129.
Generalversammlung
der UNITAS in Neuss 2006
Erinnerung an
die Bundesbrüder
Ferdinand Rheinstädter und Peter Kreutzer
Die GV vom 28. April
bis 1. Mai 2006 in Neuss war dem Schwerpunktthema „Zukunft ohne Kinder -
Gesellschaft ohne Zukunft“ gewidmet. Zudem erinnerte die Generalversammlung
"in memoriam Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter und der 27. GV 1887 zu
Neuss" an die damals erfolgte Öffnung des 1855 gegründeten und maßgeblich
durch Theologen geprägten UNITAS-Verbandes für Studierende aller Fakultäten.
Federführend für die
Durchsetzung des historischen und wegweisenden Beschlusses war der damalige
Senior der UNITAS in Bonn und spätere erste Stadtdechant von Essen, Dr.
Peter Kreutzer. Bbr. Dr. Ferdinand Rheinstädter, Gründer der Neusser
Zentrumspartei und des "Neusser Wochenblattes" war Kreutzers
Religionslehrer am Gymnasium in Neuss gewesen. Nicht von ungefähr wird
Kreutzer in der unitarischen Geschichtsschreibung neben Hermann Ludger
Potthoff aus Werden als der „zweite Gründer“ der UNITAS bezeichnet.
Peter Kreutzer, 1907 zum
Pfarrer an St. Johann Baptist in Essen-Altenessen berufen und 1925 zum
Stadtdechant von Groß-Essen ernannt, wirkte 27 Jahre als Großstadtseelsorger
in der Ruhrmetropole.
An
seiner Kirche wirkte als Kaplan Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer, der als
erster Priester von den Nazis verhaftete „rote Ruhrkaplan“ und spätere
„Bunkerpfarrer“ von Düsseldorf. Bbr. Peter Kreutzer starb am
10. Juni 1934 im Alter von 68 Jahren. Zu seiner Beisetzung gaben ihm
Kardinal Karl Josef Schulte aus Köln und 150 Priester das letzte Geleit.
Sein Grab auf dem Nordfriedhof in Altenessen trägt das Bild des Guten
Hirten.
(Ein Lebensbild im Anschluss an den folgenden Bericht und die beschlossene
Resolution zur Familienpolitik).
„Zukunft
ohne Kinder, Gesellschaft ohne Zukunft“
129.
GV in Neuss im Zeichen der Familienpolitik / UNITAS Frankonia Eichstätt
zum neuen Vorort gewählt
Von
Bbr. Hermann-Josef Großimlinghaus
Es
war in erster Linie eine Generalversammlung der Aktiven, die mit über 160
Bundesschwestern und -brüder sehr gut vertreten waren. Die Anmeldezahl der
Alten Herren war hingegen niedriger als erwartet. Vielleicht lag es am frühen
Termin über ein durch den 1. Mai verlängertes Wochenende, der manchen
nicht passte, weil sie für diese Zeit Urlaub geplant hatten. Vielleicht war
Neuss für manche auf den ersten Blick auch nicht so attraktiv, oder
vielleicht war das Programm ohne Festball, aber mit viel Party-Time eher auf
den Geschmack der Aktiven ausgerichtet. Wie auch immer: Die in Neuss dabei
waren, hatten sicher ihren Spaß.
„Willkommen
in Neuss, der Stadt mit unitarischer Geschichte, der Stadt des Hl. Quirinus
und der Schützen“, so der einleitende Satz im Programmheft zur GV. Mit
diesen drei Attributen gab Neuss dem Jahrestreffen der UNITAS ihr besonderes
Gepräge. Das fiel schon beim Begrüßungsabend auf. Bei zünftiger
Blasmusik – gespielt von der Jägerkapelle Straberg – zogen viele
Uniformierte ein. Doch es dominierte nicht das unitarische Blau-Weiß-Gold,
sondern die Farben Grün, Blau und Schwarz der verschiedenen Züge des
Neusser Schützenregiments. Denn: Was wäre Neuss ohne seine Schützen?
Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll, selbst Major der Scheiben-Schützen
und im Jahr 2000 sogar Schützenkönig - die wohl höchste Würde im
gesellschaftlichen Leben der Stadt -, sah es daher als seine Pflicht, den
GV-Teilnehmern das Schützenwesen und das Brauchtum näher zu bringen.
Überhaupt
– zu einem guten Stück war es einfach „seine“ Generalversammlung.
Dieter Krüll hatte sie hierhin geholt, nicht nur weil die Verbandsgeschäftsstelle
in Neuss ihren Sitz hat und weil es seine Heimatstadt ist. Die UNITAS hat
auch noch andere Verbindungen zur Quirinus-Stadt. Hier hatte Bbr. Dr.
Ferdinand Rheinstädter, einer der Mitbegründer des UNITAS-Verbandes,
seinen Wirkungsort und bei einer außerordentlichen GV wurde in Neuss 1887
der für den Verband damals lebensnotwendige Beschluss gefasst, die UNITAS
auch für Laien zu öffnen. Und schließlich: Beim Festkommers wurde Bbr.
Dieter Krüll für seine Verdienste um den Verband mit der Goldenen
UNITAS-Nadel geehrt. – Doch alles der Reihe nach.
In
diesem Jahr war der auf einen Montag fallende 1. Mai mit in die GV
einbezogen worden. Sie begann daher erst einen Tag später als sonst üblich.
Am Freitagvormittag hatte schon der erweiterte Verbandsvorstand getagt und
letzte Vorbereitungen getroffen. Nach einem Empfang im Rathaus ging es dann
in die Plenarsitzungen. Unter der souveränen Leitung des GV-Präsidenten
Bbr. Kyrill Makoski konnte die Tagesordnung zügig abgehandelt werden,
sodass in diesem Jahr drei Sitzungen reichten.
Mehr
Kommunikation notwendig
In
ihrem Rechenschaftsbericht hob Vorortspräsidentin Elisabeth Fels besonders
die Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit hervor – ein Thema, das sich wie
ein roter Faden durch die ganze GV zog. Dabei sah sie durchaus
hoffnungsvolle Zeichen, sprach von einer „Phase des Aufbruchs“, in der
viele Vereine wieder verstärkt neue Mitglieder recipieren konnten.
Allerdings gebe es auch zahlreiche Missstände im Verband. Vor allem mangele
es an der notwendigen Kommunikation und am erforderlichen persönlichen
Engagement. „Viel zu oft verlässt man sich darauf, dass sich schon jemand
kümmern wird“, beklagte Elisabeth Fels. Die Lasten in den Vereinen und im
Verband müssten von möglichst vielen Bundesschwestern und –brüdern
getragen werden. Nur gemeinsam seien die angesichts der demographischen
Entwicklung notwendigen verstärkten Anstrengungen zu meistern.
Die
Botschaft lautete: Nachwuchswerbung hat künftig höchste Priorität! Dies
wurde auch deutlich in der Diskussion verschiedener Berichte und Anträge.
So hatte der Vorort etwa beantragt, einen Referenten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
zu schaffen, quasi als Stabsstelle. Ziel: mit einer effizienteren PR-Arbeit
dem Verband nach außen ein stärkeres Profil zu geben und nicht zuletzt so
auch interessierte Studierende auf die UNITAS aufmerksam zu machen. Der
Antrag fand zwar nicht die notwendige Mehrheit, vor allem aus finanziellen
Erwägungen, denn nach der Vorstellung der Vorortspräsidentin sollte die
Stelle „angemessen honoriert“ werden. Doch in der Aussprache wurde klar:
Der UNITAS-Verband ist einer breiteren Öffentlichkeit viel zu wenig
bekannt, professionelle Hilfe in diesem Feld tue not. „Wir müssen hier über
das Klein-Klein-Denken im UV hinauskommen“, forderte ein Bundesbruder. Da
Pressearbeit vor allem an den einzelnen Hochschulorten geleistet werden
muss, erging die Mahnung an alle Aktivitates, Altherren- und
Hohedamen-Vereine, die Kontakte zu den örtlichen Medien zu intensivieren
und die Arbeit der Vereine ansprechend „zu verkaufen“.
Vor
dem Hintergrund veränderter Studienstrukturen im Rahmen des
Bologna-Prozesses, von Studiengebühren und eines härteren
Wettbewerbsdrucks auf dem Arbeitsmarkt muss ermittelt werden, wie
Studierende heute bei verringertem Zeitbudget noch in der Lage sind, sich
ehrenamtlich zu engagieren. Auch der UNITAS-Verband muss sich mit seinen
Strukturen und seiner Arbeit an diese veränderten Realitäten im
Hochschulbereich anpassen. So wird der Beirat für hochschulpolitische
Fragen auf Antrag des Vororts bis zur kommenden GV in Trier ein Konzept
vorlegen, wie der Verband sich auf diese veränderten Bedingungen einstellen
kann.
Verbandsgeschäftsführer
Dieter Krüll monierte in seinem Bericht ebenfalls „das zu geringe
Interesse und fehlende Engagement vieler Unitarier“ und die hohen Außenstände
bei den Verbandsbeitragszahlungen, die er mit über 85000 EUR bezifferte.
Die Zahl der säumigen Bundesgeschwister wurde mit 364 angegeben. Hier soll
jetzt härter durchgegriffen werden. Die einzelnen Vereine sollen künftig für
die Rückstände ihrer Mitglieder in die Pflicht genommen werden.
Unbefriedigend
auch das bisherige Ergebnis bei den Einzahlungen in die Stiftung UNITAS 150
Plus. Lediglich 8 Prozent der Verbandsmitglieder haben das zurzeit
angesammelte Stiftungsvermögen von rund 300.000 EUR aufgebracht. Bbr. Krüll
sieht hier noch ein großes Informationsdefizit: „Die meisten Unitarier
wissen noch gar nichts von der Stiftung, da sie die Verbandszeitschrift
nicht lesen und von Vereinen und Zirkeln nicht aktiv informiert und werbend
angesprochen werden.“, so seine ernüchternde Feststellung.
Dramatische
Vorortswahl
Die
Wahlen zum Vorstand und zu den Verbandsämtern verliefen problemlos – mit
einer Ausnahme: die Wahl des neuen Vororts. Wie schon im Vorjahr tat man
sich wieder schwer, entbehrte der Vorgang nicht einer gewissen Dramatik. Zunächst
wollte keine Aktivitas sich in die Pflicht nehmen lassen. Es folgten
eindringliche Appelle der Vorortspräsidentin und des Verbandsgeschäftsführers,
die offiziellen Vertreter aller anwesenden Aktivitates wurden nach vorne
gebeten und mussten ihre ablehnende Haltung begründen – ohne Erfolg.
Erneute Appelle, Beratungs- und Denkpausen folgten, bis schließlich doch
ein Verein seine Bereitschaft erklärte, sich der Verantwortung zu stellen.
Mit großem Applaus und mit Erleichterung wurde die Kandidatur der UNITAS
Frankonia Eichstätt aufgenommen.
Der
designierte Vorortspräsident Bbr. Christan Schmidt erklärte, dass zwar
eine Reihe der älteren Burschen im oder vor dem Examen stünden. Dennoch
habe man nun gemeinsam beschlossen, die Herausforderung anzunehmen.
Gleichzeitig appellierte er schon jetzt an alle Aktivenvereine, rechtzeitig
vor der GV im kommenden Jahr ernsthaft zu prüfen, wer den Vorort übernehmen
kann.
Allgemein
fiel auf: Aktive scheinen immer weniger bereit zu sein, Ämter und
Verantwortung im Verband zu übernehmen. So konnten zwar wieder vier
Aktivenvertreter für die verschiedenen Regionen Nord, West, Südwest und Süd
gefunden werden, doch nur einer war willens, sich für die Aktivenseite in
den Verbandsvorstand wählen zu lassen.
Problemloser
und wohl auch besser vorbereitet verlief hingegen die Wahl einer neuen
Vorsitzenden für den Hohedamen-Bund. Bsr. Annette Kaufmann, die dieses Amt
bisher innehatte, stand aus persönlichen Gründen für eine Wiederwahl
nicht mehr zur Verfügung. An der Spitze der Hohen Damen steht künftig Bsr.
Dr. Claudia Bellen-Kortefoß von der UNITAS Clara Schumann Bonn. Die GV
dankte der scheidenden Vorsitzenden für die in den vergangenen Jahren
geleistete Arbeit.
Gedenken
am Grab von Bbr. Ferdinand Rheinstädter
Nachdem
am frühen Abend auf dem Neusser Hauptfriedhof am Grab von Bbr. Dr.
Ferdinand Rheinstädter ein Kranz niedergelegt und mit einer von Bbr. Kaplan
Helmut Wiechmann gestalteten Vigil des Mitbegründers des UNITAS-Verbandes
gedacht worden war, ging es zur Neusser Skihalle. Während der Begrüßungsabend
eher in traditioneller Form gestaltet war, wurde am zweiten Abend ein
Experiment ausprobiert. Anstelle des sonst üblichen Festballs gab es eine zünftige
Aprés-Skiparty. Bei Fetenhits á la DJ-Ötzi und ausgelassener Stimmung
konnten sich vor allem die Aktiven in dem pseudo-alpinen Hütten-Zauber bis
nach Mitternacht vergnügen. Die älteren Semester hatten sich eher in die
hinteren Räumlichkeiten zurückgezogen, wo der Geräuschpegel aus den
Lautsprecherboxen etwas niedriger war. Einzelne Aktive hatten schon am
Nachmittag die 300 Meter lange und 60 Meter breite Piste ausprobiert, wo an
365 Tagen im Jahr Schnee liegt. Nicht bei allen traf diese Neuerung auf
Zustimmung; manche haben den Ball doch vermisst. Für die nächste GV in
Trier sollten die Verantwortlichen noch einmal darüber nachdenken, wie
dieser Abend attraktiv gestaltet werden kann.
Wie
an jedem Tag konnte – wer Lust und Kondition hatte – den Abend noch in
geselliger Runde im Foyer des Telecom-Tagungshotels, wo fast alle
GV-Teilnehmer untergebracht waren, ausklingen lassen. Sogar eine
„Bierorgel“ stand zur Verfügung.
Der
Sonntagvormittag war im gediegenen Ambiente des Zeughauses für eine Podiumsdiskussion zum Thema der GV, „Zukunft
ohne Kinder, Gesellschaft ohne Zukunft“, reserviert. Unter der Moderation
des Altherrenbunds-Vorsitzenden Bbr. Heinrich Sudmann, bis zu seiner
Pensionierung Unterabteilungsleiter im Bundesfamilienministerium,
diskutierten die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags Michaela
Noll, die Leiterin der Malteser Gesundheitsförderung und Prävention Dr.
Ursula Sottong und der Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken
Dr. Markus Warnke über aktuelle Fragen der Familienpolitik. Dabei wurde
hervorgehoben, dass seitens der Politik Rahmenbedingungen geschaffen werden
müssen, die jungen Menschen Gestaltungsfreiheit bei der Organisation ihres
Familienlebens erlaubt, damit sie sich für Kinder und Familie entscheiden können.
Diese Forderung wurde verdeutlicht durch Statements von Personen mit
unterschiedlichen beruflichen und familiären Hintergründen, die aus der
Praxis in ihrem alltäglichen Leben berichteten, etwa die junge Ärztin, die
sich mit ihrem Mann - ebenfalls Arzt – durch Schichtdienst die
Kinderbetreuung teilt. Oder die junge Frau, die sich erst beruflich
etablieren will, bevor sie Kinder haben möchte. Oder der Mann, der sich
seine Arbeit so organisiert hat, dass er seine Vaterrolle ernsthaft
wahrnehmen kann. Der UNITAS-Verband hat seine Position zur Familienpolitik
in einer Resolution festgehalten, die von der GV verabschiedet wurde.
Der
Sonntagnachmittag stand dann für eine Führung zu den sichtbaren Zeugnissen
der 2000-jährigen Stadt Neuss auf dem Programm. Auch hier begann die Tour
wieder mit den Schützen, wenn auch nur in geschnitzter Form im Glockenspiel
im Giebel des Vogthauses aus dem Jahr 1597, heute ein Gasthaus, in dem viele
der GV-Teilnehmer zuvor gut gespeist hatten.
Blau-weiß-goldenes
Geleit für den Quirinus-Schrein
Am
Abend nahmen Bundesschwestern und Bundesbrüder am feierlichen Hochamt zum
Fest des Hl. Quirinus, des Stadtpatrons, im Quirinus-Münster zur Musik von
Mozarts Missa brevis teil, wo
neben den Schützenuniformen die Chargierten der UNITAS-Korporationen einen
weiteren farblichen Akzent setzten und anschließend in einer Prozession den
Quirinus-Schrein rund um das Münster begleiteten.
Damit
war der Tag aber noch lange nicht zu Ende. Es folgte der Festkommers, der
aufgrund des späten Gottesdienstes erst um 21.45 Uhr beginnen konnte und
erst nach 1 Uhr endete. Hier standen noch einige Höhepunkte an. Nach der
Begrüßung durch den Präsiden, Bbr. Rainer Derichs von der UNITAS
Rheinfanken Düsseldorf, und dem vorgezogenen Grußwort des Zweiten Bürgermeisters
der Stadt Neuss Thomas Nickel, gleichzeitig Präsident des Neusser Bürgerschützenvereins
und Vorsitzender des Diözesanrats der Erzdiözese Köln, nahm der
Festredner, der für Familienpolitik zuständige Minister des Landes
Nordrhein-Westfalen Armin Laschet (CV), den thematischen Faden der GV wieder
auf und hob – wie auch schon die Diskutanten bei der Podiumsdiskussion am
Vormittag – die notwendige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der
heutigen Zeit hervor. Als positives Beispiel nannte er unser Nachbarland
Frankreich, wo es ein wesentlich besseres Kinderbetreuungsangebot gebe und
die Geburtenrate fast doppelt so hoch sei wie in Deutschland. Nach
Auffassung des Ministers würde der Ausbau des Betreuungsangebots in den
deutschen Kindergärten mit der bewussten Akzentsetzung auf frühkindliche
Erziehung vielen Paaren die Entscheidung für Kinder erheblich erleichtern.
Im Gegensatz zu Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen äußerte sich
Armin Laschet zur Einführung des Elterngeldes eher skeptisch. „Es muss
auch mit dem Elterngeld Wahlfreiheit in der Erziehungsarbeit geben“, so
seine Forderung.
Ferner
betonte Laschet den großen Bedarf an Beratungshilfe für Familien. Das Land
Nordrhein-Westfalen will dazu Kindertagesstätten zu Familienzentren
erweitern, wo neben der Kinderbetreuung Familien auch Rat und Orientierung
finden können.
In
diesem Zusammenhang verteidigte der Minister seine Kollegin Ursula von der
Leyen vor der Kritik, zunächst nur die christlichen Kirchen für eine
Mitwirkung am „Bündnis für Erziehung“ eingeladen zu haben. „Man muss
doch noch mit denen, die für die Werte unseres Grundgesetzes einstehen, ein
Erziehungsbündnis schließen können“, empörte sich Laschet. Über 70
Prozent der deutschen Bevölkerung gehörten christlichen Bekenntnissen an.
Da sei es selbstverständlich, dass man mit ihnen ein solches Bündnis
beginne und erst in einer zweiten Runde andere Glaubensgemeinschaften
hinzunehme.
Das
„Bündnis für Erziehung“ rücke die Elternpflicht wieder stärker in
den Blick und verdeutliche, dass Kinder auch eine Bereicherung seien.
„Nicht allein die staatlichen Leistungen ermöglichen letztendlich ein Ja
zum Kind, sondern vor allem ein positives gesellschaftliches Klima“, sagte
Armin Laschet. Dazu müssten gerade auch die katholischen Verbände ihren
Beitrag leisten.
Goldene
UNITAS-Nadel für Bbr.
Dieter Krüll
Nach
der mit viel Applaus bedachten Rede konnte der Kommers noch mit weiteren Höhepunkten
aufwarten: Da war zunächst die feierliche Verleihung der „Ehrennadel des
UNITAS-Verbandes in Gold“ an Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll. Bei
der Ehrung hob Vorortspräsidentin Elisabeth Fels die vielen Verdienste, die
sich der Geehrte als Verbandsgeschäftsführer in den vergangenen fünf
Jahren erworben hat, hervor: vor allem den Ausbau der Verbandsgeschäftsstelle
zu einem leistungsfähigen Kommunikationszentrum, eine Verjüngung und
Verkleinerung des Vorstands, ein überarbeitetes und aktualisiertes
Satzungswerk, die Anerkennung der Gemeinnützigkeit und die Errichtung der
Stiftung „UNITAS 150 plus“ zur Sicherung der Finanzbasis des Verbandes.
Die Vorortspräsidentin dankte Bbr. Krüll für sein stetes Bemühen um die
Aktivitates, die ihm ein besonderes Anliegen seien. Der Dank galt auch der
Familie des Verbandsgeschäftsführers, vor allem seiner Frau Eva-Maria, für
den Rückhalt und das Verständnis, das sie dem Engagement ihres Mannes
entgegengebracht habe.
Dann
gab es auf Anregung des Beirats für Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchs
erstmals einen Preis für die beste Nachwuchsarbeit in den zwölf Monaten
vor der GV. Sieger war die UNITAS Hetania Würzburg, die sieben Füxe seit
der Generalversammlung in Bonn „gekeilt“ hatte. Die Vorortspräsidentin
und der Beiratsvorsitzende Dr. Michael Ramirez-Schulschenk belohnten die
erfolgreiche Arbeit mit einem Pokal, Plaketten für die Füxe und einem Fässchen
Bier. Letzteres war wohl der begehrtere Teil des Preises, denn es wurde
gleich nach dem Kommers im Tagungshotel geleert. Der Pokal hingegen – so
war zu hören – wurde dort vergessen. Es bleibt zu wünschen, dass sich künftig
mehr Vereine an dem Wettbewerb beteiligen. Diesmal waren es nur sechs
Aktivitates – wohl in erster Linie aufgrund der recht kurzfristigen
Ausschreibung.
Mitternacht
war nun schon lange vorüber und die noch anstehenden Grußworte blieben
daher erfreulich kurz, darunter die des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft
katholischer Studentenverbände (AGV) Andreas Kraus (CV) und und des stellv.
Vorortspräsidenten des KV Tobias Schopp, die die Grüße der Schwesterverbände
überbrachten.
Am
nächsten Morgen war schon Aufbruchstimmung zu verspüren und eine gewisse
„Orientierungslosigkeit“ zu erkennen. Jedenfalls fanden die meisten
Chargen nicht mehr den Weg nach St. Marien zur Festmesse zum Abschluss der
GV, die musikalisch von der Jugendband „Querbeat“ gestaltet wurde.
Bbr.
Domkapitular Prälat Dr. August Peters aus Aachen erinnerte in seiner
Predigt an die froh machende Botschaft des Evangeliums. Wie oft werde heute
die Frage nach Werten gestellt. Aber es genüge nicht, bloß zu fragen,
sondern Werte müssten auch gelebt werden. Das Evangelium biete hierfür ein
tragfähiges Konzept und mache uns die heilende Kraft Gottes deutlich.
„Wenn wir uns daran erinnern, wird Kirche wieder dynamisch“, gab Bbr.
Peters den GV-Teilnehmern als Auftrag mit auf den Heimweg.
Allen,
die bis zum Schluss durchgehalten hatten, wurde im Anschluss an den
Gottesdienst noch ein letzter Höhepunkt geboten: Der Pfarrer von St.
Marien, Msgr. Wilfried Korfmacher, erklärte ebenso sachkundig wie humorvoll
die bekannten Buntglasfenster seiner Kirche. Dann hieß es, endgültig
Abschied nehmen von Neuss. Der herzliche Dank gilt allen, die zum Gelingen
der Tage in der Quirinus-Stadt beigetragen haben, insbesondere dem örtlichen
Vorbereitungsausschuss unter der Leitung des AHZ-Vorsitzenden Bbr. Dr.
Hans-Georg Loose, aber auch der Verbandssekretärin Marianne Hübers sowie
den Bundesbrüdern des AHZ-Düsseldorf und den Aktiven der dortigen UNITAS
Rheinfranken, die Nachbarschaftshilfe geleistet haben. Denn eine aktive
UNITAS-Korporation besteht in Neuss nicht mehr.
Die
GV 2007 wird in Trier stattfinden (17. – 20. Mai 2007) und die Unitarier
aus der Moselstadt freuen sich schon heute darauf, möglichst viele
Bundesgeschwister als Gäste begrüßen zu können – hoffentlich auch
wieder mehr Alte Herren und Hohe Damen.
Familienpolitik
muss die Gestaltungsfreiheit
der Familien beachten
RESOLUTION DER 129. GENERALVERSAMMLUNG DES UNITAS-VERBANDES IN NEUSS
Der
Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine UNITAS hat
seine Generalversammlung 2006 unter das Thema: „Zukunft
ohne Kinder – Gesellschaft ohne Zukunft“ gestellt.
Aus diesem Blickwinkel sieht er im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD
vom 11. November 2005 für die Familienpolitik in der neuen
Legislaturperiode unterschiedliche Akzentsetzungen, die eine für die
Familien insgesamt verträgliche Weiterentwicklung nicht erwarten lassen.
Am
Anfang der Koalitionsvereinbarung wird ausdrücklich betont, dass die
Koalition dazu beitragen will, dass Frauen und Männer ihre
Lebensvorstellungen verwirklichen können und alle Lebensmodelle den
gleichen Respekt verdienen.„Politik hat den Menschen nicht vorzuschreiben,
wie sie leben sollen, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, damit junge
Menschen – so wie sie es wollen – sich für Kinder und Familie
entscheiden können.“
Dieser
Ausgangspunkt entspricht auch der Auffassung unseres Verbandes. Deshalb
unterstützen wir alle Maßnahmen, die geeignet sind, allen
Familien diese Gestaltungsfreiheit
zu eröffnen.
1.
Das gilt vor allem für den Ausbau einer besseren Infrastruktur für
Familien. Wir begrüßen
–
den Ausbau der Angebote der Tagesbetreuung für Kinder;
–
die frühe Förderung als Voraussetzung für echte Chancengleichheit in
Bildung und Erziehung und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit;
–
die Unterstützung der Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgaben;
–
das Projekt der Mehrgenerationenhäuser;
–
die Entwicklung sozialer Frühwarnsysteme und die Stärkung des Wächteramtes
und des Schutzauftrags der staatlichen Gemeinschaft.
Nachdrücklich
unterstützen wir auch die Forderungen nach familienfreundlichen
Arbeitsbedingungen. Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu
beitragen, dass Männer und Frauen gleichzeitig Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen und Väter und Mütter sein können. Wir nehmen zur
Kenntnis und unterstützen, dass junge Frauen wie die Männer schon immer
neben ihren Aufgaben in der Familie auch in der Arbeitswelt und in allen
gesellschaftlichen Bereichen ihre Lebensvorstellungen verwirklichen wollen.
Im Hinblick auf die steuerlichen Freistellungen der Betreuungskosten von
Kindern unterstützen wir den Ansatz als Werbungskosten.
Gleichzeitig
fordern wir aber auch ein Äquivalent für die Mütter oder Väter, die,
ohne erwerbstätig zu sein, sich der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder
selbst widmen. Dafür sind die allgemeinen Kinderfreibeträge für Kinder
der Entwicklung anzupassen. Da viele Familien wegen eines zu geringen
Einkommens die steuerlichen Freibeträge nicht ausschöpfen können, müssen
auch die Transferzahlungen wie das Kindergeld bedarfsgerecht ausgebaut
werden.
2.
Zum Elterngeld stellen
wir fest, dass es mit seiner Orientierung am Einkommen des erziehenden
Elternteils (Opportunitätskosten) ausschließlich für erwerbstätige Mütter
und Väter eine neue Perspektive eröffnet. Alle anderen Familien können
nur unter Verbiegung des konzeptionellen Ansatzes des Elterngeldes
ausreichend berücksichtigt werden. Wir halten deshalb für falsch, dass das
Elterngeld das bisherige Erziehungsgeld
ablösen soll.
3.
Das Erziehungsgeld muss neben dem Elterngeld als Wahlmöglichkeit erhalten
bleiben, weil nur so
–
die Erziehungsleistung bei allen Familien als solche anerkannt wird;
–
die einkommensschwächeren und kinderreichen Familien bedarfsorientiert gefördert
werden;
–
die Wahlfreiheit der Eltern, wer von ihnen das Erziehungsgeld für welche
Zeit in Anspruch nimmt, erhalten bleibt;
–
die Leistung auf zwei Jahre angelegt ist;
–
die Nichtanrechnung der Leistung auf andere Sozialleistungen erhalten werden
kann.
In
die Vorgaben des Grundgesetzes zur Gestaltungsfreiheit von Familien passt
auch nicht die Regelung, dass jeweils zwei Monate des Elterngeldes der
Mutter oder dem Vater vorbehalten sein sollen. Die Wirklichkeit sieht in
vielen Familien so aus, dass ein Wechsel der Erwerbsunterbrechung für die
Betreuung eines Kindes für zwei Monate mehr Probleme macht als der Verzicht
auf das Elterngeld. Deshalb sollte auf diese vornehmlich als Druck auf ein
bestimmtes Modell der Elternverantwortung konzipierte Bestimmung zugunsten
der am Anfang der Koalitionsvereinbarung deklamierten Wahlfreiheit der
Eltern verzichtet werden.
Insgesamt
fordert der UNITAS-Verband erheblich größere Anstrengungen, der inzwischen
nicht mehr strittigen Benachteiligung der Familie zu begegnen.
Es
gilt in die Zukunft zu investieren und dafür die Ansprüche der Gegenwart
zu reduzieren. Nur wenn mehr Paare den Mut und die Unterstützung finden,
sich ihre Wünsche auf Gründung einer Familie zu erfüllen, können wir die
demographischen Probleme, vor denen wir stehen, abmildern.
Dr.
Peter Kreutzer
- ein Lebensbild
"Zu
den Unitariern, die am tiefsten und nachhaltigsten die Geschichte unseres
Verbandes beeinflußt haben, gehört ohne Zweifel unser Bundesbruder Peter
Kreutzer ...", so erinnerte 1954 die unitas-Zeitschrift an den
ehemaligen Stadtdechanten von Essen. (1) Er "hat sich später als Großstadtseelsorger
im Ruhrgebiet einen bedeutenden Namen gemacht", vermerkte der
Chronist, der aus Anlaß der Wiederkehr des 20. Todestages von Peter
Kreutzer ein Kapitel aus einer kleinen Schrift von Kreutzers ehemaligem
Kaplan Gottfried Salz vorstellte.(2) Auch 1961, zur zweiten, der 84.
Generalversammlung des UNITAS-Verbandes in Essen, würdigte die
Verbandszeitschrift Kreutzers Wirken und nahm Bezug auf die 1940 in der
Sammlung "Gestalt und Leben katholischer Priester" veröffentlichte
Schrift des ehemaligen Essener Jugendpräses Salz.(3)
Peter
Kreutzer, geboren am 8. April 1866 in Büderich bei Neuß, wächst mit drei Geschwistern auf einem Bauernhof auf. Sein Vater Peter
Christian Hubert Kreutzer ist drei Monate vor der Geburt gestorben. Die
Mutter Maria Anna, geborene Schäfer, der er zu seiner geistlichen Berufung
viel verdankt, wird als fromm, klug und energisch geschildert. Sie wird ihn
später an seine Seelsorgestellen begleiten und ab 1895 zwölf Jahre lang für
den Haushalt sorgen. (4) Seine Begabung fällt auf, er kommt aufs Gymnasium
in Neuß. Sein dortiger Religionslehrer ist der Priester und Unitarier Dr.
Ferdinand Rheinstädter, Gründer der Neusser Zentrumspartei und des "Neusser
Wochenblattes"(5). "Es ist sicher", so Salz, "daß
Rheinstädter bei der Weckung des Priesterberufes seines Schülers eine
geistige Vaterschaft ausgeübt hat." (6) Rheinstädter veranlaßt den
jungen Niederrheiner, der seine Reifeprüfung mit Auszeichnung besteht, sich
bei der Aufnahme des Studiums 1886 an der Universität Bonn der UNITAS-Salia
anzuschließen.
"Zweiter
Gründer" der UNITAS
Unter
dem damaligen Präses der UNITAS-Salia, Josef Vogt - später Generalvikar
(1918-1931) und Dompropst in Köln, 1930-1937 erster Bischof von Aachen (7)
- wird Peter Kreutzer rezipiert. 1887 trägt Peter Kreutzer des
"Kaisers Rock" und wird "Einjährig Freiwilliger" bei
den "Haketäuern" in Köln. Im zweiten Semester ist der 20-jährige
Theologiestudent Vorsitzender der Vinzenzkonferenz an der Stiftspfarre in
Bonn, im dritten Semester im Sommer 1887 Senior der damals 36 Aktive zählenden
UNITAS-Salia - und damit Vorortspräsident des Gesamtverbandes.
Nach
der Lebensbeschreibung von Gottfried Salz sah der UNITAS-Verband Peter
Kreutzer schon zu seinen Lebzeiten "als seinen zweiten Gründer
an". (8) Sein entscheidender Beitrag: Die Vorbereitung der außerordentlichen
Generalversammlung am 21. September 1887 in Neuß und sein mit dem aus
Werden stammenden Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff (9) - damals
Oberpfarrer in Aachen-Burscheid - abgestimmter Antrag zur Aufnahme von
Nichttheologen in die bis dahin nur Theologen vorbehaltene Korporation.
Kreutzer gewinnt dazu auch den 35-Jährigen und im Verband
sehr angesehenen Professor Prälat Joseph Prill, der im Folgejahr
1888 in Werden den ersten Altherren-Zirkel des Verbandes gründen sollte.
(10) Mit dem damals 36jährigen Franz Hitze allerdings, der seit fünf
Jahren dem Preußischen Abgeordnetenhaus und seit drei Jahren dem Reichstag
angehörte, hatte er "einen schweren Kampf auszufechten. Dieser
stand", so Salz, "als konservativer Westfale auf dem Standpunkt:
"Sint, ut sunt, aut non sint" -
der Verband mag bestehen, wie er ist, oder zugrunde gehen." Auch
Ferdinand Rheinstädter, der Mentor und geistliche Vater Peter Kreutzers,
ist an der Öffnung des Verbandes für Nichttheologen maßgeblich beteiligt:
Er setzt sich für die Ansicht Peter Kreutzers ein, dessen "grundsätzlich
apostolische und weltoffene Einstellung ... schon damals klar hervortrat und
seinen Worten eine große Kraft der Überzeugung gab" und der schließlich
"durch kluge Taktik ... seinem Antrage zum Siege zu verhelfen" weiß.
(11)
Von
Rom nach Elberfeld
Für
sieben Jahre geht Kreutzer ab 1888 nach Rom, tritt auf Vermittlung von AH
Dr. Rheinstädter in das von Jesuiten geleitete Germanikum ein. Mit ihm
studiert im roten Talar dort auch der später als "Berliner Großstadtapostel"
bekannt gewordene Dr. Carl Sonnenschein. Peter Kreutzer übernimmt in den
sieben Jahren seines Aufenthaltes das angesehene Amt des "Philosophen-Präfekten"
in der studentischen Selbstverwaltung des Hauses, fällt durch eine
besondere Neigung zu grundsätzlichen temperamentvollen wissenschaftlichen
Disputationen, durch sehr intensives Gebetsleben, Liebenswürdigkeit und
Bescheidenheit, aber auch durch großer Liebe zum Theaterspielen auf. Kurz
vor seinem Tode wurde er etwa als der Verfasser des von der über die
Grenzen Essens bekannten "Kumpanei" im Saalbau eine Woche lang
aufgeführten "Mysteriums vom Leiden Christi" bekannt. Peter
Kreutzer macht den zweifachen Doktor der Theologie und Philosophie und steht
am 28. Oktober 1894 in Rom zum ersten Mal als Priester am Altar.
1895
kehrt Peter Kreutzer nach Hause zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang
bereitet wird, und feiert seine Heimatprimiz. Mit seiner Herkunftsregion er
sehr verbunden, bleibt er zeit seines Lebens
Mitglied im Büdericher Heimatverein. Der junge Priester kommt nach
Aachen, ist als Kaplan 1895-1899 an St. Nikolaus, und wird anschließend ins
sozial aufgewühlte Elberfeld in die Pfarrgemeinde St. Laurentius versetzt.
In Elberfeld trifft er den späteren Berliner "Großstadtapostel"
Carl Sonnenschein (+ 1929, Berlin) wieder, mit dem er vor allem in der
Seelsorge für die italienischen Steinbrucharbeiter zusammenarbeitet.
Kreutzer übernimmt 1902 die Stelle des Rektors in der bergischen
Arbeitergemeinde Wülfrath und hat hier - wie in Elberfeld - zahlreiche
Italiener zu betreuen. Seit dieser Zeit hat er die Seelsorge für
fremdsprachige Katholiken besonders im Blick. So legt er auch später immer
Wert darauf, z.B. vor Italienern selbst in ihrer Muttersprache zu predigen.
Pfarrer
an St. Johann Baptist in Altenessen
1907 beruft ihn der Kölner Erzbischof Kardinal Fischer als Pfarrer in
die große Industriepfarre St. Johann Baptist in Essen-Altenessen. Ein Jahr
zuvor hatte zeitgleich zum Deutschen Katholikentag dort die 47.
Generalversammlung des Unitas-Verbandes stattgefunden. Mit der boomenden
Revierstadt, sind bereits durch die entscheidenden Namen der unitarischen Gründergeneration
wichtige Persönlichkeiten aus dem UNITAS-Verband verbunden: Der Verbandsgründer
Hermann Ludger Potthoff stammte aus Werden, sein Freund Friedrich Ludger
Kleinheidt, ebenfalls Jahrgang 1830 und 1886 Kölner Generalvikar, aus
Heisingen. Ludger Wilhelm Pingsmann, Domkapitular in Köln, war 1832 in
Werden-Kleinumstand geboren worden, Wilhelm Lindemann, erster Parlamentarier
aus dem UV, 1827 in Schonnebeck, Pfarrei Stoppenberg. (12) Kardinal Antonius
Fischer selbst, Kreutzers Bundesbruder und 1860 in Bonn rezipiert (13),
hatte von 1864 bis 1888 als Religionslehrer am Gymnasium gewirkt. Ihm war
1889 in dieser Aufgabe Bbr. Joseph Prill gefolgt, der in Essen dreißig
Jahre als Jugendseelsorger tätig war. 1898 übernahm dieser als erster
Redakteur die Verbandszeitschrift "unitas", die er bis 1903
redigierte und unter dessen Schriftleitung sie ihren Namen erhielt. (14) Der
erste Geschichtsschreiber des Verbandes, Karl Joseph Kuckhoff, wirkte mit
ihm gemeinsam von 1907 bis 1916 am selben Gymnasium. (15)
Auf
Kreutzer warten im Zentrum der Schwerindustrie große Aufgaben: Seelsorge
unter Bedingungen der Großstadt, in die Menschen aus allen Regionen auf der
Suche nach Arbeit und Brot geströmt waren, Wohnungsnot, soziales Elend,
aber auch eine anhängliche kirchentreue Arbeiterschaft, deren
Organisationsgrad in den katholischen Verbänden zunehmend wächst. Zwischen
den Fördertürmen der Zechen und den Kokereien bemüht sich Kreutzer, seine
Gemeinde zu einer Heimat für die zugewanderten Namenlosen und Entwurzelten
zu machen. 1910 baut er das Katholische Gesellenhaus, 1913 wird das
Marienhospital bedeutend erweitert, 1915 entsteht als Vereinshaus das
Marienheim, auch ein Ärztehaus. In seiner Pfarrkirche lässt er Bilder der
lokalen Heiligen, wie der Bergbauheiligen Barbara sowie von Kosmas und
Damian, den Stadtpatronen von Essen, anbringen, er fördert Volksandachten,
Nachbarschaften und Bräuche, sorgt im Ersten Weltkrieg für eine enge
Verbindung mit aus der Gemeinde stammenden Soldaten, die im Feld stehen. In
den ideologischen Auseinandersetzungen der Zeit unterstützte er die Bildung
landsmannschaftlicher und katholischer Vereine, aber auch der christlichen
Gewerkschaften. August Brust, der Gründer des Gewerkvereins christlicher
Bergarbeiter, stammte aus seiner Pfarrei St. Johann in Altenessen. Der als
außergewöhnlich bescheiden geschilderte Seelsorger Kreutzer, der eine
einfache Sprache übt, scheut aber nicht, sich als kraftvoller Prediger auch
auf der Kanzel mit freidenkerischen und klassenkämpferischen Parolen
auseinander zu setzen. Als sich im November 1918 bei einer Versammlung der
Spartakisten nach seiner Gegenrede eine Saalschlacht entwickelt, müssen ihn
die katholischen Bergleute wieder heraushauen. Während des
Spartakistenaufstandes in den Ostertagen des Jahres 1920 verhindert er die
Besetzung der Kirche. Während der französischen Ruhr-Besetzung und der
Inflationszeit muss er mit Suppenküchen für caritative Hilfe sorgen.
Allein in seiner Pfarrei arbeiten bald fünf Vinzenzkonferenzen und ein
Elisabethverein. Immer wieder übt er wochenlange strenge asketische
Exerzitien, er lebt geprägt von dem im Germanicum geübten Dreiklang von
Studium, Beschauung und seelsorglicher Aktivität. Er organisiert
Volksmissionen, gibt Vorbereitungskurse für das Ehesakrament, ist aber auch
viel unterwegs zu Hausbesuchen. Immer ist sein Beichtstuhl gefragt,
Beichtwillige kommen von weither.
Erster
Stadtdechant von Groß-Essen
1925
wird Dr. Kreutzer gegen seinen Willen zum Stadtdechant von Groß-Essen
ernannt, wo seit dem 1.1. des Jahres drei Dekanate Altstadt, Neustadt und
Borbeck eingerichtet waren. Am 1. April 1925 wird der bereits am 3. Juli
1922 gegründete Katholische Gemeindeverband von der Regierung genehmigt.
Mit über 350.000 Katholiken und 200 Seelsorgern ist Essen in bald vier
Dekanaten die durch Eingemeindungen und Abpfarrungen neuer Gemeinden weiter
wachsende zweitgrößte Stadt des Erzbistums Köln. Die Stadt weist die
viertgrößte Zahl von Katholiken unter den Großstädten im ganzen
Deutschen Reich auf. Allein sieben Kirchen werden während seiner Amtszeit
als Vorsitzender des Gemeindeverbandes der katholischen Kirchengemeinden
Essens in der Stadt neu gebaut. Aus seiner eigenen Pfarrei entsteht 1931/32
in der abgepfarrten Gemeinde St. Hedwig eine eigene Kirche.
Mehrere
Kapläne sorgen zu dieser Zeit in St. Johann Baptist, der Altenessener
Pfarrei des Stadtdechanten Dr. Peter Kreutzer, für die Seelsorge. Unter
ihnen ab 1931 Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer, der dort von Beginn an
sozialarbeiterisch tätig wurde und gegen kommunistische und
nationalsozialistische Parolen agitierte. Kreutzer lässt seinen Kaplan, der
während seiner zweijährigen Arbeit in der Gemeinde als "Roter
Ruhrkaplan" bekannt wird, gewähren; er unterstützt sogar Klinkhammers
schließlich bald über Essen hinaus führende Vortragstätigkeit - auch
wenn sich dieser das große Missfallen der Kölner Kirchenleitung zuzieht,
die ihn im Frühjahr 1934 aus seinem Amt entfernt. Der als erster Priester
von den Nazis verhaftete, spätere "Bunkerpfarrer" von Düsseldorf,
sprach von einem prägenden Einfluss Kreutzers, der immer wieder auch mäßigend
auf ihn einzuwirken gesucht hatte. (16)
Mit
Pfarrer Peter Kreutzers Amt sind hohe organisatorische Anforderungen
verbunden - nach dem Protokoll ist der Stadtdechant zweiter Mann nach dem
Oberbürgermeister. Als erster Dechant in der von starken katholischen
Laienverbänden geprägten Industriestadt erkennt Kreutzer das
Katholiken-Komitee als Zentralorgan des katholischen Lebens förmlich an und
fördert es nachdrücklich. "In den zehn Jahren", schreibt Salz
1940, "in denen Dr. Kreutzer Stadtdechant von Essen war, arbeiteten
Klerus und Laien voller Harmonie, einer den anderen tragend und ergänzend."
Der Stadtdechant habe in seiner Person die Beschaulichkeit, das innerliche
Element des Essener Katholizismus verkörpert. "Je besser die
Zusammenarbeit von Klerus und Laien ist, desto besser wird der Acker Gottes
bestellt sein. Das klassische Beispiel dafür ist Essen, das katholische
Leben dieser Stadt und ihr Stadtdechant", resümiert Gottfried Salz.
(17)
Bundesbruder
Dr. Kreutzer, der "auch als Stadtdechant und Domkapitular immer ein
schlichter Pastor blieb" (18), wurden viele kirchliche Ehrungen zuteil.
Seit 1926 Päpstlicher Geheimkämmerer, wird er 1932 nichtresidierender
Domkapitular in Köln und Prosynodalkonsultator. In seinen Aufgabenbereich
als Stadtdechant fiel im selben Jahr der 71. Deutschen Katholikentag in
Essen mit dem auch sein eigenes Wirken bezeichnenden Motto "Christus in
der Großstadt". An den Vorbereitungen ist er maßgeblich beteiligt
gewesen. Das Katholikentreffen wurde zur letzten großen Heerschau des
deutschen Katholizismus und schloss mit einem Gottesdienst auf dem
Baldeneyer Berg, an dem 250.000 Menschen teilnahmen. Zwei Jahre später, am
10. Juni 1934, starb Peter Kreutzer nach 27-jähriger Arbeit als Priester in
der Ruhrmetropole im Alter von 68 Jahren an Krebs. Zu seiner Beisetzung drei
Tage später kam Kardinal Karl Josef Schulte aus Köln (19), 150 Priester
gaben Kreutzer das letzte Geleit. Sein Grab auf dem Nordfriedhof in
Altenessen trägt das Bild des Guten Hirten.
Dr.
Christof Beckmann, Essen
Anmerkungen:
(1)
"Vor 20 Jahren starb Bbr. Stadtdechant Peter Kreutzer", in: unitas,
94. Jg., Dezember 1954, Heft 12, 19f.
(2) Gottfried SALZ: Dr. Peter Kreutzer. Ein Großstadtpfarrer. Münster
1940.
(3) "Bbr. Dr. Peter Kreutzer, ein moderner Apostel in der Großstadt
Essen", in: unitas 101.
Jg., Mai 1961, Heft 5, 91-94
(4) vgl. von ihm verfasster Totenzettel seiner Mutter, in: SALZ 1940, 19
(5) * 23.9.1834 Köln, + 9.5.1889 Neuß, rezipiert 1852 bei der 1847 gegründeten
"Ruhrania" in Bonn. Sie nimmt 1854 den Namen UNITAS an, 1855
entsteht mit der durch Ferdinand Rheinstädter betriebenen Gründung der
UNITAS in Tübingen der UNITAS-Verband. (vgl. Peter Josef HASENBERG, 125
Jahre UNITAS-Verband. Köln 1981, (UNITAS-Schriftenreihe, Band V) 32f., und
unitas 1963, 172ff.
(6) Rheinstädter, der auf äußere Disziplin keinen Wert gelegt habe, sei
der "beste und beliebteste Lehrer" an der Schule gewesen sein.
Nach SALZ sei er für Kreutzer nach eigener Schilderung "das Ideal
eines Priesters und Wissenschaftlers" gewesen. Von ihm habe er
"den Drang zur Wissenschaft und den Glauben an die sieghafte Kraft der
Ideen, aber zugleich auch das starke Sendungsbewusstsein bei ihrer Verkündigung.
Die freiheitliche Form seiner Erziehungsmethode war auch Kreutzer
eigen." (SALZ 1940, 20)
(7) * 1865 Monschau, rezipiert WS 1885/86 in Bonn, 1888 Priesterweihe, 1893
Geheimsekretär von Kardinal Krementz
(8) SALZ 1940, 22
(9) * 13.1.1830 Werden, + 8.10.1888 Aachen-Burscheid, rezipiert 1851 in
Bonn, 1863-1883 kgl. Hofprediger in Dresden (vgl. HASENBERG 1981, 21ff. und
UNITAS-Handbuch (UH), Band I, 289ff.)
(10) Dr. Joseph Prill (*9.6.1852 in Beuel, + 8.10.1935 in Lohmar), Päpstlicher
Hausprälat, Professor, gründete 1888
in Werden/Ruhr den ersten Altherren-Zirkel des Verbandes. Zum Namen
des Essener Zirkels war aus Respekt vor der Herkunft des Verbandsgründers
"Werden" gewählt worden.
(11) SALZ 1940, 22f.; vgl. HASENBERG
1981, 47ff, hier 50.
(12) nach Peter Josef HASENBERG, Essen - Mutterboden der Unitas. Die Gründergeneration
des UV und der Bonner Ruhrania kam aus Essen, in: unitas, 101. Jg., Mai
1961, Heft 5, 87. Nach UH, Band I, 347 ist der Literaturhistoriker Professor
Lindemann in Schönebeck (Teil des Stadtteils Borbeck) geboren.
(13) Antonius Fischer, rezipiert in Bonn 1860, 1888 Domkapitular in Köln,
1889 Weihbischof, 1898 Domdechant, seit 1902 Erzbischof in Köln, 1903
Kardinal.
(14) Beschluss der 41.GV in Würzburg: Das "Korrespondenzblatt"
(vorher "Roma", "XP-Correspondenzblatt der Unitas") erhält
den Namen "Unitas, Organ des wissenschaftlichen katholischen
Studentenvereins Unitas".
(15) Prof. Dr. Karl Joseph Kuckhoff (* 1878 in Köln, + 2.10.1944
Hildesheim), rezipiert im SS 1898 in Bonn, war später Professor und von
1912-1918 MdR für den Landkreis Köln, 1919 MdPreuß. Nationalversammlung.
(16) Scherzhaft, berichtet sein ehemaliger Kaplan Gottfried Salz, habe
Kreutzer einmal gesagt: "Ich bete jeden Morgen: Lieber Gott, gib mir
heute die Gnade, daß ich nichts Gutes verhindere, was meine Kapläne wirken
wollen." (SALZ 1940, 95). Zum Verhältnis zwischen Kreutzer und
Klinkhammer vgl. auch Interview von H. Wilmer, KULT-URsachen Essen, Skript
des Gespräches vom 4.2.1993 in Düsseldorf im Besitz des Verf.; vgl. auch
Karl-Jürgen MIESEN, Sonnenscheins Sohn. Biographische Skizze über Carl
Klinkhammer, in: Kirche in der Großstadt, Karl Waldenfels zum 80.
Geburtstag, 126-167, hier 136-149
(17) SALZ 1940, 118
(18) SALZ 1940, 10
(19) Karl Josef Schulte, seit 1920 als Nachfolger Kardinals von Hartmanns (+
1919) Erzbischof von Köln.