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1958: Internationaler Karlspreis zu Aachen

für Bbr. Robert Schuman

 

Im kommenden Jahr jährt sich zum 50. Mal die Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Bbr. Robert Schuman am 15. Mai 1958. Schon jetzt erinnern wir an diese Ehrung für den damaligen Präsidenten des Europa-Parlaments. Der 1950 erstmals vergebene Internationale Karlspreis zu Aachen ist der älteste und bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Der nach Kaiser Karl dem Großen benannte, bedeutendste europäische Preis zielt nach dem Willen der Initiatoren „auf freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter – Freiheit, Menschlichkeit und Frieden – zu verteidigen, den unterdrückten und notleidenden Völkern wirksam zu helfen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern“ - so die Proklamation 1949.

 

Die im Rahmen eines Festaktes 1958 an unseren Bbr. Robert Schuman überreichte Urkunde trug den Text: „Der Internationale Karlspreis der Stadt Aachen für das Jahr 1958 wurde am Himmelfahrtstag, dem 15. Mai 1958, im Krönungssaal des Aachener Rathauses, der ehemaligen Kaiserpfalz, Robert Schuman, verliehen in Anerkennung seiner hohen Verdienste um erste praktische Grundlagen der europäischen Föderation auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet und einer gemeinsamen Zukunft Deutschlands und Frankreichs in Friede und Sicherheit.“ Die dazu überreichte Medaille trug die Inschrift: „Karlspreis der Stadt Aachen 1958 für Robert Schuman. Für die Einheit Europas.“

 

Über die Geschichte des Preises und die Preisträger informieren die Internetseiten des Karlspreises unter www.karlspreis.de. Darin finden sich auch u.a. die Dankesworte von Robert Schuman auf die Verleihung im Jahr 1950, die wir im folgenden wiedergeben:

 

 

Die Rede des Karlspreisträgers 1958
und
Präsidenten des Europäischen Parlaments,
Robert Schuman

 

„Es ist für einen Parlamentarier, speziell für einen französischen, schwer, auf so viele Komplimente zu antworten. Es fehlt uns darin die Übung. Aber es ist nun einmal vorgesehen, daß ich Stellung nehme zu einigen Gesichtspunkten, die hier vorgebracht sind. Da ist zuerst der Ausdruck eines immensen Dankes an den hohen Magistrat, an die Bürgerschaft von Aachen, an all die Persönlichkeiten, sei es nationaler oder übernationaler Herkunft, die hier vertreten sind und die mir die Ehre gegeben haben, hierher zu kommen. Ich stehe unter dem Eindruck dieses Saales, der ein Symbol des wiedererstandenen Deutschlands, eines friedfertigen, eines freien Deutschlands, aber auch eines gespaltenen Deutschlands, und Sie werden einem Europäer, einem französischen Europäer wie mir zugestehen, daß auch wir mit den deutschen Brüdern empfinden, wie sehr dieser Zustand unerträglich ist und wie sehr wir hoffen, daß auf friedlichem Wege die Einheit Deutschlands wiederhergestellt wird.

 

Dann kommt hinzu, daß ich hier von Anfang an, vom 9. Mai 1950, schon und immer wieder in der Folge die Überzeugung habe, daß in allererster Linie in unseren europäischen Bestrebungen das Zentralproblem Deutschland-Frankreich gestanden hat, und daß es keine Lösung für Europa geben konnte, solange dieses Problem nicht gelöst war. Es ist gelöst, und eine Sitzung wie die heutige ist der beste Beweis dafür, daß es in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland keine Streitobjekte gibt und daß es für uns die größte und tiefste Befriedigung ist, die wir in einer Zeremonie wie der heutigen empfinden. Natürlich, Probleme gibt es immer, sie wird es immer geben, aber wir wollen sie gemeinschaftlich lösen dadurch, daß jeder das Seine beiträgt. Es gibt auch Probleme, meine Damen und Herren, die jeder nur allein lösen kann in eigener Verantwortung. Wir Franzosen wissen, daß unsere inneren Angelegenheiten, und das möchte ich an einem Tage wie heute aussprechen, die nicht auf gemeinsame Tätigkeiten zurückzuführen sind, daß wir diese Probleme alleine lösen. Und wenn wir heute mit einem gewissen Gefühl der Besorgnis an diese Probleme denken, tun wir es in der Zuversicht, daß uns im entscheidenden Moment durch eine Steigerung der Disziplin, der Opferbereitschaft, einmal mehr es in Frankreich ermöglicht wird, all das zu überwinden. Und wir schulden das nicht nur unserem Lande, sondern auch unserer Gemeinschaft, denn auch die Gemeinschaft wäre in Frage gestellt, wenn wir unsere inneren Probleme nicht lösen würden. Ich bin hier, um als Garant zu sprechen dafür, daß Frankreich dies erreichen wird. Nach der Bildung einer neuen Regierung, einer jungen Regierung - ich möchte sagen, einer europäischen Regierung - wird es ihr gelingen, hier Neues und Endgültiges zu schaffen.


Herr Professor Brugmans, mein Freund, hat eben von den Perspektiven der europäischen Einheit gesprochen. Ich komme aus Straßburg, wo wir eine kurze Diskussion hatten. Sie wissen, daß in einem Parlament, und auch in einem europäischen Parlament, die Kürze die größte Schwierigkeit in dem Gelingen eines Problems ist. Die Parlamente haben das Bedürfnis, sich möglichst auszubreiten. Wir haben nur eine kurze Zeit zur Verfügung gehabt. Es mußte eine große Anstrengung an Disziplin geübt werden, und die Herren Präsidenten Finet und Hallstein sind Zeuge dafür, daß das nicht auf den ersten Hieb gelungen ist. Wir konnten auseinandergehen in der Versicherung, daß wir einen wichtigen Schritt weitergekommen sind, und daß wir für den Monat Juni die Aussicht haben, etwas Endgültiges schaffen zu können. Das, meine Damen und Herren, will ich nur zu all dem, was gesagt wurde, hinzufügen. Sie werden verstehen, daß ich mich nunmehr speziell an meine Landsleute richte, denn auch sie brauchen einen Kommentar zu den Ereignissen des heutigen Tages.


Ich bin froh, daß dies eine deutsch-französische Veranstaltung geworden ist, und ich bin dankbar dafür, daß all die Redner, die hier gesprochen haben, ohne Verwischung der Unterschiede, die nun einmal bestehen und die wir realistisch in Rechnung stellen müssen, daß die betont haben, daß auch Frankreich und nicht nur die Politiker, sondern auch die Bevölkerung Verständnis aufbringt für die europäischen Zusammenhänge.“

Anlässlich der Preisüberreichung wurden folgende Reden gehalten:

Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Hermann Heusch

Laudatio von Professor Dr. Hendrik Brugmans

Rede von Dr. Heinrich von Brentano, Bundesminister des Auswärtigen

 

1960 erhielt Robert Schumans langjähriger Weggefährte Joseph Bech, Ministerpräsident von Luxemburg, den Internationalen Karlspreis. In seiner Dankesrede bezog er sich auf frühere Karlspreisträger und würdigte insbesondere den großen Anteil von Bbr. Schuman an der Europäischen Einigung:

 

Rede von Joseph Bech

Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen
an Joseph Bech am 26. Mai 1960

 

„In diesem Saale, dessen Säulen und Gewölbe in packender Eindringlichkeit Geschichte reden, deutsche und europäische, kommt mir die hohe Bedeutung des Karlspreises der Stadt Aachen erst recht in ihrem vollen Umfang zum Bewußtsein. Seit mehr als einem Jahrhundert haben hier in Aachen mit der feierlichen Krönung der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches die jeweils neuen Etappen des christlichen Abendlandes, mögen es glückliche gewesen sein oder solche, derer sich Europa nicht ganz so gern erinnert, ihren Anlauf genommen. Ganz am Anfang stand der große Kaiser, der seine Krone nun zwar nicht in Aachen, sondern in jener für die westliche Welt so bedeutungsvollen Weihnacht des Jahres 800 in Rom erhalten hatte, dessen Name aber so tief mit der Stadt Aachen verbunden bleibt, weil er von hier aus, von seiner Kaiserpfalz, aus den Wirren des großen Zusammenbruchs des römischen Weltreiches heraus für Europa eine neue Ordnung schuf, die fortan und heute noch Ausgangspunkt der neuen Entwicklung sein sollte.


Von seiner Aachener Pfalz aus schuf dieser europäische Kaiser jenes Reich, das heute so oft Vorbild und Präfiguration der Verwirklichung unserer europäischen Sehnsucht genannt wird. Es beruhte auf der unitas nationum in diversitate, auf der Einheit in der reichen Vielfalt der kulturellen Besonderheiten, die auch heute noch unser Ziel und Ideal ist.


Mit dem Namen Karl des Großen hat die Stadt Aachen ihren internationalen Preis verbunden, da auf unserem Kontinent Menschen und Staaten erneut in eine Zeit hineingestellt sind, die wiederum zur Zäsur werden könnte, jenseits welcher die für uns unvorstellbare dunkle Nacht leiblicher und geistiger Sklaverei beginnen würde.


Seit zehn Jahren wird der Preis verliehen für die beste Leistung im Dienste der Verständigung und der internationalen Zusammenarbeit im europäischen Raum. Dieses Jahr verliehen Sie diese hohe Auszeichnung einem Manne, der als Vertreter eines kleinen Landes, während nahezu vierzig Jahren mit den Großen am Verhandlungstisch saß, jederzeit bemüht, den Blick auf die tatsächlichen Maßstäbe machtpolitischer Wertgeltung nicht zu verlieren, und dessen einziges Verdienst darin besteht, allezeit versucht zu haben, mit bestem Wissen und unter Einsatz seiner, wenn auch bescheidenen Mittel, der Sache des Friedens, die die Sache Europas ist, zu dienen.


Wie könnte ich mir, in diesem Augenblicke, bei Bekundung meines Dankes, nicht der Bescheidenheit meiner eigenen Verdienste bewußt werden, wenn ich an jene großen Verdienste denke, welche sich die ersten Karlspreisträger um Europa erworben haben: Professor Brugmans und Graf Coudenhove-Kalergi, die hochgesinnten Vorkämpfer der europäischen Einheit und Jean Monnet, der Aufbauer der ersten europäischen Gemeinschaft. Wie dürfte ich andererseits aber meinen Stolz verschweigen, meinen Namen gestellt zusehen neben diejenigen meiner illustren Weggenossen auf dem steilen und schwierigen Aufstieg zu unserem neuen Europa:


Alcide de Gasperi, dessen Tod eine schmerzlich empfundene Lücke hinterließ; Paul Henri Spaak, der unermüdliche, unerschrockene und redegewaltige Kämpfer; Sir Winston Churchill, der uns die Freiheit rettete und dann Europa den Weg in eine Zukunft neuer Blüte wies; Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ein ins Chaos abgeglittenes Deutschland mit zielsicherer Hand hineinführte in den Kreis der freien Völker und zusammen mit Robert Schuman, dem Vater der europäischen Integration, die erste Brücke schlug zur Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, die den Grundpfeiler des neuen Europas bildet. Über mehr als ein Jahrtausend europäischer Geschichte hinweggreifend stehen sie beide, Bundeskanzler Adenauer, der Rheinländer, und Robert Schuman, der Sohn der Lothringer Erde, wie Paladine Karls des Großen da, seine Idee von der Einheit des Abendlandes zu neuer Aktualität erhebend.


Wie könnte ich endlich im Gedenken an die bisherigen Träger des Karlspreises der Stadt Aachen jenen Mann vergessen, dem Europa in des Wortes wahrstem Sinne zu verdanken hat, daß es in so kurzer Zeit sich aus den wirtschaftlichen Wirren der Nachkriegsjahre zu neuem Wohlstand heraufarbeiten konnte, General George Marshall.


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister! Die heutige Feier bedeutet für mich eine der hohen Stunden meines Lebens. Bewegten Herzens spreche ich Ihnen sowie den Herren des Direktoriums des Karlspreises meinen tiefsten Dank für die mir und meinem Lande erwiesene Ehre aus. Denn daß Sie mir erlauben, diese Ehre auf mein Land zu übertragen, verdoppelt meine Dankesschuld. Da ich wohl die hohe Ehre, die mir heute zuteil wird, auf meine politische Langlebigkeit zurückführen darf, mögen Sie mir bei dieser Gelegenheit gestatten, einen ganz kurzen Rückblick zu werfen auf einige der Hauptetappen, die, mit ihren Fehl- und Rückschlägen, den Weg abstecken, den Europa seit Ende des Ersten Weltkrieges zur Einigung seiner selbst und zur Sicherung des Friedens gegangen ist. Aus der Optik dieser oft hoffnungsvollen, dann wieder enttäuschenden Etappen heraus läßt sich wohl am eindeutigsten die Position bestimmen, zu welcher heute im Jahre 1960 die europäischen Völker hinsichtlich dieser beiden für sie vitalen Grundprobleme gelangt sind.


Da der Erste Weltkrieg zu Ende war, wollten sich die Völker gegen die Wiederkehr einer solchen Katastrophe sichern. Nicht das Mittel, einen neuen Krieg zu gewinnen, wollten sie finden, wohl aber jenes, das den Krieg überhaupt unmöglich machen würde. Dieses Mittel aber konnte nur gefunden werden in Richtung einer neuen europäischen Ordnung, die nicht mehr beruhen würde auf dem Konzept von Sieger und Besiegtem, sondern auf der von den Völkern freiwillig eingegangenen Verpflichtung, sämtliche zwischen ihnen entstehenden Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen. Die Idee war aber noch nicht stark genug, daß sie ihren Niederschlag gefunden hätte in den diplomatischen Verträgen, die unter den Ersten Weltkrieg den Schlußstrich setzen sollten. Auch in der Charta des Völkerbundes fand sie noch nicht ihre eindeutige Betonung, mochte der Völkerbund auch noch so hoffnungsfroh begrüßt worden sein als erstes Bemühen um eine auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit beruhende internationale Organisation. Es sollte bis September 1924 dauern, ehe ein erster Vorstoß im Sinne der neuen Idee von Sicherung des Friedens durch Betonung der internationalen Solidarität unternommen wurde. Frankreich und England warfen damals das Problem in all seiner Komplexität auf. Und es kam zu jenem berühmten Genfer Protokoll, das die Doktrin der Sicherheit in die drei grundlegenden Begriffe von Abrüstung, Schiedsspruch und Sicherheit zusammenfaßte. Das Genfer Protokoll freilich hat in der Folge versagt. Das aber ändert meines Erachtens nichts an der Tatsache, daß damals wie heute ein Zustand wahrer Sicherheit nur aus jener Trilogie herauswachsen kann. Im Oktober 1925 ereignete sich dann zum erstenmal in der Geschichte, daß auf die Einladung Frankreichs und Deutschlands hin die westeuropäischen Mächte sich trafen - in Locarno -, um in gegenseitiger Gleichberechtigung über die Mittel zur Erreichung eines sicheren Friedens zu beraten. Ausgangspunkt war die Überzeugung, daß der Friede nur auf dem Wege des Zusammenschlusses der europäischen Nationen zu erreichen sei.


Die Konferenz von Locarno ging in einer Atmosphäre allgemeiner Begeisterung zu Ende. In der Schlußsitzung feierte Briand, der Vertreter Frankreichs, in bewegten Worten das im Entstehen begriffene neue Europa und fügte hinzu: ,,Pour que les accords deviennent efficaces, il faut que l'esprit qui les a conçus entre dans le coeur des peuples.
Il faut réaliser le double désarmement matériel et des esprits ...“


Doch auch Locarno blieb toter Buchstabe. Angesichts dieses neuen Konkurses der Idee von Friede und Sicherheit und zum Teil wohl auch unter dem Einfluß des Grafen Coudenhove-Kalergi und seiner Freunde aus der paneuropäischen Bewegung hin versammelte dann Briand am 9. September 1929 die in Genf anwesenden Außenminister zu dem seither historischen Mittagessen und trug ihnen sein Projekt der Vereinigten Staaten von Europa vor. Zum erstenmal in der Geschichte hatte ein Staatsmann den Versuch unternommen, den Gedanken von der Rationalisierung Europas durch den freiwilligen Zusammenschluß seiner Völker aus der Sphäre grauer Theorie in blutwarme Wirklichkeit zu übertragen. Drängt sich da nicht der Vergleich auf mit der berühmten Erklärung Robert Schumans am 9. Mai 1950, aus der die Montanunion geboren wurde? Auch mein Freund Robert Schuman sah die europäische Möglichkeit auf dem Wege über die konkreten wirtschaftlichen Realisationen. Schuman aber ging weiter als Briand. Er warf den Gedanken von der Supranationalität in die Diskussion, während Briand nicht an die souveränen Rechte der Nationen hatte rühren wollen. Die Zeiten waren dafür noch nicht reif gewesen. An dieser Karenz aber mußte Briands Plan notwendigerweise scheitern. Die Staaten hatten sich noch nicht zur Erkenntnis durchgerungen, daß sie sich nichts vergeben und ihre Substanz nicht schmälern, wenn sie einen Teil ihrer Souveränität auf den im gemeinsamen Interesse zur Sicherung des Friedens geschaffenen internationalen Organismus übertragen. 27 Außenminister hatten erklärt, Briands Plan einem eingehenden Studium unterziehen zu wollen. Doch schon war die große Kontroverse entbrannt. Von allen Seite wurde Sturm gelaufen gegen Briand und seine europäische Idee.


Briands Plan von den Vereinigten Staaten von Europa verschwand definitiv von der politischen Bildfläche mit dem Tode des großen Staatsmannes im Jahre 1932. Die internationale Politik hatte sich bereits anderen Sensationen zugewandt. Die erste große Abrüstungskonferenz hatte stattgefunden und Sowjetrußland hatte sich geweigert daran teilzunehmen. Übrigens war auch die Genfer Konferenz infolge kurzsichtiger nationalistischer Bedenken von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Vom Völkerbund wurde von Jahr zu Jahr offenkundiger, daß er ohnmächtig war, seine ohnehin seltenen Beschlüsse durchzuführen. So büßte er mehr und mehr an Ansehen ein, zumal es bisweilen den Anschein haben mußte, als seien seine Beschlüsse durchaus nicht immer getragen von der Sorge um Recht und Gerechtigkeit.


Dann brach die große Finsternis über Europa herein, und in den Herzen machte sich die Trostlosigkeit der Erkenntnis breit, daß all das Bemühen um endgültige Ausschaltung des Krieges als Mittel der Politik vergebens gewesen war. Was blieb von unseren Hoffnungen? Ein kontinenteweites Trümmerfeld. Kann die Menschheit wirklich nicht anders, als durch ein Meer von Blut dem gelobten Land einer besseren Zukunft entgegenzuschreiten? In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hatte alle Staatskunst versagt. Wird deswegen die Geschichte über die Staatsmänner von damals den Stab brechen dürfen? Nur diejenigen, die den Weg zur Einigung Europas und zur Sicherung des Friedens während jener zwei Jahrzehnte mitgegangen sind, können sich Rechenschaft ablegen von den ungeheuren Schwierigkeiten, die sich ihnen immer wieder entgegengestellt und eine Unsumme von Arbeit abgefordert hatten. Die Arbeit aber war nicht vergebens gewesen, wenn sie auch keine unmittelbare Frucht getragen hatte. Fürwahr, welche Wandlung in der Geisteshaltung seit Versailles! Vorstellungen, die das Privileg einiger kühner Pioniere waren, sind heute Allgemeingut geworden. Daß Friede und Sicherheit nicht Korollare nationaler Macht sind, sondern daß nur ein durch den freien Willen seiner Völker geeintes Europa den Frieden und die Sicherheit garantieren, gilt heute als selbstverständlich. Das Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit der europäischen Völker und von der Notwendigkeit der Einigung als Ziel und Schicksal dringt immer tiefer in die Massen. Was Briand in Locarno wünschte wird Tatsache: Die europäische Idee erobert die Herzen unserer Völker.

 

Meine Damen und Herren! Spät in der Nacht des 22. August 1954 verließ ich zusammen mit Bundeskanzler Adenauer den Saal des Außenministeriums in der Brüsseler rue de la Loi. Nach dramatischen Debatten, die sich etliche Tage hingezogen hatten, war den sechs Ministern, welche die Signatarstaaten des Vertrages zur Schaffung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft vertraten, nichts anderes übrig geblieben, als festzustellen, daß sie zu keiner Einigung hatten kommen können. Am Tor des Außenministeriums wurden wir von Journalisten und Pressephotographen umringt. Und als einer derselben fragte, was er wohl als Kommentar unter das soeben geknipste Bild schreiben sollte, antwortete der Bundeskanzler mit einer Handbewegung, die all seine Entmutigung auszudrücken schien: ,,Setzen Sie darunter: zwei müde Europäer!“


Ja gewiß, für die Europäer war die Niederlage schwer gewesen, doch nicht endgültig. Die müden Männer von 1954 bewahrten sich ihren Glauben an das Ideal eines geeinten und starken Europas, das endlich frei sein würde von seiner Vergangenheit der Zwietracht, des Mißtrauens und des Hasses. Etliche Monate später gingen sie in Messina an einen neuen Start. Auch das Unglück kann sein Gutes haben. Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wirkte sich für die betroffenen Staatsmänner als zwar schmerzliche doch heilsame Lehre aus, die ihnen wieder in Erinnerung brachte, daß die Politik die Kunst des Möglichen ist, und daß es angesichts der in verschiedenen Ländern zur Zeit herrschenden politischen Verhältnisse heute noch nicht möglich ist, das Europa unserer Wünsche mit einem Schlag zu verwirklichen. Denn, mag auch jedermann erkannt haben, daß Europa, so es nicht untergehen will, nicht stehen bleiben darf auf dem Wege seiner Einigung, so bleibt doch wahr, daß wir nur schrittweise von Etappe zu Etappe weiterschreiten können und uns dabei immer wieder Rechenschaft ablegen müssen, ob die noch zerbrechlichen europäischen Brücken dem Gewicht gewachsen sind, das wir darüber tragen möchten. Die Außenminister der sechs Länder haben die Lehre der die Straße nach Europa säumenden Mißerfolge verstanden. In Messina und Rom schlugen sie eine andere Taktik ein und beschlossen, die Verwirklichung der europäischen Einheit von der Seite der wirtschaftlichen Gegebenheiten her anzugehen. Nächstes Ziel sollte es somit sein, zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl schrittweise einen auf den freien Güter-. Kapital- und Personenverkehr aufgebauten Gemeinsamen Markt zu schaffen.


Die Bedeutung des Gemeinsamen Marktes läßt sich gar nicht hoch genug einschätzen, und die Tatsache, daß er vor knapp zwei Wochen seine erste, gefährliche Krise glücklich überstand, bestätigt unsere Überzeugung, daß gerade um das Kernstück dieses auf der Solidarität seiner Partner beruhenden wirtschaftlichen Organismus sich das künftige Europa aufbauen wird. Auch der Zwist zwischen den Sechs und den Sieben wird, dessen bin ich gewiß, beigelegt werden. Wo guter Wille ist und gesunder Menschenverstand, findet sich auch ein Weg. Manches wurde in den letzten 15 Jahren getan zur Verwirklichung der europäischen Notwendigkeit. Vieles bleibt noch zu tun. Es wird desto eher getan werden können, je tiefer die Erkenntnis von der notwendigen Einigung die öffentliche Meinung unserer Länder durchdringt. Aufgabe des Europarates ist es, dieses Gefühl der europäischen Zusammengehörigkeit lebendig zu erhalten, es zu stärken und sinnfällig zu verkörpern. Von Straßburg strahlt seit zehn Jahren der europäische Geist aus. Die Intensität dieser Ausstrahlung aber wird sich noch erhöhen, wenn, hoffentlich bald, die Mitglieder des Straßburger europäischen Parlaments durch direkte Wahl bezeichnet werden können. Träger des geeinten Europas werden die Menschen sein. In ihrer Vorstellungswelt wird dann Europa nicht etwa eine bloß abstrakte Idee sein. Für den „Mann von der Straße“ kann Europa erst dann etwas Greifbares bedeuten, wenn es durch Parlamentarier vertreten wird, die er kennt und in die er Vertrauen hat. Darf ich hinzufügen, daß der europäische Gedanke erst dann, wie Briand es wünschte, in die Herzen der Massen eindringen wird, wenn die Menschen die Gewißheit haben, im geeinten Europa die Individualität ihrer Heimat und die ethischen Werte ihrer Traditionen erhalten zu sehen. Gerade aus dieser Vielfalt der freiwillig sich vereinigenden nationalen Individualitäten wird das integrierte Europa seine beste Kraft und die Garantie für seine Lebensfähigkeit schöpfen. Die Zeit ist unser bester und unentbehrlicher Helfer im großen europäischen Aufbauprozeß.


In den vergangenen 15 Jahren hat sich die europäische Atmosphäre von Grund aus geändert. Ich weiß nicht mehr, welcher Staatsmann seinerzeit im Völkerbund sagte, die beste „Wacht am Rhein“ sei die Freundschaft Frankreichs und Deutschlands. Heute besteht diese Freundschaft und das prophetische Wort Lamartines, der vor mehr als 100 Jahren in seiner „Marseillaise de la Paix“ den Rhein als symbolischen Fluß des Friedens besang, ist Wirklichkeit geworden. Daß diese für Europa so glückliche Entwicklung hauptsächlich als historisches Verdienst des Bundeskanzlers und Robert Schumans zu werten ist, freue ich mich heute in diesem Saale eigens unterstreichen zu dürfen. Denn die nunmehrige Freundschaft dieser beiden Völker, die sich in zwei Weltkriegen als Feinde gegenüberstanden, bildet die unersetzliche Vorbedingung für die Sicherheit Europas und für den Frieden.
Meine Damen und Herren! Wir sind hineingestellt in den größten Machtkampf, den die Geschichte je gekannt hat. Weltweit spielt sich der Großkampf der Geister und Mächte ab. Das ehemals weltbeherrschende Europa ist auf seine geographische Dimension einer kleinen Halbinsel des asiatischen Kontinents zusammengeschrumpft, direkt angehängt an die von einer Milliarde Menschen kommunistischer Obödienz bevölkerten ungeheuren Ebenen des Ostens.


Dieses Europa, in seiner archaischen Zersplitterung, fühlt sich nun umbrandet vom gewaltigen Entscheidungskampf zwischen der Machtbesessenheit des kommunistischen Totalitarismus und der von Liebe zur Freiheit und Achtung der Menschenrechte bestimmten Gesellschaftsform.


Asien ist für Europa verloren. Mit Bangen betrachtet man die Entwicklung auf dem schwarzen Kontinent. Äußerst geschickt spielen hier die kommunistischen Mächte die Karte des Nationalismus aus, den sie aufpeitschen und auswerten gegen die sogenannten westlichen Kolonialmächte. Die ideologische und wirtschaftliche Offensive des Kommunismus in diesen Ländern ist in vollem Gange. Von entscheidender Bedeutung für den Ausgang derselben wird die Entwicklungshilfe sein, welche der Westen den von der kommunistischen Ideologie am härtesten bedrängten Ländern gewähren kann. Denn der Tatsache müssen wir uns stets bewußt bleiben, daß die Freiheit, die irgendwo auf der Welt, ob in Asien, Afrika. Europa oder Südamerika, ein einzelnes Volk verliert sich als Minus in der Gesamtsumme menschlicher Freiheit für uns alle auswirkt.


Auf dieser Front wie auf so vielen anderen sieht sich heute der Westen dem aggressiven ideologischen Kommunismus gegenüber in die Verteidigungsstellung gedrängt. Daß Sowjetrußland und China als gewaltige Schutzmächte hinter dem Weltkommunismus stehen, gibt der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West eine auch auf politischem und militärischem Gebiet entscheidende Bedeutung. Die Ziele des Kommunismus sind bekannt. Es käme einer Beleidigung der Führer der kommunistischen Länder gleich, wollte man ihnen nicht aufs Wort glauben, daß ihre Heilslehre sie dazu verpflichtet, dem Kommunismus durch die Weltrevolution zur Weltherrschaft zu verhelfen.


Es würde zu weit führen, heute vor Ihnen das wechselreiche Bild der Mittel zu entrollen, mit welchen der kommunistische Totalitarismus zu diesem Ziele zu gelangen hofft. Sie durchlaufen. von der „Offensive des Lächelns“ bis zur Drohung mit Krieg und Totschlag, die gesamte Skala menschlicher Affektempfänglichkeit. Darf ich gleich hinzufügen, daß ich persönlich nicht glaube, daß die kommunistischen Mächte ihr Ziel der Weltherrschaft unter den gegebenen Umständen durch Waffengewalt erreichen wollen. Unsere Vorstellung von ihren Absichten möge richtig oder falsch sein, sie soll jedoch absolut keinen Einfluß haben auf die Entschlossenheit des Westens, irgendwelchen direkten oder indirekten Aggressionsmöglichkeiten mit Waffen in der Hand so stark gegenüber zu stehen, daß der eventuelle Angreifer im vornherein abgeschreckt wird. Es wäre verheerender Leichtsinn, angesichts der heutigen Weltlage auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß das blutige Würfelspiel sich nicht wiederholen könnte. Daß die eisernen Würfel fallen können, ist nicht zu bestreiten. Man braucht nicht so weit zu gehen wie Leibnitz, der sagte, eine Fliege auf der Nase des Tyrannen vermöge den Gang der Welt zu ändern, um doch zu erkennen, daß es von einem Ende der Welt zum anderen Dutzende von Gefahrenherden gibt, an denen ein Krieg ausbrechen könnte. Dieses Wissen um die dauernde Gefährdung gibt den Staatsmännern aller Länder sowohl der freien Welt wie auch der kommunistischen das Recht und macht es ihnen sogar zur Pflicht, ihre Völker gerüstet zu halten, solange sie sich nicht auf die bis heute vergebens angestrebte totale, gleichzeitige, kontrollierte Abrüstung geeinigt haben.


Wie weit die Menschheit noch von dieser idealen Sicherung des Friedens entfernt ist, hat das Scheitern des Versuchs der Gipfelkonferenz blitzartig gezeigt. Statt der Entspannung lebt die Welt seither in einem Hochspannungsfeld voll tödlicher Gefahren. Vielen in ihrer Friedensliebe naiven Menschen wurden dabei die Augen geöffnet. Das ist gut so. Regenbogen sind keine Brücken. Und das weise Wort: „Blick auf die Sterne, aber gib acht auf die Straße“ hat noch immer seine Gültigkeit. In der heutigen Welt sind Wunschdenken und Illusionen direkt lebensgefährlich. Es wäre wahrhaftig unverständlich, wenn den westlichen Staatsmännern noch die geringste Illusion bliebe über die wirklichen Absichten, welche die kommunistischen Führer mit der Herstellung der Entspannung und der sogenannten friedlichen Koexistenz erreichen wollen.


Diese sind für die Sowjets kein Selbstzweck. Sie sind nur Mittel zum Zweck. Die Sowjetführer machen keinen Hehl daraus, daß die friedliche Koexistenz mit der Zeit zur Kapitulation der westlichen Demokratien führen werde und müsse. Trotz der damit verbundenen Gefahren sind die Natoländer bereit, nach einer Atempause die in Paris vereitelten Verhandlungen wiederaufzunehmen, auch wenn sie nur zu einer prekären friedlichen Koexistenz führen sollten. Denn besser ein hundertjähriger prekärer Frieden oder selbst ein kalter Krieg, denn ein Lustrum heißen Krieges. In den nächsten Tagen sollen die so lange hingeschleppten Abrüstungsverhandlungen wiederaufgenommen werden. Sei werden der Prüfstein sein, ob die Sowjets ein Minimum an Willen und an unentbehrlichem Vertrauen zur Zusammenarbeit mitbringen.


Das Pariser Fiasko hat den prekären Stand der Beziehungen zwischen Ost und West grell beleuchtet und die Schnelligkeit enthüllt, mit der die politische Atmosphäre sich ändern und die Lage sich verschlimmern kann. Die Natoländer sind gewarnt. Die Devise des Atlantischen Verteidigungspaktes: Vigilantia pretium libertatis - der Preis unserer Freiheit ist dauernde Wachsamkeit und höchste Anstrengung, muß heute mehr denn je das Losungswort der freien Völker bleiben.


Dem Willen zur Macht müssen wir die reinere Leidenschaft des Willens zur Freiheit und zur Demokratie entgegensetzen, und den Glauben an all die Werte, die bedroht sind und die uns das Leben lebenswert machen: persönliche Freiheit, Recht, Menschenwürde und Menschlichkeit. In der weltweiten Auseinandersetzung der Geister stehen uns die Fanatiker der kommunistischen Heilslehre gegenüber, während auf unserer Seite viel zu viele Menschen nur um einen so blutarmen Glauben an das abendländische und christliche Kulturgut praktizieren, daß manche den Widerstand gegen das Eindringen der kommunistischen Ideen als aussichtslos ansehen möchten. Würde sich dieses Gift des Fatalismus verbreiten, so hätte das die unausweichliche Niederlage auf der ideologischen Front zu bedeuten.


Nur der unerschütterliche Glaube aber an die Superiorität der fundamentalen Werte unserer Auffassung vom Menschen, welcher das antike und christliche Erbe zugrundeliegt, kann unseren Völkern den Willen geben, diese Werte zu verteidigen, sowie den Mut, die Lasten äußerster Wappnung auf sich zu nehmen, zu welcher dieser hohe Einsatz zwingt. Al1er Voraussicht nach wird diese Wehrbereitschaft während Jahren notwendig sein. Es genügt nicht mehr, bei Alarm an die Schießscharten zu laufen und die Zugbrücke hochzuziehen, um sich dann wieder in Sicherheit zu wiegen.


Das Wettrüsten zur Herstellung des Weltgleichgewichts ist das Drama unserer Zeit, und wir dürfen nicht nachlassen in unserem Streben, diesem Wettrüsten ein Ende zu machen. Tragischerweise liegen die Verhältnisse in der Welt so, daß trotz seiner Prekärität das Weltgleichgewicht das einzige Mittel heute ist, um die schlimmsten Katastrophen zu verhindern.
Wir müssen uns also damit abfinden.


Wir verdanken Stalin und dem kommunistischen Staatsstreich in der Tschechoslowakei den Atlantischen Verteidigungspakt, der uns seit seinem Bestehen den Frieden bewahrt hat.


Herrn Chruschtschows Auftritt in Paris verdanken wir, daß die Mitglieder dieses Paktes sich zur Entschlossenheit aufgerafft haben, fester wie je zusammenzustehen und daß die freie Welt sich ihrer tieferen Verbundenheit und ihres Schicksalszusammenhangs in der atlantischen Gemeinschaft wieder ganz bewußt wurde.


Und so ist die Hoffnung erlaubt, daß vielleicht auch einmal, unter dem Druck der Ereignisse, die Zeit reif wird, auch der inneren Organisation Europas ein auf die Dauer unerläßliches politisches Fundament zu geben.


Königliche Hoheit! Herr Oberbürgermeister! Meine Herren vom Direktorium des Karlspreises! Exzellenzen! Meine Damen und Herren! Indem ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danke, bitte ich Sie, meine allzu langen Ausführungen zu entschuldigen. Aber der Weg, der mich von der Pariser Friedenskonferenz bis zum Pariser Gipfeltreffen führte, war länger als ich dachte. Meine Absicht war, Ihnen an Hand meiner Erfahrungen die Entwicklung der beiden grundlegenden Probleme unserer Zeit: die Sicherung des Friedens und die damit eng verbundene Einigung Europas zu zeigen. Weder das eine noch das andere dieser Probleme hat bis heute eine Lösung gefunden.

 

So fest ich überzeugt bin, daß die wirtschaftliche und politische Einigung Europas nicht mehr aufzuhalten ist, so gering ist meine Hoffnung, das Ende der Unsicherheit, des Mißtrauens und des Hasses in der Welt in absehbarer Zeit vorauszusehen. Mir bangt, daß wir noch lange Jahre verurteilt sind, unter der viel geschmähten Devise: Si vis pacem para bellum, leben zu müssen. Wer den Frieden will, muß zum Krieg rüsten. Und doch leuchten uns als Hoffnungsstern von den Toren des Haager Friedenspalastes die herrlichen Worte entgegen: Si vis pacem cole justitiam. Wenn du Frieden willst, pflege die Gerechtigkeit. Die Pax aeterna aber, der ewige Friede, bleibt immer ein frommer Wunsch. Er ist Gottes ewiger Besitz. Wir Menschen aber, die von der Hoffnung leben, haben die Pflicht, unablässig am Frieden zu arbeiten.“

 


Die europapolitische Wirkung des Karlspreises -
Völkerverständigung im Mittelpunkt

 

Zwischen 1950, dem Jahr der erstmaligen Verleihung, und 2006 ist der Internationale Karlspreis zu Aachen insgesamt 48 Mal vergeben worden. In der Abfolge dieser Preisverleihungen ist das politische Profil der Auszeichnung immer stärker in den Vordergrund getreten. Die Auswahl der Preisträger folgte dem Anspruch, die jeweils zeitgemäßen Impulse in den Prozess der europäischen Integration einzubringen. Insofern fungierte die Auszeichnung hier als europapolitische Mahnung, dort als Ermunterung und dann wieder als Anerkennung für vollbrachte Leistungen. Deshalb darf insgesamt festgestellt werden, dass die Fortschritte beim Aufbau eines geeinten Europas nicht zuletzt dem politischen und sozialen Engagement der Karlspreisträger zu verdanken sind. So verschieden dieses Engagement auch gelagert war, so gemeinsam ist den Ausgezeichneten, dass sie sich an verantwortlicher Stelle aktiv und mit Nachdruck für Europa und die europäische Integration eingesetzt haben.

 

Seit 1950 boten die Karlspreisverleihungen zudem immer wieder Gelegenheit, abseits der politischen Tageshektik kritisch und grundsätzlich über die europäische Sache nachzudenken. Dies spiegelt sich auch in den Reden wider, die anlässlich der verschiedenen Karlspreisverleihungen gehalten wurden. Sie boten nicht zuletzt eine öffentliche Plattform für europäische Visionen, ohne die es die inzwischen erreichten Integrationsfortschritte nicht gegeben hätte.

 

In seinen Preisträgern spiegelt der Karlspreis somit die verschiedenen Etappen des europäischen Integrationsprozesses wider. In der Reihe der Ausgezeichneten befinden sich - etwa mit Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer, Jacques Delors und Helmut Kohl- die Architekten der Integration. Ferner finden sich unter den Preisträgern auch diejenigen, deren europapolitisches Engagement nachdrücklich ermuntert werden sollte. Zu diesen, im jeweiligen Jahr als „Hoffnungsträger“ Geehrten, zählen beispielsweise Edward Heath, Konstantin Karamanlis, König Juan Carlos I. von Spanien, Gyula Horn, Václav Havel, Bronislaw Geremek und Tony Blair.

 

Preisverleihungen in den 50er Jahren:
Die Auszeichnung der Gründungsväter Europas

 

Über den ersten Karlspreisträger gab es keinerlei Meinungsverschiedenheiten im Direktorium der Karlspreisgesellschaft. Einmütig wählte es 1950 den Begründer der Paneuropabewegung Richard Graf Coudenhove-Kalergi in Würdigung seines Lebenswerkes zum Preisträger. In seiner Rede anlässlich der Karlspreisverleihung am 18. Mai 1950 rief er zur Erneuerung des Karolingerreiches auf demokratischer, föderalistischer und sozialer Grundlage auf. Als Namen für den von ihm angeregten Bundesstaat zwischen Frankreich, Westdeutschland, Italien und den Benelux-Staaten schlug er „Union Charlemagne“ vor.

 

Im Jahre 1951 erhielt die Auszeichnung der erste Rektor des 1949 gegründeten Europakollegs in Brügge, Professor Hendrik Brugmans, der gleichzeitig Präsident des Europäischen Föderalistenverbandes war. Der Wissenschaftler und Politiker trat für ein supranationales und föderativ organisiertes Europa ein - Vorstellungen, die durch den Schuman-Plan schon aufgegriffen worden waren. Mit dieser Preisverleihung lenkte das Direktorium den Blick auch auf die Jugend, die Zukunft Europas, denn das von Brugmans geleitete Europakolleg bildete Nachwuchs insbesondere für die im Aufbau befindlichen europäischen Institutionen aus.

 

Die Resonanz der ersten Karlspreisverleihungen und das positive Presseecho spornten das Karlspreis-Direktorium an, noch entschlossener am europäischen Einigungsprozess teilzunehmen. Die Preisverleihung an den italienischen Ministerpräsidenten Alcide de Gasperi im Jahr 1952 verstärkte die internationale Aufmerksamkeit entscheidend, da das Direktorium erstmals einen hochrangigen aktiven Politiker ehrte. Der Termin für die Auszeichnung wurde auf den Herbst verschoben und war mit de Gasperis Aufenthalt in Bonn verbunden - dem ersten Besuch eines ausländischen Staatsmannes in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Die Preisverleihung unterstrich die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder und ihr gemeinsames Engagement für Europa. Mit Alcide de Gasperi erhielt der Karlspreis einen neuen Akzent. Die Auszeichnung eines führenden Politikers, der sich für die Einigung Europas einsetzte, entwickelte sich zu einem Muster, dem das Karlspreis-Direktorium weitgehend treu blieb. Die Gründe liegen auf der Hand: Staatliche Repräsentanten, Minister und Regierungschefs verfügen durch ihre exponierten Ämter bis heute über die nachhaltigsten Einflussmöglichkeiten auf den europäischen Integrationsprozess. Die Karlspreisverleihung bestärkte sie darin, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Nachdem im Jahr 1953 der Franzose Jean Monnet als Architekt des Schuman-Planes und damit der Europäischen Gemeinschaft den Preis erhalten hatte und nunmehr vier ausländische Preisträger vom Direktorium ausgezeichnet worden waren, folgte mit Bundeskanzler Konrad Adenauer 1954 der erste Deutsche. Der Bundeskanzler nutzte die Preisverleihung, um für die deutsch-französische Verständigung und den europäischen Einigungsprozess zu werben. Auch in der Folge richtete das Karlspreis-Direktorium sein Augenmerk immer wieder auf die konkreten Fortschritte der europäischen Einigungsbemühungen. Als vormaliger belgischer Außenminister hatte der Preisträger des Jahres 1957, NATO-GeneralsekretärPaul Henri Spaak, maßgeblich am Zustandekommen der Römischen Verträge mitgewirkt, die 1958 zur Errichtung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft führten. 1958 erhielt mit Robert Schuman der erste Präsident der Europäischen Versammlung, dem Vorläufer des Europäischen Parlaments, den Karlspreis.

 

Schon früh blickte das Karlspreis-Direktorium über die Gemeinschaft der sechs Gründungsmitglieder - Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten - hinaus. 1955 erhielt der vormalige britische Premierminister Winston Churchill die Auszeichnung. Er hatte schon in seiner berühmten Züricher Rede von 1946 den Begriff der „Vereinigten Staaten von Europa“ geprägt. Um in Europa einen dauerhaften Frieden zu sichern, sollte sich nach seinen Vorstellungen der Kontinent zusammenschließen, und Deutschland und Frankreich sollten miteinander verbunden werden. Churchill, der im April 1955 aus gesundheitlichen Gründen als britischer Premierminister zurücktrat, konnte erst ein Jahr später den Karlspreis in Aachen entgegennehmen.

 

Nachdem 1957 mit dem damaligen NATO-Generalsekretär Paul Henri Spaak zugleich auch die atlantischen Beziehungen gewürdigt worden waren, entschied sich das Direktorium im Jahre 1959 für den ehemaligen amerikanischen Außenminister George C. Marshall. Damit würdigte es seinen Beitrag für den wirtschaftlichen Wiederaufbau in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rückblick auf die 50er Jahre erweist sich die Stiftung des Karlspreises als Initiative mit visionärem Weitblick. Viele der führenden europäischen Politiker wurden in Aachen für ihre Verdienste um die europäische Einigung geehrt. Am Ende des ersten Jahrzehnts seiner Existenz hatte die Auszeichnung ein hohes politisches Gewicht und internationales Prestige gewonnen.

 

Preisverleihungen in den 60er, 70er und 80er Jahren:
Krise und Aufschwung des Integrationsprozesses

 

Mit der Preisverleihung an den Präsidenten des luxemburgischen Abgeordnetenhauses, Joseph Bech, würdigte das Karlspreis-Direktorium 1960 auch die insgesamt außerordentlich aktive Rolle, die die Politik des Großherzogtums im europäischen Integrationsprozess spielte. Im folgenden Jahr wurde mit Walter Hallstein der erste Präsident der Europäischen Kommission ausgezeichnet.

 

Im Jahr 1962 konnte der Karlspreis zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht verliehen werden, weil es dem Direktorium nicht möglich war, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Bisher ist dies aus unterschiedlichen Gründen insgesamt neun Mal vorgekommen, wobei die Stagnation des Integrationsprozesses in den 60er und 70er Jahren die Kandidatensuche erschwerte. Innerhalb des Direktoriums herrschte während dieser Phase Einigkeit darüber, dass die unzureichenden Fortschritte im europäischen Einigungsprozess nicht durch Verlegenheitskandidaten kaschiert werden sollten. Diese Haltung sicherte zwar die Substanz der Auszeichnung, schwächte aber gleichzeitig ihre Ausstrahlung. Eine als Kritik am Tempo der Einigungsbemühungen gemeinte Nicht-Vergabe erzielte eine weitaus geringere Signalwirkung im öffentlichen Bewusstsein als die Verleihung des Karlspreises.

 

Mit der Preisverleihung von 1963 fand das Direktorium einen Ausweg aus diesem Dilemma. Der damals noch junge Edward Heath leitete die britische Delegation bei den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Zwei Tage nachdem das britische Gesuch am Veto Frankreichs gescheitert war - ein herber Rückschlag für die europäische Einigung -, entschied sich das Karlspreis-Direktorium für Edward Heath. Erstmals vergab es damit die Auszeichnung nicht als Dank für erfolgreiche Bemühungen um die europäische Einigung, sondern als ein in die Zukunft gerichtetes Signal zugunsten der Integration Großbritanniens, die schließlich 1972 vollzogen werden sollte. Ähnlichen Charakter hatte die Ehrung des dänischen Ministerpräsidenten Jens Otto Krag (1966), der sich ebenfalls bemühte, sein Land in die Europäische Gemeinschaft zu führen. Für ihre Verdienste um die europäische Integration wurden 1964 der Präsident der Italienischen Republik, Antonio Segni, und drei Jahre später der niederländische Außenminister Joseph Luns mit dem Karlspreis ausgezeichnet.

 

Neue Wege beschritt das Direktorium im Jahre 1969, als es die Kommission der Europäischen Gemeinschaften und damit erstmals keine Person, sondern eine Institution ehrte. Damit wurde die wesentliche Rolle der Europäischen Kommission für Fortschritte bei der europäischen Einigung herausgehoben.

 

Neue Akzente setzte das Karlspreis-Direktorium mit der Preisverleihung von 1973: Durch die Auszeichnung des spanischen Philosophen, Soziologen und Kulturhistorikers Don Salvador de Madariaga wich es von der mittlerweile etablierten Praxis ab, den Preis Politikern oder Institutionen zu verleihen. Erstmals zeichnete das Direktorium eine Persönlichkeit eines europäischen Landes aus, das - im Falle Spaniens aufgrund der Franco-Diktatur - noch nicht zum Kreis der Kandidaten für den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft gehörte. Es würdigte damit zugleich das Lebenswerk eines bedeutenden Vertreters der westeuropäischen Kultur, seine zukunftsweisenden Gedanken zur europäischen Einheit und sein Eintreten für Freiheit.

 

Nachdem das Karlspreis-Direktorium den Preis in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nicht vergeben hatte und damit auch das „Silberne Jubiläum“ des Karlspreises keine gebührende Würdigung fand, muss die Verleihung an Leo Tindemans im Jahr 1976 besondere Erwähnung finden. Der belgische Ministerpräsident war im Dezember 1974 von den Staats- und Regierungschefs beauftragt worden, Reformvorschläge für eine Entwicklung der Gemeinschaft zur Politischen Union auszuarbeiten. Der Ende 1975 vorgelegte Tindemans-Bericht weckte zwar neue Hoffnungen auf integrationsfördernde Initiativen, blieb jedoch ohne unmittelbare Folgen. Das Direktorium unterstützte mit seiner Preisverleihung die Tindemans-Initiative und mahnte damit weitere Fortschritte in Richtung der erstrebten Europäischen Union an.

In den 70er Jahren griff das Direktorium auch auf schon bewährte Verleihungsstrategien zurück. Die Auszeichnung François Seydoux de Clausonnes (1970) betonte nachdrücklich die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft als Kern der europäischen Einigungsbemühungen. Die Würdigung von Roy Jenkins (1972) unterstrich ein weiteres Mal die Haltung des Direktoriums zu einer britischen Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Mit der Ehrung des Bundespräsidenten Walter Scheel (1977) fand die deutsche Europapolitik Anerkennung.

Wichtige Impulse gingen von den Preisverleihungen an den griechischen Ministerpräsidenten Konstantin Karamanlis (1978) und den spanischen König Juan Carlos I. (1982) aus. Die jungen europäischen Demokratien in Griechenland und Spanien sollten ermuntert werden, die demokratischen Kräfte zu stärken und näher an die Europäische Gemeinschaft heranzurücken. Die Entscheidungen des Direktoriums erwiesen sich als zukunftsweisend, denn beide jungen Demokratien fanden schon bald Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft.

In den Jahren 1979 und 1981 würdigte das Direktorium mit Emilio Colombo und Simone Veil die Präsidenten des Europäischen Parlaments für ihr jahrzehntelanges europapolitisches Engagement. Mit diesen beiden aufeinanderfolgenden Auszeichnungen stärkte das Direktorium auch die wichtige Rolle dieser demokratischen, von den Bürgern Europas gewählten Institution. Mit Simone Veil stand erstmals eine Frau an der Spitze der europäischen Volksvertretung. Sie erhielt auch als erste Frau den Karlspreis.

Im Jahr 1984 ehrte das Direktorium den deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens für seine europapolitischen Verdienste. Zwei Jahre später traf es eine in der Geschichte des Karlspreises ungewöhnliche Entscheidung: Es zeichnete das Luxemburgische Volk aus. 1987 würdigte es mit der Karlspreisverleihung an Henry Kissinger auch die essentielle Rolle der Vereinigten Staaten für die Sicherheit auf dem alten Kontinent.

Für die 80er Jahre ist die Preisverleihung an Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1988 hervorzuheben. Erstmals in der Geschichte des Karlspreises waren ein Franzose und ein Deutscher gemeinsam Preisträger. 25 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages wurde hier ihr Beitrag zur Festigung der Partnerschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt. Vor allem aber zeichnete das Direktorium mit Präsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl diejenigen Politiker aus, die gemeinsam seit Mitte der 80er Jahre dem Integrationsprozess neue Impulse verliehen hatten.

Im Jahre 1989 erhielt Frère Roger, der Gründer der Communauté de Taizé, den Karlspreis. Der Initiator der außerordentlich erfolgreichen ökumenischen Gemeinschaft hatte sich die Versöhnung der Christen zum Ziel gesetzt. Im Mittelpunkt seines Wirkens stand die Kinder- und Jugendarbeit. Mit der Auszeichnung eines Geistlichen - zumal in einer Umbruchzeit von weltpolitischer Bedeutung - bereicherte das Karlspreis-Direkorium die eigene Tradition um einen neuen Akzent.

 

Die Preisverleihungen der 90er Jahre:

Aufbruch zu neuen Grenzen

 

Der Zusammenbruch der Sowjetunion, die Umbrüche in Osteuropa und die deutsche Wiedervereinigung eröffneten die historische Chance auf ein geeintes Gesamteuropa. Ein dauerhafter Frieden auf dem alten Kontinent schien greifbar. Mit der Auszeichnung des ungarischen Außenministers Gyula Horn (1990), des tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel (1991) und des polnischen Außenministers Bronislaw Geremek (1998) erhielten in den 90er Jahren drei herausragende Persönlichkeiten ehemaliger Ostblock-Staaten den Karlspreis. Die Ehrungen sollten ein positives Signal setzen und die Preisträger zur Fortführung von notwendigen Reformen ermutigen, um so ihr Land in die Europäische Gemeinschaft führen zu können.


Mit der Karlspreisverleihung an Jacques Delors im Jahr 1992 ehrte das Karlspreis-Direktorium einen der bedeutendsten Architekten Europas der 80er und 90er Jahre. Sein Name steht für die Überwindung der europapolitischen Stagnation, für neue Impulse und für eine große Überzeugungskraft. Er ist eng verbunden mit der Errichtung und Vollendung des gemeinsamen Binnenmarktes (1992) und mit dem Maastrichter Vertrag über die Europäische Union. Während seiner Amtszeit erweiterte sich die Europäische Gemeinschaft um fünf Mitgliedsstaaten.


Mit dem spanischen Ministerpräsidenten Felipe González Márquez (1993), dem österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky (1995), Königin Beatrix der Niederlande (1996) und dem deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog (1997) ehrte das Direktorium politische Repräsentanten für ihre Verdienste um die Einigung des Kontinents. In diesen Preisträgern drückte sich die grundlegende und anspruchsvollste Zielsetzung des Preises, die Verständigung zwischen den Völkern, aus.


Im Jahre 1994 erhielt die norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland für ihr europapolitsches Engagement zu einem Zeitpunkt den Karlspreis, als die Beitrittsverhandlungen ihres Landes zur Europäischen Union in der entscheidenden Phase waren. Trotz dieses Signales entschied sich die norwegische Bevölkerung gegen den EU-Beitritt. Mit der Preisverleihung an den britischen Premierminister Tony Blair im Jahre 1999 - nach knapp zweijähriger Amtszeit - würdigte das Direktorium seine Bemühungen, Großbritannien wieder näher an Europa heranzuführen. Blair hatte für sein Land die Sozialcharta des EU-Vertrages unterzeichnet und eine Stärkung der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik angeregt. Auch war der Preis ein Zeichen der Anerkennung seines persönlichen Beitrages im nordirischen Friedensprozess.

 

Das neue Jahrhundert

 

Mit der Auszeichnung des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton im Jubiläumsjahr 2000 wurde 50 Jahre nach der ersten Verleihung des Internationalen Karlspreises der Repräsentant eines Volkes gewürdigt, das den freien Völkern Europas über fünf Jahrzehnte hinweg ein stets verlässlicher Partner war.

Durch die Ehrung eines herausragenden Vertreters der europäischen Literatur, des ungarischen Schriftstellers und Soziologen György Konrád, lenkte das Direktorium im darauffolgenden Jahr 2001 den Blick auf den wertvollen Beitrag, den die Kultur und die Kulturschaffenden für die Integration unseres Kontinents leisten.


Nachdem im Jahre 2002 mit dem EURO, getragen durch die Europäische Zentralbank, erstmals ein Objekt mit dem Karlspreis ausgezeichnet worden war, setzte das Direktorium mit seinen nachfolgenden Entscheidungen für den Präsidenten des Konvents, Valéry Giscard d'Estaing (2003), und für den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Pat Cox (2004), weithin sichtbare Akzente für eine Vertiefung des Integrationsprozesses und für eine Stärkung des parlamentarischen, demokratischen Elements der Union.

Die Entwicklung zum umfassenden Zusammenschluss der europäischen Völkerfamilie ist untrennbar mit der Persönlichkeit und dem Lebenswerk von Papst Johannes Paul II. verbunden. Sein über 25-jähriges Pontifikat wird als ein Zeitraum in die Geschichte eingehen, in dem das Fundament für eine dauerhafte Friedens- und Freiheitsordnung und für Stabilität und Wohlstand für zukünftige Generationen auf dem ganzen Kontinent geschaffen wurde. In Würdigung eines herausragenden Lebenswerkes im Dienste europäischer Verständigung und Gemeinschaftsarbeit, im Dienste der Humanität und des Weltfriedens war es den Karlspreis-Verantwortlichen daher eine Ehre, Papst Johannes Paul II. mit dem Außerordentlichen Karlspreis auszeichnen zu dürfen. Die Preisverleihung erfolgte einmalig und in außergewöhnlicher Weise am 24. März 2004 in Rom.


Mit dem italienischen Staatsoberhaupt Carlo Azeglio Ciampi folgte 2005 ein ruheloser Mentor des Einigungsprozesses, der in herausragender Weise für die klassischen Werte und Maßstäbe, die Europa ausmachen, stand.


Mit dem Premierminister des Großherzogtums Luxemburg, Jean-Claude Juncker, wurde 2006 ein herausragender Europäer geehrt, der als Vermittler, Brückenbauer und entscheidender Akteur an nahezu allen Integrationsfortschritten der vergangenen zwei Jahrzehnte beteiligt gewesen ist und dem es wie nur wenigen anderen gelingt, die Menschen für das Einigungswerk zu begeistern. Auch diese Entscheidung knüpft an die Tradition des Karlspreises an, dessen Ziel der Initiator des Karlspreises, Kurt Pfeiffer, wie folgt charakterisiert hat:

„Der Karlspreis wirkt in die Zukunft, er birgt gleichsam eine Verpflichtung in sich, aber eine Verpflichtung von höchstem ethischem Gehalt. Sie zielt auf den nicht erzwungenen, freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter - Freiheit, Menschlichkeit und Frieden - zu verteidigen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern.“

Im Zentrum der Karlspreisidee steht somit das Ziel der Völkerverständigung. Diese Botschaft ist seither unverändert weitergegeben worden und bildet das entscheidende Kriterium für die Auswahl eines Preisträgers. Völkerverständigung und Integration sind das Fundament für Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa. Dazu gibt es keine Alternative.


Veröffentlichungen (Pressemitteilungen)

·                     Europa im Herzen (2006)

·                     Europa der Werte (2005)

·                     Dialog für Europa (2004)

·                     Das Europäische Parlament: Motor für mehr Demokratie (2004)

·                     Mit der Macht des Wortes (2004)

·                     Dialog für Europa (2003)

·                     Der Europäische Konvent und die Verfassung der Union (2003)

·                     Dialog für Europa (2002)

·                     Der EURO: Quantensprung im Vereinten Europa

·                     Dialog für Europa (2001)

·                     Bildband „50 JAHRE INTERNATIONALER KARLSPEIS ZU AACHEN“ (2000)

 

 

Quelle: www.karlspreis.de