Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
EUROPA:
50 Jahre Römische Verträge
Im
Interview: Dr. Thomas Jansen,
Europapolitischer
Sprecher
des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)
Am
25. März vor 50 Jahren erlebte das Kapitol in Rom festlich geflaggt die
Unterzeichnung der „Römischen Verträge“. Die Geburtsstunde des vereinigten
Europa wurde nun 2007 unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft groß gefeiert.
Doch der größte Gipfel im gebirgigen Riesenprogramm der deutschen Präsidentschaft
bleibt bis auf weiteres zunächst unbezwungen: 2005 scheiterte die Verfassung am
„Non“ und „Nee“ der Franzosen und Niederländer. Großer Streitpunkt
damals wie heute: Der Gottesbezug. Zum Leidwesen der Kirchen. Immer wieder
meldeten sie sich in Europafragen zu Wort, betonten vor allem eine Besinnung auf
die Grundwerte unserer Kultur, unterstrichen das soziale Europa und die
Verantwortung des Kontinents in der Welt.
Unterstützer
sucht derzeit ein am 28. Februar in Brüssel vorgestelltes Manifest mit dem
Titel „Den Sinn der europäischen Einigung wiederfinden“. Es richtet sich an
politische Entscheidungsträger, aber auch an Medien, Lehrer und Verantwortliche
der Zivilgesellschaft. Die „Initiative von Christen für Europa“ (IXE)
fordert darin eine Denkpause über die Grundlagen des Einigungsprozesses und
hofft auf zahlreiche Unterschriften. Dazu sprachen wir vor den Jubiläumsfeiern
in Berlin und Rom mit Dr. Thomas Jansen in Brüssel, von 1983-1994 Generalsekretär
der Europäischen Volkspartei (EVP) und Europapolitischer Sprecher des
Zentralkomitees der Katholiken.
Frage:
Herr
Dr. Jansen, die Unterzeichnung der Römischen Verträge war nach den
Schlachtfeldern des II. Weltkriegs ein ungeheurer Vorgang. Obwohl inzwischen ein
einzigartiges Friedenswerk entstand, ist ein europäisches Bewusstsein immer
noch schwach ausgebildet, gesamteuropäisches Handeln ist immer noch ein zähes
Geschäft. „Den Sinn der europäischen Einigung wiederfinden“ – so ist ihr
Manifest überschrieben. Kam uns der Sinn abhanden?
DR.
THOMAS JANSEN:
Genau, das ist ein Hintergrund für unseren Appell. Denn es sieht nicht so rosig
aus, was die Bereitschaft und das Bewusstsein der Bürger, auch vieler Politiker
betrifft. Wir haben allen Grund, die Geschichte der europäischen Einigung als
eine Erfolgsgeschichte zu sehen. Aber trotzdem wird sie als solche nicht richtig
wahrgenommen. Den Gründen bisschen auf den auf die Spur zu kommen und auch
dagegen anzugehen, das ist einer der Gründe für unsere Initiative.
Frage:
Die
Beweggründe für den europäischen Einigungsprozess scheinen den Gründervätern
noch ganz präsent gewesen zu sein, Politikern der Kriegsgeneration - vor allem
christlich motiviert -, mit einem Entwurf für eine Friedens- und
Wirtschaftsordnung für viele Generationen. Nun ist ihr Manifest eine
Bestandsaufnahme, nüchterne Bilanz einerseits, aber auch Arbeitsauftrag
sozusagen mit konkreten Visionen für die Zukunft ....
DR.
THOMAS JANSEN:
Ja, in der Tat. Zunächst geht es darum, daran zu erinnern, dass
diese europäische Einigungsbewegung ja auf einer Initiative beruht, die im
wesentlichen von Christen getragen worden ist. Aber nicht nur das, sie beruht ja
auch auf einer durchaus christlichen Ethik. Und eigentlich geht es immer noch
darum, auch wenn das in den Hintergrund gerückt ist. Es geht um Versöhnung, um
die Herstellung des Friedens, um Solidarität zwischen den beteiligten Nationen,
es geht um Gerechtigkeit, um die Schaffung einer Gemeinschaft des Rechts, um
Subsidiarität - also alles Dinge, die aus der christlichen Ethik und aus der
christlichen Tradition herkommen. Daran zu erinnern und zu fordern, dass diese
Werte wieder in den Vordergrund gerückt werden, sie insbesondere auch
angesichts der zukünftigen Herausforderungen zugrunde zu legen, das ist, glaube
ich, eine wichtige Botschaft dieses Manifests.
Bürgerbewegung
für Europa
Frage:
Absender
dieser Petition ist ein Bündnis, das der größeren Öffentlichkeit bislang
eher kaum aufgefallen ist. Eine Plattform für eine paneuropäische Bürgerbewegung,
vor allem aus christlichen, katholischen Laienorganisationen. Federführend sind
das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) gemeinsam mit der französischen
Partnerorganisation „Semaines Sociales“, mit vielen anderen Organisationen
zusammengeschlossen in der IXE, französisch für „Initiative des Chrétiens
pour l´Europe“, die hier ein Signal setzen wollen …
DR.
THOMAS JANSEN:
Es handelt sich um ein lockeres Netzwerk von im wesentlichen
katholischen Verbänden und Dachverbänden aus den verschiedenen Staaten
Europas. Nicht nur aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, sondern auch
darüber hinaus. Die Initiative hat vor etwa 10 Jahren das ZdK zusammen mit dem
französischen Partner, den „Semaines Sociales de France“ ergriffen. Wir
haben damals übrigens auch mit einem Manifest begonnen, dem „Manifest für
ein europäisches Bewusstsein“, in dem wir versucht haben, uns auf das zu
verständigen, was die Einigung Europas heute bedeutet und wie bedeutsam und
wichtig es ist, dass die Europäer ein europäisches Bewusstsein entwickeln, um
diesen Einigungsprozess auch unterstützen zu können. Nach und nach haben sich
andere Verbände aus verschiedenen anderen Ländern angeschlossen. Nach vielen
Kolloquien und Konferenzen die wir in verschiedenen Ländern organisiert haben,
gehören diesem lockeren Verband „Initiativen von Christen für Europa“
inzwischen Verbände aus allen Ländern an, die viele Millionen Menschen repräsentieren.
Allerdings gibt es große Unterschied in der Struktur und auch des Selbstverständnisses.
Was zunächst als Treffen von Freunden begann, ist nun formalisierter. Wir als
Deutsche sind natürlich immer sehr an Organisation interessiert und an
Institutionalisierung. Das sehen andere anders, doch allmählich ändern sich
die Meinungen und das Bewusstsein.
Frage:
Zum
Manifest zurück: Sie fordern eine Rückkehr zu den eigentlichen Motivationen
der Gründer des europäischen Einigungsprozesses. Doch für die Menschen von
heute scheint dies alles sehr weit weg. Berichterstattungen über Superkonten
der Brüsseler Mega-Bürokratie, unverständliche Eingriffe bis in den Alltag,
Selbstbedienungsmentalität, Klüngel und schwarze Kassen tragen nicht gerade
dazu bei, Sympathien für das europäische Projekt zu entwickeln. Was sagen sie
den Kritikern?
DR.
THOMAS JANSEN:
Erstens, dass Erscheinungsformen wie Bürokratie zunächst mit
Europa gar nichts zu tun haben. Das ist etwas, was in der Zeit liegt. Die Bürokratie
in den Nationalstaaten, unserer Provinzen, Städte und Länder, sind natürlich
sehr viel gewaltiger als die Bürokratie in Europa. Die Europa-Bürokratie ist
nach Personen nur halb so groß wie die Verwaltung solcher Großstädte wie
Paris oder Hamburg. Das ist ein Popanz der da aufgebaut worden ist. Im übrigen
hat diese Bürokratie ja auch Aufgaben, sie muss ja auch etwas bewältigen. Ohne
Organisation, ohne Bürokratien ist in unserer durchorganisierten Gesellschaft
wenig zu machen.
Frage:
Europa
muss zu sich selbst finden, fordern sie – das heißt vor allem auch, dass die
Menschen zu Europa finden. Mit Verstand – vielleicht eben auch mit dem Herzen.
Wie kann man die Menschen mitnehmen auf dem Weg?
DR.
THOMAS JANSEN: Zunächst
muss man sie von der Richtigkeit überzeugen und davon, dass der Weg in die
richtige Richtung führt. Und ich glaube, das muss zunächst einmal vom Verstand
akzeptiert sein. Mit dem Herzen aber auch: Natürlich muss man auf die Bedürfnisse
der Menschen zugehen und von ihnen ausgehen. Deswegen sagen wir ja auch sehr
deutlich, dass dieses Europa in seiner sozialen Dimension, die die Menschen
unmittelbar betrifft, sehr viel stärker unterstrichen werden muss. Heute ist
die Sozialpolitik insgesamt ja keine Sache Europas. Es sind nationale
Kompetenzen, die da greifen. Wir müssen aber in Zukunft doch auch darauf
dringen, dass es eine Verantwortung auf der europäischen Ebene für die
sozialen Fragen gibt. Wie man das im einzelnen organisiert, dass muss man dann
natürlich miteinander besprechen und muss man Lösungen finden. Aber das hier
die Verantwortung Europas gestärkt werden muss, dass scheint mir wichtig und
scheint mir auch wichtig für den Bezug Europas zu den Bürgern zu sein.
Frage:
Sie
appellieren in Ihrem Aufruf an alle, die zum Verständnis all der Zusammenhänge
und Grundfragen, beitragen können, die sich mit dem europäischen
Einigungsprozess verbinden, - an die Medien, an die Lehrer und an Akteure des
Kulturlebens, an die Verantwortlichen der Zivilgesellschaft. Um deutlich zu
machen, wie sehr wir einerseits bereits in einem bestehenden Europa leben, dass
es nicht allein um eine Besinnung auf die Vision der Gründerväter geht,
sondern um deren aktuelle Bedeutung in unserer Gegenwart und zugleich um ein
riesiges Zukunftsprojekt…
DR.
THOMAS JANSEN: Es
ist eben in der Tat keine Sache der Vergangenheit, sondern es geht hier um
Gestaltung der Zukunft, um die Vorbereitung des Lebens auch der nach uns
Kommenden, der Kinder und Enkelkinder, die wir vielleicht schon haben. Europa
ist auch nicht nur eine Sache der Politiker, obwohl wir natürlich an sie in
erster Linie appellieren. Europa ist eine Sache, die uns alle angeht und gerade
diejenigen, die in erziehenden Berufen, in Kommunikationsberufen tätig sind und
im kulturellen Leben eine Rolle spielen. Ansatzpunkte gibt es ja überall. Die
europäische Einigung findet ja nicht nur auf der wirtschaftlichen und auf der
finanziellen, auf der Währungsebene statt oder im Bereich der Außenpolitik. Es
sind ja im Zuge der europäischen Integration sehr viel Bindungen entstanden,
auch über die Grenzen hinweg von einem Land zum anderen. Es gibt heute kaum
noch einen zivilgesellschaftlichen Verband, der nur noch als nationaler Verband
existiert. Das gilt auch für die Parteien, für die Gewerkschaften und so
weiter. Das alles ist ganz wichtig und muss gefördert werden - aber auch
festgemacht am Sinn dieser ganzen Bewegung, die Völker Europas miteinander zu
versöhnen, Europa mit sich selbst zu versöhnen. Dadurch auch den Frieden zu
institutionalisieren, also unmöglich zu machen, dass es wieder Krieg gibt
zwischen einzelnen Völkern und Staaten. Es geht um die Solidarität, die in den
fünfziger Jahren und unmittelbar nach dem Krieg den Menschen vielleicht stärker
bewusst als heute war. Obwohl es allen sehr viel besser geht, ist doch die
Solidarität heute ebenso nötig wie damals. Denn es gibt nach wie vor und
wieder neu auch das Problem der Armut und der des Ausschließens von bestimmten
Bevölkerungsgruppen aus dem Wirtschafts- und Arbeitsleben. Alles das zu betonen
ist, glaube ich, sehr wichtig. Und dann kommt natürlich auch die ganze
Dimension der Verantwortung Europas in der Welt hinzu.
Frage:
Nun
sind viele dieser Fragen eben genau Gegenstand Ihres Manifestes, mit dem die
katholischen Laienorganisationen ein Innehalten und zugleich eine neue klarere
Ausrichtung des Projekts Europa fordern. Mit dem sie Menschen einladen, sich zunächst
sich selbst bewusst zu machen, wo wir stehen und um auch viele weitere auf
diesem Weg mitzunehmen. Jeder kann sich, sagen Sie, in diese Debatte
einschalten, sich informieren, sich im Internet als Unterstützer eintragen,
durch Emails an Freunde nach und nach eine veritable Lawine auslösen, die auch
ein Votum von Gewicht sein könnte …
DR.
THOMAS JANSEN: Ja,
wir würden uns natürlich sehr freuen. Da spreche ich nicht nur für die
Kolleginnen und Kollegen im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, sondern
auch für die Freunde in den anderen Verbänden aus allen europäischen Ländern,
wenn möglichst viele Unterschriften gerade auch aus Deutschland kämen, um uns
auf diese Weise zu unterstützen und um die Sache, um die es hier geht, um den
Aufruf den es hier geht, möglichst stark zu machen, damit er auch auf der
politischen Ebene gewisse Wirkung erzielen kann.
Frage:...
um vielleicht doch auch noch einmal deutlich zu unterstreichen, dass Europa nun
gerade auch eine ganz spezifische kulturelle Dimension hat? Einen Horizont, der
eher technische Fragen der Wirtschaft, des Sozialen, der Verteidigungs- und
Geopolitik überschreitet? Noch einmal grundsätzlich: Kann man das Christentum
aus der europäischen Geschichte, auch aus der Rechtsverfassung einfach
streichen?
DR.
THOMAS JANSEN: Nein,
natürlich geht das nicht. Es ist ja auch ganz evident, dass das Christentum
eine ganze große Rolle gespielt hat bei der Gestaltung des Abendlandes, unseres
heutigen Europas, und ja auch noch sehr präsent ist in allen Erscheinungsweisen
die Europa zu dem machen, was Europa ist. Da gibt es eine gewisse Scheu bei
vielen, das klar zu sagen. Obwohl es ein geschichtliches Fakt ist. Da spielt
diese meines Erachtens falsch verstandene Trennung von Kirche und Staat oder
Religion und Politik eine Rolle, die hier ein bisschen bis ins Absurde geführt
wird, wenn man nicht mehr bereit ist, geschichtliche Tatsachen anzuerkennen. In
unserer „Botschaft von Rom“ werden wir an die Staats- und Regierungschefs
appellieren, eben diesen geschichtlichen Tatsachen auch gemeinsam Ausdruck zu
geben.
Letzte
Frage: Gute
Initiativen brauchen Vorbilder. Robert Schuman wäre vielleicht so ein Vorbild,
der aus benediktinischem Geist geprägten „Vater Europas“, der Zeit seines
Lebens dem UNITAS-Verband angehörte. Wie stehen Sie zu seiner Seligsprechung?
Plädieren Sie dafür?
DR.
THOMAS JANSEN: Aber
ja! Er kann ganz ohne Zweifel ein sehr großes Vorbild sein und wäre außerordentlich
hilfreich, zur Beseelung des europäischen Einigungswerkes ganz deutlich
beizutragen.
Vielen
Dank für das Gespräch!
Hinweis: Das
Manifest – „Den Sinn der Einigung Europas wiederfinden“ und die
Unterschriftenliste unter www.zdk.de. Auch über
den 25. März hinaus kann man sich dort eintragen.
Zur Person: Dr.
Thomas Jansen, Jahrgang 1931, hat in vielfältigen Positionen für Europa
gerungen, nicht nur als ehrenamtlicher Generalsekretär der Internationalen
Europäischen Bewegung. Aus dem Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik, Bonn, in dem sich die Politiker aller Parteien in den 60er
Jahren trafen, stammte das Thema seiner Doktorarbeit „Die Abrüstungsfrage als
Problem der auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“, mit der er
das komplette Studium innerhalb von fünf Jahren beendete. Als Referent für
Europapolitik der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag kam er als Assistent
zu Walter Hallstein, dem ersten EU-Kommissionspräsidenten und späteren MdB.
1971-1975 war er persönlicher Referent des Vorsitzenden der
Christlich-Demokratischen Union Deutschlands Rainer Barzel MdB. Generalsekretär
der Europa Union Deutschland, Chefredakteur der „Dokumente. Zeitschrift für
den deutsch-französischen Dialog und übernationale Zusammenarbeit“, Leiter
der Außenstelle Rom/Italien der Konrad Adenauer-Stiftung, 1983-1994
als Nachfolger von Jean
Seitlinger Generalsekretär der Europäischen
Volkspartei (EVP), dann in der Kommission und als Kabinettchef
des Präsidenten des Wirtschafts- und Sozialausschusses in Brüssel tätig. Der
langjährige Vorsitzende des
CDU-Verbandes Brüssel-Belgien
ist u.a. Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische
Politik in Berlin und Europapolitischer Sprecher des Zentralkomitees der
deutschen Katholiken (Zdk).
Veröffentlichungen u.a.: Die Entstehung einer Europäischen Partei,
Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der EVP, Verlag: Europa Union /VVA,
Bonn 2001, ISBN 3771305268. Die europäischen Parteien. Strukturen, Personen,
Programme (mit Volkmar Kallenbach), Verlag: Europa Union /VVA, ISBN:
3-7713-0016-9; Europa: von der Gemeinschaft zur Union.
Strukturen, Schritte, Schwierigkeiten, Verlag: Europa Union /VVA, ISBN:
3-7713-0262-5. Die Europäische Volkspartei. Entstehung und Entwicklung. Hrsg.
v. Generalsekretariat der EVP, Brüssel 2006.