HOME 



 Wer wir sind 




Unser Haus 




 Programm 




 Kontakt 



Bilder 



Presse



AKTUELL



Geschichte

 


 EMAIL


 HOME





 

Gedenken an die vier „Lübecker Geistlichen“:
Gottesdienste am 10. und 12 November 2006 in Lübeck und Hamburg
 - Seligsprechungsprozess für zwei Bundesbrüder ist eingeleitet


Zum 63. Jahrestag der Ermordung der vier Lübecker Geistlichen finden in Hamburg und in Lübeck Gottesdienste und Begegnungen statt. In der Katholischen Kirche ist das Andenken an die drei Kapläne seit ihrem Tod wach gehalten worden. Jedes Jahr wird der Todestag in der Krypta der Lübecker Herz-Jesu Kirche gefeiert, viele Einrichtungen tragen ihre Namen. Auch die UNITAS wird der Märtyrer für den Glauben gedenken.

Der traditionelle Gottesdienst in der Todesstunde der Geistlichen wird in der Lübecker Propsteikirche Herz-Jesu am 10. November um 18 Uhr mit Erzbischof em. Dr. Ludwig Averkamp gefeiert. In der 1891 geweihten, damals einzigen Katholischen Kirche für Lübeck und Umgebung (s. Bild mit Kircheninnerem und Krypta) waren die drei katholischen Seelsorger gemeinsam in der Gemeindearbeit tätig gewesen. Im Anschluss an die Messe ist ein Beisammensein im Haus Simeon, Hartengrube 2-4 geplant.

In der Hamburger St. Ansgar-Gemeinde/Kleiner Michel wird die Erinnerung an die Martyrer wach gehalten, weil sie in dem im Gemeindegebiet liegenden Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis starben. Die Gefängniskirche in ihrer Hinrichtungsstätte erhielt im Gedenken an die vier Lübecker Geistlichen den Namen „Kapelle des 10. November“. Im Kleinen Michel beginnt am 12. November um 18 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst mit Erzbischof Dr. Thissen und Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter zum Thema „Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“ Anschließend gibt es eine Begegnung bei Brot und Wein in der Katholischen Akademie. Prof. Dr. Stephan Pfürtner aus Marburg, Zeitzeuge und Mitgefangener der Lübecker Geistlichen, wird einen Vortrag halten.

1943: Prozess vor dem Volksgerichtshof

Der Prozess gegen die vier Geistlichen, Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek (* 13.8. 1911 in Hamburg), Bundesbruder Adjunkt Eduard Müller (* 20.8. 1911 in Neumünster), gegen Vikar Hermann Lange (* 16.4. 1912 zu Leer in Ostfriesland) und Pastor Karl Friedrich Stellbrink dauerte kaum zwei Tage (22./23. April). In der Anklage gegen die drei katholischen Geistlichen, die gemeinsam an der Lübecker Herz-Jesu-Kirche in der Seelsorge tätig waren, hieß es: „Ihnen ist zur Last gelegt, seit 1940 oder Anfang 1941 ständig deutschsprachige Sendungen des feindlichen Rundfunks abgehört und verbreitet und dadurch die Feindpropaganda gefördert zu haben. Sie haben ferner seit Frühjahr oder Sommer 1941 auf Anordnung Ihrer vorgesetzten Kirchenbehörde regelmäßig Gruppenabende veranstaltet, die der religiösen Vertiefung der Teilnehmer dienen sollten und zu denen sich auf Einladung durch die Angeklagten überwiegend junge Männer einfanden, die zum Teil der Wehrmacht angehörten und die weitere Gäste einführten; sie sind weiter beschuldigt, auf diesen Gruppenabenden durch Hetze gegen den nationalsozialistischen Staat, und zwar auch durch Verteilung von Schriften, dem Kriegsfeind Vorschub geleistet und Vorbereitung zum Hochverrat begangen zu haben.“ 

Das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen ... Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“ Die Bewertung späterer Historiker ist eindeutig: Von einem Gerichtsprozess kann eigentlich keine Rede sein. Das Urteil stand bereits vorher fest. Es sollte zur Abschreckung gegen alle kritischen Kirchenleute dienen. 

Die Märtyrer von Lübeck

Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, durfte aber Besuche (u.a. von ihrem Bischof Wilhelm Berning) empfangen. Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schaffott geführt und durch das Fallbeil hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller (32), dann Hermann Lange (31), dann Johannes Prassek (31) und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (49). Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert. Die sterblichen Überreste unserer Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller sind verschwunden.  
Auch die Abschiedsbriefe der Lübecker Märtyrer Johannes Prassek, Hermann Lange und Karl-Friedrich Stellbrink galten Jahrzehnte lang als verschollen oder vernichtet. Im November 2004 tauchten diese Briefe wieder auf. Der Lübecker Historiker Prof. Dr. Peter Voswinckel entdeckte eine ganze Reihe Märtyrer-Dokumente im Berliner Bundesarchiv. Sie waren nach dem Krieg in Archiven der DDR gelandet. Die gefundenen Texte lassen den Weg der Briefe jetzt nachzeichnen. Der Volksgerichtshof hatte die Auslieferung verboten. Grund waren die Bekenntnisse der Zuversicht, ja der Freude der Geistlichen vor ihrem Tod. "Mit diesen Bemerkungen haben die Verurteilten offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sie sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine gute Sache eingesetzt und ihr Leben als Märtyrer eingesetzt hätten." So der Volksgerichtshof.  

Bbr. Kaplan Johannes Prassek

Unser Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek ist als Haupt der drei katholischen Martyrerpriester und der festgenommenen Laien der Lübecker Herz-Jesu-Pfarrei wohl der bekannteste Martyrer des UNITAS-Verbandes. Johannes Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboren. Er hatte noch zwei Geschwister, eine Schwester und einen Bruder. Sein aus Schlesien stammender Vater war Maurer. Prassek wuchs unter wirtschaftlich einfachen Verhältnissen auf. Besonders liebte er seine Mutter, eine aus Mecklenburg kommende Konvertitin, dessen liebenswerte Art und ihre Frömmigkeit ihn besonders prägten. Beeinflusst wurde der junge Prassek aber auch durch die „Grauen Schwestern“, die an der Katholischen Schule Elsastraße in Barmbek lehrten.

Nachdem er hier die Grundschulzeit absolviert hatte, wechselte er auf die Katholische Höhere Knabenschule. Ostern 1927 trat er in das Hamburger Johanneum ein, wo er 1931 das Abitur ablegte. Im gleichen Jahr bezog er die Jesuiten-Hochschule Sankt-Georgen in Frankfurt am Main, wo er in den W.K.St.V. UNITAS-Frankfurt rezipiert wurde. 1933 wechselte er nach Münster, wo er sich dem W.K.St.V. UNITAS-Ruhrania anschloss, 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück. 1936 feierte "Knirps", wie ihn seine Bundesbrüder tauften, das 25. Stiftungsfest seiner Münsteraner Ruhrania in der Ratsschenke mit (s. Bild, ganz links außen). In diesem Jahr starb 49-jährig seine Mutter. Ab diesem Zeitpunkt schilderte er sein studentisches Leben später als recht karg. Zwar wurde ihm das Studium vom Bischöflichen Stuhl in Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg zum Teil finanziert, dennoch musste er sich nebenher mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.

Am 13. März 1937 wurde Johannes Prassek im Dom zu Osnabrück zum Priester geweiht. Am Tag seiner Weihe bezeichnete er sich als den „glücklichsten Menschen“, meinte aber, er werde noch einmal viel zu leiden haben. Kurz darauf trat er seine erste Stelle als Vikar im mecklenburgischen Wittenburg an. Im Jahr 1939 wurde er schließlich Vikar an der Lübecker Pfarrei Herz-Jesu und dort ein Jahr später zum ersten Kaplan ernannt. Er war dort schnell ungewöhnlich beliebt und seelsorglich erfolgreich. Dieses hing auch mit seiner Art und seiner Ausstrahlung zusammen. Seine ungewohnt hohe und hagere Gestalt, sein sonorer Bass, sein Humor und seine Freundlichkeit beeindruckten gleichsam schon im vorreligiösen Bereich. Seine Seelsorge brachte ihn bis an den Rand seiner körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit, wollte Prassek doch „allen alles sein“, wie sich noch viel später Gemeindemitglieder erinnerten. Seine Herzlichkeit, Weltzugewandtheit und gelegentliche Burschikosität konnten und sollten nie seine eindringlichen Bemühungen um eine Vertiefung christlicher Wahrheitserkenntnis verdecken. Sein Ruf als Prediger wuchs schnell, die beeindruckenden Sonntagspredigten zogen aber nicht nur zahlreiche Gläubige, sondern auch Gestapo-Spitzel an. 

Vor der Kirche warnten ihn Wohlmeinende nach dem Gottesdienst wegen der in ihren Augen allzu unvorsichtigen Kritik gegenüber der NS-Ideologie. Prassek ließ sich dadurch nicht beeindrucken und meinte nur, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse. In seinen Gesprächskreisen, insbesondere mit in Lübeck stationierten Soldaten, aber auch in seinen Seelsorgestunden war die Atmosphäre entspannt und herzlich. Hier wurde zuweilen offen über den Nationalsozialismus, die kirchenfeindliche Politik des Regimes, den Krieg und das sittenwidrige Verhalten der Machthaber gesprochen. Inzwischen hatte Prassek etwas Polnisch gelernt, um den polnischen Zwangsarbeitern in Lübeck seelsorglich und menschlich Beistand leisten zu können. Dieses war eigentlich unter Androhung hoher Strafen strikt untersagt, blieb aber der Gestapo bis zum Schluss verborgen, weswegen diese Aktivitäten auch später in der Anklageschrift gegen ihn nicht auftauchten.

Nachdem Johannes Prassek im Sommer 1941 den um 17 Jahre älteren und ihm geistesverwandten evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink kennengelernt hatte, konnte er seine bisherigen gegen das NS-Regime gerichteten Tätigkeiten noch verbreitern. Man beschloss, Informationen über „feindliche“ Rundfunksender auszutauschen und Flugschriften zu verteilen. Unterdessen hatte sich bei Prassek jedoch ein Gestapo-Spitzel eingeschlichen. Prassek vertraute dem jungen Mann, der vorgab, sich dem katholischen Glauben zuwenden zu wollen und nahezu mittellos zu sein. In seiner spontanen Art half er ihm und vertraute ihm auch rückhaltlos seine Kritik am Regime an. Dass er den jungen Mann für einen Freund nur gehalten hatte, konnte er erst nach seiner Verhaftung feststellen. Dieses war für ihn, wie er später in einem Brief aus dem Gefängnis schrieb, eine besonders schmerzhafte Erfahrung. Doch ließ die Staatsmacht Prassek vorerst an der langen Leine laufen, mehr noch: Zwei Wochen vor seiner Verhaftung wurde Prassek wegen seines selbstlosen Einsatzes während der Lübecker Bombennacht „im Namen des Führers“ das Luftschutz-Ehrenabzeichen verliehen.

Als die Gestapo Bundesbruder Johannes Prassek am Vormittag des 18. Mai 1942 abholte, kam dieses für ihn nicht überraschend. Er wurde in das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes gebracht. Das Burgkloster (heute Museum Burgkloster) diente bis in die 60er Jahre als Gerichtsgebäude und Gefängnis. Prassek und die anderen Gefangenen mussten über ein Jahr auf ihren Prozess warten. Über seine Gefangenschaft sind wir aufgrund erstaunlich zahlreicher Briefe, die ihre Empfänger auf zum Teil abenteuerliche und, in einem Fall, mit zwölfjähriger Verspätung erreichten, besonders gut unterrichtet. Die Gefängniskost war damals auch für Untersuchungsgefangene außerordentlich dürftig und unzulänglich. Für den schon vorher magenempfindlichen Prassek wurde sie zur Qual. Auch unter der Kälte der im Winter kaum geheizten Zelle hatte er schwer zu leiden. Besucher waren nur selten zugelassen. Isolation und Hunger gehörten zu den Haftbedingungen. Johannes Prassek schrieb in einem Brief an einen Freund: „Weißt du, was Hunger ist? Wenn der Magen knurrt und man hat dieses unangenehme Hungergefühl, das ist noch kein Hunger! Aber wenn es dir aus dem Hals rausstinkt vor Leere [...], wenn im Munde zwischen den Zähnen [...] so ein fieser Geschmack des Mangels sich bemerkbar macht, wenn das Zahnfleisch sich löst und schon bei einer leichten Berührung mit der Zunge das Blut herausquillt, wenn trotz Kleidung, trotz sommerlicher Hitze Dein Körper nicht warm wird, sondern die Finger [...] und die Zehen [...] blutleer und abgestorben sind, wenn Du bis an die Ellenbogen kalte Arme und bis an die Knie kalte Beine hast [...]. Und dann dieses grausige dumpfe Gefühl im Kopf, [...]. Es ist einfach physisch unmöglich, anders zu sein als unzufrieden. Das ist Hunger, und das ist hier seit Monaten mein Begleiter.“

Schließlich wurde ihm nach einer kirchlichen Intervention das kleine Privileg zugestanden, dass er aufgrund seines sich verschlimmernden Magenleidens private Verpflegung annehmen durfte. Gegen dieses Privileg hatte er sich zuerst gewehrt, gab dann aber wegen seines schon bedrohlichen Gesundheitszustandes nach. Besonders litt Prassek aber unter den menschlichen Verwerfungen. Der Verrat seines vermeintlichen Freundes ließ ihn zu Anfang seiner Haft daran zweifeln, ob er, so er jemals wieder frei käme, für die Seelsorge noch geeignet sein werde. Zusätzlich streute die Gestapo in Lübeck vollständig unfügliche Gerüchte über seinen Lebenswandel bzw. über sein Ernstnehmen des Zölibats, was zu dieser Zeit in ganz Deutschland eine beliebte Methode war. Mit solchen Gerüchten versuchte die NS-Propaganda immer wieder, einen Keil zwischen die Geistlichen und ihre Gläubigen zu treiben. Dieses gelang, nach allem was wir wissen, in Lübeck mitnichten, was Johannes Prassek in seiner Isolation aber nicht ahnen konnte. Vielmehr wurde ihm von den vernehmenden Gestapo-Beamten vermittelt, sein Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning schenke diesen Gerüchten wirklich Glauben. Diese infame Verunsicherung konnte auf Prassek eine gewisse Zeit nicht ohne Wirkung bleiben, denn tatsächlich hüllte sich Bischof Berning zu seinem Schmerz gegenüber ihm und seinen ge­fangenen Mitbrüdern zunächst in Schweigen, das er schließlich jedoch um so beherzter mit Briefen, Besuchen und Eingaben an staatliche Stellen brach.

Trotz der harten Haftzeit und der Aussicht auf die eigene Hinrichtung verlor Bundesbruder Johannes Prassek nicht seine Glaubensgewiss­heit sowie die seine Mitgefangenen und die außerhalb der Gefängnismauern um ihn zitternden Freunde tröstende heitere Warmherzigkeit. Vielmehr fürchtete er, das Todesurteil könne noch zurückgenommen werden, wobei diese und die seiner gefangenen Mitbrüder Haltung zum Teil auch den Gefängnisbeamten Sympathie einflößte. Gegen den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung keine seiner regimekritischen Äußerungen ab. 

Bis auf eine kurze Unterbrechung, während der die Gefangenen nach Hamburg verlegt wurden, blieben sie in Lübeck. Und trotz strenger Kontrolle durch das Wachpersonal und trotz des großen Risikos brach bei einer Gruppe in der katholischen Gemeinde eine Zeit vieler heimlicher Aktivitäten an. Einmal, als die Gefangenen – die Laien waren noch dabei – zu Arbeitseinsätzen an eine Baustelle beordert wurden, gelang es Verwandten und Mitgliedern der Gesprächskreise, den Gefangenen Essen zuzuschmuggeln. Ein anderes Mal brachten sie ihnen Hostien aus der katholischen Messe, schafften es sogar, Brot und Wein ins Gefängnis zu schleusen. So konnten die Priester heimlich auf ihren Zellen die Eucharistie feiern. Mut bewies dabei Fräulein Johanna, die Haushälterin des Pfarrhauses. Kaplan Westholt, Nachfolger der drei in der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr an manchen Abenden mit dem Fahrrad unter die Gefängnisfenster und erteilte den Katholiken heimlich die Generalabsolution, die Vergebung der Sünden, die sonst in der Beichte vollzogen wird. Für sie bedeuteten diese kirchlichen Vollzüge – gerade als sie ihnen gewaltsam vorenthalten werden sollten – Hilfe und Trost.

Erhalten ist das Neue Testament des Kaplans mit Notizen und Anstrichen. Der Bischof von Osnabrück liest an jedem Todestag in der Eucharistiefeier das Evangelium aus diesem Buch. Auf der ersten Seite hat Johannes Prassek den Satz aufgeschrieben: „Wer sterben kann, wer will den zwingen?“ In seinem Abschiedsbrief an seine Familie schreibt er:

Hamburg, den 10. XI. 1943
„Ihr Lieben!
Heute Abend ist es nun so weit, daß ich sterben darf. Ich freue mich so, ich kann es Euch nicht sagen, wie sehr. Gott ist so gut, daß er mich noch einige schöne Jahre als Priester hat arbeiten lassen. Und dieses Ende, so mit vollem Bewußtsein und in ruhiger Vorbereitung darauf sterben dürfen, ist das Schönste von allem. Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft auch Ihr Euch freuen. Für Euch ist mein Tod kein Verlust, ich hätte in meinem Amte als Priester Euch doch kaum mehr dienen können. Was ich für Euch habe tun können, daß ich täglich für Euch gebetet habe, werde ich jetzt noch viel mehr tun können. Was meine große Sorge um Euch ist, die gleiche, die ich auch für Paul habe, wißt Ihr. Aus dieser Sorge heraus müßt Ihr das auch verstehen, was ich Euch manchmal geschrieben habe. 
Darf ich Euch bitten, mir zu verzeihen, wenn ich Euch bisweilen weh dabei getan habe? Es war nicht böse gemeint. Und Dank für alle Sorge und Mühe, die Ihr in meinem Leben Euch um mich gemacht habt. Vom Himmel aus will ich versuchen, Euch alles wieder gut zu machen. Wie es wohl sein wird? Lebt wohl. Ich grüße Euch noch einmal in herzlicher Liebe und Dankbarkeit. 
Euer Hans

Grüßt alle Bekanten noch einmal: Pastor Alves, die Schwestern in Rahlstedt, Webers, Gerdines, Cordes, Heiwings, meinen Pastor in Lübeck, die Schwestern dort, grüßt mir vor allem den Bischof und dankt ihm in meinem Namen für alles, besonders dafür, daß er mich zum Priester geweiht hat. Größeres und Schöneres habe ich auf der Erde nicht erfahren, und nun kommt die größte Freude, Gott, die ewige Liebe. Ich segne Euch ein letztes Mal. Über meine Sachen habe ich im Testament bestimmt. Laßt es dabei bleiben."
 

 

Bbr. Vikar Eduard Müller

Bundesbruder Eduard Müller, Sohn eines Schuhmachers, geboren am 20. August 1911 in Neumünster, kam aus armen Verhältnissen. Der Vater hatte die Familie mit sieben Kindern früh verlassen, die Mutter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Müller lernte Tischler, war in der katholischen Jugendbewegung aktiv und wäre gerne Priester geworden. Seinen Wunsch, Priester zu werden, musste er über den mühsamen Weg privater Lateinstunden, Spätberufenenkonvikt mit Abitur, dann Studium in Münster, verwirklichen. Der Neumünsteraner Kaplan und Bundesbruder Dr. Bernhard Schräder, später Weihbischof in Schwerin, förderte ihn und besorgte Geldgeber für seine Schulbildung. 1936 legte Bbr. Müller sein Abitur am Spätberufenen-Kolleg in Bad Driburg ab und nahm in Münster das Studium der Theologie auf. 1940 wurde auch er in Osnabrück zum Priester geweiht und kam noch im gleichen Jahr nach Lübeck.

Nach der Priesterweihe 1940 wurde Müller Adjunkt in der Lübecker Herz-Jesu Gemeinde, wo er von Pfarrer Dr. Msgr. Albert Bültel, ebenfalls Bundesbruder und pastor primarius in Lübeck, sehr gefördert Seine erfolgreiche Jugendarbeit veranlasste die HJ, die Hitlerjugend, ihn um Mitarbeit zu bitten. Er aber blieb bei seiner Gemeindejugend. Müller sah sich als „Soldat“ des „Königs“ Christus. In einem Brief an den Bischof schrieb er kurz vor der Hinrichtung: „Knapp zwei Jahre durfte ich als Priester ihrer Diözese helfen am Aufbau des Reiches Gottes. Und wenn ich an Gottes Thron stehen darf, dann werde ich auch dort helfen am Aufbau des Reiches Gottes in unserem lieben Vaterland und besonders in unserer Diözese.“ Wie bei Bbr. Johannes Prassek konnte ihm die Anklage keine öffentliche Kritik an der NS-Herrschaft vorwerfen. Trotzdem wurde er am 22. Juni 1942 festgenommen und zum Tode verurteilt. Im Prozess vor dem Volksgerichtshof alle Anschuldigungen von sich gewiesen. Wahrscheinlich war er wirklich kaum an den Handlungen der anderen beteiligt.

Nach der Urteilsverkündigung schrieb er: „So habe ich die Erwartung und Hoffnung, dass ich in keinem Stück werde zuschanden werden, sondern dass in allem Freimut, wie immer, auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werde, sei es durch Leben, sei es durch Tod. Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn.“

Bild: Ein Kohlenkeller wird zum Jugendheim: Kaplan Müller war bei den Jugendlichen so beliebt, dass ihn sogar die Hitlerjugend (vergeblich) um seine Mitarbeit warb.

 

Vikar Hermann Lange 

Hermann Lange, geboren am 16.4.1912 in Leer, war der Intellektuelle im Bunde der drei Kapläne. Anders als Müller und Prassek wuchs er in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, sein Vater war Lehrer, sein Onkel Domdechant in Osnabrück. Als Gymnasiast trat er dem kath. „Bund Neudeutschland“ bei und damit in die Geisteswelt der kirchlichen Reformbewegung. Ein Jahr nach seiner Priesterweihe (1938) wurde er Hilfsgeistlicher in Lübeck. Dort überzeugte er durch seine Bildung, sein pädagogisches Geschick und seine anspruchsvollen Predigten. Der belesene, reformorientierte Theologe konnte die Umtriebe der Nazis nur mit Abscheu registrieren. Im kleinen Kreis prangerte er die Kriegsverbrechen der Deutschen an, einem Soldaten soll er gesagt haben: Ein Christ dürfte eigentlich gar nicht auf deutscher Seite am Krieg teilnehmen.

Hermann Lange vervielfältigte und verteilte Flugblätter und NS-kritische Schriften, u.a. die Predigten von Galens. Am 15.6.1942 wurde Lange verhaftet, auch er leugnete im Prozess seine Aktivitäten nicht. Am Tag der Hinrichtung schrieb der Geistliche einen Brief an seine Eltern: „Heute ist die große Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein? Und dann werde ich auch alle die wiedersehen, die mir auf Erden lieb waren und nahestanden! (...) Seht, die Bande der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja nicht durchschnitten, Ihr denkt an mich in Euren Gebeten und dass ich allzeit bei Euch sein werde.“ Der Brief schließt mit dem Satz „Auf Wiedersehen beim Vater des Lichtes! Euer glücklicher Hermann.“



Pastor Karl Friedrich Stellbrink 

Karl Friedrich Stellbrink hatte einen ganz anderen Werdegang als die 16 und 17 Jahre jüngeren katholischen Kapläne. Der 1894 in Münster geborene Pastor hatte schon am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war verwundet worden. Nach dem Krieg wurde er Auslandspastor in Brasilien. 1929 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück, nach fünf Jahren Pastorendienst in Steinsdorf/Thüringen bekam er die Pastorenstelle der Lübecker Lutherkirche (1934).

Stellbrink war Nationalist, er hoffte gleichermaßen auf eine christliche und nationale Erneuerung Deutschlands und gehörte seit 1921 der Bruderschaft „Bund für deutsche Kirche“ an. Von der aufsteigenden NSDAP erwartete der Theologe zunächst die politische Realisierung der nationalen Ideale. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat er in die NSDAP ein. Die Ernüchterung kam spätestens 1936, als Pastor Stellbrink aus der Partei ausgeschlossen wurde. Er hatte erkannt, dass seine Ideale Wahrheits- und Freiheitsliebe von den Nazis nicht geteilt wurden. Mehrfach geriet er in Konflikt mit seiner Partei (so durch Kontakt zu einem jüdischen Nachbarn) und auch mit seiner Kirche: Der Lübecker Landesbischof war ebenfalls NSDAP-Mitglied. Bei Kriegsbeginn war Stellbrink offener Gegner des NS-Staates. Von den Anfangserfolgen ließ er sich nicht blenden, sondern war immer auf der Suche nach unzensierten Informationen. In dem katholischen Kaplan Prassek fand er einen jüngeren Gleichgesinnten. Sie fühlten sich nicht nur im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft verbunden; ihr verschiedener konfessioneller Hintergrund gab Stoff für viele Glaubensgespräche, auch während der Zeit im Gefängnis. Dort entwickelte sich eine weitere Freundschaft zwischen Pastor Stellbrink und dem katholischen Gefängnispfarrer Behnen, der alle vier Gefangenen betreute. Stellbrink war und blieb überzeugter Lutheraner, in seiner Kirche aber fühlte er sich als Außenseiter.

Eine Predigt am Palmsonntag 1942 gab den Nazis den Anlass, Stellbrink zu beseitigen. Am Samstag vor Palmsonntag wurde Lübeck Ziel eines verheerenden Bombenangriffs. Am Sonntag predigte der Geistliche: „Gott hat mit mächtiger Stimme geredet. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten.“Diese „Gottesgerichts-Predigt“ sprach sich in der Stadt herum. Die Landeskirche eröffnete deswegen ein Amtsenthebungs-Verfahren gegen den Pastor. Wenige Tage später erschien die Gestapo und nahm Stellbrink in „Schutzhaft“. Im Gefängnis durfte er mehrmals Besuche seiner Familie (drei Kinder, zwei Pflegekinder) empfangen. Er war sich darüber im Klaren, dass der Prozess mit seiner Hinrichtung enden würde. Über die Gespräche gibt es eindrucksvolle Zeugnisse. „Wie steht es mit Deutschland?“, fragte der isolierte Häftling einmal, „hat es sich noch nicht erhoben, um die Fesseln der Knechtschaft von sich zu werfen?“ Den Rat eines Freundes, in den Verhören diplomatisch zu antworten, wies er entschieden ab: „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!“

Seine Frau berichtet von den letzten Besuchen vor der Hinrichtung: „Die Worte meines Mannes an mich wurden zu Ansprachen, ganz vom Glauben an Gott und die bevorstehende Gottesschau erfüllt. Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen die Vorstellung auf, die er mit Prälat Behnen des öfteren zu betrachten pflegte: Welch eine Herrlichkeit wird für uns sichtbar werden, wenn sich uns die Tore der Ewigkeit öffnen!“ Einer der Briefe aus dem Gefängnis soll die Hinterbliebenen trösten: „Und ich bin mit 48 Jahren noch zu jung? Der Heiland starb mit 33 Jahren als ‚Verbrecher‘, Ewald mit nur 20 Jahren, unsere erste Gisela mit 7 Monaten.- Wahrlich, keiner kann seines Lebens Grenze bestimmen. Gott aber sei Dank, dass unser Leben in seiner Hand stehen darf: ,Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen!“ 

 

Auf dem We g zur Seligsprechung

Das gemeinsame Gedenken an die „vier Lübecker Märtyrer“ ist heute eine feste ökumenische Angelegenheit der Lübecker Christen. Ihr 50. und der 60. Todestag wurde mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den 60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche. Damals erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange zu beantragen. Mit der Ernennung des römischen Anwalts Dr. Andrea Ambrosi zum Postulator des Verfahrens begannen am 10.Mai 2004 die Vorbereitungen für das Seligsprechungsverfahren. Nach der Sessio ultima am 10. November 2005 und dem Abschluss des ersten, diözesanen Teils im Seligsprechungsverfahrens wurden die Prozessakten für den zweiten und entscheidenden Teil des Verfahrens an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen nach Rom übermittelt. Die 2110 Seiten umfassenden Akten enthalten die übersetzten Aussagen von Zeitzeugen, sämtliche schriftliche Zeugnisse sowie theologische und historische Gutachten. Wie viel Zeit bis zur Entscheidung vergehen wird, ist derzeit nicht absehbar.

Quellen: u.a. OnlineDokumentation des Erzbistums Hamburg unter: http://www.erzbistum-hamburg.de/; Lambert Klinke, " Zeugen für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung von Lebensbildern mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2

 

Links
Gemeinde St. Ansgar/Kleiner Michel in Hamburg mit einer Dokumentation über die Zeugen des Nationalsozialismus: www.kleiner-michel.de/gemeinde/zeugen.htm
Die katholischen Gemeinden Lübecks, darunter die Propsteikirche Herz Jesu, in der die Kapläne Prassek, Lange und Müller tätig waren: www.kath-kirche-luebeck.de
Online-Heiligenlexikon mit Kurzbiografien, dabei auch die Lübecker Kapläne: www.heiligenlexikon.de

Literatur
P. Voswinckel, Nach 61 Jahren komplett. Die Abschiedsbriefe der Vier Lübecker Märtyrer im historischen Kontext (mit Korrespondenzen der Angehörigen mit dem Oberreichsanwalt), in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 85 (2005), S. 275-329 

W. Burr, Johannes Prassek, in: W. Burr (Hrsg.), UNITAS-Handbuch. Bd. 1 (Bonn 1995) 295-302

Zeugen für Christus
. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 2 Bände, Paderborn 1999 (über die Lübecker Kapläne: Martin Thoemmes, Bd. I, 249-257, dort auch weitere Literatur mit Quellen); 
A. Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt. Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert, Freiburg i.Br. 2002 (Originaltitel: Il secolo del martirio, 2000); 
G. Denzler, Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich, Zürich 2003 (Pendo-Verlag); 
H. Hürten, Verfolgung, Widerstand und Zeugnis, Mainz 1987; 
A. Doering,-Manteuffel/J. Mehlhausen (Hg.), Christliches Ethos und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa in Konfession und Gesellschaft 9, Stuttgart 1995; 

Ökumene im Widerstand. Der Lübecker Christenprozess 1943
, hrsg. von I. Spolovnjak-Pridat/H. Siepenkort, Lübeck 2001; 
„Zeugen für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von Lambert Klinke mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2

E. Pelke, Der Lübecker Christenprozess 1943; Topos-Taschenbücher 36, 2. Aufl., Mainz 1963, in gekürzter Form Mainz 1974; 
W. D. Hauschild, Kirchengeschichte Lübecks, Lübeck 1981; 
A. Steinke, Christliches Zeugnis als Integration von Erfahrung und Weitergabe des Glaubens, Würzburg 1957; 
K. Rahner, Dimensionen des Martyriums, in: Schriften zur Theologie XVI, Zürich 1984, 295-299; 
H. U. v. Balthasar, Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979, 158-173; 

Thoemmes, Die Bemühungen des Papstes um die Rettung der Lübecker Priester, in: FAZ, 25.11.2004, 46.

 


Der Aufsatz „Zeugen für Christus,
Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert“ 
von Bbr. Lambert Klinke (unitas 2000/2) versammelt Lebensbilder 
weiterer Glaubenszeugen aus der UNITAS, 
die im Nationalsozialismus ihr Leben gaben:

Pfarrer Georg Häfner (W.K.St.V. UNITAS Hetania zu Würzburg)
Anton Knab (W.K.St.V. UNITAS Franko-Saxonia Marburg)
Pfarrer Joseph Müller ( W.K.St.V. UNITAS Freiburg) 
Abt Adalbert (Karl) Graf von Neipperg OSB (Ehrenmitglied des UNITAS-Verbandes)
Professor Dr. phil. Dr. theol. Joseph Schmidlin (UNITAS Freiburg)
Pfarrer Heinrich Schniers (UNITAS Frisia Münster)
Pfarrer Dr. theol. Dr. iur. utr. Bernhard Schwentner (UNITAS Frisia Münster)
Pfarrvikar Anton Spies (UNITAS Ruhrania Münster) 


 

Im Folgenden die Lebensbilder des Ruhranen Anton Spies und von Bbr. Matthias Mertens, der Pfarrer in Oberhausen-Schmachtendorf war:

 

Blutzeuge im Dritten Reich: 
Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies
von Bbr. Lambert Klinke

Der zur UNITAS Ruhrania Münster gehörende Anton Spies wurde am 24. November 1909 in dem kleinen Dorf Heckfeld im badischen Frankenland geboren. Seine Kindheit und Jugend verlief in geordneten, für einen aus bäuerlicher Familie stammenden späteren Priester nachgerade typischen Bahnen. Er besuchte zunächst bis zur siebten Klasse die Volksschule und wurde dann, nachdem ihm ein Geistlicher durch Privatstunden entsprechend vorbereitet hatte, als Schüler des dortigen Erzbischöflichen Knabenkonvikts in die Quarta des Tauberbischofsheimer Gymnasiums aufgenommen, wo er am 29. März 1930 mit befriedigendem Ergebnis die Reifeprüfung ablegte. Auch seine Leistungen im Theologiestudium, im Collegium Borromaeum und schließlich im Priesterseminar waren eher unterdurchschnittlich, „dabei aber stets fleißig und von besten Absichten getragen.“ Der Skrutinialbericht des Theologischen Konviktes bescheinigte ihm Frömmigkeit sowie einen willigen und zugänglichen Charakter. Die Beurteilung des Erzbischöflichen Priesterseminars empfahl ihn für „einfache Landposten“ und fügte an, er werde aufgrund seiner Stetigkeit und Überlegtheit ein solider und würdiger Seelsorger werden. Die Priesterweihe empfing Anton Spies am 31. März 1935, danach trat er seine erste Stelle als Vikar in Bühl bei Offenburg an. Es folgten weitere Vikarstätigkeiten in Lauda, Mudau, Distelhausen, Uissingheim und schließlich im Jahr 1939 in Ketsch. In der praktischen Seelsorge erwies sich Spies dabei als in jeder Hinsicht unauffälliger und eifriger Priester; seine Prinzipale sahen in der Landseelsorge den rechten Ort für ihn, und auch er selbst hatte keine andere Absichten, als „einfacher“ Landpfarrer zu werden.

 Am 4. März 1941 teilte der Ketscher Ortspfarrer Gustav Westermann dem Erzbischöflichen Ordinariat mit, daß Pfarrvikar Anton Spies am 28. Februar 1941 von der Gendarmerie festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim gebracht worden sei: „Es wird ihm angeblich zur Last gelegt, an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß den Verhältnissen nach er unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor aus Gehässigkeit gegen uns Geistliche erfolgte.“ In einem weiteren Schreiben an die kirchlichen Behörden charakterisierte Pfarrer Westermann den denunzierenden Rektor als höchst gehässigen Kirchengegner, der schon seit Jahren erfolglos versucht habe, ihn, den Ortsgeistlichen, zur Strecke zu bringen. Da ihm das bisher nicht gelungen sei, habe er es eben nun beim Vikar versucht. Danach bekräftigte Westermann noch einmal seine Überzeugung, Spies sei unschuldig und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage: „Das möchte ich noch zum Schluß anführen, daß die Beschuldigungen von sittlich sehr minderwertigen Personen ausgehen, die in enger Freundschaft mit dem Rektor stehen. Der weitaus größte Teil der Pfarrgemeinde hält Herrn Spies für unschuldig und kennt den Rektor.“ Eine Frau aus Ketsch, die den Vikar ebenfalls verteidigte, wurde deswegen belangt, wie aus einer „Meldung wichtiger staatspolitischer Ereignisse“ aus Berlin vom 6. August 1941 hervorgeht: „Für die Dauer von zehn Tagen wurde von der Stapoleitstelle Karlsruhe die Ehefrau Sophie M. [...] in Schutzhaft genommen, weil sie die Behauptung aufgestellt hatte, daß die in dem Verfahren gegen den katholischen Kaplan Spies, [...] vernommenen Zeugen falsche Aussagen gemacht haben.“

Alle Bemühungen von Pfarrer Westermann, dem Erzbischöflichen Ordinariat und des mit der Verteidigung beauftragten Rechtsanwaltes waren vergeblich, da das Gericht den Aussagen der etwa elf Jahre alten Schüler mehr Glauben schenkte als Anton Spies. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, daß Spies nicht einfach rundweg alles abstritt, sondern zugestand, „es könne durchaus vorgekommen sein“, daß er „hin und wieder einen der Knaben berührt habe - doch allenfalls versehentlich und ohne jegliche unsittliche Absicht.“ Daraufhin wurde Bundesbruder Anton Spies nach damals angewandten „Recht“ zu zwei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, woran weder die eingelegte Revision noch der Versuch, ein Wiederaufnahmeverfahren in Gang zu bringen, etwas ändern konnten. Anton Spies verbüßte die Strafe teils im Zuchthaus, teils wurde er beim Autobahnbau eingesetzt. Bald nach der Verurteilung, die, so sah es nach außen hin aus, Spies' Schuld zweifelsfrei erwiesen hatte, setzte auch das Freiburger Ordinariat ein Verfahren gegen ihn in Gang, was die seelischen Leiden des sich als unschuldig ansehenden weiter verschlimmerte.

 Als am 2. August 1943 die Strafzeit abgelaufen war, wurde Anton Spies jedoch nicht freigelassen, sondern von der Gestapo in „Schutzhaft“ gehalten. Um dieser zu entgehen, meldete sich Spies in dieser Zeit freiwillig zur Wehrmacht, Erzbischof Conrad Gröber versuchte zu erreichen, daß man ihn in eine Anstalt der Erzdiözese Freiburg überstellte, wo er beaufsichtigt und in der Landwirtschaft verwendet werden würde. Doch weder Spies' eigene noch die Bemühungen seines Erzbischofes hatten Erfolg, stattdessen wurde er am 13. September 1943 in das KZ Dachau eingeliefert. Wenige Wochen, bevor er von den Amerikanern befreit worden wäre, erkrankte Bundesbruder Anton Spies an Flecktyphus. Er verstarb am 19. April 1945 und wurde in einem Massengrab beigesetzt. Anton Spies beharrte stets darauf, unschuldig zu sein. In einem letzten Brief an seine Mutter schrieb er: „Und wenn ich zeitlebens im Kerker schmachten muß, werde ich meine Unterschrift nie hergeben zur Beglaubigung einer Tat, die ich nie begangen.“ Auch viele Menschen, die ihn näher gekannt hatten, darunter seine geistlichen Dachauer Mithäftlinge und jener Lehrer aus Ketsch, der schon beim Gerichtsverfahren zu Spies' Gunsten ausgesagt hatte, blieben fest und unerschütterlich der Ansicht, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in einem Spruchkammerverfahren gegen seinen damaligen Ankläger, den nationalsozialistisch eingestellten Rektor, gravierende Widersprüche in den gegen Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Ebenso gaben mehrere der seinerzeit vernommenen Schüler an, vom Rektor dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen. Von seinen Verwandten vorgenommene erneute Versuche, in einem Wiederaufnahmeverfahren Spies' Unschuld zu beweisen und ihn hierdurch rehabilitieren zu lassen, scheiterten daran, daß einige der Zeugen auf ihren Vorwürfen beharrten und dem Rechtsanwalt wie dem Erzbischöflichen Ordinariat die Durchführung eines solchen Verfahrens angesichts des ungewissen Ausgangs wenig ratsam erschien. Auch die von Anton Spies seinerzeit gewählte, aus Sicht des Rechtsanwaltes wenig glückliche Verteidigungsstrategie, die bei einem neuerlichen Prozeß sicherlich wieder eine Rolle gespielt hätte, wirkte sich noch über Spies' Tod hinaus negativ für ihn aus, ebenso wie das förmlich nie abgeschlossene oder niedergeschlagene kirchliche Strafverfahren. So ist die Ehre des im KZ Dachau zum Blutzeugen gewordenen Bundesbruders Anton Spies bis heute nicht formaljuristisch wiederhergestellt; vielmehr bleibt er „offiziell“ ein rechtskräftig verurteilter Sittlichkeitsverbrecher. An der Tatsache, daß seine Anklage, seine Verurteilung und letztlich sein Tod ein fanatischer Priesterhasser verschuldet hat, daß Anton Spies also für seinen Beruf und seinen Glauben zum Martyrer geworden ist, ändert sich nichts dadurch, daß seine Unschuld wohl niemals mehr von einem irdischen Gericht wird bewiesen werden können.

 Literatur: H. Ginter, Necrologium Friburgense 1941-1945. Verzeichnis der in den Jahren 1941 bis 1945 verstorbenen Priester der Erzdiözese Freiburg, in: FDA 70 (1950) 19-258; C. Schmider, Pfarrvikar Anton Spies, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999) 219-221 und R. Zahlten, Die Ermordeten. Die Gedenktafel der Erzdiözese Freiburg für die verfolgten Priester (1933 bis 1945) in „Maria Lindenberg“, nahe St. Peter / Schwarzwald (Vöhrenbach 1998).

 

Aus: unitas 200/1


Vier Bundesbrüder waren bei der Priesterweihe von Karl Leisner in Dachau - Zu einem neuen Lebensbild von Bbr. Matthias Mertens (1906-1970), Priester in Oberhausen-Schmachtendorf

Mit dem von Bbr. Dr. Wolfgang Burr herausgegebenen IV. Band des UNITAS-Handbuchs liegt ein weiterer gewichtiger Baustein unitarischer Geschichtsschreibung vor. Seine Lektüre kann allen Unitariern nur bestens empfohlen werden. Hochinteressante Aufschlüsse geben nicht nur die vielfältigen Ergänzungen zu Kapiteln vorausgegangener Bände, sondern auch die 31 neu verfassten Lebensbilder, die in sehr lesbarer Weise Persönlichkeiten aus dem Verband vorstellen. Dies zeigt sich insbesondere dort, wo die Recherchen der einzelnen Verfasser gänzlich neues, unbekanntes Material ausfindig machen. Dies trifft z.B. auf das Lebensbild von Bbr. Matthias Mertens zu, für das sich gleich zwei Autoren auf die Suche begeben haben. 

In ihm stellte uns der Altherrenbundsvorsitzende Günther Ganz bereits in Ausgabe 2/2000 der unitas einen Seelsorger vor, der mit anderen der im KZ Dachau eingekerkerten Priestern „das niederdrückende Gefühl absoluter Ohnmacht, Recht- und Schutzlosigkeit gegenüber der Staatsgewalt“ teilte. (1) Erstmals war dort von der Priesterweihe des am 23. Juni 1996 seliggesprochenen münsteraner Geistlichen Karl Leisner die Rede, an der Bbr. Mertens teilgenommen hat. Bbr. Lambert Klinke, Alt-VOS aus dem Vorort UNITAS-Cheruskia Gießen, Historiker für Mittlere und Neuere Geschichte, haben diese Mitteilungen nicht ruhen lassen. Er ist diesen Spuren an den Lebensstationen von Matthias Mertens selbst nachgegangen und hat eine mit zahlreichen Quellennachweisen versehene, Bbr. Dr. Ludwig Freibüter zu dessen 80. Geburtstag gewidmete eigene Darstellung vorgelegt, die ebenfalls in Band IV. des UNITAS-Handbuches eingegangen ist. Lambert Klinke konnte darin nicht nur die Frage nach der UNITAS-Mitgliedschaft von Matthias Mertens klären, sondern auch sein von der KZ-Haft gezeichnetes Leben intensiv nachzeichnen. Wir folgend weitgehend dem Wortlaut des Artikels, zu dem auch interessantes Bildmaterial erstmals vorliegt.

Nach Bbr. Lambert Klinkes Recherchen immatrikulierte sich Mertens im Sommersemester 1927 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, gab als Prüfungsziel „Ktheol. Examen (Priester)“ (2) an und wohnte im Borromaeum am Domplatz. Für die Freisemester wechselte Matthias Mertens zum Sommersemester 1929 an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wohnte zunächst in der Jakobstraße 1a, im Wintersemester 1929/30 dann in der Bergstraße 26. (3) Hier traf er schließlich den aus der Diözese Aachen stammenden Bundesbruder Pfarrer Heinrich Mönks (1906-1981), mit dem er zusammen noch im Sommersemester 1929 dem W.K.St.V. UNITAS-Salia Bonn beitrat. (4) Hier wurde er zu einem der „geradlinigsten und aktivsten Bundesbrüder“. (5) So hielt er u.a. im Wintersemester 1929/30 beim Vereinsfest „Maria Immaculata“ den Festvortrag über „Sonnenscheins Leben und Werk“. (6)

Wieder zurück in Münster, wurde er am 24. April 1930 unter der lfd. Nummer 481 reimmatrikuliert (7) und meldete sich zusammen mit Heinrich Mönks beim W.K.St.V. UNITAS-Sugambria an. (8) Aus dieser Zeit ist ein Foto überliefert. Die zunächst letzte Information über seine Aktivenzeit stammt aus dem Sommersemester 1931, nach dessen Ende er um Streichung aus dem Mitgliederverzeichnis der Unitas bat. (9) Nach Mitteilung des einzig noch lebenden Mitbruders aus dem Weihejahrgang, Prof. Dr. theol. Alois Schröer (geb. 1907), fiel dieser Entschluss „schweren Herzens [...] und nur deshalb [...], um sich ganz auf die Gnade des Priestertums vorzubereiten“ (10), denn Mertens befand sich zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor seinem theologischen Examen und dem Eintritt in den Pastoralkurs des Priesterseminars, wo er nunmehr auch sein Zimmer bezogen hatte (Überwasserkirchplatz 3). (11) Die Weihe zum „Priester Jesu Christi und seiner Kirche“ (12) erfolgte schließlich am 17. Dezember 1932 durch Weihbischof Johannes Scheifes (1863-1936) im Hohen Dom zu Münster. (13) Seine Primiz feierte er am 2. Weihnachtstag 1932 in der Pfarrkirche St. Michael zu Wachtendonk. (14) Zwei Monate später, am 24. Februar 1933, wurde Bundesbruder Heinrich Mönks in Aachen zum Priester geweiht. Bei einem anschließenden Kaffeetrinken kam es auch zu einer Begegnung von Matthias Mertens und seinen (ehemaligen) Bundesbrüdern von der UNITAS-Sugambria. Diese, allen voran Heinrich Mönks, drängten ihn, nach seiner Weihe doch wieder zur UNITAS zurückzukehren und sich dort philistrieren zu lassen. (15) Matthias Mertens entgegnete: „Ich war und bin mit ganzem Herzen Unitarier. Aber ich bin auch Priester und während Familienväter an die Folgen für ihre Familien denken müssen, werde ich in den Zeiten, die vor uns liegen, Unrecht anprangern können. Und auf keinen Fall will ich Euch dabei gefährden.“ (16)

Nachdem Matthias Mertens am 21. Dezember 1932 zum Kaplan an St. Anna in Materborn (heute Kleve-Materborn) ernannt worden war, galt seine besondere seelsorgerische Tätigkeit den Jugendlichen und der Arbeiterschaft. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht übernahmen, stand er sofort klar und eindeutig auf der Seite derer, die dem „neuen“ politischen System kritisch gegenüberstanden. Er wagte seinem Temperament und seinem jugendlichen-dynamischen Charakter entsprechend auch in der Öffentlichkeit, vor allem in seinen Predigten, zu den politischen Vorgängen Stellung zu nehmen, was zu entsprechenden Reaktionen der Parteibehörden führte. (18) Trotz tätlicher Übergriffe der Hitlerjugend auf Gruppentreffen der katholischen Jugend (19) gab er den Anstoß zum Bau eines Jugendheimes, bei dem Matthias Mertens nicht nur selbst Hand anlegte, sondern auch einer Gruppe von Arbeitslosen die Möglichkeit bot, ihre Arbeitskraft einzubringen. (20)

Seine Predigten zur Verteidigung seines Bischofs Clemens August Graf von Galen (1878-1946) gab der örtlichen NSDAP - sie hatte ihn schon über einen längeren Zeitraum bespitzelt und beschattet - schließlich genügend Argumente für ein Strafverfahren: Vom Juli bis zum September 1935 wurde er in einem Sondergerichtsprozess in Düsseldorf wegen des Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ angeklagt, (21) doch nach drei Hauptverhandlungstagen am 25. Oktober 1935 „dank der klugen und umsichtigen Verteidigung des Rechtsanwalts Franz van de Loo, Kleve, Gaesdoncker Abiturient von 1899“ (22) freigesprochen. Noch während des Prozesses fiel der Gestapo in einem Arbeitslager bei Stuttgart eine umfangreiche Korrespondenz in die Hände, die Matthias Mertens mit einer dort befindlichen Studentin über Nationalsozialismus und Weltanschauung geführt hatte. „Während die Studentin sofort aus dem Arbeitsdienst entlassen wurde und dadurch vorerst vom Weiterstudium ausgeschlossen war, hatte die Geschichte für mich zunächst auffallenderweise keine Folgen. Aber sie war zu dem anderen 'auf Eis gelegt'„. (23)

„Zu seinem eigenen Schutz“ (24) war Matthias Mertens zwischenzeitlich (Februar 1935) von seinem Bischof als Kaplan an die Pfarrei St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf (heute Oberhausen-Sterkrade) versetzt worden. Auch die dortige scharfe Beobachtung durch die nationalsozialistischen Behörden hinderte nicht daran, Verbrechen und Unrecht beim Namen zu nennen, wenn er es für angebracht hielt. (25) Seine Lage wurde dabei mehr als heikel, als er zusammen mit seinem Pfarrer Eduard Albring (1886-1965) anlässlich der „Wahl“ im Frühjahr 1936 die ganze politische Leitung der Ortsgruppe bloßstellte. „Ich stellte im Wahllokal öffentlich fest, dass die Wahl kontrolliert wurde und verweigerte ebenso öffentlich meine Stimmabgabe, wobei das Ereignis von mir und anderen schnellstens in breiter Öffentlichkeit publiziert wurde.“ (26) Erstaunlicherweise wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt nichts gegen Matthias Mertens unternommen, auch Anzeigen wegen „verbotener Vereinstätigkeit“ oder „aggressiver Predigten“ führten bis zum Jahr 1941 lediglich zu einer „Reihe von Vernehmungen.“ (27)

Am 21. September 1941 entschloss sich die Geistlichkeit von Sterkarde-Nord, die später weltberühmt gewordenen Predigten von Bischof Clemens August Graf von Galen (gehalten am 13. und 20. Juli, 3. August 1941) in Auszügen in der Kirche zu verlesen. (28) Als Matthias Mertens vom Sohn eines Polizisten den Hinweis erhielt, dass für den gleichen Sonntag eine Demonstration gegen den Bischof vor oder während des Hauptgottesdienstes geplant war, zu der insgeheim die SA des Bezirks aufgeboten war, entschloss er sich zu den Sätzen, die ihn letztlich in das Konzentrationslager Dachau bringen sollten: „Meine Andächtigen! Wir sind unserem Bischof dankbar, dass er für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit eine Lanze gebrochen hat, dass er es mutig tat, wo es mit großen Gefahren für ihn verbunden war. Wer dagegen demonstriert, der demonstriert damit gegen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Und das ist nicht nur unchristlich, das ist auch undeutsch und alles, was sich daran beteiligt, ist Pöbel.“ (29) Vor allem dieses Wort führte zu einer Anzeige, am 24. November 1941 zur Vernehmung durch die Gestapo-Leitstelle Düsseldorf und schließlich zu seiner Verhaftung am 6. Januar 1942. (30) Nach mehr als zwei Monaten im Polizeigefängnis Oberhausen wurde ihm am 10. März 1942 der Schutzhaftbefehl ausgehändigt, am 31. März 1942 die Mitteilung, dass seine Überführung in das Konzentrationslager Dachau angeordnet worden sei. Er protestierte: „Ich stamme aus einer uralten kerngesunden und kerndeutschen Bauernfamilie vom Niederrhein. Zehn Kinder haben meine Eltern großgezogen, und 27 Enkelkinder schmücken das Alter meines 90-jährigen Vaters. Mit dem von meinen Eltern und Geschwistern eigenhändig erarbeiteten Geld habe ich an deutschen Schulen und Hochschulen studiert, ohne je fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Weder ich bin jemals mit einem Gesetz in Konflikt gekommen noch ist es eins von meinen Angehörigen. Ich arbeite seit 10 Jahren beruflich an der sittlichen Reinerhaltung der Jugend und an der moralischen Erstarkung unseres deutschen Volkes im Geiste meines kinderreichen Vaterhauses. Ich erleide jetzt an die drei Monate die Bitternis der Schutzhaft im Polizeigefängnis Oberhausen und kann mir nicht denken, dass eine falsche Anzeige nun auch noch meine Verbannung wie die eines Staats- und Volksfeindes in ein Konzentrationslager zur Folge haben soll.“ (31) Am 17. April 1942 wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. (32) Der erste Häftling aus dem isolierten Priesterblock, der Matthias Mertens am Drahtzaun ein „herzliches Willkommen“ bot, war der ebenfalls aus der Diözese Münster stammende Diakon Karl Leisner (1915-1945), den er noch aus seiner Zeit in Materborn kannte (33) - eine Begegnung, die seine lange Haftzeit in Dachau nachhaltig prägte: „Mir fiel dabei auf, dass der Händedruck des von seiner Krankheit durchaus Gezeichneten und die wenigen Worte, die er mir fürs erste sagen konnte, von ungekünstelter Kraft und froher Zuversicht zeugten.“ (34) 

Über seine fast dreijährige Haftzeit im Konzentrationslager Dachau hat Matthias Mertens später kaum gesprochen: „Wenigstens eine durchschnittliche Phantasie würde nicht ausreichen, die Geschehnisse hinter den Stacheldrahtzäunen des dritten Reiches einfachhin zu erfinden. Wollte aber einer ihre Einzelheiten schildern, ohne ihrer Zeuge gewesen zu sein, so müßte man schon eine Erfindungsgabe von wahrhaft krankhaften Ausmaßen voraussetzen“ (35), so schrieb er später in einem Artikel der „Neuen Züricher Nachrichten“. Seine Familie in der Heimat wandte nicht geringe Geldmittel auf, um ihren „Matthes“ durch Eingaben an einflussreiche Persönlichkeiten frei zu bekommen - ohne Erfolg. Als Matthias Mertens im Frühjahr 1943 zum Kommandanten des Dachauer Lagers befohlen wurde, der ihm eröffnete, dass er befugt sei, ihn sofort unter der Bedingung zu entlassen, dass er sich künftig aller priesterlichen Funktionen enthalte und das schriftlich versichere (36), weigerte er sich. Gegenüber seinem Vater begründete er dies: „Ich schlage mich mit Gottes Hilfe schon durch, wenn es so bleibt, obgleich das Beste, 'die goldene Freiheit', einstweilen fehlt. Aber ich darf und will über nichts klagen angesichts der Nöte so vieler [...]. Ihr sollt bei neuen Versuchen keine Auslagen mehr machen. Was Ihr ohne solche noch tun wollt und mit solchen alles getan habt, danke ich Euch aus ganzem Herzen und Gott lohne das. Ich freue mich über Eure Meinung, dass auf unlautere und unwürdige Bedingungen von mir nicht eingegangen werden soll. Ihr sollt Euch da auf mich verlassen können. Aber betet mit mir um Beharrlichkeit. Allein aus sich kann man so etwas nicht auf die lange Dauer. Aber nein, dann wollen wir lieber unser Wiedersehen auf den Himmel verschieben.“ (37) So sollte Matthias Mertens für zwei weitere Jahre seinen Mitbrüdern aufgrund seiner ungebrochenen Gläubigkeit eine gute Stütze sein; nicht zuletzt auch wegen seiner praktischen Veranlagung konnte er vielen auch durch sonstige Tätigkeiten helfen. (38)

Es spreche für die Größe des Priesters Matthias Mertens, schreibt Bbr. Klinke, dass es für ihn neben dem Un- und Untermenschlichen, also dem Negativen des KZ-Erlebens, bis zu einem gewissen Grade auch eine „andere Seite“ dieses Erlebens gegeben habe: Dazu gehörte für ihn „alles, was [ihn und seine priesterlichen Freunde] vor der letzten Verzweiflung bewahrte, alles, was das Leben hinter dem Stacheldraht trotzdem lebenswert erscheinen ließ, alles, was den Mut zum 'dennoch' jeden Tag von neuem stärkte, alles schließlich und besonders, was das dumpfe und niederziehende und anscheinend so sinnwidrige Leiden auf eine Stufe höchster Sinngebung emporhob: das Religiöse.“ (39) So wurden die Erfahrungen im Konzentrationslager Dachau für Matthias Mertens zu einem besonderen Beitrag zu der während des Dritten Reiches oft gemachten Erfahrung, dass „der Nationalsozialismus mit seiner antireligiösen und antikirchlichen Einstellung nichts anderes war als '... ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.' Der Teufel, solcherart von Goethe im Faust charakterisiert, wurde jedem noch halbwegs gläubigen Lagerhäftling eine oft erlebte lebendige Wirklichkeit, wenn er es nicht schon vorher oder nicht mehr gewesen war. Ja, man gewann im Laufe der jahrelangen Haft den Eindruck, dass der Widersacher, der Teufel, das Konzentrationslager als seine ureigene Domäne betrachtete.“ (40) Ist es von daher verwunderlich, dass Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern am 17. Dezember 1944 neben vielen anderen Empfindungen auch einen „guten Teil heilige Schadenfreude“ im Herzen verspürte, als mit der Priesterweihe von Karl Leisner dem Teufel ein schlimmer Streich gespielt wurde und dass er damit in seiner Hochburg eine empfindliche Niederlage erlitt? So wurde der Sonntag Gaudete als der große und in der Geschichte der Gefängnisse und Konzentrationslager wohl einzig dastehende Tag der „Priesterweihe hinter Stacheldraht“ für Matthias Mertens zu dem Tag, an dem er lernte, ohne Verbitterung an Dachau zu denken, obwohl seine Gesundheit dort für immer schwer gelitten hatte. (41) Zu „dieser einzigartigen Gelegenheit“, dem Tag, an dem er selbst vor genau zwölf Jahren die Priesterweihe empfangen hatte, wiederholte und erneuerte er sein „adsum“. (42) „Wir Priesterkameraden aus der Diözese Münster, dreißig Überlebende sind wir noch, umstehen den Weihealtar zunächst [...]. Dann dürfen wir nach [dem Bischof] dem Ordinanden nacheinander die Hände auflegen, wie es der Weiheritus für die anwesenden Priester vorsieht. Aber die andern Hunderte von Priesterhäftlingen aus 24 Nationen können nur im tiefem Schweigen ihre Arme ausbreiten [...]. Es folgt die Überreichung der priesterlichen Gewänder und die Salbung der Hände, die danach zusammengebunden werden. Jetzt ist Karl Leisner zweifach gefesselt, und seine Hände sollen nun segnen, auch die segnen, die seine Ketten geschmiedet haben. Außerordentlich stark, ja überwältigend wirkt diese Symbolik der Salbung und doppelten Fesselung, in die wir alle fühlbar mit hineingezogen sind [...]. 'Man flucht uns, und wir segnen. Man verfolgt uns, und wir nehmen es geduldig hin. Man verleumdet uns, und wir sprechen Trost. Wie der Auswurf der Welt sind wir geworden, wie der Abschaum aller bis zur Stunde (1. Kor. 4,12-13) [...]. 'Victor quia victima' - 'Er ist Sieger, weil er ganz Opfer ward', so könnte man über diese Stunde schreiben wie über die von Golgotha. Etwas wie Siegesfreude liegt denn auch [...] über unserer Gemeinschaft und zittert durch unsere Herzen [...].“ (43)

Als die amerikanischen Truppen immer näher rückten, wurde Matthias Mertens am 9. April 1945 aus dem Konzentrationslager entlassen. Von dort begab er sich noch am gleichen Tag in das Krankenhaus München-Schwabing, wo eine bakterielle Ruhr festgestellt wurde. (44) Von Schwabing aus besuchte er am 29. Mai 1945 (45) seinen Mitbruder Karl Leisner, der sich seit dem 4. Mai 1945 im Sanatorium Planneg befand. Wie seine erste Begegnung mit ihm in Dachau, so gehörte für Matthias Mertens auch die letzte mit Karl Leisner zu seinen unauslöschlichen Erinnerungen: „[...] Wieder konnten wir nur wenige Worte wechseln, diesmal wegen der Schwäche des Kranken. Aber dennoch waren meine Eindrücke fast die gleichen wie vor drei Jahren: eine ungebrochene Zuversicht und eine sieghafte Freude strahlten von ihm aus. In diesem Satz, den er mir sagte, kommen sie so recht zum Ausdruck: 'Um drei Dinge habe ich stets gebetet: um die Genesung und die Freiheit und um das Priestertum. Gott schenkte sie mir alle drei, nur in umgekehrter Reihenfolge.“ (46)

Als die Amerikaner kurz darauf das Krankenhaus beschlagnahmten, machte sich Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern Prof. Dr. Heinrich Selhorst (1902-1979) und Rektor Heinrich Küppers (1896-1955) auf den langen und beschwerlichen Weg in die Heimat. (47) Am 29. Juni 1945 traf er auf dem elterlichen Hof in Wachtendonk ein, wo er das Glück und die Freude hatte, seinen Vater noch lebend wiederzusehen. (48) Schon wenige Tage später, am 6. Juli 1945 fuhr er zusammen mit Bundesbruder Heinrich Mönks nach Münster, um Bischof Clemens August Graf von Galen zu treffen, der Matthias Mertens wie einen Sohn empfing: „Als Matthes vor dem Bischof in die Knie ging, um seinen Ring zu küssen, zog ihn dieser zurück, umarmte ihn und sagte, dass heute der Tag sei, an dem er vor ihm in die Knie gehen würde.“ (49) 

Trotz seiner immer noch nicht ausgestandenen Erkrankung und Schwäche kehrte Matthias Mertens bereits am 23. Juli 1945 als Kaplan in seine vorherige Pfarrgemeinde St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf zurück, wo man ihm einen begeisterten Empfang bereitete. „Die Schmachtendorfer, die sich am 17. April 1942 noch am Zug von ihrem Kaplan verabschieden konnten, holten ihn nun von dort mit einer Kutsche ab und geleiteten ihn mit einer Reiter- und Fahrradeskorte zur völlig überfüllten Kirche. Als er dort mit einem neuen weißen Messgewand bekleidet einzog, erhoben sich alle Anwesenden, applaudierten minutenlang und bewarfen Matthes mit Hunderten von roten Rosen als Zeichen des Sieges über das Martyrium.“ (50)

Im März 1947 stellte eine Untersuchung im Krankenhaus eine Lungentuberkulose als direkte Folge der langen Haftzeit fest, die Matthias Mertens zwang, schweren Herzens die Kaplanstelle in Sterkrade aufzugeben. Über ein Jahr blieb er in stationärer Behandlung und ging von Juni 1948 bis August 1949 zu einer Kur in eine Spezialklinik in Arosa (Schweiz). Seine vollständige Genesung konnte er jedoch zeitlebens nicht mehr erreichen. (51) Am 10. August 1948 beauftragte ihn Bischof Michael Keller (1896-1961) mit der Seelsorge am Prosper-Hospital in Recklinghausen. Zu einer optimalen medizinischen Betreuung kam dort auch eine größere Unabhängigkeit. (51) Als für den angeschlagenen Matthias Mertens der Umgang mit Krankheit und Tod immer schwieriger wurde, setzte sich sein Freund Heinrich Mönks zusammen mit Hermann Hooymann (1906-1983), Pfarrer an St. Liebfrauen in Goch, dafür ein, dass ihn der Bischof am 28. August 1953 zum Spiritual und Prokurator am Collegium Augustinianum, seinem alten Gymnasium, ernannte. Diese kombinierte Tätigkeit ermöglichte ihm neben guter medizinischer Versorgung gleichzeitig nur so viel Seelsorgearbeit zu übernehmen, wie es seine Gesundheit zuließ. Die Tätigkeit eines Spirituals lag Matthias Mertens aber wohl nicht so sehr; schon bald wurde er wieder von dieser ihm zugedachten Aufgabe entbunden. (52) So investierte er seine verbleibende Kraft in die wirtschaftlichen Belange der Schule, auch wenn er immer wieder durch die Folgeschäden seiner langen Haftzeit aus der Arbeit herausgerissen wurde. (53)

Der Kontakt zur UNITAS blieb und erstarkte neu: Kurz nachdem Matthias Mertens auf „der Gaesdonck“ eingezogen war, besuchte ihn Heinrich Mönks zusammen mit den Klever Bundesbrüdern Friedrich Giesen (1900-1964) und Heinrich Holling (1900-1986), die ebenfalls der UNITAS-Sugambria angehörten. Und wie schon über zwanzig Jahre zuvor, versuchte er wieder, Matthias Mertens zur Rückkehr in die Unitas zu bewegen. Dabei argumentierte er vor allem damit, dass ihm gerade jetzt die „wahrhaft brüderliche Gemeinschaft“ nur gut tun würde. (54) Er erbat sich Bedenkzeit bis zum Vereinsfest „Maria Immaculata“, erschien an diesem Tag zum Gottesdienst des Klever Zirkels und teilte mit, dass er nach Münster seinen Wiedereintritt gemeldet habe. (55) Bis zum Ende der 50er Jahre hat er daraufhin an fast allen Veranstaltungen des Klever Zirkels teilgenommen und seine Bundesbrüder auch zu sich auf die Gaesdonck eingeladen. Eine besondere Beziehung entwickelte sich dabei zu Bundesbruder Heinrich Robke (1908-1993), der dort von 1955 bis 1972 Oberstudiendirektor war. (56)

Nicht zuletzt bedingt durch die physischen, vor allem aber auch durch die psychischen Folgen der Haft, kam es in der Folgezeit immer häufiger zu Problemen und Mißverständnissen auf der Gaesdonck. (57) Der so impulsive, kämpferische Matthias Mertens, der nach außen ungebrochen in die Freiheit zurückgekehrt war, zeigte sich nun immer mehr belastet und geschwächt durch die lange Haftzeit; ein Phänomen, dass bei vielen KZ-Häftlingen mit oft langer Verzögerung aufgetreten ist. (58) Ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen, soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass Matthias Mertens zu dieser Zeit ein massives Alkoholproblem entwickelte, dass ihn in der Folgezeit noch cholerischer und unberechenbarer machte, als er es ohnehin schon war. (59) Seit Anfang der 60er Jahre zog er sich von seinen Aufgaben und aus seinem persönlichen Umfeld mehr und mehr zurück. Auch an den Klever Zirkeltreffen nahm er nicht mehr teil, (60) hielt aber noch engen Kontakt zu den Bundesbrüdern Pfarrer Heinrich Mönks und Heinrich Robke. Vor allem diese beiden waren es, die Matthias Mertens aufsuchte, wenn er „einen guten Tag hatte“ und „sein Schneckenhaus“ für einige Stunden verlassen wollte. „Oft war er dann wieder ganz der alte, der gute und gesellige Bundesbruder, derjenige, der nicht aufhören konnte zu 'schwadronieren.'„(61) Über seine persönlichen Probleme sprach er vor allem mit seinem alten Freund und Conabiturienten Joseph Scholten: „Wenn Matthes zu uns kam, wußte ich schon, dass wieder irgendetwas passiert war. Mit meinem Mann zog er sich dann ins Wohnzimmer zurück, wo sie bei verschlossenen Türen über Stunden hinweg miteinander redeten. Wenn dann alles geklärt war, verbrachten wir den Rest des Tages in einer ganz herzlichen Atmosphäre. Joseph und ich haben Matthes sehr geliebt.“ (62) Nachdem 1965 zog sich Matthias Mertens von seiner Aufgaben als Prokurator des Collegium Augustinianum (63) mehr und mehr zurück, was zu Schwierigkeiten mit der zuständigen Abteilung im Bischöflichen Generalvikariat führte. Als man von dort aus Bischof Joseph Höffner (1906-1987) bat, „diesen launenhaften, dickköpfigen und brüllenden Mann, der sich Priester nennt“ (64) abzuberufen, fuhren Hermann Hooymann sowie die Bundesbrüder Heinrich Mönks und Heinrich Robke nach Münster, um den „zuständigen Herrn im Ordinariat zur Rede zu stellen und bei Bischof Joseph für Matthes einzustehen, der uns, noch ehe wir uns gesetzt hatten, mitteilte, dass der so tapfere und einsame Rektor Matthias Mertens, der es im Leben besser verdient gehabt hätte, solange auf der Gaesdonck bleibt, wie er es will.“ (65)

Dem immer mehr gezeichneten Matthias Mertens sollte nur noch eine kurze Zeit bleiben. „Eines Tages rief er mich zu mir und zeigte mir seine roten Hände. Ich fragte ihn: 'Hat es etwas mit der Leber zu tun?' Darauf sagte er still: 'Ja, jetzt auch noch Leberkrebs.'" (66) Noch einmal setzte sich Bundesbruder Heinrich Mönks für ihn ein und besorgte ihm einen Platz in einer Spezialklinik in Kassel, wo er fast ein halbes Jahr verbrachte. Dort konnte man ihm aber nicht mehr helfen, worauf er auf die Gaesdonck zurückkehrte und von den dort tätigen Ordensschwestern liebevoll gepflegt wurde. Als er merkte, dass es zum Sterben kam, rief er nacheinander seine engsten Freunde zu sich, wobei er für jeden eine kleine Kiste mit Briefen, Büchern und Photos vorbereitet hatte. (67) Seine letzten Tage und Stunden begleitete Hermann Hooymann, (68) dem er auch den Text für sein Sterbebildchen diktierte: „Man soll uns betrachten als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Da dem so ist, verlangt man von jedem Verwalter nur, dass er treu befunden werde. Doch was mich angeht, so ist es mir völlig gleichgültig, von euch oder von einem anderen menschlichen Gerichtstage beurteilt zu werden; ja, ich beurteile mich nicht einmal selbst. Es ist der HERR, der mich richtet. Deshalb urteilt nicht vorzeitig über etwas, bis der HERR kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenkundig machen; und dann wird jedem sein Lob von Gott zuteil werden. IHM SEI LOB UND DANK IN EWIGKEIT, AMEN!“ (69) Kurz darauf erbat er die Krankensalbung und starb nach einigen Tagen ohne Bewusstsein am 1. Februar 1970. „Auch wenn ich selbst Priester bin, habe ich kaum einen Menschen erlebt, der erfüllt mit einer so starken Liebe zur Kirche gestorben ist.“ (70) Unter großer Anteilnahme wurde Matthias Mertens im Quadrum der Gaesdonck zu Grabe getragen; das Requiem hatte zuvor Domkapitular Prof. Dr. Heinrich Selhorst in Konzelebration mit nahezu 100 Mitbrüdern gehalten, darunter fast allen noch lebenden Dachauer Mithäftlingen aus der Diözese Münster. Die Predigt sowie die Beisetzung hielt der mit ihm am gleichen Tag in die UNITAS eingetretene Bundesbruder Heinrich Mönks. (71)

Die persönliche Tragik von Matthias Mertens und sicher nicht zuletzt seine letzten Jahre mit allen Missverständnissen und der Verkennung seiner Bemühungen, haben wohl dazu beigetragen, dass es, auch innerhalb des Unitas-Verbandes, lange Zeit so still um ihn war. Heute, in einer Zeit, in der wir es oftmals mehr als nötig haben, unseren eigenen Glauben und unsere Stellung in der Kirche zu überprüfen, kann uns dabei das tapfere und mutige Beispiel unseres Bundesbruders Matthias Mertens Vorbild und Verpflichtung sein. Nicht jedem ist es gegeben, vor aller Öffentlichkeit Bekenner der Wahrheit zu sein; nicht von allen wird gefordert, für Gott und die Kirche mit Leib und Leben einzustehen. Aber Zeugen der Liebe Christi sollten wir allezeit sein!

Bilder:
Bild 1: Bbr. Matthias Mertens als Sugamber in Münster
Bild 2: Das im KZ Dachau entstandene Gedenkbildchen von der Priesterweihe Karl Leisners verzeichnet unter dem Wappen des späteren Münsteraner Kardinals von Galen die anwesenden Geistlichen, unter ihnen außer Mathias Mertens noch drei weitere unitarische Bundesbrüder: Pfarrer Heinrich Fresenborg (M), geb. 02. Mai 1900, gest. 21. März 1986, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 28. März 1945; Generalvikariatsrat Geistl. Rat Heinrich Hennen (I2, M3), geb. 13. Januar 1907, gest. 02. November 1967, im KZ Dachau vom 30. Januar 1942 bis zum 05. April 1945; Pfarrer Heinrich Koetter (I2), geb. 28. Oktober 1910, gest. 15. Juni 1973, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 27. März 1945.


Quellennachweis:

1 Vgl. Ganz, Günther: „... verzeihen und auf Rache verzichten!“ Als Priester im KZ Dachau: Bbr. Rektor Matthias Mertens (1906-1970), in: Unitas 2 (2000), 54f., hier: 54. Zweitabdruck in UNITAS-Handbuch, Bd. IV, 2000, 374-381.
2 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
3 Vgl. ein Schreiben von Dr. Thomas Becker (Archiv der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) an den Verfasser vom 08. Juni 2000.
4 Vgl. dazu das Gesamtverzeichnis des Unitas-Verbandes 1930, S. 128. Das Rezipierungsdatum von Heinrich Mönks wird in der von Dirk Lüerßen und Thomas Weinmann verfassten Festschrift „W.K.St.V. Unitas Sugambria: Gestern - Heute - Morgen“, Mülheim an der Ruhr 1999, S. 202, falsch angegeben.
5 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
6 Vgl. Unitas 6/7 (1929/30), S. 101. Matthias Mertens hatte den zu seiner Zeit bekannten Theologen Dr. Carl Sonnenschein (1876-1929) auf dem Katholikentag 1928 in Magdeburg kennengelernt, wo er wohl einen nachhaltigen Eindruck auf ihn machte. Er begann sich zu dieser Zeit intensiv mit dessen Werk zu beschäftigen und einige Aufsätze zu veröffentlichen, u.a. am 20. Februar 1934 in der Klever Zentrumszeitung „Der Volksfreund“.
7 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
8 Vgl. Schwarzes Brett der Unitas 10/11 (1931), Seite 92.
9 Vgl. Ebd.
10 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster, vom 24. August 2000. Dazu wurde mir von den Bundesbrüdern Dr. Ludwig Freibüter und Dr. Wolfgang Burr bestätigt, dass es zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich war, dass Bundesbrüder die Unitas bei ihrem Eintritt ins Priesterseminar verlassen haben bzw. nach Aufforderung durch ihren Regens oder Bischof verlassen mussten.
11 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens. Die Exmatrikulation erfolgte unter der lfd. Nummer 1039 am 27. April 1932.
12 Vgl. dazu das Primizbildchen von Matthias Mertens, Original im Besitz des Verfassers.
13 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster, vom 24. August 2000. Irrtümlich wird oft angegeben, dass die Weihe durch Bischof Johannes Poggenburg (1868-1933) erfolgte, dieser war jedoch erkrankt.
14 Persönliche Mitteilung von Pastor Franz Hermes, Goch, vom 24. August 2000.
15 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
16 Ebd.
17 Vgl. dazu ein Schreiben von M. Mertens an Pfr. Emil Thoma v. 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verf.
18 Geerkens, Ernst: „Zur Namensnennung des Pfarrheims in St. Anna Materborn“, Unveröfftl. Arbeitspapier für den dortigen Pfarrgemeinderat, S. 2, Kopie im Besitz d. Verf.
19 Vgl. Ebd., Seite 3. Hier wird wiederum die Verbindung zu Carl Sonnenschein deutlich, der die „kirchliche Arbeitsbeschaffung“ immer als „wertvollen sozialpolitischen Dienst“ bezeichnet hatte.
20 Vgl. dazu ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946 (Kopie im Bes. d. Verf.); der genaue Vorwurf lautete, dass er „zusammen mit zwei Laien im Vorfeld der Volksabstimmung vom 11. August 1934 durch die Verbreitung von angeblich durch die Partei benützten, kirchenfeindlichen Liedertexten gegen die Regierung agitiert“ hat.
21 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 60.
22 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
23 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
24 Vgl. Ebd.
25 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
26 Vgl. Ebd.
27 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 60.
28 Ebd., Seite 61. Bei der wörtlichen Schilderung bezieht sich Scholten auf das Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946.
29 Boberach, Heinz: Berichte des SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944, Mainz 1971, Seite 611. In einer „Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse“ vom 21. Januar 1942 hieß es dazu lapidar: „Der Kaplan Matthias Mertens (geb. 05.12.06 Straelen, wohnhaft Oberhausen-Sterkrade) hatte in einer Predigt zu einer von der NSDAP durchgeführten Kundgebung in unsachlicher Weise Stellung genommen und hierbei gegen den Redner und die Teilnehmer dieser Versammlung beleidigende Äußerungen gemacht. M. wurde durch die Stapoleitstelle Düsseldorf vorläufig festgenommen.“
30 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 61.
31 Vgl. ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz d. Verf.
32 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: „Neue Züricher Nachrichten“ vom 28. März 1949.
33 Ebd.
34 Ebd.
35 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 62.
36 Schreiben von Matthias Mertens an Vater und Geschwister v. 17. April 1943, Kopie im Besitz d. Verf.
37 Vgl. Dyckmans, Paul: Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 23 (1970), Seite 111.
38 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: „Neue Züricher Nachrichten“ vom 28. März 1949.
39 Ebd.
40 Vgl. Hermes, Franz: Noch eine Erinnerung an Rektor Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), S. 67.
41 Vgl. Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht,