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Wissenschaftlicher Katholischer Studentenverein
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„Die Wurzeln der europäischen Kultur“
Joseph Kardinal Ratzinger und Prof. Paul Kirchhof 
vor der Europawahl am 10.-13. Juni 2004

Hier per Klick den Beitrag hören!Joseph Kardinal Ratzinger äußerte sich in einem Gespräch am Campo Santo Teutonico in Rom am Donnerstag, 29. April 2004 in einem Rundfunkinterview zur Identität des europäischen Kontinents. Im selben Beitrag erklärt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Prof. Paul Kirchhoff in Anlehnung an die Grundwerte und ein Wort von Jacques Delors: "Europa muss seine Seele finden". Doch brauche die europäische Vision aber auch "handwerkliche Gediegenheit", um etwa die Schwäche des europäischen Vertragswerks und die "Unzulänglichkeiten der Verfassungsdebatte" aus der Welt zu schaffen. 
Die Fragen stellte Christof Beckmann.

Frage: Herr Kardinal, gibt es ein ermutigendes Wort, dass sich am Tag der Heiligen Katharina, der Schutzpatronin Europas, und vor den im Juni anstehenden ersten gemeinsamen Wahlen für die 6. Legislaturperiode des Europäischen Parlaments diesem manchmal ächzenden Kontinent zusprechen lässt?

Kardinal Ratzinger: „Ja, er soll vor allen Dingen an seine Ursprünge, an die Wurzeln seiner Kultur denken, an das was ihn groß gemacht hat und was ihn auch immer jung halten kann. Also, ich denke, dass wir ihn mit dem christlichen Glauben, mit seinem Gottesbild und mit dem Ethos, dass er uns geschenkt hat, lebendig zu halten. 
Natürlich gehört auch die Aufklärung dazu, die uns von manchen Missverständnissen gereinigt hat und die in diesem Sinn einen Prozess der Reinigung sein kann, durchaus ins europäische Bewusstsein und in das Christliche integriert ist. 
Aber sie kann nicht so verstanden werden, dass sie gleichsam ein Säurebad ist, dass den Glauben wegmontiert, sondern dass sie uns hilft, ihn reiner und größer zu sehen. Dann ist wirklich der christliche Glaube das, was uns Hoffnung und Zukunft gibt, was den Kontinent aufgebaut hat und auch weiterbauen kann und auch für die Welt dann Maßstäbe des Friedens setzt.“

Frage: Haben die Christen auf dem Kontinent eine insofern besondere Herausforderung?

Kardinal Ratzinger: „Auf jeden Fall, denn an ihnen liegt es, dass diese Kräfte gegenwärtig bleiben, dass sie nicht in einem platten Rationalismus vorsinken, der dann keine Maßstäbe mehr hat. Wir sind wirklich herausgefordert in dieser Stunde.“

Frage: Vor kurzem ist Papst Johannes Paul II. mit dem außerordentlichen Karlspreis ausgezeichnet worden – ein Zeichen für die Wertschätzung seines großen europäischen Engagements. Lech Walesa hat jetzt dieser Tage noch einmal sehr deutlich drauf hingewiesen, wer für die Vereinigung Europas eigentlich besondere Verdienste hat ...

Kardinal Ratzinger: „Ja, der Papst ist ein großer Europäer, er hat uns ja immer darauf hingewiesen, dass Polen in Mitteleuropa liegt und nicht im Osten, dass Europa viel weiter ist als wir sehen, nicht an der Elbe und auch nicht an der Oder endet und dieses ganze Europa mit seiner vielfältigen Geschichte zu sehen und auch eben in all den Konflikten, die es zerrissen haben, unsere Einheit zu finden, ist eine große Aufgabe und dafür war er die Gestalt, die uns das alles überhaupt ins Bewusstseins gerückt und auch zu Aktionsimpulsen gemacht hat.“

 

Zum 2004 begangenen Jubiläumsjahr für den Hl. Bonifatius, Apostel Deutschlands und Verbandspatron der UNITAS, äußerte sich Joseph Kardinal Ratzinger ebenfalls in dem mit ihm geführten Gespräch.

Frage: Herr Kardinal, wir stehen vor einem großen Jubiläumsjahr. Hat Bonifatius hat dieser Zeit immer noch was zu sagen, oder es er nur eine ferne Gestalt ...?

Kardinal Ratzinger: „Nein, auf jeden Fall schon die Tatsache, dass ein Mann der Grammatik gelehrt hatte und Lateinbücher geschrieben hatte, eines Tages sieht: Als Priester und Mönch muss ich mehr tun!, aufbricht und nach Germanien geht, um dort Christus zu verkündigen, ist doch ein großer Impuls. Zu sehen, wie über alle privaten Liebhabereien hinaus am Schluss die gemeinsame Aufgabe für das Evangelium, für die Präsens des christlichen und Christi, einen Menschen und unser aller Bedrängen und Drängen muss. Und dann finde ich die Synthese zwischen diesem Dynamismus, der ihn ja mit über achtzig Jahren noch mal auf Mission schickt und dem Ordnungssinn, denn er gleichzeitig hatte, großartig. Dass er einerseits wirklich ein Mann einer ungehörigen Dynamik ist, der eine Eiche fällt - ich könnte es also nicht, muss ich gestehen - und anderseits aber weiß, das Ganze kann nur gedeihen, wenn es auch seine Ordnung hat und die Einheit von Rom als eine Grundbedingung dafür, dass das Ganze wächst und zusammenhält. Insofern hat er sein sehr vielschichtiges Erbe: Er verkörpert das Anglosächsische, Germanische, aber dann eben auch den Sinn für die Ordnung, für die Ganzheit, für den geschichtlichen Zusammenhang und für den Zusammenhang mit dem Papst. Deswegen bleibt er eine ganze große Gestalt, eben auch als Märtyrer im Friesenland.“

Die Fragen stellte Dr. Christof Beckmann.