragszahlungen, die er mit über 85000 EUR bezifferte. Die Zahl der säumigen Bundesgeschwister wurde mit 364 angegeben. Hier soll jetzt härter durchgegriffen werden. Die einzelnen Vereine sollen künftig für die Rückstände ihrer Mitglieder in die Pflicht genommen werden.

Unbefriedigend auch das bisherige Ergebnis bei den Einzahlungen in die Stiftung UNITAS 150 Plus. Lediglich 8 Prozent der Verbandsmitglieder haben das zurzeit angesammelte Stiftungsvermögen von rund 300.000 EUR aufgebracht. Bbr. Krüll sieht hier noch ein großes Informationsdefizit: „Die meisten Unitarier wissen noch gar nichts von der Stiftung, da sie die Verbandszeitschrift nicht lesen und von Vereinen und Zirkeln nicht aktiv informiert und werbend angesprochen werden.“, so seine ernüchternde Feststellung.

Dramatische Vorortswahl

Die Wahlen zum Vorstand und zu den Verbandsämtern verliefen problemlos – mit einer Ausnahme: die Wahl des neuen Vororts. Wie schon im Vorjahr tat man sich wieder schwer, entbehrte der Vorgang nicht einer gewissen Dramatik. Zunächst wollte keine Aktivitas sich in die Pflicht nehmen lassen. Es folgten eindringliche Appelle der Vorortspräsidentin und des Verbandsgeschäftsführers, die offiziellen Vertreter aller anwesenden Aktivitates wurden nach vorne gebeten und mussten ihre ablehnende Haltung begründen – ohne Erfolg. Erneute Appelle, Beratungs- und Denkpausen folgten, bis schließlich doch ein Verein seine Bereitschaft erklärte, sich der Verantwortung zu stellen. Mit großem Applaus und mit Erleichterung wurde die Kandidatur der UNITAS Frankonia Eichstätt aufgenommen.

Der designierte Vorortspräsident Bbr. Christan Schmidt erklärte, dass zwar eine Reihe der älteren Burschen im oder vor dem Examen stünden. Dennoch habe man nun gemeinsam beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Gleichzeitig appellierte er schon jetzt an alle Aktivenvereine, rechtzeitig vor der GV im kommenden Jahr ernsthaft zu prüfen, wer den Vorort übernehmen kann.

Allgemein fiel auf: Aktive scheinen immer weniger bereit zu sein, Ämter und Verantwortung im Verband zu übernehmen. So konnten zwar wieder vier Aktivenvertreter für die verschiedenen Regionen Nord, West, Südwest und Süd gefunden werden, doch nur einer war willens, sich für die Aktivenseite in den Verbandsvorstand wählen zu lassen.

Problemloser und wohl auch besser vorbereitet verlief hingegen die Wahl einer neuen Vorsitzenden für den Hohedamen-Bund. Bsr. Annette Kaufmann, die dieses Amt bisher innehatte, stand aus persönlichen Gründen für eine Wiederwahl nicht mehr zur Verfügung. An der Spitze der Hohen Damen steht künftig Bsr. Dr. Claudia Bellen-Kortefoß von der UNITAS Clara Schumann Bonn. Die GV dankte der scheidenden Vorsitzenden für die in den vergangenen Jahren geleistete Arbeit.

Gedenken am Grab von Bbr. Ferdinand Rheinstädter

Nachdem am frühen Abend auf dem Neusser Hauptfriedhof am Grab von Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter ein Kranz niedergelegt und mit einer von Bbr. Kaplan Helmut Wiechmann gestalteten Vigil des Mitbegründers des UNITAS-Verbandes gedacht worden war, ging es zur Neusser Skihalle. Während der Begrüßungsabend eher in traditioneller Form gestaltet war, wurde am zweiten Abend ein Experiment ausprobiert. Anstelle des sonst üblichen Festballs gab es eine zünftige Aprés-Skiparty. Bei Fetenhits á la DJ-Ötzi und ausgelassener Stimmung konnten sich vor allem die Aktiven in dem pseudo-alpinen Hütten-Zauber bis nach Mitternacht vergnügen. Die älteren Semester hatten sich eher in die hinteren Räumlichkeiten zurückgezogen, wo der Geräuschpegel aus den Lautsprecherboxen etwas niedriger war. Einzelne Aktive hatten schon am Nachmittag die 300 Meter lange und 60 Meter breite Piste ausprobiert, wo an 365 Tagen im Jahr Schnee liegt. Nicht bei allen traf diese Neuerung auf Zustimmung; manche haben den Ball doch vermisst. Für die nächste GV in Trier sollten die Verantwortlichen noch einmal darüber nachdenken, wie dieser Abend attraktiv gestaltet werden kann.

Wie an jedem Tag konnte – wer Lust und Kondition hatte – den Abend noch in geselliger Runde im Foyer des Telecom-Tagungshotels, wo fast alle GV-Teilnehmer untergebracht waren, ausklingen lassen. Sogar eine „Bierorgel“ stand zur Verfügung.

Der Sonntagvormittag war im gediegenen Ambiente des Zeughauses für eine Podiumsdiskussion zum Thema der GV, „Zukunft ohne Kinder, Gesellschaft ohne Zukunft“, reserviert. Unter der Moderation des Altherrenbunds-Vorsitzenden Bbr. Heinrich Sudmann, bis zu seiner Pensionierung Unterabteilungsleiter im Bundesfamilienministerium, diskutierten die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags Michaela Noll, die Leiterin der Malteser Gesundheitsförderung und Prävention Dr. Ursula Sottong und der Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken Dr. Markus Warnke über aktuelle Fragen der Familienpolitik. Dabei wurde hervorgehoben, dass seitens der Politik Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die jungen Menschen Gestaltungsfreiheit bei der Organisation ihres Familienlebens erlaubt, damit sie sich für Kinder und Familie entscheiden können. Diese Forderung wurde verdeutlicht durch Statements von Personen mit unterschiedlichen beruflichen und familiären Hintergründen, die aus der Praxis in ihrem alltäglichen Leben berichteten, etwa die junge Ärztin, die sich mit ihrem Mann - ebenfalls Arzt – durch Schichtdienst die Kinderbetreuung teilt. Oder die junge Frau, die sich erst beruflich etablieren will, bevor sie Kinder haben möchte. Oder der Mann, der sich seine Arbeit so organisiert hat, dass er seine Vaterrolle ernsthaft wahrnehmen kann. Der UNITAS-Verband hat seine Position zur Familienpolitik in einer Resolution festgehalten, die von der GV verabschiedet wurde.  

Der Sonntagnachmittag stand dann für eine Führung zu den sichtbaren Zeugnissen der 2000-jährigen Stadt Neuss auf dem Programm. Auch hier begann die Tour wieder mit den Schützen, wenn auch nur in geschnitzter Form im Glockenspiel im Giebel des Vogthauses aus dem Jahr 1597, heute ein Gasthaus, in dem viele der GV-Teilnehmer zuvor gut gespeist hatten.

Blau-weiß-goldenes Geleit für den Quirinus-Schrein

Am Abend nahmen Bundesschwestern und Bundesbrüder am feierlichen Hochamt zum Fest des Hl. Quirinus, des Stadtpatrons, im Quirinus-Münster zur Musik von Mozarts Missa brevis teil, wo neben den Schützenuniformen die Chargierten der UNITAS-Korporationen einen weiteren farblichen Akzent setzten und anschließend in einer Prozession den Quirinus-Schrein rund um das Münster begleiteten.

Damit war der Tag aber noch lange nicht zu Ende. Es folgte der Festkommers, der aufgrund des späten Gottesdienstes erst um 21.45 Uhr beginnen konnte und erst nach 1 Uhr endete. Hier standen noch einige Höhepunkte an. Nach der Begrüßung durch den Präsiden, Bbr. Rainer Derichs von der UNITAS Rheinfanken Düsseldorf, und dem vorgezogenen Grußwort des Zweiten Bürgermeisters der Stadt Neuss Thomas Nickel, gleichzeitig Präsident des Neusser Bürgerschützenvereins und Vorsitzender des Diözesanrats der Erzdiözese Köln, nahm der Festredner, der für Familienpolitik zuständige Minister des Landes Nordrhein-Westfalen Armin Laschet (CV), den thematischen Faden der GV wieder auf und hob – wie auch schon die Diskutanten bei der Podiumsdiskussion am Vormittag – die notwendige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der heutigen Zeit hervor. Als positives Beispiel nannte er unser Nachbarland Frankreich, wo es ein wesentlich besseres Kinderbetreuungsangebot gebe und die Geburtenrate fast doppelt so hoch sei wie in Deutschland. Nach Auffassung des Ministers würde der Ausbau des Betreuungsangebots in den deutschen Kindergärten mit der bewussten Akzentsetzung auf frühkindliche Erziehung vielen Paaren die Entscheidung für Kinder erheblich erleichtern. Im Gegensatz zu Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen äußerte sich Armin Laschet zur Einführung des Elterngeldes eher skeptisch. „Es muss auch mit dem Elterngeld Wahlfreiheit in der Erziehungsarbeit geben“, so seine Forderung. 

Ferner betonte Laschet den großen Bedarf an Beratungshilfe für Familien. Das Land Nordrhein-Westfalen will dazu Kindertagesstätten zu Familienzentren erweitern, wo neben der Kinderbetreuung Familien auch Rat und Orientierung finden können.  

In diesem Zusammenhang verteidigte der Minister seine Kollegin Ursula von der Leyen vor der Kritik, zunächst nur die christlichen Kirchen für eine Mitwirkung am „Bündnis für Erziehung“ eingeladen zu haben. „Man muss doch noch mit denen, die für die Werte unseres Grundgesetzes einstehen, ein Erziehungsbündnis schließen können“, empörte sich Laschet. Über 70 Prozent der deutschen Bevölkerung gehörten christlichen Bekenntnissen an. Da sei es selbstverständlich, dass man mit ihnen ein solches Bündnis beginne und erst in einer zweiten Runde andere Glaubensgemeinschaften hinzunehme.  

Das „Bündnis für Erziehung“ rücke die Elternpflicht wieder stärker in den Blick und verdeutliche, dass Kinder auch eine Bereicherung seien. „Nicht allein die staatlichen Leistungen ermöglichen letztendlich ein Ja zum Kind, sondern vor allem ein positives gesellschaftliches Klima“, sagte Armin Laschet. Dazu müssten gerade auch die katholischen Verbände ihren Beitrag leisten.

Goldene UNITAS-Nadel für Bbr. Dieter Krüll

Nach der mit viel Applaus bedachten Rede konnte der Kommers noch mit weiteren Höhepunkten aufwarten: Da war zunächst die feierliche Verleihung der „Ehrennadel des UNITAS-Verbandes in Gold“ an Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll. Bei der Ehrung hob Vorortspräsidentin Elisabeth Fels die vielen Verdienste, die sich der Geehrte als Verbandsgeschäftsführer in den vergangenen fünf Jahren erworben hat, hervor: vor allem den Ausbau der Verbandsgeschäftsstelle zu einem leistungsfähigen Kommunikationszentrum, eine Verjüngung und Verkleinerung des Vorstands, ein überarbeitetes und aktualisiertes Satzungswerk, die Anerkennung der Gemeinnützigkeit und die Errichtung der Stiftung „UNITAS 150 plus“ zur Sicherung der Finanzbasis des Verbandes. Die Vorortspräsidentin dankte Bbr. Krüll für sein stetes Bemühen um die Aktivitates, die ihm ein besonderes Anliegen seien. Der Dank galt auch der Familie des Verbandsgeschäftsführers, vor allem seiner Frau Eva-Maria, für den Rückhalt und das Verständnis, das sie dem Engagement ihres Mannes entgegengebracht habe.

Dann gab es auf Anregung des Beirats für Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchs erstmals einen Preis für die beste Nachwuchsarbeit in den zwölf Monaten vor der GV. Sieger war die UNITAS Hetania Würzburg, die sieben Füxe seit der Generalversammlung in Bonn „gekeilt“ hatte. Die Vorortspräsidentin und der Beiratsvorsitzende Dr. Michael Ramirez-Schulschenk belohnten die erfolgreiche Arbeit mit einem Pokal, Plaketten für die Füxe und einem Fässchen Bier. Letzteres war wohl der begehrtere Teil des Preises, denn es wurde gleich nach dem Kommers im Tagungshotel geleert. Der Pokal hingegen – so war zu hören – wurde dort vergessen. Es bleibt zu wünschen, dass sich künftig mehr Vereine an dem Wettbewerb beteiligen. Diesmal waren es nur sechs Aktivitates – wohl in erster Linie aufgrund der recht kurzfristigen Ausschreibung.

Mitternacht war nun schon lange vorüber und die noch anstehenden Grußworte blieben daher erfreulich kurz, darunter die des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände (AGV) Andreas Kraus (CV) und und des stellv. Vorortspräsidenten des KV Tobias Schopp, die die Grüße der Schwesterverbände überbrachten.  

Am nächsten Morgen war schon Aufbruchstimmung zu verspüren und eine gewisse „Orientierungslosigkeit“ zu erkennen. Jedenfalls fanden die meisten Chargen nicht mehr den Weg nach St. Marien zur Festmesse zum Abschluss der GV, die musikalisch von der Jugendband „Querbeat“ gestaltet wurde.  

Bbr. Domkapitular Prälat Dr. August Peters aus Aachen erinnerte in seiner Predigt an die froh machende Botschaft des Evangeliums. Wie oft werde heute die Frage nach Werten gestellt. Aber es genüge nicht, bloß zu fragen, sondern Werte müssten auch gelebt werden. Das Evangelium biete hierfür ein tragfähiges Konzept und mache uns die heilende Kraft Gottes deutlich. „Wenn wir uns daran erinnern, wird Kirche wieder dynamisch“, gab Bbr. Peters den GV-Teilnehmern als Auftrag mit auf den Heimweg.

 

Allen, die bis zum Schluss durchgehalten hatten, wurde im Anschluss an den Gottesdienst noch ein letzter Höhepunkt geboten: Der Pfarrer von St. Marien, Msgr. Wilfried Korfmacher, erklärte ebenso sachkundig wie humorvoll die bekannten Buntglasfenster seiner Kirche. Dann hieß es, endgültig Abschied nehmen von Neuss. Der herzliche Dank gilt allen, die zum Gelingen der Tage in der Quirinus-Stadt beigetragen haben, insbesondere dem örtlichen Vorbereitungsausschuss unter der Leitung des AHZ-Vorsitzenden Bbr. Dr. Hans-Georg Loose, aber auch der Verbandssekretärin Marianne Hübers sowie den Bundesbrüdern des AHZ-Düsseldorf und den Aktiven der dortigen UNITAS Rheinfranken, die Nachbarschaftshilfe geleistet haben. Denn eine aktive UNITAS-Korporation besteht in Neuss nicht mehr.

Die GV 2007 wird in Trier stattfinden (17. – 20. Mai 2007) und die Unitarier aus der Moselstadt freuen sich schon heute darauf, möglichst viele Bundesgeschwister als Gäste begrüßen zu können – hoffentlich auch wieder mehr Alte Herren und Hohe Damen.  


Familienpolitik muss die Gestaltungsfreiheit 
der Familien beachten

RESOLUTION DER 129. GENERALVERSAMMLUNG DES UNITAS-VERBANDES IN NEUSS

Der Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine UNITAS hat seine Generalversammlung 2006 unter das Thema: „Zukunft ohne Kinder – Gesellschaft ohne Zukunft“ gestellt. Aus diesem Blickwinkel sieht er im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom 11. November 2005 für die Familienpolitik in der neuen Legislaturperiode unterschiedliche Akzentsetzungen, die eine für die Familien insgesamt verträgliche Weiterentwicklung nicht erwarten lassen.

Am Anfang der Koalitionsvereinbarung wird ausdrücklich betont, dass die Koalition dazu beitragen will, dass Frauen und Männer ihre Lebensvorstellungen verwirklichen können und alle Lebensmodelle den gleichen Respekt verdienen.„Politik hat den Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie leben sollen, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, damit junge Menschen – so wie sie es wollen – sich für Kinder und Familie entscheiden können.“

Dieser Ausgangspunkt entspricht auch der Auffassung unseres Verbandes. Deshalb unterstützen wir alle Maßnahmen, die geeignet sind, allen Familien diese Gestaltungsfreiheit zu eröffnen.

1. Das gilt vor allem für den Ausbau einer besseren Infrastruktur für Familien. Wir begrüßen

– den Ausbau der Angebote der Tagesbetreuung für Kinder;

– die frühe Förderung als Voraussetzung für echte Chancengleichheit in Bildung und Erziehung und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit;

– die Unterstützung der Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgaben;

– das Projekt der Mehrgenerationenhäuser;

– die Entwicklung sozialer Frühwarnsysteme und die Stärkung des Wächteramtes und des Schutzauftrags der staatlichen Gemeinschaft.

Nachdrücklich unterstützen wir auch die Forderungen nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen. Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu beitragen, dass Männer und Frauen gleichzeitig Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und Väter und Mütter sein können. Wir nehmen zur Kenntnis und unterstützen, dass junge Frauen wie die Männer schon immer neben ihren Aufgaben in der Familie auch in der Arbeitswelt und in allen gesellschaftlichen Bereichen ihre Lebensvorstellungen verwirklichen wollen. Im Hinblick auf die steuerlichen Freistellungen der Betreuungskosten von Kindern unterstützen wir den Ansatz als Werbungskosten.

Gleichzeitig fordern wir aber auch ein Äquivalent für die Mütter oder Väter, die, ohne erwerbstätig zu sein, sich der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder selbst widmen. Dafür sind die allgemeinen Kinderfreibeträge für Kinder der Entwicklung anzupassen. Da viele Familien wegen eines zu geringen Einkommens die steuerlichen Freibeträge nicht ausschöpfen können, müssen auch die Transferzahlungen wie das Kindergeld bedarfsgerecht ausgebaut werden.

2. Zum Elterngeld stellen wir fest, dass es mit seiner Orientierung am Einkommen des erziehenden Elternteils (Opportunitätskosten) ausschließlich für erwerbstätige Mütter und Väter eine neue Perspektive eröffnet. Alle anderen Familien können nur unter Verbiegung des konzeptionellen Ansatzes des Elterngeldes ausreichend berücksichtigt werden. Wir halten deshalb für falsch, dass das Elterngeld das bisherige Erziehungsgeld ablösen soll.

3. Das Erziehungsgeld muss neben dem Elterngeld als Wahlmöglichkeit erhalten bleiben, weil nur so

– die Erziehungsleistung bei allen Familien als solche anerkannt wird;

– die einkommensschwächeren und kinderreichen Familien bedarfsorientiert gefördert werden;

– die Wahlfreiheit der Eltern, wer von ihnen das Erziehungsgeld für welche Zeit in Anspruch nimmt, erhalten bleibt;

– die Leistung auf zwei Jahre angelegt ist;

– die Nichtanrechnung der Leistung auf andere Sozialleistungen erhalten werden kann.

In die Vorgaben des Grundgesetzes zur Gestaltungsfreiheit von Familien passt auch nicht die Regelung, dass jeweils zwei Monate des Elterngeldes der Mutter oder dem Vater vorbehalten sein sollen. Die Wirklichkeit sieht in vielen Familien so aus, dass ein Wechsel der Erwerbsunterbrechung für die Betreuung eines Kindes für zwei Monate mehr Probleme macht als der Verzicht auf das Elterngeld. Deshalb sollte auf diese vornehmlich als Druck auf ein bestimmtes Modell der Elternverantwortung konzipierte Bestimmung zugunsten der am Anfang der Koalitionsvereinbarung deklamierten Wahlfreiheit der Eltern verzichtet werden.

Insgesamt fordert der UNITAS-Verband erheblich größere Anstrengungen, der inzwischen nicht mehr strittigen Benachteiligung der Familie zu begegnen.

Es gilt in die Zukunft zu investieren und dafür die Ansprüche der Gegenwart zu reduzieren. Nur wenn mehr Paare den Mut und die Unterstützung finden, sich ihre Wünsche auf Gründung einer Familie zu erfüllen, können wir die demographischen Probleme, vor denen wir stehen, abmildern.

 

Dr. Peter Kreutzer - ein Lebensbild

"Zu den Unitariern, die am tiefsten und nachhaltigsten die Geschichte unseres Verbandes beeinflußt haben, gehört ohne Zweifel unser Bundesbruder Peter Kreutzer ...", so erinnerte 1954 die unitas-Zeitschrift an den ehemaligen Stadtdechanten von Essen. (1) Er "hat sich später als Großstadtseelsorger  im Ruhrgebiet einen bedeutenden Namen gemacht", vermerkte der Chronist, der aus Anlaß der Wiederkehr des 20. Todestages von Peter Kreutzer ein Kapitel aus einer kleinen Schrift von Kreutzers ehemaligem Kaplan Gottfried Salz vorstellte.(2) Auch 1961, zur zweiten, der 84. Generalversammlung des UNITAS-Verbandes in Essen, würdigte die Verbandszeitschrift Kreutzers Wirken und nahm Bezug auf die 1940 in der Sammlung "Gestalt und Leben katholischer Priester" veröffentlichte Schrift des ehemaligen Essener Jugendpräses Salz.(3)

Peter Kreutzer, geboren am 8. April 1866 in Büderich bei Neuß, wächst mit  drei Geschwistern auf einem Bauernhof auf. Sein Vater Peter Christian Hubert Kreutzer ist drei Monate vor der Geburt gestorben. Die Mutter Maria Anna, geborene Schäfer, der er zu seiner geistlichen Berufung viel verdankt, wird als fromm, klug und energisch geschildert. Sie wird ihn später an seine Seelsorgestellen begleiten und ab 1895 zwölf Jahre lang für den Haushalt sorgen. (4) Seine Begabung fällt auf, er kommt aufs Gymnasium in Neuß. Sein dortiger Religionslehrer ist der Priester und Unitarier Dr. Ferdinand Rheinstädter, Gründer der Neusser Zentrumspartei und des "Neusser Wochenblattes"(5). "Es ist sicher", so Salz, "daß Rheinstädter bei der Weckung des Priesterberufes seines Schülers eine geistige Vaterschaft ausgeübt hat." (6) Rheinstädter veranlaßt den jungen Niederrheiner, der seine Reifeprüfung mit Auszeichnung besteht, sich bei der Aufnahme des Studiums 1886 an der Universität Bonn der UNITAS-Salia anzuschließen.

"Zweiter Gründer" der UNITAS 

Unter dem damaligen Präses der UNITAS-Salia, Josef Vogt - später Generalvikar (1918-1931) und Dompropst in Köln, 1930-1937 erster Bischof von Aachen (7) - wird Peter Kreutzer rezipiert. 1887 trägt Peter Kreutzer des "Kaisers Rock" und wird "Einjährig Freiwilliger" bei den "Haketäuern" in Köln. Im zweiten Semester ist der 20-jährige Theologiestudent Vorsitzender der Vinzenzkonferenz an der Stiftspfarre in Bonn, im dritten Semester im Sommer 1887 Senior der damals 36 Aktive zählenden UNITAS-Salia - und damit Vorortspräsident des Gesamtverbandes.

Nach der Lebensbeschreibung von Gottfried Salz sah der UNITAS-Verband Peter Kreutzer schon zu seinen Lebzeiten "als seinen zweiten Gründer an". (8) Sein entscheidender Beitrag: Die Vorbereitung der außerordentlichen Generalversammlung am 21. September 1887 in Neuß und sein mit dem aus Werden stammenden Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff (9) - damals Oberpfarrer in Aachen-Burscheid - abgestimmter Antrag zur Aufnahme von Nichttheologen in die bis dahin nur Theologen vorbehaltene Korporation. Kreutzer gewinnt dazu auch den 35-Jährigen und im Verband  sehr angesehenen Professor Prälat Joseph Prill, der im Folgejahr 1888 in Werden den ersten Altherren-Zirkel des Verbandes gründen sollte. (10) Mit dem damals 36jährigen Franz Hitze allerdings, der seit fünf Jahren dem Preußischen Abgeordnetenhaus und seit drei Jahren dem Reichstag angehörte, hatte er "einen schweren Kampf auszufechten. Dieser stand", so Salz, "als konservativer Westfale auf dem Standpunkt: "Sint, ut sunt, aut non sint" -  der Verband mag bestehen, wie er ist, oder zugrunde gehen." Auch Ferdinand Rheinstädter, der Mentor und geistliche Vater Peter Kreutzers, ist an der Öffnung des Verbandes für Nichttheologen maßgeblich beteiligt: Er setzt sich für die Ansicht Peter Kreutzers ein, dessen "grundsätzlich apostolische und weltoffene Einstellung ... schon damals klar hervortrat und seinen Worten eine große Kraft der Überzeugung gab" und der schließlich "durch kluge Taktik ... seinem Antrage zum Siege zu verhelfen" weiß. (11)

Von Rom nach Elberfeld  

Für sieben Jahre geht Kreutzer ab 1888 nach Rom, tritt auf Vermittlung von AH Dr. Rheinstädter in das von Jesuiten geleitete Germanikum ein. Mit ihm studiert im roten Talar dort auch der später als "Berliner Großstadtapostel" bekannt gewordene Dr. Carl Sonnenschein. Peter Kreutzer übernimmt in den sieben Jahren seines Aufenthaltes das angesehene Amt des "Philosophen-Präfekten" in der studentischen Selbstverwaltung des Hauses, fällt durch eine besondere Neigung zu grundsätzlichen temperamentvollen wissenschaftlichen Disputationen, durch sehr intensives Gebetsleben, Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, aber auch durch großer Liebe zum Theaterspielen auf. Kurz vor seinem Tode wurde er etwa als der Verfasser des von der über die Grenzen Essens bekannten "Kumpanei" im Saalbau eine Woche lang aufgeführten "Mysteriums vom Leiden Christi" bekannt. Peter Kreutzer macht den zweifachen Doktor der Theologie und Philosophie und steht am 28. Oktober 1894 in Rom zum ersten Mal als Priester am Altar.

1895 kehrt Peter Kreutzer nach Hause zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang bereitet wird, und feiert seine Heimatprimiz. Mit seiner Herkunftsregion er sehr verbunden, bleibt er zeit seines Lebens  Mitglied im Büdericher Heimatverein. Der junge Priester kommt nach Aachen, ist als Kaplan 1895-1899 an St. Nikolaus, und wird anschließend ins sozial aufgewühlte Elberfeld in die Pfarrgemeinde St. Laurentius versetzt. In Elberfeld trifft er den späteren Berliner "Großstadtapostel" Carl Sonnenschein (+ 1929, Berlin) wieder, mit dem er vor allem in der Seelsorge für die italienischen Steinbrucharbeiter zusammenarbeitet. Kreutzer übernimmt 1902 die Stelle des Rektors in der bergischen Arbeitergemeinde Wülfrath und hat hier - wie in Elberfeld - zahlreiche Italiener zu betreuen. Seit dieser Zeit hat er die Seelsorge für fremdsprachige Katholiken besonders im Blick. So legt er auch später immer Wert darauf, z.B. vor Italienern selbst in ihrer Muttersprache zu predigen.

Pfarrer an St. Johann Baptist in Altenessen 

1907 beruft ihn der Kölner Erzbischof Kardinal Fischer als Pfarrer in die große Industriepfarre St. Johann Baptist in Essen-Altenessen. Ein Jahr zuvor hatte zeitgleich zum Deutschen Katholikentag dort die 47. Generalversammlung des Unitas-Verbandes stattgefunden. Mit der boomenden Revierstadt, sind bereits durch die entscheidenden Namen der unitarischen Gründergeneration wichtige Persönlichkeiten aus dem UNITAS-Verband verbunden: Der Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff stammte aus Werden, sein Freund Friedrich Ludger Kleinheidt, ebenfalls Jahrgang 1830 und 1886 Kölner Generalvikar, aus Heisingen. Ludger Wilhelm Pingsmann, Domkapitular in Köln, war 1832 in Werden-Kleinumstand geboren worden, Wilhelm Lindemann, erster Parlamentarier aus dem UV, 1827 in Schonnebeck, Pfarrei Stoppenberg. (12) Kardinal Antonius Fischer selbst, Kreutzers Bundesbruder und 1860 in Bonn rezipiert (13), hatte von 1864 bis 1888 als Religionslehrer am Gymnasium gewirkt. Ihm war 1889 in dieser Aufgabe Bbr. Joseph Prill gefolgt, der in Essen dreißig Jahre als Jugendseelsorger tätig war. 1898 übernahm dieser als erster Redakteur die Verbandszeitschrift "unitas", die er bis 1903 redigierte und unter dessen Schriftleitung sie ihren Namen erhielt. (14) Der erste Geschichtsschreiber des Verbandes, Karl Joseph Kuckhoff, wirkte mit ihm gemeinsam von 1907 bis 1916 am selben Gymnasium. (15)

Auf Kreutzer warten im Zentrum der Schwerindustrie große Aufgaben: Seelsorge unter Bedingungen der Großstadt, in die Menschen aus allen Regionen auf der Suche nach Arbeit und Brot geströmt waren, Wohnungsnot, soziales Elend, aber auch eine anhängliche kirchentreue Arbeiterschaft, deren Organisationsgrad in den katholischen Verbänden zunehmend wächst. Zwischen den Fördertürmen der Zechen und den Kokereien bemüht sich Kreutzer, seine Gemeinde zu einer Heimat für die zugewanderten Namenlosen und Entwurzelten zu machen. 1910 baut er das Katholische Gesellenhaus, 1913 wird das Marienhospital bedeutend erweitert, 1915 entsteht als Vereinshaus das Marienheim, auch ein Ärztehaus. In seiner Pfarrkirche lässt er Bilder der lokalen Heiligen, wie der Bergbauheiligen Barbara sowie von Kosmas und Damian, den Stadtpatronen von Essen, anbringen, er fördert Volksandachten, Nachbarschaften und Bräuche, sorgt im Ersten Weltkrieg für eine enge Verbindung mit aus der Gemeinde stammenden Soldaten, die im Feld stehen. In den ideologischen Auseinandersetzungen der Zeit unterstützte er die Bildung landsmannschaftlicher und katholischer Vereine, aber auch der christlichen Gewerkschaften. August Brust, der Gründer des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter, stammte aus seiner Pfarrei St. Johann in Altenessen. Der als außergewöhnlich bescheiden geschilderte Seelsorger Kreutzer, der eine einfache Sprache übt, scheut aber nicht, sich als kraftvoller Prediger auch auf der Kanzel mit freidenkerischen und klassenkämpferischen Parolen auseinander zu setzen. Als sich im November 1918 bei einer Versammlung der Spartakisten nach seiner Gegenrede eine Saalschlacht entwickelt, müssen ihn die katholischen Bergleute wieder heraushauen. Während des Spartakistenaufstandes in den Ostertagen des Jahres 1920 verhindert er die Besetzung der Kirche. Während der französischen Ruhr-Besetzung und der Inflationszeit muss er mit Suppenküchen für caritative Hilfe sorgen. Allein in seiner Pfarrei arbeiten bald fünf Vinzenzkonferenzen und ein Elisabethverein. Immer wieder übt er wochenlange strenge asketische Exerzitien, er lebt geprägt von dem im Germanicum geübten Dreiklang von Studium, Beschauung und seelsorglicher Aktivität. Er organisiert Volksmissionen, gibt Vorbereitungskurse für das Ehesakrament, ist aber auch viel unterwegs zu Hausbesuchen. Immer ist sein Beichtstuhl gefragt, Beichtwillige kommen von weither.

Erster Stadtdechant von Groß-Essen

1925 wird Dr. Kreutzer gegen seinen Willen zum Stadtdechant von Groß-Essen ernannt, wo seit dem 1.1. des Jahres drei Dekanate Altstadt, Neustadt und Borbeck eingerichtet waren. Am 1. April 1925 wird der bereits am 3. Juli 1922 gegründete Katholische Gemeindeverband von der Regierung genehmigt. Mit über 350.000 Katholiken und 200 Seelsorgern ist Essen in bald vier Dekanaten die durch Eingemeindungen und Abpfarrungen neuer Gemeinden weiter wachsende zweitgrößte Stadt des Erzbistums Köln. Die Stadt weist die viertgrößte Zahl von Katholiken unter den Großstädten im ganzen Deutschen Reich auf. Allein sieben Kirchen werden während seiner Amtszeit als Vorsitzender des Gemeindeverbandes der katholischen Kirchengemeinden Essens in der Stadt neu gebaut. Aus seiner eigenen Pfarrei entsteht 1931/32 in der abgepfarrten Gemeinde St. Hedwig eine eigene Kirche.

Mehrere Kapläne sorgen zu dieser Zeit in St. Johann Baptist, der Altenessener Pfarrei des Stadtdechanten Dr. Peter Kreutzer, für die Seelsorge. Unter ihnen ab 1931 Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer, der dort von Beginn an sozialarbeiterisch tätig wurde und gegen kommunistische und nationalsozialistische Parolen agitierte. Kreutzer lässt seinen Kaplan, der während seiner zweijährigen Arbeit in der Gemeinde als "Roter Ruhrkaplan" bekannt wird, gewähren; er unterstützt sogar Klinkhammers schließlich bald über Essen hinaus führende Vortragstätigkeit - auch wenn sich dieser das große Missfallen der Kölner Kirchenleitung zuzieht, die ihn im Frühjahr 1934 aus seinem Amt entfernt. Der als erster Priester von den Nazis verhaftete, spätere "Bunkerpfarrer" von Düsseldorf, sprach von einem prägenden Einfluss Kreutzers, der immer wieder auch mäßigend auf ihn einzuwirken gesucht hatte. (16)

Mit Pfarrer Peter Kreutzers Amt sind hohe organisatorische Anforderungen verbunden - nach dem Protokoll ist der Stadtdechant zweiter Mann nach dem Oberbürgermeister. Als erster Dechant in der von starken katholischen Laienverbänden geprägten Industriestadt erkennt Kreutzer das Katholiken-Komitee als Zentralorgan des katholischen Lebens förmlich an und fördert es nachdrücklich. "In den zehn Jahren", schreibt Salz 1940, "in denen Dr. Kreutzer Stadtdechant von Essen war, arbeiteten Klerus und Laien voller Harmonie, einer den anderen tragend und ergänzend." Der Stadtdechant habe in seiner Person die Beschaulichkeit, das innerliche Element des Essener Katholizismus verkörpert. "Je besser die Zusammenarbeit von Klerus und Laien ist, desto besser wird der Acker Gottes bestellt sein. Das klassische Beispiel dafür ist Essen, das katholische Leben dieser Stadt und ihr Stadtdechant", resümiert Gottfried Salz. (17)

Bundesbruder Dr. Kreutzer, der "auch als Stadtdechant und Domkapitular immer ein schlichter Pastor blieb" (18), wurden viele kirchliche Ehrungen zuteil. Seit 1926 Päpstlicher Geheimkämmerer, wird er 1932 nichtresidierender Domkapitular in Köln und Prosynodalkonsultator. In seinen Aufgabenbereich als Stadtdechant fiel im selben Jahr der 71. Deutschen Katholikentag in Essen mit dem auch sein eigenes Wirken bezeichnenden Motto "Christus in der Großstadt". An den Vorbereitungen ist er maßgeblich beteiligt gewesen. Das Katholikentreffen wurde zur letzten großen Heerschau des deutschen Katholizismus und schloss mit einem Gottesdienst auf dem Baldeneyer Berg, an dem 250.000 Menschen teilnahmen. Zwei Jahre später, am 10. Juni 1934, starb Peter Kreutzer nach 27-jähriger Arbeit als Priester in der Ruhrmetropole im Alter von 68 Jahren an Krebs. Zu seiner Beisetzung drei Tage später kam Kardinal Karl Josef Schulte aus Köln (19), 150 Priester gaben Kreutzer das letzte Geleit. Sein Grab auf dem Nordfriedhof in Altenessen trägt das Bild des Guten Hirten.

Dr. Christof Beckmann, Essen

 

Anmerkungen:

(1) "Vor 20 Jahren starb Bbr. Stadtdechant Peter Kreutzer", in: unitas, 94. Jg., Dezember 1954, Heft 12, 19f.
(2) Gottfried SALZ: Dr. Peter Kreutzer. Ein Großstadtpfarrer. Münster 1940.
(3) "Bbr. Dr. Peter Kreutzer, ein moderner Apostel in der Großstadt Essen", in: unitas  101. Jg., Mai 1961, Heft 5, 91-94
(4) vgl. von ihm verfasster Totenzettel seiner Mutter, in: SALZ 1940, 19
(5) * 23.9.1834 Köln, + 9.5.1889 Neuß, rezipiert 1852 bei der 1847 gegründeten "Ruhrania" in Bonn. Sie nimmt 1854 den Namen UNITAS an, 1855 entsteht mit der durch Ferdinand Rheinstädter betriebenen Gründung der UNITAS in Tübingen der UNITAS-Verband. (vgl. Peter Josef HASENBERG, 125 Jahre UNITAS-Verband. Köln 1981, (UNITAS-Schriftenreihe, Band V) 32f., und unitas 1963, 172ff.
(6) Rheinstädter, der auf äußere Disziplin keinen Wert gelegt habe, sei der "beste und beliebteste Lehrer" an der Schule gewesen sein. Nach SALZ sei er für Kreutzer nach eigener Schilderung "das Ideal eines Priesters und Wissenschaftlers" gewesen. Von ihm habe er "den Drang zur Wissenschaft und den Glauben an die sieghafte Kraft der Ideen, aber zugleich auch das starke Sendungsbewusstsein bei ihrer Verkündigung. Die freiheitliche Form seiner Erziehungsmethode war auch Kreutzer eigen." (SALZ 1940, 20)
(7) * 1865 Monschau, rezipiert WS 1885/86 in Bonn, 1888 Priesterweihe, 1893 Geheimsekretär von Kardinal Krementz
(8) SALZ 1940, 22
(9) * 13.1.1830 Werden, + 8.10.1888 Aachen-Burscheid, rezipiert 1851 in Bonn, 1863-1883 kgl. Hofprediger in Dresden (vgl. HASENBERG 1981, 21ff. und UNITAS-Handbuch (UH), Band I, 289ff.)
(10) Dr. Joseph Prill (*9.6.1852 in Beuel, + 8.10.1935 in Lohmar), Päpstlicher Hausprälat, Professor, gründete 1888  in Werden/Ruhr den ersten Altherren-Zirkel des Verbandes. Zum Namen des Essener Zirkels war aus Respekt vor der Herkunft des Verbandsgründers "Werden" gewählt worden.
(11) SALZ 1940, 22f.; vgl.  HASENBERG 1981, 47ff,  hier 50.
(12) nach Peter Josef HASENBERG, Essen - Mutterboden der Unitas. Die Gründergeneration des UV und der Bonner Ruhrania kam aus Essen, in: unitas, 101. Jg., Mai 1961, Heft 5, 87. Nach UH, Band I, 347 ist der Literaturhistoriker Professor Lindemann in Schönebeck (Teil des Stadtteils Borbeck) geboren.
(13) Antonius Fischer, rezipiert in Bonn 1860, 1888 Domkapitular in Köln, 1889 Weihbischof, 1898 Domdechant, seit 1902 Erzbischof in Köln, 1903 Kardinal.
(14) Beschluss der 41.GV in Würzburg: Das "Korrespondenzblatt" (vorher "Roma", "XP-Correspondenzblatt der Unitas") erhält den Namen "Unitas, Organ des wissenschaftlichen katholischen Studentenvereins Unitas".
(15) Prof. Dr. Karl Joseph Kuckhoff (* 1878 in Köln, + 2.10.1944 Hildesheim), rezipiert im SS 1898 in Bonn, war später Professor und von 1912-1918 MdR für den Landkreis Köln, 1919 MdPreuß. Nationalversammlung.
(16) Scherzhaft, berichtet sein ehemaliger Kaplan Gottfried Salz, habe Kreutzer einmal gesagt: "Ich bete jeden Morgen: Lieber Gott, gib mir heute die Gnade, daß ich nichts Gutes verhindere, was meine Kapläne wirken wollen." (SALZ 1940, 95). Zum Verhältnis zwischen Kreutzer und Klinkhammer vgl. auch Interview von H. Wilmer, KULT-URsachen Essen, Skript des Gespräches vom 4.2.1993 in Düsseldorf im Besitz des Verf.; vgl. auch Karl-Jürgen MIESEN, Sonnenscheins Sohn. Biographische Skizze über Carl Klinkhammer, in: Kirche in der Großstadt, Karl Waldenfels zum 80. Geburtstag, 126-167, hier 136-149
(17) SALZ 1940, 118
(18) SALZ 1940, 10
(19) Karl Josef Schulte, seit 1920 als Nachfolger Kardinals von Hartmanns (+ 1919) Erzbischof von Köln.