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Wissenschaftlicher Katholischer Studentenverein
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Bundesbruder Miloslav Kardinal Vlk, Erzbischof von Prag:
„Europa braucht eine geistliche Dimension – 
und wir Christen müssen sie bezeugen“

Erzbischof Milosloav Kardinal Vlk (rechts) im Gespräch mit (v.l.) Spiritual Martin Reinert, Domvikar Dr. Michael Menke-Peitzmeyer und Erzbischof Hans-Josef Becker. Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk (rechts) im Gespräch mit (v.l.) Spiritual Martin Reinert, Domvikar Dr. Michael Menke-Peitzmeyer und Erzbischof Hans-Josef Becker.

PADERBORN. Zwei Tage vor seinem 72. Geburtstag war Miloslav Kardinal Vlk, Erzbischof von Prag, am Samstag, 15. Mai 2004, Ehrengast beim 10. Jugendtag im Erzbischöflichen Priesterseminar Paderborn. Kardinal Vlk war von 1993 bis 2001 Vorsitzender der Europäischen Bischofskonferenz (CCEE). Während seines Aufenthaltes an der Pader traf er auch mit Erzbischof Hans-Josef Becker zusammen. Mit ihm sprach er über die Situation der Kirche in Deutschland und Tschechien, aber auch im gesamten Europa. Anschließend sprach er im Interview über Jugendliche in der heutigen Gesellschaft und die zentrale Bedeutung des Christentums für Europa.

Wir dokumentieren im Folgenden die Meldung des Pressedienstes pdp:

 
pdp: Eminenz, sehr geehrter Herr Kardinal, Sie erleben hier anlässlich des Jugendtages deutsche Jugendliche, die sich mit religiösen Fragen beschäftigen. Ist dies typisch für die junge Generation?
 
Kardinal Vlk: Es ist ganz normal, denn in der Jugend kommt die Zeit, in der man die eigene Verantwortung für den Glauben übernehmen muss. In dieser Reifezeit verliert oder verlässt man den Glauben, der sich auf Autorität – zum Beispiel die der Eltern – stützt. Da entstehen selbstverständlich viele Fragen. Und die Jugendlichen müssen, davon bin ich überzeugt, eigene Erfahrung machen mit dem Glauben. Nur so kann man eine bestimmte Sicherheit im Glauben gewinnen. Man muss selbst die Erfahrung machen: Gott ist mir nahe. Gott hat sich gezeigt als wahrer Gott und hat sich auch in meinem Leben so gezeigt. Entweder bewusst oder unbewusst suchen Jugendliche nach dieser Erfahrung. Deshalb braucht Jugend eine Gemeinschaft im Glauben. Jugendliche sind es nicht gewohnt, allein zu bleiben. Man hört zwar nicht mehr auf die Eltern und den Priester, aber man hört auf die Kollegen, auf das Miteinander.

pdp: Welche Eindrücke nehmen Sie vom Jugendtag mit nach Prag?
 
Kardinal Vlk: Mir gefällt, dass das Treffen beweglich ist und man keine großen Vorlesungen macht. Man versucht der Jugend nahe stehend zu sein und ihre Sprache zu sprechen. Es gibt nicht nur lange Reden, denen man zuhören muss, sondern auch Workshops, durch die die Jugendlichen zur Aktivität eingeladen werden. Abgesehen von diesen äußerlichen Dingen haben mir auch die ernsthaften Fragen gefallen, die ich am Mittag im kleinen Gesprächskreis erlebt habe. Es ist notwendig, Jugendlichen einen Raum zu schaffen, in dem sie fragen können, fragen dürfen. Das signalisiert der Jugend: Ich nehme dich ernst, ich sehe in dir einen Partner. Das ist wichtig.
 
pdp: Wir leben in einer Welt der Umbrüche: Es gelingt kaum, sich auf Zukunftsperspektiven zu einigen. Wie stark kann das Christentum in Europa die Zukunft des Kontinents mitgestalten, etwa im Wettbewerb mit materialistischen und ökonomischen Werten?
 
Kardinal Vlk: Den Vätern der europäischen Union war klar, dass diese Gemeinschaft nicht nur ökonomische oder politische Einheit braucht, sondern notwendig eine geistliche Dimension haben muss. Der Krieg hatte als Basis Hass. Nun musste man auf eine andere Basis bauen – und es gibt keine andere Basis als die gegenseitige Liebe, oder sagen wir, als die Solidarität. Das haben die Präsidenten der Europäischen Union gespürt. Der ehemalige Präsident der EU-Kommission Jaques Delors hat dafür das Wort von einer „Seele für Europa“ geprägt. Heute haben die Politiker insgesamt nicht den Mut, das zu formulieren und in die europäische Verfassung zu bringen.
Ich bin überzeugt, dass es ohne geistliche Dimension nicht gehen wird. Denn ohne sie kann die Demokratie keine feste Basis entwickeln. Nur das Christentum kann eine feste Basis für Grundwerte wie die die Würde des Menschen geben, weil das Christentum sagt: Ja, der Mensch ist von Gott als sein Ebenbild geschaffen – von daher hat er seine Würde. Europa braucht das Christentum.
 
pdp: Welcher Herausforderung müssen sich die Christen in Europa stellen?
 
Kardinal Vlk: Europa braucht eine geistliche Dimension – und wir Christen müssen sie nicht nur predigen, sondern auch bezeugen. Ein großes Zeugnis war die Begegnung „Miteinander für Europa“ vor zwei Wochen in Stuttgart: Dort hatten sich 10.000 Mitglieder unterschiedlicher christlicher Bewegungen und Gemeinschaften versammelt, über ihren Beitrag zur europäischen Union gesprochen und auch Zeugnis abgelegt. Diese Begegnung hat mir die feste Hoffnung gegeben: Wir Christen sind fähig, unser Zeugnis darzubringen. Die Werte von Einheit und Solidarität, offen zu sein und nicht nur an sich, sondern auch an die andern zu denken – das können wir Europa anbieten. Durch unser Zeugnis können wir darbringen, was Europa braucht. Das ist unsere Kraft und auch unsere Hoffnung.

 

Zur Person: Kardinal Vlk ist seit 1991 Ehrenmitglied des UNITAS-Verbandes.