Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND


1958:
Internationaler Karlspreis zu Aachen
für
Bbr. Robert Schuman
Im
kommenden Jahr jährt sich zum 50. Mal die Verleihung
des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Bbr. Robert Schuman am 15.
Mai 1958. Schon jetzt erinnern wir an diese Ehrung für den damaligen Präsidenten
des Europa-Parlaments. Der 1950
erstmals vergebene Internationale Karlspreis zu Aachen ist der älteste und
bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet
werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben.
Der nach Kaiser Karl dem Großen benannte, bedeutendste europäische Preis zielt
nach dem Willen der Initiatoren „auf freiwilligen Zusammenschluss der europäischen
Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter –
Freiheit, Menschlichkeit und Frieden – zu verteidigen, den unterdrückten und
notleidenden Völkern wirksam zu helfen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu
sichern“ - so die Proklamation 1949.
Die im Rahmen eines Festaktes 1958
an unseren Bbr. Robert Schuman überreichte Urkunde trug den Text: „Der
Internationale Karlspreis der Stadt Aachen für das Jahr 1958 wurde am
Himmelfahrtstag, dem 15. Mai 1958, im Krönungssaal des Aachener Rathauses, der
ehemaligen Kaiserpfalz, Robert Schuman, verliehen in Anerkennung seiner hohen
Verdienste um erste praktische Grundlagen der europäischen Föderation auf
politischem und wirtschaftlichem Gebiet und einer gemeinsamen Zukunft
Deutschlands und Frankreichs in Friede und Sicherheit.“ Die dazu überreichte
Medaille trug die Inschrift: „Karlspreis der Stadt Aachen 1958 für Robert
Schuman. Für die Einheit Europas.“
Über die Geschichte des Preises und die Preisträger
informieren die Internetseiten des Karlspreises unter www.karlspreis.de. Darin
finden sich auch u.a. die Dankesworte von Robert Schuman auf die Verleihung im
Jahr 1950, die wir im folgenden wiedergeben:
Die
Rede des Karlspreisträgers 1958
und Präsidenten
des Europäischen Parlaments,
Robert
Schuman
„Es ist für
einen Parlamentarier, speziell für einen französischen, schwer, auf so viele
Komplimente zu antworten. Es fehlt uns darin die Übung. Aber es ist nun einmal
vorgesehen, daß ich Stellung nehme zu einigen Gesichtspunkten, die hier
vorgebracht sind. Da ist zuerst der Ausdruck eines immensen Dankes an den hohen
Magistrat, an die Bürgerschaft von Aachen, an all die Persönlichkeiten, sei es
nationaler oder übernationaler Herkunft, die hier vertreten sind und die mir
die Ehre gegeben haben, hierher zu kommen. Ich stehe unter dem Eindruck dieses
Saales, der ein Symbol des wiedererstandenen Deutschlands, eines friedfertigen,
eines freien Deutschlands, aber auch eines gespaltenen Deutschlands, und Sie
werden einem Europäer, einem französischen Europäer wie mir zugestehen, daß
auch wir mit den deutschen Brüdern empfinden, wie sehr dieser Zustand unerträglich
ist und wie sehr wir hoffen, daß auf friedlichem Wege die Einheit Deutschlands
wiederhergestellt wird.
Dann kommt
hinzu, daß ich hier von Anfang an, vom 9. Mai 1950, schon und immer wieder in
der Folge die Überzeugung habe, daß in allererster Linie in unseren europäischen
Bestrebungen das Zentralproblem Deutschland-Frankreich gestanden hat, und daß
es keine Lösung für Europa geben konnte, solange dieses Problem nicht gelöst
war. Es ist gelöst, und eine Sitzung wie die heutige ist der beste Beweis dafür,
daß es in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland keine
Streitobjekte gibt und daß es für uns die größte und tiefste Befriedigung
ist, die wir in einer Zeremonie wie der heutigen empfinden. Natürlich, Probleme
gibt es immer, sie wird es immer geben, aber wir wollen sie gemeinschaftlich lösen
dadurch, daß jeder das Seine beiträgt. Es gibt auch Probleme, meine Damen und
Herren, die jeder nur allein lösen kann in eigener Verantwortung. Wir Franzosen
wissen, daß unsere inneren Angelegenheiten, und das möchte ich an einem Tage
wie heute aussprechen, die nicht auf gemeinsame Tätigkeiten zurückzuführen
sind, daß wir diese Probleme alleine lösen. Und wenn wir heute mit einem
gewissen Gefühl der Besorgnis an diese Probleme denken, tun wir es in der
Zuversicht, daß uns im entscheidenden Moment durch eine Steigerung der
Disziplin, der Opferbereitschaft, einmal mehr es in Frankreich ermöglicht wird,
all das zu überwinden. Und wir schulden das nicht nur unserem Lande, sondern
auch unserer Gemeinschaft, denn auch die Gemeinschaft wäre in Frage gestellt,
wenn wir unsere inneren Probleme nicht lösen würden. Ich bin hier, um als
Garant zu sprechen dafür, daß Frankreich dies erreichen wird. Nach der Bildung
einer neuen Regierung, einer jungen Regierung - ich möchte sagen, einer europäischen
Regierung - wird es ihr gelingen, hier Neues und Endgültiges zu schaffen.
Herr Professor Brugmans, mein Freund, hat eben von den Perspektiven der europäischen
Einheit gesprochen. Ich komme aus Straßburg, wo wir eine kurze Diskussion
hatten. Sie wissen, daß in einem Parlament, und auch in einem europäischen
Parlament, die Kürze die größte Schwierigkeit in dem Gelingen eines Problems
ist. Die Parlamente haben das Bedürfnis, sich möglichst auszubreiten. Wir
haben nur eine kurze Zeit zur Verfügung gehabt. Es mußte eine große
Anstrengung an Disziplin geübt werden, und die Herren Präsidenten Finet und
Hallstein sind Zeuge dafür, daß das nicht auf den ersten Hieb gelungen ist.
Wir konnten auseinandergehen in der Versicherung, daß wir einen wichtigen
Schritt weitergekommen sind, und daß wir für den Monat Juni die Aussicht
haben, etwas Endgültiges schaffen zu können. Das, meine Damen und Herren, will
ich nur zu all dem, was gesagt wurde, hinzufügen. Sie werden verstehen, daß
ich mich nunmehr speziell an meine Landsleute richte, denn auch sie brauchen
einen Kommentar zu den Ereignissen des heutigen Tages.
Ich bin froh, daß dies eine deutsch-französische Veranstaltung geworden ist,
und ich bin dankbar dafür, daß all die Redner, die hier gesprochen haben, ohne
Verwischung der Unterschiede, die nun einmal bestehen und die wir realistisch in
Rechnung stellen müssen, daß die betont haben, daß auch Frankreich und nicht
nur die Politiker, sondern auch die Bevölkerung Verständnis aufbringt für die
europäischen Zusammenhänge.“
Anlässlich der Preisüberreichung
wurden folgende Reden gehalten:
Rede
des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Hermann Heusch
Laudatio
von Professor Dr. Hendrik Brugmans
Rede
von Dr. Heinrich von Brentano, Bundesminister des Auswärtigen
1960 erhielt
Robert Schumans langjähriger Weggefährte Joseph Bech, Ministerpräsident von
Luxemburg, den Internationalen Karlspreis. In seiner Dankesrede bezog er sich auf
frühere Karlspreisträger und würdigte insbesondere den großen Anteil von Bbr.
Schuman an der Europäischen Einigung:
Rede von Joseph Bech
Verleihung
des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen
an Joseph Bech am 26. Mai 1960
„In diesem
Saale, dessen Säulen und Gewölbe in packender Eindringlichkeit Geschichte
reden, deutsche und europäische, kommt mir die hohe Bedeutung des Karlspreises
der Stadt Aachen erst recht in ihrem vollen Umfang zum Bewußtsein. Seit mehr
als einem Jahrhundert haben hier in Aachen mit der feierlichen Krönung der
Herrscher des Heiligen Römischen Reiches die jeweils neuen Etappen des
christlichen Abendlandes, mögen es glückliche gewesen sein oder solche, derer
sich Europa nicht ganz so gern erinnert, ihren Anlauf genommen. Ganz am Anfang
stand der große Kaiser, der seine Krone nun zwar nicht in Aachen, sondern in
jener für die westliche Welt so bedeutungsvollen Weihnacht des Jahres 800 in
Rom erhalten hatte, dessen Name aber so tief mit der Stadt Aachen verbunden
bleibt, weil er von hier aus, von seiner Kaiserpfalz, aus den Wirren des großen
Zusammenbruchs des römischen Weltreiches heraus für Europa eine neue Ordnung
schuf, die fortan und heute noch Ausgangspunkt der neuen Entwicklung sein
sollte.
Von seiner Aachener Pfalz aus schuf dieser europäische Kaiser jenes Reich, das
heute so oft Vorbild und Präfiguration der Verwirklichung unserer europäischen
Sehnsucht genannt wird. Es beruhte auf der unitas nationum in diversitate,
auf der Einheit in der reichen Vielfalt der kulturellen Besonderheiten, die auch
heute noch unser Ziel und Ideal ist.
Mit dem Namen Karl des Großen hat die Stadt Aachen ihren internationalen Preis
verbunden, da auf unserem Kontinent Menschen und Staaten erneut in eine Zeit
hineingestellt sind, die wiederum zur Zäsur werden könnte, jenseits welcher
die für uns unvorstellbare dunkle Nacht leiblicher und geistiger Sklaverei
beginnen würde.
Seit zehn Jahren wird der Preis verliehen für die beste Leistung im Dienste der
Verständigung und der internationalen Zusammenarbeit im europäischen Raum.
Dieses Jahr verliehen Sie diese hohe Auszeichnung einem Manne, der als Vertreter
eines kleinen Landes, während nahezu vierzig Jahren mit den Großen am
Verhandlungstisch saß, jederzeit bemüht, den Blick auf die tatsächlichen Maßstäbe
machtpolitischer Wertgeltung nicht zu verlieren, und dessen einziges Verdienst
darin besteht, allezeit versucht zu haben, mit bestem Wissen und unter Einsatz
seiner, wenn auch bescheidenen Mittel, der Sache des Friedens, die die Sache
Europas ist, zu dienen.
Wie könnte ich mir, in diesem Augenblicke, bei Bekundung meines Dankes, nicht
der Bescheidenheit meiner eigenen Verdienste bewußt werden, wenn ich an jene
großen Verdienste denke, welche sich die ersten Karlspreisträger um Europa
erworben haben: Professor Brugmans und Graf Coudenhove-Kalergi, die
hochgesinnten Vorkämpfer der europäischen Einheit und Jean Monnet, der
Aufbauer der ersten europäischen Gemeinschaft. Wie dürfte ich andererseits
aber meinen Stolz verschweigen, meinen Namen gestellt zusehen neben diejenigen
meiner illustren Weggenossen auf dem steilen und schwierigen Aufstieg zu unserem
neuen Europa:
Alcide de Gasperi, dessen Tod eine schmerzlich empfundene Lücke hinterließ;
Paul Henri Spaak, der unermüdliche, unerschrockene und redegewaltige Kämpfer;
Sir Winston Churchill, der uns die Freiheit rettete und dann Europa den Weg in
eine Zukunft neuer Blüte wies; Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ein ins Chaos
abgeglittenes Deutschland mit zielsicherer Hand hineinführte in den Kreis der
freien Völker und zusammen mit Robert Schuman, dem Vater der europäischen
Integration, die erste Brücke schlug zur Freundschaft zwischen Frankreich und
Deutschland, die den Grundpfeiler des neuen Europas bildet. Über mehr als ein
Jahrtausend europäischer Geschichte hinweggreifend stehen sie beide,
Bundeskanzler Adenauer, der Rheinländer, und Robert Schuman, der Sohn der
Lothringer Erde, wie Paladine Karls des Großen da, seine Idee von der Einheit
des Abendlandes zu neuer Aktualität erhebend.
Wie könnte ich endlich im Gedenken an die bisherigen Träger des Karlspreises
der Stadt Aachen jenen Mann vergessen, dem Europa in des Wortes wahrstem Sinne
zu verdanken hat, daß es in so kurzer Zeit sich aus den wirtschaftlichen Wirren
der Nachkriegsjahre zu neuem Wohlstand heraufarbeiten konnte, General George
Marshall.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister! Die heutige Feier bedeutet für mich eine
der hohen Stunden meines Lebens. Bewegten Herzens spreche ich Ihnen sowie den
Herren des Direktoriums des Karlspreises meinen tiefsten Dank für die mir und
meinem Lande erwiesene Ehre aus. Denn daß Sie mir erlauben, diese Ehre auf mein
Land zu übertragen, verdoppelt meine Dankesschuld. Da ich wohl die hohe Ehre,
die mir heute zuteil wird, auf meine politische Langlebigkeit zurückführen
darf, mögen Sie mir bei dieser Gelegenheit gestatten, einen ganz kurzen Rückblick
zu werfen auf einige der Hauptetappen, die, mit ihren Fehl- und Rückschlägen,
den Weg abstecken, den Europa seit Ende des Ersten Weltkrieges zur Einigung
seiner selbst und zur Sicherung des Friedens gegangen ist. Aus der Optik dieser
oft hoffnungsvollen, dann wieder enttäuschenden Etappen heraus läßt sich wohl
am eindeutigsten die Position bestimmen, zu welcher heute im Jahre 1960 die
europäischen Völker hinsichtlich dieser beiden für sie vitalen Grundprobleme
gelangt sind.
Da der Erste Weltkrieg zu Ende war, wollten sich die Völker gegen die
Wiederkehr einer solchen Katastrophe sichern. Nicht das Mittel, einen neuen
Krieg zu gewinnen, wollten sie finden, wohl aber jenes, das den Krieg überhaupt
unmöglich machen würde. Dieses Mittel aber konnte nur gefunden werden in
Richtung einer neuen europäischen Ordnung, die nicht mehr beruhen würde auf
dem Konzept von Sieger und Besiegtem, sondern auf der von den Völkern
freiwillig eingegangenen Verpflichtung, sämtliche zwischen ihnen entstehenden
Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen. Die Idee war aber noch nicht stark
genug, daß sie ihren Niederschlag gefunden hätte in den diplomatischen Verträgen,
die unter den Ersten Weltkrieg den Schlußstrich setzen sollten. Auch in der
Charta des Völkerbundes fand sie noch nicht ihre eindeutige Betonung, mochte
der Völkerbund auch noch so hoffnungsfroh begrüßt worden sein als erstes Bemühen
um eine auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit beruhende internationale
Organisation. Es sollte bis September 1924 dauern, ehe ein erster Vorstoß im
Sinne der neuen Idee von Sicherung des Friedens durch Betonung der
internationalen Solidarität unternommen wurde. Frankreich und England warfen
damals das Problem in all seiner Komplexität auf. Und es kam zu jenem berühmten
Genfer Protokoll, das die Doktrin der Sicherheit in die drei grundlegenden
Begriffe von Abrüstung, Schiedsspruch und Sicherheit zusammenfaßte. Das Genfer
Protokoll freilich hat in der Folge versagt. Das aber ändert meines Erachtens
nichts an der Tatsache, daß damals wie heute ein Zustand wahrer Sicherheit nur
aus jener Trilogie herauswachsen kann. Im Oktober 1925 ereignete sich dann zum
erstenmal in der Geschichte, daß auf die Einladung Frankreichs und Deutschlands
hin die westeuropäischen Mächte sich trafen - in Locarno -, um in
gegenseitiger Gleichberechtigung über die Mittel zur Erreichung eines sicheren
Friedens zu beraten. Ausgangspunkt war die Überzeugung, daß der Friede nur auf
dem Wege des Zusammenschlusses der europäischen Nationen zu erreichen sei.
Die Konferenz von Locarno ging in einer Atmosphäre allgemeiner Begeisterung zu
Ende. In der Schlußsitzung feierte Briand, der Vertreter Frankreichs, in
bewegten Worten das im Entstehen begriffene neue Europa und fügte hinzu: ,,Pour
que les accords deviennent efficaces, il faut que l'esprit qui les a conçus
entre dans le coeur des peuples. Il
faut réaliser le double désarmement matériel et des esprits ...“
Doch auch Locarno blieb toter Buchstabe. Angesichts dieses neuen
Konkurses der Idee von Friede und Sicherheit und zum Teil wohl auch unter dem
Einfluß des Grafen Coudenhove-Kalergi und seiner Freunde aus der paneuropäischen
Bewegung hin versammelte dann Briand am 9. September 1929 die in Genf anwesenden
Außenminister zu dem seither historischen Mittagessen und trug ihnen sein
Projekt der Vereinigten Staaten von Europa vor. Zum erstenmal in der Geschichte
hatte ein Staatsmann den Versuch unternommen, den Gedanken von der
Rationalisierung Europas durch den freiwilligen Zusammenschluß seiner Völker
aus der Sphäre grauer Theorie in blutwarme Wirklichkeit zu übertragen. Drängt
sich da nicht der Vergleich auf mit der berühmten Erklärung Robert Schumans am
9. Mai 1950, aus der die Montanunion geboren wurde? Auch mein Freund Robert
Schuman sah die europäische Möglichkeit auf dem Wege über die konkreten
wirtschaftlichen Realisationen. Schuman aber ging weiter als Briand. Er warf den
Gedanken von der Supranationalität in die Diskussion, während Briand nicht an
die souveränen Rechte der Nationen hatte rühren wollen. Die Zeiten waren dafür
noch nicht reif gewesen. An dieser Karenz aber mußte Briands Plan
notwendigerweise scheitern. Die Staaten hatten sich noch nicht zur Erkenntnis
durchgerungen, daß sie sich nichts vergeben und ihre Substanz nicht schmälern,
wenn sie einen Teil ihrer Souveränität auf den im gemeinsamen Interesse zur
Sicherung des Friedens geschaffenen internationalen Organismus übertragen. 27
Außenminister hatten erklärt, Briands Plan einem eingehenden Studium
unterziehen zu wollen. Doch schon war die große Kontroverse entbrannt. Von
allen Seite wurde Sturm gelaufen gegen Briand und seine europäische Idee.
Briands Plan von den Vereinigten Staaten von Europa verschwand definitiv von der
politischen Bildfläche mit dem Tode des großen Staatsmannes im Jahre 1932. Die
internationale Politik hatte sich bereits anderen Sensationen zugewandt. Die
erste große Abrüstungskonferenz hatte stattgefunden und Sowjetrußland hatte
sich geweigert daran teilzunehmen. Übrigens war auch die Genfer Konferenz
infolge kurzsichtiger nationalistischer Bedenken von vornherein zum Scheitern
verurteilt gewesen. Vom Völkerbund wurde von Jahr zu Jahr offenkundiger, daß
er ohnmächtig war, seine ohnehin seltenen Beschlüsse durchzuführen. So büßte
er mehr und mehr an Ansehen ein, zumal es bisweilen den Anschein haben mußte,
als seien seine Beschlüsse durchaus nicht immer getragen von der Sorge um Recht
und Gerechtigkeit.
Dann brach die große Finsternis über Europa herein, und in den Herzen machte
sich die Trostlosigkeit der Erkenntnis breit, daß all das Bemühen um endgültige
Ausschaltung des Krieges als Mittel der Politik vergebens gewesen war. Was blieb
von unseren Hoffnungen? Ein kontinenteweites Trümmerfeld. Kann die Menschheit
wirklich nicht anders, als durch ein Meer von Blut dem gelobten Land einer
besseren Zukunft entgegenzuschreiten? In der Zeit zwischen den beiden
Weltkriegen hatte alle Staatskunst versagt. Wird deswegen die Geschichte über
die Staatsmänner von damals den Stab brechen dürfen? Nur diejenigen, die den
Weg zur Einigung Europas und zur Sicherung des Friedens während jener zwei
Jahrzehnte mitgegangen sind, können sich Rechenschaft ablegen von den
ungeheuren Schwierigkeiten, die sich ihnen immer wieder entgegengestellt und
eine Unsumme von Arbeit abgefordert hatten. Die Arbeit aber war nicht vergebens
gewesen, wenn sie auch keine unmittelbare Frucht getragen hatte. Fürwahr,
welche Wandlung in der Geisteshaltung seit Versailles! Vorstellungen, die das
Privileg einiger kühner Pioniere waren, sind heute Allgemeingut geworden. Daß
Friede und Sicherheit nicht Korollare nationaler Macht sind, sondern daß nur
ein durch den freien Willen seiner Völker geeintes Europa den Frieden und die
Sicherheit garantieren, gilt heute als selbstverständlich. Das Bewußtsein von
der Zusammengehörigkeit der europäischen Völker und von der Notwendigkeit der
Einigung als Ziel und Schicksal dringt immer tiefer in die Massen. Was Briand in
Locarno wünschte wird Tatsache: Die europäische Idee erobert die Herzen
unserer Völker.
Meine Damen und Herren! Spät in der Nacht des 22. August 1954 verließ
ich zusammen mit Bundeskanzler Adenauer den Saal des Außenministeriums in der
Brüsseler rue de la Loi. Nach dramatischen Debatten, die sich etliche Tage
hingezogen hatten, war den sechs Ministern, welche die Signatarstaaten des
Vertrages zur Schaffung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft vertraten,
nichts anderes übrig geblieben, als festzustellen, daß sie zu keiner Einigung
hatten kommen können. Am Tor des Außenministeriums wurden wir von Journalisten
und Pressephotographen umringt. Und als einer derselben fragte, was er wohl als
Kommentar unter das soeben geknipste Bild schreiben sollte, antwortete der
Bundeskanzler mit einer Handbewegung, die all seine Entmutigung auszudrücken
schien: ,,Setzen Sie darunter: zwei müde Europäer!“
Ja gewiß, für die Europäer war die Niederlage schwer gewesen, doch nicht endgültig.
Die müden Männer von 1954 bewahrten sich ihren Glauben an das Ideal eines
geeinten und starken Europas, das endlich frei sein würde von seiner
Vergangenheit der Zwietracht, des Mißtrauens und des Hasses. Etliche Monate später
gingen sie in Messina an einen neuen Start. Auch das Unglück kann sein Gutes
haben. Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wirkte sich für
die betroffenen Staatsmänner als zwar schmerzliche doch heilsame Lehre aus, die
ihnen wieder in Erinnerung brachte, daß die Politik die Kunst des Möglichen
ist, und daß es angesichts der in verschiedenen Ländern zur Zeit herrschenden
politischen Verhältnisse heute noch nicht möglich ist, das Europa unserer Wünsche
mit einem Schlag zu verwirklichen. Denn, mag auch jedermann erkannt haben, daß
Europa, so es nicht untergehen will, nicht stehen bleiben darf auf dem Wege
seiner Einigung, so bleibt doch wahr, daß wir nur schrittweise von Etappe zu
Etappe weiterschreiten können und uns dabei immer wieder Rechenschaft ablegen müssen,
ob die noch zerbrechlichen europäischen Brücken dem Gewicht gewachsen sind,
das wir darüber tragen möchten. Die Außenminister der sechs Länder haben die
Lehre der die Straße nach Europa säumenden Mißerfolge verstanden. In Messina
und Rom schlugen sie eine andere Taktik ein und beschlossen, die Verwirklichung
der europäischen Einheit von der Seite der wirtschaftlichen Gegebenheiten her
anzugehen. Nächstes Ziel sollte es somit sein, zwischen den Mitgliedstaaten der
Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl schrittweise einen auf den
freien Güter-. Kapital- und Personenverkehr aufgebauten Gemeinsamen Markt zu
schaffen.
Die Bedeutung des Gemeinsamen Marktes läßt sich gar nicht hoch genug einschätzen,
und die Tatsache, daß er vor knapp zwei Wochen seine erste, gefährliche Krise
glücklich überstand, bestätigt unsere Überzeugung, daß gerade um das Kernstück
dieses auf der Solidarität seiner Partner beruhenden wirtschaftlichen
Organismus sich das künftige Europa aufbauen wird. Auch der Zwist zwischen den
Sechs und den Sieben wird, dessen bin ich gewiß, beigelegt werden. Wo guter
Wille ist und gesunder Menschenverstand, findet sich auch ein Weg. Manches wurde
in den letzten 15 Jahren getan zur Verwirklichung der europäischen
Notwendigkeit. Vieles bleibt noch zu tun. Es wird desto eher getan werden können,
je tiefer die Erkenntnis von der notwendigen Einigung die öffentliche Meinung
unserer Länder durchdringt. Aufgabe des Europarates ist es, dieses Gefühl der
europäischen Zusammengehörigkeit lebendig zu erhalten, es zu stärken und
sinnfällig zu verkörpern. Von Straßburg strahlt seit zehn Jahren der europäische
Geist aus. Die Intensität dieser Ausstrahlung aber wird sich noch erhöhen,
wenn, hoffentlich bald, die Mitglieder des Straßburger europäischen Parlaments
durch direkte Wahl bezeichnet werden können. Träger des geeinten Europas
werden die Menschen sein. In ihrer Vorstellungswelt wird dann Europa nicht etwa
eine bloß abstrakte Idee sein. Für den „Mann von der Straße“ kann Europa
erst dann etwas Greifbares bedeuten, wenn es durch Parlamentarier vertreten
wird, die er kennt und in die er Vertrauen hat. Darf ich hinzufügen, daß der
europäische Gedanke erst dann, wie Briand es wünschte, in die Herzen der
Massen eindringen wird, wenn die Menschen die Gewißheit haben, im geeinten
Europa die Individualität ihrer Heimat und die ethischen Werte ihrer
Traditionen erhalten zu sehen. Gerade aus dieser Vielfalt der freiwillig sich
vereinigenden nationalen Individualitäten wird das integrierte Europa seine
beste Kraft und die Garantie für seine Lebensfähigkeit schöpfen. Die Zeit ist
unser bester und unentbehrlicher Helfer im großen europäischen Aufbauprozeß.
In den vergangenen 15 Jahren hat sich die europäische Atmosphäre von Grund aus
geändert. Ich weiß nicht mehr, welcher Staatsmann seinerzeit im Völkerbund
sagte, die beste „Wacht am Rhein“ sei die Freundschaft Frankreichs und
Deutschlands. Heute besteht diese Freundschaft und das prophetische Wort
Lamartines, der vor mehr als 100 Jahren in seiner „Marseillaise de la Paix“
den Rhein als symbolischen Fluß des Friedens besang, ist Wirklichkeit geworden.
Daß diese für Europa so glückliche Entwicklung hauptsächlich als
historisches Verdienst des Bundeskanzlers und Robert Schumans zu werten ist,
freue ich mich heute in diesem Saale eigens unterstreichen zu dürfen. Denn die
nunmehrige Freundschaft dieser beiden Völker, die sich in zwei Weltkriegen als
Feinde gegenüberstanden, bildet die unersetzliche Vorbedingung für die
Sicherheit Europas und für den Frieden.
Meine Damen und Herren! Wir sind hineingestellt in den größten Machtkampf, den
die Geschichte je gekannt hat. Weltweit spielt sich der Großkampf der Geister
und Mächte ab. Das ehemals weltbeherrschende Europa ist auf seine geographische
Dimension einer kleinen Halbinsel des asiatischen Kontinents
zusammengeschrumpft, direkt angehängt an die von einer Milliarde Menschen
kommunistischer Obödienz bevölkerten ungeheuren Ebenen des Ostens.
Dieses Europa, in seiner archaischen Zersplitterung, fühlt sich nun umbrandet
vom gewaltigen Entscheidungskampf zwischen der Machtbesessenheit des
kommunistischen Totalitarismus und der von Liebe zur Freiheit und Achtung der
Menschenrechte bestimmten Gesellschaftsform.
Asien ist für Europa verloren. Mit Bangen betrachtet man die Entwicklung auf
dem schwarzen Kontinent. Äußerst geschickt spielen hier die kommunistischen Mächte
die Karte des Nationalismus aus, den sie aufpeitschen und auswerten gegen die
sogenannten westlichen Kolonialmächte. Die ideologische und wirtschaftliche
Offensive des Kommunismus in diesen Ländern ist in vollem Gange. Von
entscheidender Bedeutung für den Ausgang derselben wird die Entwicklungshilfe
sein, welche der Westen den von der kommunistischen Ideologie am härtesten bedrängten
Ländern gewähren kann. Denn der Tatsache müssen wir uns stets bewußt
bleiben, daß die Freiheit, die irgendwo auf der Welt, ob in Asien, Afrika.
Europa oder Südamerika, ein einzelnes Volk verliert sich als Minus in der
Gesamtsumme menschlicher Freiheit für uns alle auswirkt.
Auf dieser Front wie auf so vielen anderen sieht sich heute der Westen dem
aggressiven ideologischen Kommunismus gegenüber in die Verteidigungsstellung
gedrängt. Daß Sowjetrußland und China als gewaltige Schutzmächte hinter dem
Weltkommunismus stehen, gibt der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost
und West eine auch auf politischem und militärischem Gebiet entscheidende
Bedeutung. Die Ziele des Kommunismus sind bekannt. Es käme einer Beleidigung
der Führer der kommunistischen Länder gleich, wollte man ihnen nicht aufs Wort
glauben, daß ihre Heilslehre sie dazu verpflichtet, dem Kommunismus durch die
Weltrevolution zur Weltherrschaft zu verhelfen.
Es würde zu weit führen, heute vor Ihnen das wechselreiche Bild der Mittel zu
entrollen, mit welchen der kommunistische Totalitarismus zu diesem Ziele zu
gelangen hofft. Sie durchlaufen. von der „Offensive des Lächelns“ bis zur
Drohung mit Krieg und Totschlag, die gesamte Skala menschlicher Affektempfänglichkeit.
Darf ich gleich hinzufügen, daß ich persönlich nicht glaube, daß die
kommunistischen Mächte ihr Ziel der Weltherrschaft unter den gegebenen Umständen
durch Waffengewalt erreichen wollen. Unsere Vorstellung von ihren Absichten möge
richtig oder falsch sein, sie soll jedoch absolut keinen Einfluß haben auf die
Entschlossenheit des Westens, irgendwelchen direkten oder indirekten
Aggressionsmöglichkeiten mit Waffen in der Hand so stark gegenüber zu stehen,
daß der eventuelle Angreifer im vornherein abgeschreckt wird. Es wäre
verheerender Leichtsinn, angesichts der heutigen Weltlage auch nur einen
Augenblick daran zu zweifeln, daß das blutige Würfelspiel sich nicht
wiederholen könnte. Daß die eisernen Würfel fallen können, ist nicht zu
bestreiten. Man braucht nicht so weit zu gehen wie Leibnitz, der sagte, eine
Fliege auf der Nase des Tyrannen vermöge den Gang der Welt zu ändern, um doch
zu erkennen, daß es von einem Ende der Welt zum anderen Dutzende von
Gefahrenherden gibt, an denen ein Krieg ausbrechen könnte. Dieses Wissen um die
dauernde Gefährdung gibt den Staatsmännern aller Länder sowohl der freien
Welt wie auch der kommunistischen das Recht und macht es ihnen sogar zur
Pflicht, ihre Völker gerüstet zu halten, solange sie sich nicht auf die bis
heute vergebens angestrebte totale, gleichzeitige, kontrollierte Abrüstung
geeinigt haben.
Wie weit die Menschheit noch von dieser idealen Sicherung des Friedens entfernt
ist, hat das Scheitern des Versuchs der Gipfelkonferenz blitzartig gezeigt.
Statt der Entspannung lebt die Welt seither in einem Hochspannungsfeld voll tödlicher
Gefahren. Vielen in ihrer Friedensliebe naiven Menschen wurden dabei die Augen
geöffnet. Das ist gut so. Regenbogen sind keine Brücken. Und das weise Wort:
„Blick auf die Sterne, aber gib acht auf die Straße“ hat noch immer seine Gültigkeit.
In der heutigen Welt sind Wunschdenken und Illusionen direkt lebensgefährlich.
Es wäre wahrhaftig unverständlich, wenn den westlichen Staatsmännern noch die
geringste Illusion bliebe über die wirklichen Absichten, welche die
kommunistischen Führer mit der Herstellung der Entspannung und der sogenannten
friedlichen Koexistenz erreichen wollen.
Diese sind für die Sowjets kein Selbstzweck. Sie sind nur Mittel zum Zweck. Die
Sowjetführer machen keinen Hehl daraus, daß die friedliche Koexistenz mit der
Zeit zur Kapitulation der westlichen Demokratien führen werde und müsse. Trotz
der damit verbundenen Gefahren sind die Natoländer bereit, nach einer Atempause
die in Paris vereitelten Verhandlungen wiederaufzunehmen, auch wenn sie nur zu
einer prekären friedlichen Koexistenz führen sollten. Denn besser ein hundertjähriger
prekärer Frieden oder selbst ein kalter Krieg, denn ein Lustrum heißen
Krieges. In den nächsten Tagen sollen die so lange hingeschleppten Abrüstungsverhandlungen
wiederaufgenommen werden. Sei werden der Prüfstein sein, ob die Sowjets ein
Minimum an Willen und an unentbehrlichem Vertrauen zur Zusammenarbeit
mitbringen.
Das Pariser Fiasko hat den prekären Stand der Beziehungen zwischen Ost und West
grell beleuchtet und die Schnelligkeit enthüllt, mit der die politische Atmosphäre
sich ändern und die Lage sich verschlimmern kann. Die Natoländer sind gewarnt.
Die Devise des Atlantischen Verteidigungspaktes: Vigilantia pretium libertatis -
der Preis unserer Freiheit ist dauernde Wachsamkeit und höchste Anstrengung, muß
heute mehr denn je das Losungswort der freien Völker bleiben.
Dem Willen zur Macht müssen wir die reinere Leidenschaft des Willens zur
Freiheit und zur Demokratie entgegensetzen, und den Glauben an all die Werte,
die bedroht sind und die uns das Leben lebenswert machen: persönliche Freiheit,
Recht, Menschenwürde und Menschlichkeit. In der weltweiten Auseinandersetzung
der Geister stehen uns die Fanatiker der kommunistischen Heilslehre gegenüber,
während auf unserer Seite viel zu viele Menschen nur um einen so blutarmen
Glauben an das abendländische und christliche Kulturgut praktizieren, daß
manche den Widerstand gegen das Eindringen der kommunistischen Ideen als
aussichtslos ansehen möchten. Würde sich dieses Gift des Fatalismus
verbreiten, so hätte das die unausweichliche Niederlage auf der ideologischen
Front zu bedeuten.
Nur der unerschütterliche Glaube aber an die Superiorität der fundamentalen
Werte unserer Auffassung vom Menschen, welcher das antike und christliche Erbe
zugrundeliegt, kann unseren Völkern den Willen geben, diese Werte zu
verteidigen, sowie den Mut, die Lasten äußerster Wappnung auf sich zu nehmen,
zu welcher dieser hohe Einsatz zwingt. Al1er Voraussicht nach wird diese
Wehrbereitschaft während Jahren notwendig sein. Es genügt nicht mehr, bei
Alarm an die Schießscharten zu laufen und die Zugbrücke hochzuziehen, um sich
dann wieder in Sicherheit zu wiegen.
Das Wettrüsten zur Herstellung des Weltgleichgewichts ist das Drama unserer
Zeit, und wir dürfen nicht nachlassen in unserem Streben, diesem Wettrüsten
ein Ende zu machen. Tragischerweise liegen die Verhältnisse in der Welt so, daß
trotz seiner Prekärität das Weltgleichgewicht das einzige Mittel heute ist, um
die schlimmsten Katastrophen zu verhindern.
Wir müssen uns also damit abfinden.
Wir verdanken Stalin und dem kommunistischen Staatsstreich in der
Tschechoslowakei den Atlantischen Verteidigungspakt, der uns seit seinem
Bestehen den Frieden bewahrt hat.
Herrn Chruschtschows Auftritt in Paris verdanken wir, daß die Mitglieder dieses
Paktes sich zur Entschlossenheit aufgerafft haben, fester wie je
zusammenzustehen und daß die freie Welt sich ihrer tieferen Verbundenheit und
ihres Schicksalszusammenhangs in der atlantischen Gemeinschaft wieder ganz bewußt
wurde.
Und so ist die Hoffnung erlaubt, daß vielleicht auch einmal, unter dem Druck
der Ereignisse, die Zeit reif wird, auch der inneren Organisation Europas ein
auf die Dauer unerläßliches politisches Fundament zu geben.
Königliche Hoheit! Herr Oberbürgermeister! Meine Herren vom Direktorium des
Karlspreises! Exzellenzen! Meine Damen und Herren! Indem ich Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit danke, bitte ich Sie, meine allzu langen Ausführungen zu
entschuldigen. Aber der Weg, der mich von der Pariser Friedenskonferenz bis zum
Pariser Gipfeltreffen führte, war länger als ich dachte. Meine Absicht war,
Ihnen an Hand meiner Erfahrungen die Entwicklung der beiden grundlegenden
Probleme unserer Zeit: die Sicherung des Friedens und die damit eng verbundene
Einigung Europas zu zeigen. Weder das eine noch das andere dieser Probleme hat
bis heute eine Lösung gefunden.
So fest ich überzeugt bin, daß die wirtschaftliche und politische
Einigung Europas nicht mehr aufzuhalten ist, so gering ist meine Hoffnung, das
Ende der Unsicherheit, des Mißtrauens und des Hasses in der Welt in absehbarer
Zeit vorauszusehen. Mir bangt, daß wir noch lange Jahre verurteilt sind, unter
der viel geschmähten Devise: Si vis pacem para bellum, leben zu müssen. Wer
den Frieden will, muß zum Krieg rüsten. Und doch leuchten uns als
Hoffnungsstern von den Toren des Haager Friedenspalastes die herrlichen Worte
entgegen: Si vis pacem cole justitiam. Wenn du Frieden willst, pflege die
Gerechtigkeit. Die Pax aeterna aber, der ewige Friede, bleibt immer ein frommer
Wunsch. Er ist Gottes ewiger Besitz. Wir Menschen aber, die von der Hoffnung
leben, haben die Pflicht, unablässig am Frieden zu arbeiten.“

Die europapolitische Wirkung des Karlspreises -
Völkerverständigung im Mittelpunkt
Zwischen
1950, dem Jahr der erstmaligen Verleihung, und 2006 ist der Internationale
Karlspreis zu Aachen insgesamt 48 Mal vergeben worden. In der Abfolge dieser
Preisverleihungen ist das politische Profil der Auszeichnung immer stärker in
den Vordergrund getreten. Die Auswahl der Preisträger folgte dem Anspruch, die
jeweils zeitgemäßen Impulse in den Prozess der europäischen Integration
einzubringen. Insofern fungierte die Auszeichnung hier als europapolitische
Mahnung, dort als Ermunterung und dann wieder als Anerkennung für vollbrachte
Leistungen. Deshalb darf insgesamt festgestellt werden, dass die Fortschritte
beim Aufbau eines geeinten Europas nicht zuletzt dem politischen und sozialen
Engagement der Karlspreisträger zu verdanken sind. So verschieden dieses
Engagement auch gelagert war, so gemeinsam ist den Ausgezeichneten, dass sie
sich an verantwortlicher Stelle aktiv und mit Nachdruck für Europa und die
europäische Integration eingesetzt haben.
Seit
1950 boten die Karlspreisverleihungen zudem immer wieder Gelegenheit, abseits
der politischen Tageshektik kritisch und grundsätzlich über die europäische
Sache nachzudenken. Dies spiegelt sich auch in den Reden wider, die anlässlich
der verschiedenen Karlspreisverleihungen gehalten wurden. Sie boten nicht
zuletzt eine öffentliche Plattform für europäische Visionen, ohne die es die
inzwischen erreichten Integrationsfortschritte nicht gegeben hätte.
In
seinen Preisträgern spiegelt der Karlspreis somit die verschiedenen Etappen des
europäischen Integrationsprozesses wider. In der Reihe der Ausgezeichneten
befinden sich - etwa mit Robert
Schuman, Jean
Monnet, Konrad
Adenauer, Jacques
Delors und Helmut
Kohl- die Architekten der Integration. Ferner finden sich unter den
Preisträgern auch diejenigen, deren europapolitisches Engagement nachdrücklich
ermuntert werden sollte. Zu diesen, im jeweiligen Jahr als „Hoffnungsträger“
Geehrten, zählen beispielsweise Edward
Heath, Konstantin
Karamanlis, König
Juan Carlos I. von Spanien, Gyula
Horn, Václav
Havel, Bronislaw
Geremek und Tony
Blair.
Preisverleihungen
in den 50er Jahren:
Die Auszeichnung der Gründungsväter Europas
Über
den ersten Karlspreisträger gab es keinerlei Meinungsverschiedenheiten im
Direktorium der Karlspreisgesellschaft. Einmütig wählte es 1950 den Begründer
der Paneuropabewegung Richard
Graf Coudenhove-Kalergi in Würdigung seines Lebenswerkes zum Preisträger.
In seiner Rede anlässlich der Karlspreisverleihung am 18. Mai 1950 rief er zur
Erneuerung des Karolingerreiches auf demokratischer, föderalistischer und
sozialer Grundlage auf. Als Namen für den von ihm angeregten Bundesstaat
zwischen Frankreich, Westdeutschland, Italien und den Benelux-Staaten schlug er
„Union Charlemagne“ vor.
Im
Jahre 1951 erhielt die Auszeichnung der erste Rektor des 1949 gegründeten
Europakollegs in Brügge, Professor
Hendrik Brugmans, der gleichzeitig Präsident des Europäischen Föderalistenverbandes
war. Der Wissenschaftler und Politiker trat für ein supranationales und föderativ
organisiertes Europa ein - Vorstellungen, die durch den Schuman-Plan schon
aufgegriffen worden waren. Mit dieser Preisverleihung lenkte das Direktorium den
Blick auch auf die Jugend, die Zukunft Europas, denn das von Brugmans geleitete
Europakolleg bildete Nachwuchs insbesondere für die im Aufbau befindlichen
europäischen Institutionen aus.
Die
Resonanz der ersten Karlspreisverleihungen und das positive Presseecho spornten
das Karlspreis-Direktorium an, noch entschlossener am europäischen
Einigungsprozess teilzunehmen. Die Preisverleihung an den italienischen
Ministerpräsidenten Alcide
de Gasperi im Jahr 1952 verstärkte die internationale Aufmerksamkeit
entscheidend, da das Direktorium erstmals einen hochrangigen aktiven Politiker
ehrte. Der Termin für die Auszeichnung wurde auf den Herbst verschoben und war
mit de Gasperis Aufenthalt in Bonn verbunden - dem ersten Besuch eines ausländischen
Staatsmannes in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Die Preisverleihung
unterstrich die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder und ihr
gemeinsames Engagement für Europa. Mit Alcide de Gasperi erhielt der Karlspreis
einen neuen Akzent. Die Auszeichnung eines führenden Politikers, der sich für
die Einigung Europas einsetzte, entwickelte sich zu einem Muster, dem das
Karlspreis-Direktorium weitgehend treu blieb. Die Gründe liegen auf der Hand:
Staatliche Repräsentanten, Minister und Regierungschefs verfügen durch ihre
exponierten Ämter bis heute über die nachhaltigsten Einflussmöglichkeiten auf
den europäischen Integrationsprozess. Die Karlspreisverleihung bestärkte sie
darin, diese Möglichkeiten zu nutzen.
Nachdem
im Jahr 1953 der Franzose Jean Monnet als Architekt des Schuman-Planes und damit
der Europäischen Gemeinschaft den Preis erhalten hatte und nunmehr vier ausländische
Preisträger vom Direktorium ausgezeichnet worden waren, folgte mit
Bundeskanzler Konrad Adenauer 1954 der erste Deutsche. Der Bundeskanzler nutzte
die Preisverleihung, um für die deutsch-französische Verständigung und den
europäischen Einigungsprozess zu werben. Auch in der Folge richtete das
Karlspreis-Direktorium sein Augenmerk immer wieder auf die konkreten
Fortschritte der europäischen Einigungsbemühungen. Als vormaliger belgischer
Außenminister hatte der Preisträger des Jahres 1957, NATO-GeneralsekretärPaul
Henri Spaak, maßgeblich am Zustandekommen der Römischen Verträge
mitgewirkt, die 1958 zur Errichtung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
und der Europäischen Atomgemeinschaft führten. 1958 erhielt mit Robert Schuman
der erste Präsident der Europäischen Versammlung, dem Vorläufer des Europäischen
Parlaments, den Karlspreis.
Schon
früh blickte das Karlspreis-Direktorium über die Gemeinschaft der sechs Gründungsmitglieder
- Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten - hinaus. 1955
erhielt der vormalige britische Premierminister Winston
Churchill die Auszeichnung. Er hatte schon in seiner berühmten Züricher
Rede von 1946 den Begriff der „Vereinigten Staaten von Europa“ geprägt. Um
in Europa einen dauerhaften Frieden zu sichern, sollte sich nach seinen
Vorstellungen der Kontinent zusammenschließen, und Deutschland und Frankreich
sollten miteinander verbunden werden. Churchill, der im April 1955 aus
gesundheitlichen Gründen als britischer Premierminister zurücktrat, konnte
erst ein Jahr später den Karlspreis in Aachen entgegennehmen.
Nachdem
1957 mit dem damaligen NATO-Generalsekretär Paul Henri Spaak zugleich auch die
atlantischen Beziehungen gewürdigt worden waren, entschied sich das Direktorium
im Jahre 1959 für den ehemaligen amerikanischen Außenminister George
C. Marshall. Damit würdigte es seinen Beitrag für den
wirtschaftlichen Wiederaufbau in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rückblick
auf die 50er Jahre erweist sich die Stiftung des Karlspreises als Initiative mit
visionärem Weitblick. Viele der führenden europäischen Politiker wurden in
Aachen für ihre Verdienste um die europäische Einigung geehrt. Am Ende des
ersten Jahrzehnts seiner Existenz hatte die Auszeichnung ein hohes politisches
Gewicht und internationales Prestige gewonnen.
Preisverleihungen
in den 60er, 70er und 80er Jahren:
Krise und Aufschwung des Integrationsprozesses
Mit
der Preisverleihung an den Präsidenten des luxemburgischen Abgeordnetenhauses, Joseph
Bech, würdigte das Karlspreis-Direktorium 1960 auch die insgesamt außerordentlich
aktive Rolle, die die Politik des Großherzogtums im europäischen
Integrationsprozess spielte. Im folgenden Jahr wurde mit Walter
Hallstein der erste Präsident der Europäischen Kommission
ausgezeichnet.
Im
Jahr 1962 konnte der Karlspreis zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht
verliehen werden, weil es dem Direktorium nicht möglich war, sich auf einen
Kandidaten zu einigen. Bisher ist dies aus unterschiedlichen Gründen insgesamt
neun Mal vorgekommen, wobei die Stagnation des Integrationsprozesses in den 60er
und 70er Jahren die Kandidatensuche erschwerte. Innerhalb des Direktoriums
herrschte während dieser Phase Einigkeit darüber, dass die unzureichenden
Fortschritte im europäischen Einigungsprozess nicht durch
Verlegenheitskandidaten kaschiert werden sollten. Diese Haltung sicherte zwar
die Substanz der Auszeichnung, schwächte aber gleichzeitig ihre Ausstrahlung.
Eine als Kritik am Tempo der Einigungsbemühungen gemeinte Nicht-Vergabe
erzielte eine weitaus geringere Signalwirkung im öffentlichen Bewusstsein als
die Verleihung des Karlspreises.
Mit
der Preisverleihung von 1963 fand das Direktorium einen Ausweg aus diesem
Dilemma. Der damals noch junge Edward Heath leitete die britische Delegation bei
den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Zwei Tage
nachdem das britische Gesuch am Veto Frankreichs gescheitert war - ein herber Rückschlag
für die europäische Einigung -, entschied sich das Karlspreis-Direktorium für
Edward Heath. Erstmals vergab es damit die Auszeichnung nicht als Dank für
erfolgreiche Bemühungen um die europäische Einigung, sondern als ein in die
Zukunft gerichtetes Signal zugunsten der Integration Großbritanniens, die
schließlich 1972 vollzogen werden sollte. Ähnlichen Charakter hatte die Ehrung
des dänischen Ministerpräsidenten Jens
Otto Krag (1966), der sich ebenfalls bemühte, sein Land in die Europäische
Gemeinschaft zu führen. Für ihre Verdienste um die europäische Integration
wurden 1964 der Präsident der Italienischen Republik, Antonio
Segni, und drei Jahre später der niederländische Außenminister Joseph
Luns mit dem Karlspreis ausgezeichnet.
Neue
Wege beschritt das Direktorium im Jahre 1969, als es die Kommission
der Europäischen Gemeinschaften und damit erstmals keine Person,
sondern eine Institution ehrte. Damit wurde die wesentliche Rolle der Europäischen
Kommission für Fortschritte bei der europäischen Einigung herausgehoben.
Neue
Akzente setzte das Karlspreis-Direktorium mit der Preisverleihung von 1973:
Durch die Auszeichnung des spanischen Philosophen, Soziologen und
Kulturhistorikers Don
Salvador de Madariaga wich es von der mittlerweile etablierten Praxis
ab, den Preis Politikern oder Institutionen zu verleihen. Erstmals zeichnete das
Direktorium eine Persönlichkeit eines europäischen Landes aus, das - im Falle
Spaniens aufgrund der Franco-Diktatur - noch nicht zum Kreis der Kandidaten für
den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft gehörte. Es würdigte damit
zugleich das Lebenswerk eines bedeutenden Vertreters der westeuropäischen
Kultur, seine zukunftsweisenden Gedanken zur europäischen Einheit und sein
Eintreten für Freiheit.
Nachdem
das Karlspreis-Direktorium den Preis in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nicht
vergeben hatte und damit auch das „Silberne Jubiläum“ des Karlspreises
keine gebührende Würdigung fand, muss die Verleihung an Leo
Tindemans im Jahr 1976 besondere Erwähnung finden. Der belgische
Ministerpräsident war im Dezember 1974 von den Staats- und Regierungschefs
beauftragt worden, Reformvorschläge für eine Entwicklung der Gemeinschaft zur
Politischen Union auszuarbeiten. Der Ende 1975 vorgelegte Tindemans-Bericht
weckte zwar neue Hoffnungen auf integrationsfördernde Initiativen, blieb jedoch
ohne unmittelbare Folgen. Das Direktorium unterstützte mit seiner
Preisverleihung die Tindemans-Initiative und mahnte damit weitere Fortschritte
in Richtung der erstrebten Europäischen Union an.
In
den 70er Jahren griff das Direktorium auch auf schon bewährte
Verleihungsstrategien zurück. Die Auszeichnung François
Seydoux de Clausonnes (1970) betonte nachdrücklich die Bedeutung der
deutsch-französischen Freundschaft als Kern der europäischen Einigungsbemühungen.
Die Würdigung von Roy
Jenkins (1972) unterstrich ein weiteres Mal die Haltung des
Direktoriums zu einer britischen Mitgliedschaft in der Europäischen
Gemeinschaft. Mit der Ehrung des Bundespräsidenten Walter
Scheel (1977) fand die deutsche Europapolitik Anerkennung.
Wichtige
Impulse gingen von den Preisverleihungen an den griechischen Ministerpräsidenten
Konstantin Karamanlis (1978) und den spanischen König Juan Carlos I. (1982)
aus. Die jungen europäischen Demokratien in Griechenland und Spanien sollten
ermuntert werden, die demokratischen Kräfte zu stärken und näher an die Europäische
Gemeinschaft heranzurücken. Die Entscheidungen des Direktoriums erwiesen sich
als zukunftsweisend, denn beide jungen Demokratien fanden schon bald Aufnahme in
die Europäische Gemeinschaft.
In
den Jahren 1979 und 1981 würdigte das Direktorium mit Emilio
Colombo und Simone
Veil die Präsidenten des Europäischen Parlaments für ihr
jahrzehntelanges europapolitisches Engagement. Mit diesen beiden
aufeinanderfolgenden Auszeichnungen stärkte das Direktorium auch die wichtige
Rolle dieser demokratischen, von den Bürgern Europas gewählten Institution.
Mit Simone Veil stand erstmals eine Frau an der Spitze der europäischen
Volksvertretung. Sie erhielt auch als erste Frau den Karlspreis.
Im
Jahr 1984 ehrte das Direktorium den deutschen Bundespräsidenten Karl
Carstens für seine europapolitischen Verdienste. Zwei Jahre später
traf es eine in der Geschichte des Karlspreises ungewöhnliche Entscheidung: Es
zeichnete das
Luxemburgische Volk aus. 1987 würdigte es mit der
Karlspreisverleihung an Henry
Kissinger auch die essentielle Rolle der Vereinigten Staaten für die
Sicherheit auf dem alten Kontinent.
Für
die 80er Jahre ist die Preisverleihung an Staatspräsident François
Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1988 hervorzuheben.
Erstmals in der Geschichte des Karlspreises waren ein Franzose und ein Deutscher
gemeinsam Preisträger. 25 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen
Freundschaftsvertrages wurde hier ihr Beitrag zur Festigung der Partnerschaft
zwischen beiden Ländern gewürdigt. Vor allem aber zeichnete das Direktorium
mit Präsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl diejenigen Politiker aus, die
gemeinsam seit Mitte der 80er Jahre dem Integrationsprozess neue Impulse
verliehen hatten.
Im
Jahre 1989 erhielt Frère
Roger, der Gründer der Communauté de Taizé, den Karlspreis. Der
Initiator der außerordentlich erfolgreichen ökumenischen Gemeinschaft hatte
sich die Versöhnung der Christen zum Ziel gesetzt. Im Mittelpunkt seines
Wirkens stand die Kinder- und Jugendarbeit. Mit der Auszeichnung eines
Geistlichen - zumal in einer Umbruchzeit von weltpolitischer Bedeutung -
bereicherte das Karlspreis-Direkorium die eigene Tradition um einen neuen
Akzent.
Die
Preisverleihungen der 90er Jahre:
Aufbruch
zu neuen Grenzen
Der
Zusammenbruch der Sowjetunion, die Umbrüche in Osteuropa und die deutsche
Wiedervereinigung eröffneten die historische Chance auf ein geeintes
Gesamteuropa. Ein dauerhafter Frieden auf dem alten Kontinent schien greifbar.
Mit der Auszeichnung des ungarischen Außenministers Gyula Horn (1990), des
tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel (1991) und des polnischen Außenministers
Bronislaw Geremek (1998) erhielten in den 90er Jahren drei herausragende Persönlichkeiten
ehemaliger Ostblock-Staaten den Karlspreis. Die Ehrungen sollten ein positives
Signal setzen und die Preisträger zur Fortführung von notwendigen Reformen
ermutigen, um so ihr Land in die Europäische Gemeinschaft führen zu können.
Mit der Karlspreisverleihung an Jacques Delors im Jahr 1992 ehrte das
Karlspreis-Direktorium einen der bedeutendsten Architekten Europas der 80er und
90er Jahre. Sein Name steht für die Überwindung der europapolitischen
Stagnation, für neue Impulse und für eine große Überzeugungskraft. Er ist
eng verbunden mit der Errichtung und Vollendung des gemeinsamen Binnenmarktes
(1992) und mit dem Maastrichter Vertrag über die Europäische Union. Während
seiner Amtszeit erweiterte sich die Europäische Gemeinschaft um fünf
Mitgliedsstaaten.
Mit dem spanischen Ministerpräsidenten Felipe
González Márquez (1993), dem österreichischen Bundeskanzler Franz
Vranitzky (1995), Königin
Beatrix der Niederlande (1996) und dem deutschen Bundespräsidenten Roman
Herzog (1997) ehrte das Direktorium politische Repräsentanten für
ihre Verdienste um die Einigung des Kontinents. In diesen Preisträgern drückte
sich die grundlegende und anspruchsvollste Zielsetzung des Preises, die Verständigung
zwischen den Völkern, aus.
Im Jahre 1994 erhielt die norwegische Ministerpräsidentin Gro
Harlem Brundtland für ihr europapolitsches Engagement zu einem
Zeitpunkt den Karlspreis, als die Beitrittsverhandlungen ihres Landes zur Europäischen
Union in der entscheidenden Phase waren. Trotz dieses Signales entschied sich
die norwegische Bevölkerung gegen den EU-Beitritt. Mit der Preisverleihung an
den britischen Premierminister Tony Blair im Jahre 1999 - nach knapp zweijähriger
Amtszeit - würdigte das Direktorium seine Bemühungen, Großbritannien wieder näher
an Europa heranzuführen. Blair hatte für sein Land die Sozialcharta des
EU-Vertrages unterzeichnet und eine Stärkung der gemeinsamen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik angeregt. Auch war der Preis ein Zeichen der Anerkennung
seines persönlichen Beitrages im nordirischen Friedensprozess.
Das
neue Jahrhundert
Mit
der Auszeichnung des amerikanischen Präsidenten Bill
Clinton im Jubiläumsjahr 2000 wurde 50 Jahre nach der ersten
Verleihung des Internationalen Karlspreises der Repräsentant eines Volkes gewürdigt,
das den freien Völkern Europas über fünf Jahrzehnte hinweg ein stets verlässlicher
Partner war.
Durch
die Ehrung eines herausragenden Vertreters der europäischen Literatur, des
ungarischen Schriftstellers und Soziologen György
Konrád, lenkte das Direktorium im darauffolgenden Jahr 2001 den
Blick auf den wertvollen Beitrag, den die Kultur und die Kulturschaffenden für
die Integration unseres Kontinents leisten.
Nachdem im Jahre 2002 mit dem EURO,
getragen durch die Europäische Zentralbank, erstmals ein Objekt mit dem
Karlspreis ausgezeichnet worden war, setzte das Direktorium mit seinen
nachfolgenden Entscheidungen für den Präsidenten des Konvents, Valéry
Giscard d'Estaing (2003), und für den Präsidenten des Europäischen
Parlaments, Pat
Cox (2004), weithin sichtbare Akzente für eine Vertiefung des
Integrationsprozesses und für eine Stärkung des parlamentarischen,
demokratischen Elements der Union.
Die
Entwicklung zum umfassenden Zusammenschluss der europäischen Völkerfamilie ist
untrennbar mit der Persönlichkeit und dem Lebenswerk von Papst
Johannes Paul II. verbunden. Sein über 25-jähriges Pontifikat wird
als ein Zeitraum in die Geschichte eingehen, in dem das Fundament für eine
dauerhafte Friedens- und Freiheitsordnung und für Stabilität und Wohlstand für
zukünftige Generationen auf dem ganzen Kontinent geschaffen wurde. In Würdigung
eines herausragenden Lebenswerkes im Dienste europäischer Verständigung und
Gemeinschaftsarbeit, im Dienste der Humanität und des Weltfriedens war es den
Karlspreis-Verantwortlichen daher eine Ehre, Papst Johannes Paul II. mit dem Außerordentlichen
Karlspreis auszeichnen zu dürfen. Die Preisverleihung erfolgte einmalig und in
außergewöhnlicher Weise am 24. März 2004 in Rom.
Mit dem italienischen Staatsoberhaupt Carlo
Azeglio Ciampi folgte 2005 ein ruheloser Mentor des
Einigungsprozesses, der in herausragender Weise für die klassischen Werte und
Maßstäbe, die Europa ausmachen, stand.
Mit dem Premierminister des Großherzogtums Luxemburg, Jean-Claude
Juncker, wurde 2006 ein herausragender Europäer geehrt, der als
Vermittler, Brückenbauer und entscheidender Akteur an nahezu allen
Integrationsfortschritten der vergangenen zwei Jahrzehnte beteiligt gewesen ist
und dem es wie nur wenigen anderen gelingt, die Menschen für das Einigungswerk
zu begeistern. Auch diese Entscheidung knüpft an die Tradition des Karlspreises
an, dessen Ziel der Initiator des Karlspreises, Kurt Pfeiffer, wie folgt
charakterisiert hat:
„Der
Karlspreis wirkt in die Zukunft, er birgt gleichsam eine Verpflichtung in sich,
aber eine Verpflichtung von höchstem ethischem Gehalt. Sie zielt auf den nicht
erzwungenen, freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu
gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter - Freiheit, Menschlichkeit und
Frieden - zu verteidigen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern.“
Im Zentrum der Karlspreisidee steht somit das Ziel der Völkerverständigung.
Diese Botschaft ist seither unverändert weitergegeben worden und bildet das
entscheidende Kriterium für die Auswahl eines Preisträgers. Völkerverständigung
und Integration sind das Fundament für Frieden, Freiheit und Wohlstand in
Europa. Dazu gibt es keine Alternative.
Veröffentlichungen (Pressemitteilungen)
·
Europa
im Herzen (2006)
·
Europa
der Werte (2005)
·
Dialog
für Europa (2004)
·
Das
Europäische Parlament: Motor für mehr Demokratie (2004)
·
Mit
der Macht des Wortes (2004)
·
Dialog
für Europa (2003)
·
Der
Europäische Konvent und die Verfassung der Union (2003)
·
Dialog
für Europa (2002)
·
Der
EURO: Quantensprung im Vereinten Europa
·
Dialog
für Europa (2001)
·
Bildband
„50 JAHRE INTERNATIONALER KARLSPEIS ZU AACHEN“ (2000)
Quelle:
www.karlspreis.de