Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
„Stuttgarter
Rede zu Europa“ vom 11. Mai 2007
Walter
Kardinal Kasper:
„Europa braucht mutige und mündige Christen, die sich nicht wegducken“
STUTTGART.
Kurienkardinal
Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der
Christen, befasste
sich am 11. Mai im Rahmen der Europawoche 2007 im Weißen Saal des Neuen
Schlosses in Stuttgart mit dem Thema „Geistige Wurzeln Europas“. In der
diesjährigen „Stuttgarter Rede zu Europa“ unterstrich der Kardinal:
„Europa ist aber nicht nur eine wirtschaftliche Vereinigung, sondern braucht
geistliche und geistige Wurzeln. Davon ist das europäische Menschenbild geprägt“,
so der Kardinal. Europa benötige gemeinsame Werte und Ideale, die die Menschen
über alle Unterschiede hinweg verbänden. Die Wurzeln Europas hätten es groß
gemacht, und nur sie seien nun allein in der Lage, es auch in Zukunft
achtenswert zu machen.
Europa –
eine geistige Herausforderung
Kardinal Walter Kasper
I.
Wenn
ich zu Europa spreche, dann tue ich das selbstredend nicht als Politiker, aber
auch nicht aus rein akademischem Interesse. Mein Interesse an Europa entspringt
meiner persönlichen Lebenserfahrung. Als junger Gymnasiast habe ich die Stunde
Null, den totalen Zusammenbruch von 1945 erlebt. 62 Millionen Menschenleben hat
der zweite Weltkrieg weltweit gekostet, riesige Flüchtlingsströme bewegten
sich damals durch Europa, unschätzbare Kulturgüter wurden zerstört, nicht nur
Deutschland, ganz Europa lag in Trümmern und lag physisch wie moralisch am
Boden.
Heutige Jugendliche können sich nicht mehr vorstellen, was es in dieser
Situation für mich und viele meiner Altersgenossen bedeutete als Konrad
Adenauer, Robert Schuman, Alcide de Gaspari, Jean Monnet und andere die Idee
eines geeinten Europas formulierten. Sie wollten Europa aus der tiefsten Krise
seiner Geschichte herausholen und auf den Ruinen des zweiten Weltkriegs ein
erneuertes geeintes Europa bauen. Sie wollten den Nationalismus, der Europa in
den letzten Jahrhunderten in so viele blutige Nationalkriege verstrickt hatte,
überwinden und in einem vereinten Europa eine dauerhafte Friedensordnung
schaffen. Allein so konnte Deutschland nach der Schmach des Dritten Reiches
wieder einen Platz in der Völkergemeinschaft finden. Ich bin noch heute stolz
darauf, dass meine aller erste Veröffentlichung, der später viele andere
folgen sollten, ein Leserbrief in unserer Lokalzeitung war und dem Europathema
galt.
Die Gründerväter Europas waren keine rückwärtsgewandten Romantiker, die von
der Wiederherstellung des karolingischen Abendlandes träumten. Sie waren überzeugte
Christen; sie wussten aber, daß die christentümliche Gesellschaft des
Mittelalters unwiederbringliche Vergangenheit ist. Sie waren überzeugte
Demokraten, welche die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in
sich aufgenommen hatten, die nach der menschenverachtenden Tyrannei des
Nationalsozialismus und angesichts der damals realen Bedrohung der Freiheit
durch den sowjetischen Kommunismus die unveräußerlichen Menschenrechte
verteidigten, insbesondere die Religionsfreiheit und für die damit die
Unterscheidung von Staat und Kirche selbstverständlich war. Sie setzten auf die
gemeinsame Verantwortung und auf die ökumenische Zusammenarbeit der
Konfessionen. Nachdem Europa so viel Leid über die Welt gebracht hatte, sollte
es seiner Verantwortung bewusst sein für den Frieden in der Welt auf der
Grundlage von Toleranz, Respekt, Freiheit und Solidarität und nicht zuletzt von
Gerechtigkeit bei der Verteilung der Güter dieser Erde, die allen Menschen
gemeinsam gehören.
Für uns Junge war diese europäische Idee ein hoffnungsvoller Neuanfang, eine
zukunftsweisende Perspektive, eine große Hoffnung. Sie wurde zu einer
einzigartigen Erfolgsgeschichte. Aus anfänglich fünf bzw. sechs Staaten sind
inzwischen fünfundzwanzig geworden. Niemals zuvor in seiner Geschichte hat
Europa eine so lange Friedensepoche erlebt und einen so hohen Lebensstandard für
die große Mehrheit seiner Bürger erreicht.
Trotzdem ist etwas schief gegangen: Der Wohlstand weckt nicht Wohlbefinden
sondern Unbehagen. Die Europabegeisterung ist verflogen; Ernüchterung ist
eingekehrt; Europamüdigkeit macht sich breit. Dafür gibt es, wie immer,
vielerlei Gründe. Europa ist demokratisch unterlegitimiert; es scheint in die Hände
einer undurchsichtigen Bürokratie gefallen zu sein, die mit einer wahren
Regelungswut viele den Bürgern unverständliche Vorschriften erlässt, die
soziale Dimension Europas aber vernachlässigt.
Die Krise beim Verfassungsprozess ist ein Ausdruck dieser inneren Entfremdung
und zeigt zugleich das Wiedererstarken der Idee der Nation. Ein europäischer
Verfassungsvertrag, ein Grundgesetz oder wie immer man das am Ende bezeichnen
wird, ist nach meiner Überzeugung unverzichtbar.
Ein solcher Text kann jedoch kein Selbstzweck sein; er kann nur eine ihm
vorgegebene politischen Wirklichkeit ausgestalten. Er macht nur Sinn, wenn er
von den Menschen innerlich angenommen ist, wenn die Menschen bei aller
nationalen Vielfalt eine gemeinsame Identität besitzen und sich mit einem
gewissen Stolz als Europäer verstehen ohne dabei aufzuhören Deutsche,
Franzosen, Polen u.a. zu sein. Eine florierende Wirtschaft ist dabei wichtig, ja
lebenswichtig. Sie ist unverzichtbare Lebensgrundlage, aber sie ist nicht die
Lebenserfüllung. Wir brauchen Brot zum Leben, aber wir leben nicht vom Brot
allein. Um die Herzen der Menschen zu erreichen braucht es eine begeisternde zündende
Idee. Europa braucht eine Vision. Europa ist darum in erster Linie eine geistige
Herausforderung.
II.
Fragen
wir also: Wovon sprechen wir, wenn wir von Europa sprechen? Was ist das Europa?
Diese Frage ist nicht so akademisch wie es zunächst scheinen könnte. Sie kommt
jedes Mal auf, wenn es darum geht zu entscheiden, welche Länder zu Europa gehören
und welche es verdienen in die europäische Gemeinschaft aufgenommen zu werden.
Bei der Frage der Mitgliedschaft der Türkei wird diese Frage wohl zum ersten
Mal grundsätzlich diskutiert. Es ist paradox, daß uns die Frage nach der
eigenen europäischen Identität heute vom Islam gestellt wird, und wir nicht
recht wissen, wie wir darauf antworten sollen.
Die Frage läßt sich nicht rein geographisch entscheiden. Geographisch ist
Europa kein klar abgrenzbarer Kontinent wie etwa Afrika, Amerika, Australien. Wo
fängt Europa an?, wo hört es auf? Rein geographisch ist das nicht zu sagen.
Geographisch ist Europa ein Anhängsel an die Landmassen Asiens, in gewissem
Sinn eine Halbinsel Asiens. Europa läßt sich auch nicht ethnisch bestimmen.
Ethnisch gehören zu Europa lateinischromanische, germanische, slawische,
ungarisch-finnische und eine Reihe anderer Völkerschaften, Sprachen und
Kulturen, die alle ihre eigene Geschichte und ihre eigene Identität haben. Rein
wirtschaftliche Kriterien können die Antwort ebenso wenig sein; denn wenn es
allein nach ihnen ginge, müssten ganz andere Länder als etwa Bulgarien in die
EU
aufgenommen werden.
Von Europa als einer Wertegemeinschaft zu sprechen, ist gewiss richtig. Doch
abgesehen von der grundsätzlichen philosophischen Problematik des Wertbegriffs,
sind Werte eine abstrakte Sache. Sie allein können die europäische Identität
nicht begründen. Was gewöhnlich als europäische Werte bezeichnet wird, gilt
mehr oder weniger in allen Ländern der westlichen Welt. So gibt es immer wieder
Spannungen und Irritationen zwischen einer europäischen Integrationspolitik und
einer transatlantisch ausgerichteten Politik (obwohl beide keineswegs im
Widerspruch stehen).
Die westliche Zivilisation reicht sogar weit über den transatlantischen Raum
hinaus; sie reicht von Kanada und den Vereinigten Staaten bis Australien und
Neuseeland. Was also ist das Besondere Europas? Was macht die europäische
Identität aus? Gibt es sie überhaupt? Wollen wir sie? Und wenn ja, warum
wollen wir sie?
Jacques Delors sprach davon, Europa brauche eine Seele. Gewiss. Aber eine Seele
kann man nicht suchen und erst recht kann man sie nicht sich selbst einhauchen,
eine Seele hat man, oder man ist tot. Es geht also darum, daß Europa seine
Seele entdeckt. Auf die Frage, was Europa ist, gibt es darum nur eine Antwort:
Europa ist eine geschichtlich gewordene Größe, Europa ist eine geschichtlich
gewachsene Schicksalsgemeinschaft und bildet als solche eine Wertegemeinschaft.
Auch die vielen blutigen Konflikte, die sich Europa leider geleistet hat, haben
Europa zusammen geschweißt. Die Frage nach der Identität Europas lässt sich
also nur geschichtlich beantworten. Diese Geschichte verläuft in drei großen
Etappen:
Der griechisch-römische Humanismus und die griechisch-römische Kultur rund um
das Mittelmeer, sie reichte im Norden – das heutige Baden-Württemberg
durchschneidend – bis zum Limes, die jüdisch-christliche Überlieferung, und
die neuzeitliche Aufklärung. Sie sind nicht drei einander ablösende Phasen,
sondern drei sich aufeinander legenden Jahresringen zu vergleichen. Die
christliche Tradition hat das antike Erbe in sich aufgenommen und es
weitertradiert. Das war hauptsächlich das Verdienst der Mönche. Denken Sie nur
an die Reichenau und die ganze Mönchskultur rund um den Bodensee; das ist
Kernland europäischer Kultur. Die Neuzeit setzte nicht am Nullpunkt an; sie
setzt das christliche Verständnis von der Würde jeder einzelnen Person voraus;
schon vor den Aufklärern haben spanische Theologen in Kritik der spanischen
Kolonialpolitik in Lateinamerika und zur Verteidigung der Indios die Idee der
Menschenrechte entwickelt. Sie ist in der amerikanischen Verfassung – anders
als in Frankreich und vor Frankreich – unter spezifisch christlichem
Vorzeichen proklamiert worden.
Inzwischen haben sich alle großen Kirchen das bleibend Gültige der modernen
freiheitlichen Ideen zu eigen gemacht. Papst Benedikt hat in seiner Regensburger
Rede wie schon zuvor Johannes Paul II. auf der Grundlage des II. Vatikanischen
Konzils noch einmal deutlich gemacht, dass Glaube und Vernunft kein Gegensatz
sind sondern sich gegenseitig brauchen, sich gegenseitig gesund halten und
befruchten können. Sie sind die zwei Flügel der Seele.
Das europäische Menschenbild und die daraus entspringende europäische Kultur
und Lebensart sind also eine vielschichtige dynamisch sich entwickelnde, nie
abgeschlossene Synthese verschiedener Element, die immer wieder miteinander
ringen und angesichts neuer Herausforderungen immer wieder neu nach einem
Ausgleich suchen. Dieses Ringen ist heute in eine neue Phase eingetreten. Das
macht den Kern der gegenwärtigen Krise und die Schwierigkeit wie das Verheißungsvolle
eine Europavision zu formulieren aus.
Viele wollen es nicht wahrhaben, daß Europa auch christliche Wurzeln hat. Man
muß jedoch nur einmal von Gibraltar über Spanien, Frankreich, Deutschland bis
nach Estland, oder vom alten Konstantinopel über Kiew nach Moskau reisen. Man
wird dabei den unterschiedlichsten Völkerschaften begegnen, aber überall wird
man als Wahrzeichen das Kreuz finden, überall wird man im Zentrum der alten Städte
großartige Kathedralen sehen; sie finden sich nicht zuletzt in Franreich, das
so sehr auf seine spezifische Form von laicité pocht. Wie kann man die
Geschichte Europas verstehen ohne heilige Frauen und Männer wie Martinus,
Benedikt, Kyrill und Methodius, Brigitta von Schweden, Elisabeth von Ungarn und
Thüringen, ohne Martin Luther und die Reformatoren? Ohne sie wäre das Haus
Europa nie aufgebaut worden. Subjektiv man mag sich kritisch oder indifferent
dazu verhalten, objektiv kann man die jüdischchristlichen Wurzeln nur
contrafaktisch bestreiten.
Die Geschichte Europas ist freilich nicht nur eine Heliligengeschichte; es ist
auch eine Schuldgeschichte. Europa hat sein großartiges Erbe oft verraten: in
den Kreuzzügen, in den Religionskriegen, in denen sich Lutheraner und
Katholiken befehdet und Europa im 30jährigen Krieg an den Rand des Ruins
gebracht haben, in der Kolonisationsgeschichte, die auch eine
Ausbeutungsgeschichte war, in den beiden Weltkriegen und in den beiden
menschenverachtenden totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts, dem Nazismus
und dem sowjetischen Kommunismus, in der Shoah, der staatlich geplanten und ins
Werk gesetzten Ermordung von 6 Millionen Juden mitten in Europa.
In der Neuzeit hat Europa kulturgeschichtlich einen Sonderweg eingeschlagen.
Weder Afrika, noch Asien, noch Lateinamerika, auch nicht die Vereinigten Staaten
von Nordamerika, kennen das Ausmaß an Säkularisierung, das wir in Westeuropa
finden und sie schütteln darüber zunehmend den Kopf. Die Säkularisierung geht
einhergeht mit einen Relativismus, der grundlegendste menschliche Werte zur
Disposition stellt, sie mündet in einen Skeptizismus und Indifferentismus,
letztlich in einen Nihilismus. Marx ist tot, aber Nietzsche ist zu einem ungemütlichen
Zeit und Hausgenossen geworden. Die Idee der Toleranz dreht sich um und wird
intolerant gegen jeden, der noch eine feste Position bezieht, sie wird zur
Diktatur des Relativismus. Europa verachtet sich damit selbst. Der Hass und die
Verachtung nicht nur der radikalen Muslimen gegenüber dem Westen, ist neben
anderem in dieser Unkultur begründet. Auch in den Vereinigten Staaten
diskutiert man, ob und wie man sich vor der Ansteckung durch den europäischen Säkularismus
schützen kann. Ein neoliberaler Kapitalismus ist freilich ebenso wenig eine
tragfähige Basis wie ein sinnentleerter Konsumismus.
Die Idee Europas ist die von der unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen,
die nicht zum Hochmut dessen wird, der meint alles „machen“ zu können, die
vielmehr in geschöpflicher Demut um das dem Menschen gesetzte Maß weiß,
welche die Heiligkeit des Lebens achtet, die Gleichheit und die Solidarität
aller Menschen anerkennt und Ehrfurcht vor der Natur als Gottes Schöpfung hat.
Zur Kultur Europas gehört auch die auf die Ehe von Mann und Frau gegründete
Familie.
Die These, daß die Familie die Grundzelle der Gesellschaft ist, ist für mich
nicht nur eine abstrakte Behauptung; beim totalen Zusammenbruch aller anderen
Institutionen 1945 war die Familie die einzige Institution, die hielt und an die
man sich halten konnte. Diese europäische Idee widersteht neben dem Hochmut,
der meint alles selbstherrlich machen und verändern zu können, auch dem
Kleinmut, weil sie weiß, daß man mit Großmut sich große Ziele setzen und
etwas Großes leisten kann. Statt von den geschichtlichen Wurzeln Europas möchte
ich deshalb lieber von den Flügeln Europas sprechen, Flügel, die Europa hoch
gebracht und groß gemacht haben und die es auch heute in eine glückliche
Zukunft tragen können.
Europa muß aufwachen, vielleicht sogar aufschrecken. Europa muß zu sich selber
finden; es muß im guten Sinn des Wortes wieder selbstbewusst werden, zu sich,
zu seiner Geschichte und seiner Kultur und zu der darin begründeten Lebensart
stehen. Es muß seine Seele wieder entdecken. Wenn dies geschieht, dann hat, wie
der bekannte amerikanische Weltökonom Jeremy Riffkin zeigte, der europäische
Traum nach wie vor eine reale Zukunftschance. Zu Defätismus ist dann kein
Grund. Im Gegenteil, Europa hat, wenn es seiner selbst bewusst ist, seine
Zukunft ganz neu vor sich.
III.
Die
Geschichte bewegt sich nach dem großen Historiker A. J. Toynbee nach dem Schema
challenge and response, Herausforderung und Antwort. Ich möchte ohne Anspruch
auf Vollständigkeit vier solcher Herausforderungen nennen, vor denen sich
Europa heute steht, vor denen es sich zu bewähren hat, an denen es neu seine künftige
Gestalt und Sendung finden kann.
Die erste Herausforderung: Europa darf seine Geschichte nicht vergessen; Europa
muß seine Geschichte wach halten; Europa braucht eine neue Erinnerungskultur.
Die gegenwärtige Malaise Europas ist seine Geschichtsvergessenheit, die nur
partielle, oft ideologisch gesteuerte Wahrnehmung seiner Geschichte oder gar die
bare Unkenntnis seiner Geschichte. Wir müssen uns von unserer Geschichte neu
herausfordern lassen.
Erinnerung ist – wie man seit Platon und Augustinus und dann wieder seit Hegel
weiß – Vehikel und Organ aller Welterkenntnis und Weltorientierung. Ohne
Wissen um die eigene Herkunft gibt es keine Zukunft. Wer nicht weiß woher er
kommt, weiß auch nicht wo er augenblicklich steht und wohin er gehen soll. Ohne
Erinnerung sind wir nach Nietzsche wie das Vieh an den Pflock des Augenblicks
gebunden, ohne Perspektive und ohne Zukunft. Wir müssen darum die europäische
Vision und die europäische Seele in unserer Geschichte entdecken.
Natürlich geht es nicht um eine die Kinder- und Jugendzeit romantisch verklärende
Alterserinnerung. Wir wollen die negativen Aspekte, etwa die Shoah nicht verdrängen;
sie muß uns eine bleibende Warnung sein. Genau so wenig können wir die
Vergangenheit nur noch als Kriminalgeschichte wahrnehmen. Das letztere kommt mir
vor, wie wenn man mit dem Müllwagen durch Stuttgart oder Rom fährt und dabei
nur auf die Ansammlungen von Unrat achtet, dann freilich um ihn wegzuräumen.
Doch hat man dann Stuttgart oder Rom gesehen? Kaum. Gerade in der Erinnerung an
Leidens- und Unrechtsgeschichte entdeckt man unabgegoltene vielleicht sogar
unterdrückte Möglichkeiten, Potenziale und Ideale, welche uns vom Bann
augenblicklicher modischer Plausibilitäten befreien und einen kritischen wie
produktiven Blick auf die Gegenwart erlauben.
Etwas einfacher gesagt: Wir brauchen Vorbilder. Dabei müssen die großen Zeugen
und Märtyrer des 20. Jahrhunderts genannt werden. Sie standen für europäische
Werte; sie können uns Wegweiser für die Zukunft Europas im 21. Jahrhundert
sein. Sie finden sich in allen Kirchen und in allen Lagern. An solchen Gestalten
können wir uns orientieren und aufrichten. Dann kann Europa Zukunft haben.
Jürgen Habermas, der selbst nicht aus einer religiösen Tradition kommt, hat
gesehen, daß die Religionen über ein Potenzial verfügen, das einem rein säkularen
Denken abgeht, das man aber rational fruchtbar machen kann. In diesem
Zusammenhang muß man die Frage der Erwähnung der antiken, jüdisch-christlichen
und neuzeitlichen Wurzeln Europas und die Frage der Anrufung Gottes in der
Verfassung sehen. Die Anrufung Gottes hat nicht den Sinn, alle Bürger auf das
spezifisch christliche Gottesbild zu verpflichten, sie soll vielmehr gegen
totalitäre Zumutungen daran erinnern, daß wir als Menschen unter einem Maß
stehen, das nicht zur Disposition steht. Die Anerkennung Gottes bedeutet die
Anerkennung, dass wir nur Menschen sind und keine „Herrgötter“; sie ist das
Menschlichste überhaupt und Grundlage einer wahrhaft menschlichen Kultur.
Wie jedes Staatswesen so lebt auch Europa von vorpolitischen Maßstäben, die
wir anzuerkennen haben (W. Böckenförde). Man soll darum bei aller heute
selbstverständlichen Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Ordnung die
Orientierung und Maßstäbe vermittelnde Kraft der Religion nicht unterschätzen.
Europa braucht sie; Europa braucht mutige und mündige Christen, die sich nicht
wegducken, die vielmehr den antiken wie den jüdisch-christlichen Humanismus
wach halten und die Errungenschaften der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte gegen
die Gefahr einer Zerstörung durch sich selbst verteidigen. Das sind die
Grundmauern, auf denen das europäische Haus stabil und wetterfest aufgebaut
werden kann.
Die zweite Herausforderung: Europa steht heute angesichts der
Globalisierungsprozesse vor neuen Herausforderungen. Es muß ein weltoffenes,
gastfreundliches Haus sein. Gastfreundschaft ist eine alte und eine hohe jüdisch-christliche
Tugend. Sie zeichnete schon den Patriarchen Abraham aus und, einer der Gründervater
Europas, Benedikt von Nursia, hat sie uns ins europäische Stammbuch
geschrieben. Heute ist die Welt wie nie zuvor bei uns zu Gast, zunächst in
Gestalt der Gastarbeiter, die wir selber ins Land geholt haben, jetzt in Form
der weltweiten weitgehend armuts- und verfolgungsbedingten Migration, eine neue
Art der Völkerwanderung, die zu den „Zeichen unserer Zeit“ gehört und von
der man sich ebenso wenig ganz abschotten kann wie bei Überschwemmungen vom
einbrechenden Wasser.
Europa hat christliche Wurzeln, aber Europa ist kein christlicher Club.
Fremdenfeindlichkeit ist eine Karikatur europäischer Identität. Wir wollen
keinen „Zusammenstoß der Kulturen“ (Huntington) sondern einen friedlichen
Dialog der Kulturen und der Religionen, in dem wir die anderen in ihrer
Andersheit annehmen und uns dadurch selbst bereichern. Ohne solchen
Religionsfrieden kann es keinen Weltfrieden geben (H. Küng).
Im Verhältnis zum Judentum haben wir nach der Katastrophe der Shoah diese
Lektion hoffentlich gelernt, auch wenn man wachsam sein muß, da der
Antisemitismus immer wieder sein hässliches Haupt erhebt. Wesentlich
schwieriger ist die Frage im Verhältnis zum Islam. Der gehört nicht wie das
Judentum nicht zu den Grundlagen des Christentums; er ist eine nachchristliche
Religion, die den Anspruch erhebt, das Christentum zu korrigieren und zu überbieten
mit einer ambivalenten Einstellung zur Gewalt. Dabei ist der Islam nicht nur
eine andere Religion; er ist auch eine andere Kultur, die bislang den Anschluss
an unsere moderne westliche Kultur, zu der auch die Gleichstellung von Mann und
Frau gehört, nicht geschafft hat. Dies kann, wenn es denn gewollt wird, nicht
in wenigen Jahren, auch nicht in wenigen Jahrzehnten sondern nur in einem sehr
langfristigen Prozess geschehen.
Auch wenn man den Islam vom fanatischen Islamismus unterscheidet, darf man also
nicht blauäugig sein und aus einem naiven Harmoniestreben das Konfliktpotenzial
unterschätzen. Wegschauen hilft nicht; wir müssen die Herausforderung
annehmen. Wir müssen freilich alles uns Möglich tun, damit wir die
Herausforderung mit friedlichen Mitteln austragen und die bei uns lebenden
Muslime integrieren. Wir wollen darum den Dialog mit dem gemäßigten Islam. Das
setzt von unserer Seite Toleranz und Respekt voraus, aber auch Toleranz und
Respekt der Muslime gegenüber unserer Kultur und unseren Überzeugungen. Gegenüber
Intoleranz kann es keine Toleranz geben. Jede Gesellschaft braucht gewisses Maß
gemeinsamer Werte und Regeln um friedlich zusammenleben zu können. Multikulti,
d.h. ein Nebeneinander von Parallelgesellschaften ist europaweit gescheitert.
Der Dialog setzt darüber hinaus Partner voraus, die ihre jeweilige Identität
und ihr jeweils eigenes Profil haben; nur dann ist ein wirklicher Austausch und
ein friedliches Zusammenleben möglich.
Es ist darum kein Dialog sondern charakterlose Selbstverleugnung, wenn wir in
vorauseilendem Gehorsam einknicken und kapitulieren, wenn wir unsere Überzeugungen
und Werte verstecken, Kreuze abhängen, auf Weihnachtsfeiern verzichten (wo doch
auch der Koran eine Weihnachtsgeschichte kennt!) bis hin zu dem Schwachsinn,
keine Sparschweine mehr auszugeben. Mit solcher Appeasement-Politik werden wir
nicht Respekt sondern zurecht Verachtung ernten. Nur wer Selbstachtung besitzt,
kann auch andere achten.
Dritte Herausforderung: Europa und Ökumene gehören zusammen. Wenn man ein
Haus, auch das europäische Haus, neu einrichtet, dann muß man gelegentlich
trennende Wände abtragen um Platz für einen für alle bestimmten größeren
Wohnraum zu bekommen. Das gilt für die östliche wie für die westliche
Kirchenspaltung. Beide haben Europa in der Vergangenheit in blutige Konflikte
gestürzt; die konfessionellen Gegensätze waren mitentscheidend für die
Teilung Europas. Heute sind die Kirchen dabei wieder zusammenzurücken; sie
verstehen sich wie am Anfang als das europäische Haus gebaut wurde, als
geistigen Kitt und als Friedensstifter zwischen den europäischen Völkern.
Europa muß lernen, wieder mit beiden Lungenflügeln zu atmen und Ost- und
Westeuropa integrieren. Die Entfremdung beider war ein langer Prozess, der schon
im ersten Jahrtausend mit der Trennung von West- und Ostrom begann, im zweiten
Jahrtausend zu einem zunehmenden Auseinanderleben führte, durch 500 Jahre Türkenherrschaft
und durch 80- bzw. 40jährige kommunistische Unterjochung verstärkt wurde. In
dieser langen Geschichte haben sich auf beiden Seiten viele Vorurteile und
Missverständnisse in den Herzen eingegraben. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben wir die einmalige geschichtliche Chance, dass wieder zusammenwächst, was
zusammen gehört. Kulturell können wir davon nur gewinnen.
Das ist nicht nur eine politische und wirtschaftliche Herausforderung; die
Herausforderung ist auch kultureller Art. Es sind unterschiedliche Mentalitäten
und Kulturen entstanden, die jeweils unterschiedliche religiöse Prägung
besitzen, die nur durch einen Austausch der Kulturen überwunden werden können.
In diesem Zusammenhang muß man die ökumenischen Bemühungen um die Ostkirchen
würdigen. Dabei führen wir nicht nur theologische Gespräche, es gibt auch
Besuchsprogramme, Stipendienprogramme, Foren, Symposien, Förderung von Übersetzungen
u.a. Letztlich gelingt Ökumene nur, wenn es gelingt Bande der Freundschaft zu
knüpfen.
Die Ökumene mit dem Osten ist nicht – wie hierzulande manche befürchten –
eine Alternative zur westlichen Ökumene zwischen der katholischen Kirche und
den evangelischen Kirchen. Wenn Zeit wäre, könnte ich leicht aufzeigen, wie
beides zusammenhängt. In diesem Zusammenhang möchte ich nur grundsätzlich
betonen: Ökumene ist ein Beitrag zur Einheit Europas. Unsere ökumenischen Versöhnungsprozesse
können ein ermutigendes und ansteckendes Beispiel dafür sein, daß auch nach
einer Geschichte, die wahrlich nicht nur von christlicher Nächstenliebe geprägt
war, Versöhnung möglich ist. Ein Scheitern der Ökumene könnten wir weder vor
Gott noch vor der Geschichte verantworten. Zur Ökumene gibt es keine
verantwortliche Alternative. Sie eine unwiderrufliche Option der katholischen
Kirche.
Schließlich die vierte Herausforderung: Mit der Katastrophe des zweiten
Weltkriegs war die Zeit des Eurozentrismus unwiederbringlich vorbei. Der
Niedergang Europas führte zum Ende des Kolonialismus, zum Aufkommen anderer Großmächte
und aller Voraussicht nach noch in unserem Jahrhundert zum Aufstieg Asiens. Wenn
Europa in Zukunft noch etwas ausrichten will, dann nur als vereintes Europa. Ein
Rückfall in ein reines Nationalstaatsdenken wäre verhängnisvoll. Auch ein
vereintes Europa kann sich nicht zurückziehen. Europa kann keine Insel der
Seligen sein. Europa hat – grundgelegt bei den Griechen und vor allem bereits
auf der ersten Seite der Bibel, wo gesagt ist, daß alle Menschen gleichermaßen
nach dem Bild Gottes geschaffen sind – die Idee der allgemeinen Menschenrechte
entwickelt. Sie sind ein Fortschritt im Menschheitsbewusstsein; sie sind
unteilbar und gelten universal.
Es könnte die neue Herausforderung Europas sein, dieses sein Erbe als Grundlage
einer universalen Friedensordnung weiterzutradieren und es gegen Hegemonieansprüche
aller Art zu verteidigen, die dieses abschätzig als partikuläre Tradition von
„Menschrechtsspießern“ eines „alten Europa“ abtun wollen. Das könnte
Europas wichtigster künftiger Beitrag zum Weltfrieden sein. Wir brauchen eine
Globalisierung nicht nur der Wirtschafts- und Finanzmärkte sondern vor allem
eine Globalisierung der Menschenrechte und der Solidarität.
Universale Menschenechte implizieren eine universale Verantwortung für
Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Europa muß darum Verantwortung übernehmen
für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit in der Welt. Europa muß aufgrund
seines Menschenbildes eintreten für eine neue Kultur des Teilens und der
Solidarität wie der Achtung vor der Umwelt als Lebenswelt des Menschen. Darüber
hinaus kann Europa ein Modell dafür sein, dass auch nach einer komplexen und
schwierigen Geschichte die Hand zu Versöhnung und zur Freundschaft ausgestreckt
und ergriffen werden kann.
Lassen Sie mich schließen. Die europäische Erfolgsgeschichte ist noch nicht zu
Ende. Sie fängt heute ganz neu an. Europa hat noch eine Sendung. Wir müssen
den Mut und die Kraft haben, uns nicht wegzuducken sondern den neuen
Herausforderungen ins Auge zu sehen und sie mutig anzupacken. In diesem Sinn möchte
ich die Europa-Begeisterung, die mich als junger Gymnasiast erfasst hat, nicht
begraben. Ich möchte sie als geistige Herausforderung begreifen und an die Großmut,
d.h. an den Mut zu Großem und an das Selbstvertrauen appellieren, die europäische
Idee, die menschliche Größe mit menschlichem Maß, die Freiheit mit
Verantwortung und Solidarität verbindet, aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
Diese Idee hat Europa groß gemacht; sie hat noch längst nicht ausgedient. Sie
ist Europas Beitrag zur Kultur und zum Frieden in der Welt, der Beitrag dessen
die Welt bedarf und den wir der Welt schuldig sind.
[Vom
Staatssekretariat Baden-Württemberg veröffentlichtes Rede-Manuskript]