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04.05.2007


Europa an seine christliche Prägung erinnern

Vollversammlung des ZdK am 4./5. Mai 2007


Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, hat die Christen in Europa dazu aufgefordert, nicht darin nach zu lassen, an die fortdauernde christliche Prägung der europäischen Wirklichkeit zu erinnern und deren gegenwärtige Bedeutung zu betonen. Die europäische Wirklichkeit sei durch drei wesentliche Quellen geprägt, so Meyer vor der Vollversammlung des ZdK am Freitag, dem 04. Mai 2007: das geistige Erbe der griechisch-römischen Antike, die jüdische und christliche Glaubenstradition und die Ideale der Freiheit und Aufklärung. Den Versuch, unter diesen geistigen Quellen das Christentum zu verschweigen oder seine herausragende Rolle hinter der Formel von der religiösen Vergangenheit zu verstecken, bezeichnete der Präsident des Zentralkomitees als realitätsfremd.

In diesem Zusammenhang brachte er auch sein Befremden über Proteste europäischer Abgeordnete zum Ausdruck, die sich gegen eine Einladung des Papstes ins Europäische Parlament gewandt hatten. Hierbei handelt es sich nach Meyer um einen erneuten Versuch, Europa der ideologischen Doktrin des Laizismus zu unterwerfen.

Bei aller Unabhängigkeit von Kirche und Staat sei und bleibe Religion ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Darum müssten die Kirchen an dem öffentlichen Diskurs teilnehmen, so der ZdK-Präsident. Es sei ein Ausdruck dieser Wirklichkeit, wenn der Papst eingeladen werde, vor dem Europäischen Parlament zu sprechen. Er ermunterte den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gerd Pöttering, nachdrücklich an seine Einladung festzuhalten.


Bei der Vollversammlung des ZdK am 4./5. Mai 2007 sagte
Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident des ZdK zum Thema „Europapolitik“ nach seinem Redemanuskript im Wortlaut:

“Ein herausragendes Ereignis im politischen Leben Europas war der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Die Jubiläumsfeiern und deren Vorbereitung bezeugten den geschichtlichen Fortschritt zu einer Gemeinschaft des Friedens und der Zusammenarbeit, den die Völker der Europäischen Union im Prozess der Einigung bisher erreicht haben und der nicht wieder verloren gehen darf. Die Feiern machten aber auch die Spannungen deutlich, die zwischen den verschiedenen Dimensionen der europäischen Wirklichkeit bestehen. Einerseits erinnerte dieses Jubiläum an die Tatsache, dass es neben der schmerzlichen geschichtlichen Erfahrung zweier Weltkriege das gemeinsame christliche Erbe war, das die Gründungsväter des vereinten Europas zu diesem mutigen Neuanfang motivierte. Andererseits gibt es in Europa keine Einmütigkeit über das europäische Selbstverständnis und die Perspektive der gemeinsamen Entwicklung. Es war eine große Leistung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der gegenwärtigen Präsidentin des Europäischen Rates, dennoch alle Mitgliedsstaaten zur Berliner Erklärung zusammenzuführen.

Ob es gelingt, die dringend notwendige Erhöhung der Handlungsfähigkeit der Europäischen Union dadurch zu sichern, dass das Projekt des Verfassungsvertrages – jedenfalls als erster Schritt – auf einen Grundlagenvertrag reduziert wird, bleibt abzuwarten. Auch dies wäre ein bedeutsamer Gewinn gegenüber dem jetzigen Zustand. Die umstrittene Frage, wie weit sich die Europäische Union dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, wird jedoch auf der Tagesordnung bleiben, weil dies viele Menschen in Europa bewegt. Sie steht überdies in Zusammenhang mit der Grundfrage nach den geistigen Quellen, welche die europäische Geschichte geprägt haben und die bis heute das Gesicht Europas bestimmen. Die Antwort darauf gibt die europäische Wirklichkeit selbst: Die drei wesentlichen Quellen Europas sind das geistige Erbe der griechisch-römischen Antike, die jüdische und christliche Glaubenstradition und die Ideale der Freiheit und Aufklärung. Der Versuch, unter diesen geistigen Quellen das Christentum zu verschweigen oder seine herausragende Rolle hinter der allgemeinen Formel von der religiösen Vergangenheit zu verstecken, sind realitätsfremd. Ganz unabhängig davon, was künftig in einer europäischen Verfassung oder in einem vergleichbaren Rechtsdokument steht, werden wir nicht aufhören, an die fortdauernde christliche Prägung der europäischen Wirklichkeit zu erinnern und deren gegenwärtige Bedeutung zu betonen. Das ist eine gemeinsame Aufgabe der Christen in Europa.

Darum waren wir dankbar, dass die ComECE, also die Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen bei der EU, aus Anlass des 50. Jahrestages der Römischen Verträge und zeitgleich zum Berliner Gipfel in Rom einen Kongress durchführte, der Repräsentanten der Kurie und der ComECE, namhafte katholische Laien und führende katholische Politiker in Europa vereinte und deren gemeinsamen Position in einer Erklärung zum Ausdruck brachte. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und wichtige katholische Verbände waren an der Vorbereitung und Gestaltung des Kongresses aktiv beteiligt. Im Vorfeld des Kongresses hatten wir eine Erklärung der Initiative Christen für Europa mit unterzeichnet, in der die Herausforderungen für die europäische Entwicklung klar benannt werden. Die neu entstandene Initiative ist eine Frucht der Zusammenarbeit, die uns seit vielen Jahren mit den Semaines Sociales de France sowie katholischen Organisationen und Persönlichkeiten in anderen europäischen Ländern verbindet. Dem Kongress lag auch der Bericht eines aus führenden europäischen Persönlichkeiten bestehenden "Rates der Weisen" vor, an dem auch unser Mitglied Erwin Teufel mitgewirkt hatte. Die Bedeutung des Kongresses in Rom wurde durch die Tatsache unterstrichen, dass der Heilige Vater die Teilnehmer empfing und bei dieser Gelegenheit in einer eindrucksvollen Erklärung unterstrich, dass Europa vor allem "eine geschichtliche, kulturelle und moralische Identität" darstellt, "zu deren Formung das Christentum beigetragen hat; somit hat es nicht nur eine historische, sondern eine gründende Rolle gegenüber Europa übernommen".

Wir sind allen deutschen Politikern dankbar, die diese Erklärung würdigten. Aber wir haben auch jene nicht überhört, welche in Europa Religion in den privaten Raum verbannen wollen. Das zeigt uns aktuell eine Auseinandersetzung im Europäischen Parlament. Dessen Präsident, Prof. Hans-Gert Pöttering, hatte seine Teilnahme am Kongress dazu genutzt, den Papst zu einer Rede ins Europäische Parlament einzuladen. Dagegen hat eine Gruppe europäischer Abgeordneter protestiert, weil dies der strikten Trennung von Kirche und Staat widerspräche, die zu den Prinzipien der Europäischen Union gehöre. Es ist dies einer der vielen Versuche, das sich integrierende Europa der ideologischen Doktrin des Laizismus zu unterwerfen.

Auch wir sind für die wechselseitige Unabhängigkeit von Kirche und Staat, aber wir sind gegen eine radikale Trennung, weil es Staat und Kirche um die gleichen Menschen geht. Auch für uns gehört die Religions- und Gewissensfreiheit zum Kern der Menschenrechte. Aber die Religionsfreiheit wird halbiert, wenn man sie auf den privaten Raum des Individuums beschränkt. Daher halten wir es für unlogisch, wenn bei einer Umfrage in den Niederlanden zwar 75 % der Befragten die Kirche als "moralischer Anker" wichtig ist, aber nicht viel weniger dagegen sind, dass die Kirchen öffentlich zu Themen wie Abtreibung, Ehescheidung oder Sterbehilfe Stellung nehmen. Religion ist und bleibt Teil des gesellschaftlichen Lebens. Darum müssen die Kirchen am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Daher ist ein Ausdruck dieser Wirklichkeit, wenn Papst Benedikt XVI. eingeladen wird, vor dem Europäischen Parlament zu sprechen. Die Feiern zum 2. Jahrestag seines Pontifikats und seines 80. Geburtstages haben erneut die hohe Wertschätzung gezeigt, die ihm weltweit entgegengebracht wird. Wir ermutigen Präsident Pöttering nachdrücklich, an seiner Einladung festzuhalten. Wir wollen kein laizistisches Europa. Und ein christentumsfreies Europa gibt es nicht und wird es nicht geben.“