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Gedenken
an die vier „Lübecker Geistlichen“:
Gottesdienste am 10.
und 12 November 2006 in Lübeck und Hamburg
- Seligsprechungsprozess für zwei Bundesbrüder ist
eingeleitet
 Zum
63. Jahrestag der Ermordung der vier Lübecker
Geistlichen finden in Hamburg und in Lübeck Gottesdienste
und Begegnungen statt. In
der Katholischen Kirche ist das Andenken an die drei Kapläne
seit ihrem Tod wach gehalten worden. Jedes Jahr wird der
Todestag in der Krypta der Lübecker Herz-Jesu Kirche gefeiert,
viele Einrichtungen tragen ihre Namen. Auch die UNITAS wird der
Märtyrer für den Glauben gedenken.
Der
traditionelle Gottesdienst in der Todesstunde der Geistlichen
wird in der Lübecker Propsteikirche Herz-Jesu am 10.
November um 18 Uhr mit Erzbischof em. Dr. Ludwig Averkamp
gefeiert. In der 1891 geweihten, damals einzigen Katholischen
Kirche für Lübeck und Umgebung (s. Bild mit Kircheninnerem
und Krypta) waren die drei katholischen Seelsorger gemeinsam
in der Gemeindearbeit tätig gewesen. Im Anschluss an die Messe
ist ein Beisammensein im Haus Simeon, Hartengrube 2-4 geplant.
In der Hamburger St. Ansgar-Gemeinde/Kleiner Michel wird
die Erinnerung an die Martyrer wach gehalten, weil sie in dem im
Gemeindegebiet liegenden Untersuchungsgefängnis am
Holstenglacis starben. Die Gefängniskirche in ihrer
Hinrichtungsstätte erhielt im Gedenken an die vier Lübecker
Geistlichen den Namen „Kapelle des 10. November“. Im Kleinen
Michel beginnt am 12. November um 18 Uhr ein ökumenischer
Gottesdienst mit Erzbischof Dr. Thissen und Bischöfin Bärbel
Wartenberg-Potter zum Thema „Selig, die hungern und dürsten
nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“ Anschließend
gibt es eine Begegnung bei Brot und Wein in der Katholischen
Akademie. Prof. Dr. Stephan Pfürtner aus Marburg, Zeitzeuge und
Mitgefangener der Lübecker Geistlichen, wird einen Vortrag
halten.
1943:
Prozess vor dem Volksgerichtshof
Der
Prozess gegen die vier Geistlichen, Bundesbruder Kaplan Johannes
Prassek (* 13.8. 1911 in Hamburg), Bundesbruder Adjunkt Eduard Müller
(* 20.8. 1911 in Neumünster), gegen Vikar Hermann Lange (*
16.4. 1912 zu Leer in Ostfriesland) und Pastor Karl Friedrich
Stellbrink dauerte kaum zwei Tage (22./23. April). In der
Anklage gegen die drei katholischen Geistlichen, die gemeinsam
an der Lübecker Herz-Jesu-Kirche in der Seelsorge tätig waren,
hieß es: „Ihnen ist zur Last gelegt, seit 1940 oder Anfang
1941 ständig deutschsprachige Sendungen des feindlichen
Rundfunks abgehört und verbreitet und dadurch die
Feindpropaganda gefördert zu haben. Sie haben ferner seit Frühjahr
oder Sommer 1941 auf Anordnung Ihrer vorgesetzten Kirchenbehörde
regelmäßig Gruppenabende veranstaltet, die der religiösen
Vertiefung der Teilnehmer dienen sollten und zu denen sich auf
Einladung durch die Angeklagten überwiegend junge Männer
einfanden, die zum Teil der Wehrmacht angehörten und die
weitere Gäste einführten; sie sind weiter beschuldigt, auf
diesen Gruppenabenden durch Hetze gegen den
nationalsozialistischen Staat, und zwar auch durch Verteilung
von Schriften, dem Kriegsfeind Vorschub geleistet und
Vorbereitung zum Hochverrat begangen zu haben.“
Das
Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im
Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben jeder
Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und
Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft
damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft
der Deutschen ... Die Angeklagten sind hartnäckige,
fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des
nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am
Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es
sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum
Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“ Die Bewertung späterer
Historiker ist eindeutig: Von einem Gerichtsprozess kann
eigentlich keine Rede sein. Das Urteil stand bereits vorher
fest. Es sollte zur Abschreckung gegen alle kritischen
Kirchenleute dienen.
Die Märtyrer von Lübeck
Wenige Tage nach
der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das
Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate
verbrachten sie in Einzelhaft, durfte aber Besuche (u.a. von
ihrem Bischof Wilhelm Berning) empfangen. Am Mittag des 10.
November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre
Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete:
„Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“.
Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde
die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem
anderen gefesselt zum Schaffott geführt und durch das Fallbeil
hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard
Müller (32), dann Hermann Lange (31), dann Johannes Prassek
(31) und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (49). Die Leichen von
Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer
Krematorium eingeäschert. Die sterblichen Überreste unserer
Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller sind
verschwunden.
Auch die Abschiedsbriefe der Lübecker Märtyrer Johannes
Prassek, Hermann Lange und Karl-Friedrich Stellbrink galten
Jahrzehnte lang als verschollen oder vernichtet. Im November
2004 tauchten diese Briefe wieder auf. Der Lübecker Historiker
Prof. Dr. Peter Voswinckel entdeckte eine ganze Reihe Märtyrer-Dokumente
im Berliner Bundesarchiv. Sie waren nach dem Krieg in Archiven
der DDR gelandet. Die gefundenen Texte lassen den Weg der Briefe
jetzt nachzeichnen. Der Volksgerichtshof hatte die Auslieferung
verboten. Grund waren die Bekenntnisse der Zuversicht, ja der
Freude der Geistlichen vor ihrem Tod. "Mit diesen
Bemerkungen haben die Verurteilten offenbar zum Ausdruck bringen
wollen, dass sie sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine
gute Sache eingesetzt und ihr Leben als Märtyrer eingesetzt hätten."
So der Volksgerichtshof.
Bbr.
Kaplan Johannes Prassek
Unser
Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek ist als Haupt der drei
katholischen Martyrerpriester und der festgenommenen Laien der Lübecker
Herz-Jesu-Pfarrei wohl der bekannteste Martyrer des
UNITAS-Verbandes. Johannes Prassek wurde am 13. August 1911
in Hamburg-Barmbek geboren. Er hatte noch zwei Geschwister, eine
Schwester und einen Bruder. Sein aus Schlesien stammender Vater
war Maurer. Prassek wuchs unter wirtschaftlich einfachen Verhältnissen
auf. Besonders liebte er seine Mutter, eine aus Mecklenburg
kommende Konvertitin, dessen liebenswerte Art und ihre Frömmigkeit
ihn besonders prägten. Beeinflusst wurde der junge Prassek aber
auch durch die „Grauen Schwestern“, die an der Katholischen
Schule Elsastraße in Barmbek lehrten.
Nachdem er hier die Grundschulzeit absolviert hatte, wechselte
er auf die Katholische Höhere Knabenschule. Ostern 1927 trat er
in das Hamburger Johanneum ein, wo er 1931 das Abitur ablegte.
Im gleichen Jahr bezog er die Jesuiten-Hochschule Sankt-Georgen
in Frankfurt am
Main, wo er in den W.K.St.V. UNITAS-Frankfurt rezipiert wurde.
1933 wechselte er nach Münster, wo er sich dem W.K.St.V.
UNITAS-Ruhrania anschloss, 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück.
1936 feierte "Knirps", wie ihn seine Bundesbrüder
tauften, das 25. Stiftungsfest seiner Münsteraner Ruhrania in
der Ratsschenke mit (s. Bild, ganz links außen). In diesem Jahr
starb 49-jährig seine Mutter. Ab diesem Zeitpunkt schilderte er
sein studentisches Leben später als recht karg. Zwar wurde ihm
das Studium vom Bischöflichen Stuhl in Osnabrück und von der
Hansestadt Hamburg zum Teil finanziert, dennoch musste er sich
nebenher mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.
Am
13. März 1937 wurde Johannes Prassek im Dom zu Osnabrück
zum Priester geweiht. Am Tag seiner Weihe bezeichnete er sich
als den „glücklichsten Menschen“, meinte aber, er werde
noch einmal viel zu leiden haben. Kurz darauf trat er seine
erste Stelle
als Vikar im mecklenburgischen Wittenburg an. Im Jahr 1939 wurde
er schließlich Vikar an der Lübecker Pfarrei Herz-Jesu und
dort ein Jahr später zum ersten Kaplan ernannt. Er war dort
schnell ungewöhnlich beliebt und seelsorglich erfolgreich.
Dieses hing auch mit seiner Art und seiner Ausstrahlung
zusammen. Seine ungewohnt hohe und hagere Gestalt, sein sonorer
Bass, sein Humor und seine Freundlichkeit beeindruckten
gleichsam schon im vorreligiösen Bereich. Seine Seelsorge
brachte ihn bis an den Rand seiner körperlichen und seelischen
Leistungsfähigkeit, wollte Prassek doch „allen alles sein“,
wie sich noch viel später Gemeindemitglieder erinnerten. Seine
Herzlichkeit, Weltzugewandtheit und gelegentliche Burschikosität
konnten und sollten nie seine eindringlichen Bemühungen um eine
Vertiefung christlicher Wahrheitserkenntnis verdecken. Sein Ruf
als Prediger wuchs schnell, die beeindruckenden
Sonntagspredigten zogen aber nicht nur zahlreiche Gläubige,
sondern auch Gestapo-Spitzel an.
Vor der Kirche warnten ihn Wohlmeinende nach dem Gottesdienst
wegen der in ihren Augen allzu unvorsichtigen Kritik gegenüber
der NS-Ideologie. Prassek ließ sich dadurch nicht beeindrucken
und meinte nur, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse.
In seinen Gesprächskreisen, insbesondere mit in Lübeck
stationierten Soldaten, aber auch in seinen Seelsorgestunden war
die Atmosphäre entspannt und herzlich. Hier wurde zuweilen
offen über den Nationalsozialismus, die kirchenfeindliche
Politik des Regimes, den Krieg und das sittenwidrige Verhalten
der Machthaber gesprochen. Inzwischen hatte Prassek etwas
Polnisch gelernt, um den polnischen Zwangsarbeitern in Lübeck
seelsorglich und menschlich Beistand leisten zu können. Dieses
war eigentlich unter Androhung hoher Strafen strikt untersagt,
blieb aber der Gestapo bis zum Schluss verborgen, weswegen diese
Aktivitäten auch später in der Anklageschrift gegen ihn nicht
auftauchten.
Nachdem
Johannes Prassek im Sommer 1941 den um 17 Jahre älteren und ihm
geistesverwandten evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink
kennengelernt hatte, konnte er seine bisherigen gegen das
NS-Regime gerichteten Tätigkeiten noch verbreitern. Man
beschloss, Informationen über „feindliche“ Rundfunksender
auszutauschen und Flugschriften zu verteilen. Unterdessen hatte
sich bei Prassek jedoch ein Gestapo-Spitzel eingeschlichen.
Prassek vertraute dem jungen Mann, der vorgab, sich dem
katholischen Glauben zuwenden zu wollen und nahezu mittellos zu
sein. In seiner spontanen Art half er ihm und vertraute ihm auch
rückhaltlos seine Kritik am Regime an. Dass er den jungen Mann
für einen Freund nur gehalten hatte, konnte er erst nach seiner
Verhaftung feststellen. Dieses war für ihn, wie er später in
einem Brief aus dem Gefängnis schrieb, eine besonders
schmerzhafte Erfahrung. Doch ließ die Staatsmacht Prassek
vorerst an der langen Leine laufen, mehr noch: Zwei Wochen vor
seiner Verhaftung wurde Prassek wegen seines selbstlosen
Einsatzes während der Lübecker Bombennacht „im Namen des Führers“
das Luftschutz-Ehrenabzeichen verliehen.
Als
die Gestapo Bundesbruder Johannes Prassek am Vormittag des 18. Mai 1942
abholte, kam dieses für ihn nicht überraschend. Er wurde in
das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes gebracht. Das
Burgkloster (heute Museum Burgkloster) diente bis in die 60er
Jahre als Gerichtsgebäude und Gefängnis. Prassek und die
anderen Gefangenen mussten über ein Jahr auf ihren Prozess
warten. Über seine Gefangenschaft sind wir aufgrund erstaunlich
zahlreicher Briefe, die ihre Empfänger auf zum Teil
abenteuerliche und, in einem Fall, mit zwölfjähriger Verspätung
erreichten, besonders gut unterrichtet. Die Gefängniskost war
damals auch für Untersuchungsgefangene außerordentlich dürftig
und unzulänglich. Für den schon vorher magenempfindlichen
Prassek wurde sie zur Qual. Auch unter der Kälte der im Winter
kaum geheizten Zelle hatte er schwer zu leiden. Besucher waren
nur selten zugelassen. Isolation und Hunger gehörten zu den
Haftbedingungen. Johannes Prassek schrieb in einem Brief an
einen Freund: „Weißt du, was Hunger ist? Wenn der Magen
knurrt und man hat dieses unangenehme Hungergefühl, das ist
noch kein Hunger! Aber wenn es dir aus dem Hals rausstinkt vor
Leere [...], wenn im Munde zwischen den Zähnen [...] so ein
fieser Geschmack des Mangels sich bemerkbar macht, wenn das
Zahnfleisch sich löst und schon bei einer leichten Berührung
mit der Zunge das Blut herausquillt, wenn trotz Kleidung, trotz
sommerlicher Hitze Dein Körper nicht warm wird, sondern die
Finger [...] und die Zehen [...] blutleer und abgestorben sind,
wenn Du bis an die Ellenbogen kalte Arme und bis an die Knie
kalte Beine hast [...]. Und dann dieses grausige dumpfe Gefühl
im Kopf, [...]. Es ist einfach physisch unmöglich, anders zu
sein als unzufrieden. Das ist Hunger, und das ist hier seit
Monaten mein Begleiter.“
Schließlich
wurde ihm nach einer kirchlichen Intervention das kleine
Privileg zugestanden, dass er aufgrund seines sich
verschlimmernden Magenleidens private Verpflegung annehmen
durfte. Gegen dieses Privileg hatte er sich zuerst gewehrt, gab
dann aber wegen seines schon bedrohlichen Gesundheitszustandes
nach. Besonders litt Prassek aber unter den menschlichen
Verwerfungen. Der Verrat seines vermeintlichen Freundes ließ
ihn zu Anfang seiner Haft daran zweifeln, ob er, so er jemals
wieder frei käme, für die Seelsorge noch geeignet sein werde.
Zusätzlich streute die Gestapo in Lübeck vollständig unfügliche
Gerüchte über seinen Lebenswandel bzw. über sein Ernstnehmen
des Zölibats, was zu dieser Zeit in ganz Deutschland eine
beliebte Methode war. Mit solchen Gerüchten versuchte die
NS-Propaganda immer wieder, einen Keil zwischen die Geistlichen
und ihre Gläubigen zu treiben. Dieses gelang, nach allem was
wir wissen, in Lübeck mitnichten, was Johannes Prassek in
seiner Isolation aber nicht ahnen konnte. Vielmehr wurde ihm von
den vernehmenden Gestapo-Beamten vermittelt, sein Osnabrücker
Bischof Wilhelm Berning schenke diesen Gerüchten wirklich
Glauben. Diese infame Verunsicherung konnte auf Prassek eine
gewisse Zeit nicht ohne Wirkung bleiben, denn tatsächlich hüllte
sich Bischof Berning zu seinem Schmerz gegenüber ihm und seinen
gefangenen Mitbrüdern zunächst in Schweigen, das er schließlich
jedoch um so beherzter mit Briefen, Besuchen und Eingaben an
staatliche Stellen brach.
Trotz
der harten Haftzeit und der Aussicht auf die eigene Hinrichtung
verlor Bundesbruder Johannes Prassek nicht seine Glaubensgewissheit
sowie die seine Mitgefangenen und die außerhalb der Gefängnismauern
um ihn zitternden Freunde tröstende heitere Warmherzigkeit.
Vielmehr fürchtete er, das Todesurteil könne noch zurückgenommen
werden, wobei diese und die seiner gefangenen Mitbrüder Haltung
zum Teil auch den Gefängnisbeamten Sympathie einflößte. Gegen
den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung
keine seiner regimekritischen Äußerungen ab.
Bis
auf eine kurze Unterbrechung, während der die Gefangenen nach
Hamburg verlegt wurden, blieben sie in Lübeck. Und trotz
strenger Kontrolle durch das Wachpersonal und trotz des großen
Risikos brach bei einer Gruppe in der katholischen Gemeinde eine
Zeit vieler heimlicher Aktivitäten an. Einmal, als die
Gefangenen – die Laien waren noch dabei – zu Arbeitseinsätzen
an eine Baustelle beordert wurden, gelang es Verwandten und
Mitgliedern der Gesprächskreise, den Gefangenen Essen
zuzuschmuggeln. Ein anderes Mal brachten sie ihnen Hostien aus
der katholischen Messe, schafften es sogar, Brot und Wein ins
Gefängnis zu schleusen. So konnten die Priester heimlich auf
ihren Zellen die Eucharistie feiern. Mut bewies dabei Fräulein
Johanna, die Haushälterin des Pfarrhauses. Kaplan Westholt,
Nachfolger der drei in der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr an manchen
Abenden mit dem Fahrrad unter die Gefängnisfenster und erteilte
den Katholiken heimlich die Generalabsolution, die Vergebung der
Sünden, die sonst in der Beichte vollzogen wird. Für sie
bedeuteten diese kirchlichen Vollzüge – gerade als sie ihnen
gewaltsam vorenthalten werden sollten – Hilfe und Trost.
Erhalten
ist das Neue Testament des Kaplans mit Notizen und Anstrichen.
Der Bischof von Osnabrück liest an jedem Todestag in der
Eucharistiefeier das Evangelium aus diesem Buch. Auf der ersten
Seite hat Johannes Prassek den Satz aufgeschrieben: „Wer
sterben kann, wer will den zwingen?“ In seinem Abschiedsbrief
an seine Familie schreibt er:
Hamburg,
den 10. XI. 1943
„Ihr Lieben!
Heute Abend ist es nun so weit, daß ich sterben darf. Ich freue
mich so, ich kann es Euch nicht sagen, wie sehr. Gott ist so
gut, daß er mich noch einige schöne Jahre als Priester hat
arbeiten lassen. Und dieses Ende, so mit vollem Bewußtsein und
in ruhiger Vorbereitung darauf sterben dürfen, ist das Schönste
von allem. Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist
dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück,
gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft
auch Ihr Euch freuen. Für Euch ist mein Tod kein Verlust, ich hätte
in meinem Amte als Priester Euch doch kaum mehr dienen können.
Was ich für Euch habe tun können, daß ich täglich für Euch
gebetet habe, werde ich jetzt noch viel mehr tun können. Was
meine große Sorge um Euch ist, die gleiche, die ich auch für
Paul habe, wißt Ihr. Aus dieser Sorge heraus müßt Ihr das
auch verstehen, was ich Euch manchmal geschrieben habe.
Darf ich Euch bitten, mir zu verzeihen, wenn ich Euch bisweilen
weh dabei getan habe? Es war nicht böse gemeint. Und Dank für
alle Sorge und Mühe, die Ihr in meinem Leben Euch um mich
gemacht habt. Vom Himmel aus will ich versuchen, Euch alles
wieder gut zu machen. Wie es wohl sein wird? Lebt wohl. Ich grüße
Euch noch einmal in herzlicher Liebe und Dankbarkeit.
Euer Hans
Grüßt
alle Bekanten noch einmal: Pastor Alves, die Schwestern in
Rahlstedt, Webers, Gerdines, Cordes, Heiwings, meinen Pastor in
Lübeck, die Schwestern dort, grüßt mir vor allem den Bischof
und dankt ihm in meinem Namen für alles, besonders dafür, daß
er mich zum Priester geweiht hat. Größeres und Schöneres habe
ich auf der Erde nicht erfahren, und nun kommt die größte
Freude, Gott, die ewige Liebe. Ich segne Euch ein letztes
Mal. Über meine Sachen habe ich im Testament bestimmt. Laßt es
dabei bleiben."
Bbr.
Vikar Eduard Müller
Bundesbruder
Eduard Müller, Sohn eines
Schuhmachers, geboren
am 20. August 1911 in Neumünster, kam aus armen Verhältnissen.
Der Vater hatte die Familie mit sieben Kindern früh verlassen,
die Mutter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Müller
lernte Tischler, war in der katholischen Jugendbewegung aktiv
und wäre gerne Priester geworden. Seinen Wunsch,
Priester zu werden, musste er über den mühsamen Weg privater
Lateinstunden, Spätberufenenkonvikt mit Abitur, dann Studium in
Münster, verwirklichen. Der
Neumünsteraner Kaplan und Bundesbruder Dr. Bernhard Schräder,
später Weihbischof in Schwerin, förderte ihn und besorgte
Geldgeber für seine Schulbildung. 1936 legte Bbr. Müller sein
Abitur am Spätberufenen-Kolleg in Bad Driburg ab und nahm in Münster
das Studium der Theologie auf.
1940 wurde auch er in Osnabrück zum Priester geweiht und kam
noch im gleichen Jahr nach Lübeck.
Nach
der Priesterweihe 1940 wurde Müller Adjunkt in der Lübecker
Herz-Jesu Gemeinde, wo er von Pfarrer Dr. Msgr. Albert Bültel,
ebenfalls Bundesbruder und pastor primarius in Lübeck,
sehr gefördert Seine erfolgreiche
Jugendarbeit veranlasste die HJ, die Hitlerjugend, ihn um
Mitarbeit zu bitten. Er aber blieb bei seiner Gemeindejugend. Müller
sah sich als „Soldat“ des „Königs“ Christus. In einem
Brief an den Bischof schrieb er kurz vor der Hinrichtung:
„Knapp zwei Jahre durfte ich als Priester ihrer Diözese
helfen am Aufbau des Reiches Gottes. Und wenn ich an Gottes
Thron stehen darf, dann werde ich auch dort helfen am Aufbau des
Reiches Gottes in unserem lieben Vaterland und besonders in
unserer Diözese.“ Wie
bei Bbr. Johannes Prassek konnte ihm die
Anklage keine öffentliche Kritik an der NS-Herrschaft
vorwerfen. Trotzdem wurde er am 22. Juni 1942 festgenommen und
zum Tode verurteilt. Im Prozess vor dem Volksgerichtshof
alle Anschuldigungen von sich gewiesen. Wahrscheinlich war er
wirklich kaum an den Handlungen der anderen beteiligt.
Nach
der Urteilsverkündigung schrieb er: „So habe ich die
Erwartung und Hoffnung, dass ich in keinem Stück werde
zuschanden werden, sondern dass in allem Freimut, wie immer,
auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werde, sei es
durch Leben, sei es durch Tod. Denn für mich ist das Leben
Christus und das Sterben Gewinn.“
Bild:
Ein Kohlenkeller wird zum Jugendheim:
Kaplan Müller war bei den Jugendlichen so beliebt, dass ihn
sogar die Hitlerjugend (vergeblich) um seine Mitarbeit warb.
Vikar
Hermann Lange
Hermann
Lange, geboren am 16.4.1912 in Leer, war der Intellektuelle im
Bunde der drei Kapläne. Anders als Müller und Prassek wuchs er
in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, sein Vater war Lehrer,
sein Onkel Domdechant in Osnabrück. Als Gymnasiast trat er dem
kath. „Bund Neudeutschland“ bei und damit in die Geisteswelt
der kirchlichen Reformbewegung. Ein Jahr nach seiner
Priesterweihe (1938) wurde er Hilfsgeistlicher in Lübeck. Dort
überzeugte er durch seine Bildung, sein pädagogisches Geschick
und seine anspruchsvollen Predigten. Der belesene,
reformorientierte Theologe konnte die Umtriebe der Nazis nur mit
Abscheu registrieren. Im kleinen Kreis prangerte er die
Kriegsverbrechen der Deutschen an, einem Soldaten soll er gesagt
haben: Ein Christ dürfte eigentlich gar nicht auf deutscher
Seite am Krieg teilnehmen.
Hermann
Lange vervielfältigte und verteilte Flugblätter und
NS-kritische Schriften, u.a. die Predigten von Galens. Am
15.6.1942 wurde Lange verhaftet, auch er leugnete im Prozess
seine Aktivitäten nicht. Am Tag der Hinrichtung schrieb der
Geistliche einen Brief an seine Eltern: „Heute ist die große
Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller
Spannung sein? Und dann werde ich auch alle die wiedersehen, die
mir auf Erden lieb waren und nahestanden! (...) Seht, die Bande
der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja
nicht durchschnitten, Ihr denkt an mich in Euren Gebeten und
dass ich allzeit bei Euch sein werde.“ Der Brief schließt mit
dem Satz „Auf Wiedersehen beim Vater des Lichtes! Euer glücklicher
Hermann.“
Pastor
Karl
Friedrich Stellbrink
Karl
Friedrich Stellbrink hatte einen ganz anderen Werdegang als die
16 und 17 Jahre jüngeren katholischen Kapläne. Der 1894 in Münster
geborene Pastor hatte schon am Ersten Weltkrieg teilgenommen und
war verwundet worden. Nach dem Krieg wurde er Auslandspastor in
Brasilien. 1929 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland
zurück, nach fünf Jahren Pastorendienst in Steinsdorf/Thüringen
bekam er die Pastorenstelle der Lübecker Lutherkirche (1934).
Stellbrink
war Nationalist, er hoffte gleichermaßen auf eine christliche
und nationale Erneuerung Deutschlands und gehörte seit 1921 der
Bruderschaft „Bund für deutsche Kirche“ an. Von der
aufsteigenden NSDAP erwartete der Theologe zunächst die
politische Realisierung der nationalen Ideale. Nach seiner Rückkehr
nach Deutschland trat er in die NSDAP ein. Die Ernüchterung kam
spätestens 1936, als Pastor Stellbrink aus der Partei
ausgeschlossen wurde. Er hatte erkannt, dass seine Ideale
Wahrheits- und Freiheitsliebe von den Nazis nicht geteilt
wurden. Mehrfach geriet er in Konflikt mit seiner Partei (so
durch Kontakt zu einem jüdischen Nachbarn) und auch mit seiner
Kirche: Der Lübecker Landesbischof war ebenfalls
NSDAP-Mitglied. Bei Kriegsbeginn war Stellbrink offener Gegner
des NS-Staates. Von den Anfangserfolgen ließ er sich nicht
blenden, sondern war immer auf der Suche nach unzensierten
Informationen. In dem katholischen Kaplan Prassek fand er einen
jüngeren Gleichgesinnten. Sie fühlten sich nicht nur im
Widerstand gegen die Gewaltherrschaft verbunden; ihr
verschiedener konfessioneller Hintergrund gab Stoff für viele
Glaubensgespräche, auch während der Zeit im Gefängnis. Dort
entwickelte sich eine weitere Freundschaft zwischen Pastor
Stellbrink und dem katholischen Gefängnispfarrer Behnen, der
alle vier Gefangenen betreute. Stellbrink war und blieb überzeugter
Lutheraner, in seiner Kirche aber fühlte er sich als Außenseiter.
Eine
Predigt am Palmsonntag 1942 gab den Nazis den Anlass, Stellbrink
zu beseitigen. Am Samstag vor Palmsonntag wurde Lübeck Ziel
eines verheerenden Bombenangriffs. Am Sonntag predigte der
Geistliche: „Gott hat mit mächtiger Stimme geredet. Die Lübecker
werden wieder lernen zu beten.“Diese
„Gottesgerichts-Predigt“ sprach sich in der Stadt herum. Die
Landeskirche eröffnete deswegen ein
Amtsenthebungs-Verfahren gegen den Pastor. Wenige Tage später
erschien die Gestapo und nahm Stellbrink in „Schutzhaft“. Im
Gefängnis durfte er mehrmals Besuche seiner Familie (drei
Kinder, zwei Pflegekinder) empfangen. Er war sich darüber im
Klaren, dass der Prozess mit seiner Hinrichtung enden würde. Über
die Gespräche gibt es eindrucksvolle Zeugnisse. „Wie steht es
mit Deutschland?“, fragte der isolierte Häftling einmal,
„hat es sich noch nicht erhoben, um die Fesseln der
Knechtschaft von sich zu werfen?“ Den Rat eines Freundes, in
den Verhören diplomatisch zu antworten, wies er entschieden ab:
„Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!“
Seine
Frau berichtet von den letzten Besuchen vor der Hinrichtung:
„Die Worte meines Mannes an mich wurden zu Ansprachen, ganz
vom Glauben an Gott und die bevorstehende Gottesschau erfüllt.
Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen die Vorstellung auf,
die er mit Prälat Behnen des öfteren zu betrachten pflegte:
Welch eine Herrlichkeit wird für uns sichtbar werden, wenn sich
uns die Tore der Ewigkeit öffnen!“ Einer der Briefe aus dem
Gefängnis soll die Hinterbliebenen trösten: „Und ich bin mit
48 Jahren noch zu jung? Der Heiland starb mit 33 Jahren als
‚Verbrecher‘, Ewald mit nur 20 Jahren, unsere erste Gisela
mit 7 Monaten.- Wahrlich, keiner kann seines Lebens Grenze
bestimmen. Gott aber sei Dank, dass unser Leben in seiner Hand
stehen darf: ,Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es
froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen!“
Auf
dem We
g zur Seligsprechung
Das gemeinsame
Gedenken an die „vier
Lübecker Märtyrer“ ist heute eine feste ökumenische
Angelegenheit der Lübecker Christen. Ihr 50. und der 60.
Todestag wurde mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den
60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker
Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz,
Kardinal Karl Lehmann, in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche.
Damals erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die
Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller
und Lange zu beantragen. Mit der Ernennung des römischen
Anwalts Dr. Andrea Ambrosi zum Postulator des Verfahrens
begannen am 10.Mai 2004 die Vorbereitungen für das
Seligsprechungsverfahren. Nach der Sessio ultima am 10.
November 2005 und dem Abschluss des ersten, diözesanen Teils im
Seligsprechungsverfahrens wurden die Prozessakten für den
zweiten und entscheidenden Teil des Verfahrens an
die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen
nach Rom übermittelt. Die 2110
Seiten umfassenden Akten enthalten die übersetzten
Aussagen von Zeitzeugen, sämtliche schriftliche Zeugnisse sowie
theologische und historische Gutachten.
Wie viel Zeit bis zur Entscheidung vergehen wird, ist
derzeit nicht absehbar.
Quellen:
u.a. OnlineDokumentation des
Erzbistums Hamburg unter: http://www.erzbistum-hamburg.de/;
Lambert Klinke, "
Zeugen
für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20.
Jahrhundert. Eine Zusammenstellung von Lebensbildern mit
inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr.
Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2
Links
Gemeinde St. Ansgar/Kleiner Michel in Hamburg mit einer
Dokumentation über die Zeugen des Nationalsozialismus: www.kleiner-michel.de/gemeinde/zeugen.htm
Die katholischen Gemeinden Lübecks, darunter die
Propsteikirche Herz Jesu, in der die Kapläne Prassek, Lange und
Müller tätig waren: www.kath-kirche-luebeck.de
Online-Heiligenlexikon mit Kurzbiografien, dabei auch
die Lübecker Kapläne: www.heiligenlexikon.de
Literatur
P. Voswinckel, Nach 61 Jahren komplett. Die
Abschiedsbriefe der Vier Lübecker Märtyrer im historischen
Kontext (mit Korrespondenzen der Angehörigen mit dem
Oberreichsanwalt), in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische
Geschichte und Altertumskunde, Bd. 85 (2005), S. 275-329
W. Burr, Johannes Prassek, in: W. Burr (Hrsg.),
UNITAS-Handbuch. Bd. 1 (Bonn 1995) 295-302
Zeugen für Christus. Das deutsche
Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im
Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 2 Bände, Paderborn
1999 (über die Lübecker Kapläne: Martin Thoemmes, Bd. I,
249-257, dort auch weitere Literatur mit Quellen);
A. Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt.
Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert,
Freiburg i.Br. 2002 (Originaltitel: Il secolo del martirio,
2000);
G. Denzler, Widerstand ist nicht das richtige Wort.
Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich,
Zürich 2003 (Pendo-Verlag);
H. Hürten, Verfolgung, Widerstand und Zeugnis,
Mainz 1987;
A. Doering,-Manteuffel/J. Mehlhausen (Hg.), Christliches
Ethos und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa
in Konfession und Gesellschaft 9, Stuttgart 1995;
Ökumene im Widerstand. Der Lübecker Christenprozess 1943,
hrsg. von I. Spolovnjak-Pridat/H. Siepenkort, Lübeck 2001;
„Zeugen für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im
20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von
Lambert Klinke mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen
von Prälat Dr. Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2
E. Pelke, Der Lübecker Christenprozess 1943;
Topos-Taschenbücher 36, 2. Aufl., Mainz 1963, in gekürzter
Form Mainz 1974;
W. D. Hauschild, Kirchengeschichte Lübecks, Lübeck
1981;
A. Steinke, Christliches Zeugnis als Integration von
Erfahrung und Weitergabe des Glaubens, Würzburg 1957;
K. Rahner, Dimensionen des Martyriums, in:
Schriften zur Theologie XVI, Zürich 1984, 295-299;
H. U. v. Balthasar, Neue Klarstellungen,
Einsiedeln 1979, 158-173;
Thoemmes, Die Bemühungen des Papstes um die Rettung der Lübecker
Priester, in: FAZ, 25.11.2004, 46.
Der Aufsatz „Zeugen für Christus,
Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert“
von Bbr. Lambert Klinke (unitas 2000/2) versammelt Lebensbilder
weiterer Glaubenszeugen aus der UNITAS,
die im Nationalsozialismus ihr Leben gaben:
Pfarrer
Georg Häfner (W.K.St.V. UNITAS Hetania zu Würzburg)
Anton Knab (W.K.St.V. UNITAS Franko-Saxonia Marburg)
Pfarrer Joseph Müller ( W.K.St.V. UNITAS Freiburg)
Abt Adalbert (Karl) Graf von Neipperg OSB (Ehrenmitglied des
UNITAS-Verbandes)
Professor Dr. phil. Dr. theol. Joseph Schmidlin (UNITAS
Freiburg)
Pfarrer Heinrich Schniers (UNITAS Frisia Münster)
Pfarrer Dr. theol. Dr. iur. utr. Bernhard Schwentner (UNITAS
Frisia Münster)
Pfarrvikar Anton Spies (UNITAS Ruhrania Münster)
Im
Folgenden die Lebensbilder des Ruhranen Anton Spies und von Bbr.
Matthias Mertens, der Pfarrer in Oberhausen-Schmachtendorf war:
Blutzeuge
im Dritten Reich:
Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies
von Bbr. Lambert Klinke
Der
zur UNITAS Ruhrania Münster gehörende Anton Spies wurde am 24. November 1909
in dem kleinen Dorf Heckfeld im badischen Frankenland geboren.
Seine Kindheit und Jugend verlief in geordneten, für einen aus
bäuerlicher Familie stammenden späteren Priester nachgerade
typischen Bahnen. Er besuchte zunächst bis zur siebten Klasse
die Volksschule und wurde dann, nachdem ihm ein Geistlicher
durch Privatstunden entsprechend vorbereitet hatte, als Schüler
des dortigen Erzbischöflichen Knabenkonvikts in die Quarta des
Tauberbischofsheimer Gymnasiums aufgenommen, wo er am 29. März
1930 mit befriedigendem Ergebnis die Reifeprüfung ablegte. Auch
seine Leistungen im Theologiestudium, im Collegium Borromaeum
und schließlich im Priesterseminar waren eher
unterdurchschnittlich, „dabei aber stets fleißig und von
besten Absichten getragen.“ Der Skrutinialbericht des
Theologischen Konviktes bescheinigte ihm Frömmigkeit sowie
einen willigen und zugänglichen Charakter. Die Beurteilung des
Erzbischöflichen Priesterseminars empfahl ihn für „einfache
Landposten“ und fügte an, er werde aufgrund seiner Stetigkeit
und Überlegtheit ein solider und würdiger Seelsorger werden.
Die Priesterweihe empfing Anton Spies am 31. März 1935,
danach trat er seine erste Stelle als Vikar in Bühl bei
Offenburg an. Es folgten weitere Vikarstätigkeiten in Lauda,
Mudau, Distelhausen, Uissingheim und schließlich im Jahr 1939
in Ketsch. In der praktischen Seelsorge erwies sich Spies dabei
als in jeder Hinsicht unauffälliger und eifriger Priester;
seine Prinzipale sahen in der Landseelsorge den rechten Ort für
ihn, und auch er selbst hatte keine andere Absichten, als
„einfacher“ Landpfarrer zu werden.
Am
4. März 1941 teilte der Ketscher Ortspfarrer Gustav
Westermann dem Erzbischöflichen Ordinariat mit, daß Pfarrvikar
Anton Spies am 28. Februar 1941 von der Gendarmerie
festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim
gebracht worden sei: „Es wird ihm angeblich zur Last gelegt,
an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich
stehe auf dem Standpunkt, daß den Verhältnissen nach er
unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor aus Gehässigkeit
gegen uns Geistliche erfolgte.“ In einem weiteren Schreiben an
die kirchlichen Behörden charakterisierte Pfarrer Westermann
den denunzierenden Rektor als höchst gehässigen Kirchengegner,
der schon seit Jahren erfolglos versucht habe, ihn, den
Ortsgeistlichen, zur Strecke zu bringen. Da ihm das bisher nicht
gelungen sei, habe er es eben nun beim Vikar versucht. Danach
bekräftigte Westermann noch einmal seine Überzeugung, Spies
sei unschuldig und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entbehrten
jeder Grundlage: „Das möchte ich noch zum Schluß anführen,
daß die Beschuldigungen von sittlich sehr minderwertigen
Personen ausgehen, die in enger Freundschaft mit dem Rektor
stehen. Der weitaus größte Teil der Pfarrgemeinde hält Herrn
Spies für unschuldig und kennt den Rektor.“ Eine Frau aus
Ketsch, die den Vikar ebenfalls verteidigte, wurde deswegen
belangt, wie aus einer „Meldung wichtiger staatspolitischer
Ereignisse“ aus Berlin vom 6. August 1941
hervorgeht: „Für die Dauer von zehn Tagen wurde von der
Stapoleitstelle Karlsruhe die Ehefrau Sophie M. [...] in
Schutzhaft genommen, weil sie die Behauptung aufgestellt hatte,
daß die in dem Verfahren gegen den katholischen Kaplan Spies,
[...] vernommenen Zeugen falsche Aussagen gemacht haben.“
Alle
Bemühungen von Pfarrer Westermann, dem Erzbischöflichen
Ordinariat und des mit der Verteidigung beauftragten
Rechtsanwaltes waren vergeblich, da das Gericht den Aussagen der
etwa elf Jahre alten Schüler mehr Glauben schenkte als Anton
Spies. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, daß Spies nicht
einfach rundweg alles abstritt, sondern zugestand, „es könne
durchaus vorgekommen sein“, daß er „hin und wieder einen
der Knaben berührt habe - doch allenfalls
versehentlich und ohne jegliche unsittliche Absicht.“
Daraufhin wurde Bundesbruder Anton Spies nach damals angewandten
„Recht“ zu zwei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, woran
weder die eingelegte Revision noch der Versuch, ein
Wiederaufnahmeverfahren in Gang zu bringen, etwas ändern
konnten. Anton Spies verbüßte die Strafe teils im Zuchthaus,
teils wurde er beim Autobahnbau eingesetzt. Bald nach der
Verurteilung, die, so sah es nach außen hin aus, Spies' Schuld
zweifelsfrei erwiesen hatte, setzte auch das Freiburger
Ordinariat ein Verfahren gegen ihn in Gang, was die seelischen
Leiden des sich als unschuldig ansehenden weiter verschlimmerte.
Als
am 2. August 1943 die Strafzeit abgelaufen war, wurde Anton
Spies jedoch nicht freigelassen, sondern von der Gestapo in
„Schutzhaft“ gehalten. Um dieser zu entgehen, meldete sich
Spies in dieser Zeit freiwillig zur Wehrmacht, Erzbischof Conrad
Gröber versuchte zu erreichen, daß man ihn in eine Anstalt der
Erzdiözese Freiburg überstellte, wo er beaufsichtigt und in
der Landwirtschaft verwendet werden würde. Doch weder Spies'
eigene noch die Bemühungen seines Erzbischofes hatten Erfolg,
stattdessen wurde er am 13. September 1943 in das KZ Dachau
eingeliefert. Wenige Wochen, bevor er von den Amerikanern
befreit worden wäre, erkrankte Bundesbruder Anton Spies an
Flecktyphus. Er verstarb am 19. April 1945 und wurde in
einem Massengrab beigesetzt.
Anton Spies beharrte stets darauf, unschuldig zu sein. In einem
letzten Brief an seine Mutter schrieb er: „Und wenn ich
zeitlebens im Kerker schmachten muß, werde ich meine
Unterschrift nie hergeben zur Beglaubigung einer Tat, die ich
nie begangen.“ Auch viele Menschen, die ihn näher gekannt
hatten, darunter seine geistlichen Dachauer Mithäftlinge und
jener Lehrer aus Ketsch, der schon beim Gerichtsverfahren zu
Spies' Gunsten ausgesagt hatte, blieben fest und unerschütterlich
der Ansicht, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Nach Ende des
Zweiten Weltkrieges wurden in einem Spruchkammerverfahren gegen
seinen damaligen Ankläger, den nationalsozialistisch
eingestellten Rektor, gravierende Widersprüche in den gegen
Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Ebenso
gaben mehrere der seinerzeit vernommenen Schüler an, vom Rektor
dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen. Von
seinen Verwandten vorgenommene erneute Versuche, in einem
Wiederaufnahmeverfahren Spies' Unschuld zu beweisen und ihn
hierdurch rehabilitieren zu lassen, scheiterten daran, daß
einige der Zeugen auf ihren Vorwürfen beharrten und dem
Rechtsanwalt wie dem Erzbischöflichen Ordinariat die Durchführung
eines solchen Verfahrens angesichts des ungewissen Ausgangs
wenig ratsam erschien. Auch die von Anton Spies seinerzeit gewählte,
aus Sicht des Rechtsanwaltes wenig glückliche
Verteidigungsstrategie, die bei einem neuerlichen Prozeß
sicherlich wieder eine Rolle gespielt hätte, wirkte sich noch
über Spies' Tod hinaus negativ für ihn aus, ebenso wie das förmlich
nie abgeschlossene oder niedergeschlagene kirchliche
Strafverfahren. So ist die Ehre des im KZ Dachau zum Blutzeugen
gewordenen Bundesbruders Anton Spies bis heute nicht
formaljuristisch wiederhergestellt; vielmehr bleibt er
„offiziell“ ein rechtskräftig verurteilter
Sittlichkeitsverbrecher. An der Tatsache, daß seine Anklage,
seine Verurteilung und letztlich sein Tod ein fanatischer
Priesterhasser verschuldet hat, daß Anton Spies also für
seinen Beruf und seinen Glauben zum Martyrer geworden ist, ändert
sich nichts dadurch, daß seine Unschuld wohl niemals mehr von
einem irdischen Gericht wird bewiesen werden können.
Literatur:
H. Ginter, Necrologium Friburgense 1941-1945. Verzeichnis
der in den Jahren 1941 bis 1945 verstorbenen Priester der Erzdiözese
Freiburg, in: FDA 70 (1950) 19-258; C. Schmider, Pfarrvikar
Anton Spies, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1
(Paderborn u.a. 1999) 219-221 und R. Zahlten, Die
Ermordeten. Die Gedenktafel der Erzdiözese Freiburg für die
verfolgten Priester (1933 bis 1945) in „Maria Lindenberg“,
nahe St. Peter / Schwarzwald (Vöhrenbach 1998).
Aus:
unitas 200/1
Vier Bundesbrüder
waren bei der Priesterweihe von Karl Leisner in Dachau - Zu
einem neuen Lebensbild von Bbr. Matthias Mertens (1906-1970),
Priester in Oberhausen-Schmachtendorf
Mit dem von Bbr. Dr. Wolfgang Burr herausgegebenen IV.
Band des UNITAS-Handbuchs liegt ein weiterer gewichtiger
Baustein unitarischer Geschichtsschreibung vor. Seine Lektüre
kann allen Unitariern nur bestens empfohlen werden.
Hochinteressante Aufschlüsse geben nicht nur die vielfältigen
Ergänzungen zu Kapiteln vorausgegangener Bände, sondern auch
die 31 neu verfassten Lebensbilder, die in sehr lesbarer Weise
Persönlichkeiten aus dem Verband vorstellen. Dies zeigt sich
insbesondere dort, wo die Recherchen der einzelnen Verfasser gänzlich
neues, unbekanntes Material ausfindig machen. Dies trifft z.B.
auf das Lebensbild von Bbr. Matthias Mertens zu, für das sich
gleich zwei Autoren auf die Suche begeben haben.
In
ihm stellte uns der Altherrenbundsvorsitzende Günther Ganz
bereits in Ausgabe 2/2000 der unitas einen Seelsorger vor, der
mit anderen der im KZ Dachau eingekerkerten Priestern „das
niederdrückende Gefühl absoluter Ohnmacht, Recht- und
Schutzlosigkeit gegenüber der Staatsgewalt“ teilte. (1)
Erstmals war dort von der Priesterweihe des am 23. Juni 1996
seliggesprochenen münsteraner Geistlichen Karl Leisner die
Rede, an der Bbr. Mertens teilgenommen hat. Bbr. Lambert Klinke,
Alt-VOS aus dem Vorort UNITAS-Cheruskia Gießen, Historiker für
Mittlere und Neuere Geschichte, haben diese Mitteilungen nicht
ruhen lassen. Er ist diesen Spuren an den Lebensstationen von
Matthias Mertens selbst nachgegangen und hat eine mit
zahlreichen Quellennachweisen versehene, Bbr. Dr. Ludwig Freibüter
zu dessen 80. Geburtstag gewidmete eigene Darstellung vorgelegt,
die ebenfalls in Band IV. des UNITAS-Handbuches eingegangen ist.
Lambert Klinke konnte darin nicht nur die Frage nach der
UNITAS-Mitgliedschaft von Matthias Mertens klären, sondern auch
sein von der KZ-Haft gezeichnetes Leben intensiv nachzeichnen.
Wir folgend weitgehend dem Wortlaut des Artikels, zu dem auch
interessantes Bildmaterial erstmals vorliegt.
Nach Bbr. Lambert Klinkes Recherchen immatrikulierte sich
Mertens im Sommersemester 1927 an der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster,
gab als Prüfungsziel „Ktheol. Examen (Priester)“ (2) an und
wohnte im Borromaeum am Domplatz. Für die Freisemester
wechselte Matthias Mertens zum Sommersemester 1929 an die
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wohnte zunächst
in der Jakobstraße 1a, im Wintersemester 1929/30 dann in der
Bergstraße 26. (3) Hier traf er schließlich den aus der Diözese
Aachen stammenden Bundesbruder Pfarrer Heinrich Mönks
(1906-1981), mit dem er zusammen noch im Sommersemester 1929 dem
W.K.St.V. UNITAS-Salia Bonn beitrat. (4) Hier wurde er zu einem
der „geradlinigsten und aktivsten Bundesbrüder“. (5) So
hielt er u.a. im Wintersemester 1929/30 beim Vereinsfest
„Maria Immaculata“ den Festvortrag über „Sonnenscheins
Leben und Werk“. (6)
Wieder zurück in Münster, wurde er am 24. April 1930 unter der
lfd. Nummer 481 reimmatrikuliert (7) und meldete sich zusammen
mit Heinrich Mönks beim W.K.St.V. UNITAS-Sugambria an. (8) Aus
dieser Zeit ist ein Foto überliefert. Die zunächst letzte
Information über seine Aktivenzeit stammt aus dem
Sommersemester 1931, nach dessen Ende er um Streichung aus dem
Mitgliederverzeichnis der Unitas bat. (9) Nach Mitteilung des
einzig noch lebenden Mitbruders aus dem Weihejahrgang, Prof. Dr.
theol. Alois Schröer (geb. 1907), fiel dieser Entschluss
„schweren Herzens [...] und nur deshalb [...], um sich ganz
auf die Gnade des Priestertums vorzubereiten“ (10), denn
Mertens befand sich zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor seinem
theologischen Examen und dem Eintritt in den Pastoralkurs des
Priesterseminars, wo er nunmehr auch sein Zimmer bezogen hatte (Überwasserkirchplatz
3). (11) Die Weihe zum „Priester Jesu Christi und seiner
Kirche“ (12) erfolgte schließlich am 17. Dezember 1932 durch
Weihbischof Johannes Scheifes (1863-1936) im Hohen Dom zu Münster.
(13) Seine Primiz feierte er am 2. Weihnachtstag 1932 in der
Pfarrkirche St. Michael zu Wachtendonk. (14) Zwei Monate später,
am 24. Februar 1933, wurde Bundesbruder Heinrich Mönks in
Aachen zum Priester geweiht. Bei einem anschließenden
Kaffeetrinken kam es auch zu einer Begegnung von Matthias
Mertens und seinen (ehemaligen) Bundesbrüdern von der
UNITAS-Sugambria. Diese, allen voran Heinrich Mönks, drängten
ihn, nach seiner Weihe doch wieder zur UNITAS zurückzukehren
und sich dort philistrieren zu lassen. (15) Matthias Mertens
entgegnete: „Ich war und bin mit ganzem Herzen Unitarier. Aber
ich bin auch Priester und während Familienväter an die Folgen
für ihre Familien denken müssen, werde ich in den Zeiten, die
vor uns liegen, Unrecht anprangern können. Und auf keinen Fall
will ich Euch dabei gefährden.“ (16)
Nachdem Matthias Mertens am 21. Dezember 1932 zum Kaplan an St.
Anna in Materborn (heute Kleve-Materborn) ernannt worden war,
galt seine besondere seelsorgerische Tätigkeit den Jugendlichen
und der Arbeiterschaft. Als die Nationalsozialisten am 30.
Januar 1933 die Macht übernahmen, stand er sofort klar und
eindeutig auf der Seite derer, die dem „neuen“ politischen
System kritisch gegenüberstanden. Er wagte seinem Temperament
und seinem jugendlichen-dynamischen Charakter entsprechend auch
in der Öffentlichkeit, vor allem in seinen Predigten, zu den
politischen Vorgängen Stellung zu nehmen, was zu entsprechenden
Reaktionen der Parteibehörden führte. (18) Trotz tätlicher Übergriffe
der Hitlerjugend auf Gruppentreffen der katholischen Jugend (19)
gab er den Anstoß zum Bau eines Jugendheimes, bei dem Matthias
Mertens nicht nur selbst Hand anlegte, sondern auch einer Gruppe
von Arbeitslosen die Möglichkeit bot, ihre Arbeitskraft
einzubringen. (20)
Seine Predigten zur Verteidigung seines Bischofs Clemens August
Graf von Galen (1878-1946) gab der örtlichen NSDAP - sie hatte
ihn schon über einen längeren Zeitraum bespitzelt und
beschattet - schließlich genügend Argumente für ein
Strafverfahren: Vom Juli bis zum September 1935 wurde er in
einem Sondergerichtsprozess in Düsseldorf wegen des Verstoßes
gegen das „Heimtückegesetz“ angeklagt, (21) doch nach drei
Hauptverhandlungstagen am 25. Oktober 1935 „dank der klugen
und umsichtigen Verteidigung des Rechtsanwalts Franz van de Loo,
Kleve, Gaesdoncker Abiturient von 1899“ (22) freigesprochen.
Noch während des Prozesses fiel der Gestapo in einem
Arbeitslager bei Stuttgart eine umfangreiche Korrespondenz in
die Hände, die Matthias Mertens mit einer dort befindlichen
Studentin über Nationalsozialismus und Weltanschauung geführt
hatte. „Während die Studentin sofort aus dem Arbeitsdienst
entlassen wurde und dadurch vorerst vom Weiterstudium
ausgeschlossen war, hatte die Geschichte für mich zunächst
auffallenderweise keine Folgen. Aber sie war zu dem anderen 'auf
Eis gelegt'„. (23)
„Zu seinem eigenen Schutz“ (24) war Matthias Mertens
zwischenzeitlich (Februar 1935) von seinem Bischof als Kaplan an
die Pfarrei St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf (heute
Oberhausen-Sterkrade) versetzt worden. Auch die dortige scharfe
Beobachtung durch die nationalsozialistischen Behörden hinderte
nicht daran, Verbrechen und Unrecht beim Namen zu nennen, wenn
er es für angebracht hielt. (25) Seine Lage wurde dabei mehr
als heikel, als er zusammen mit seinem Pfarrer Eduard Albring
(1886-1965) anlässlich der „Wahl“ im Frühjahr 1936 die
ganze politische Leitung der Ortsgruppe bloßstellte. „Ich
stellte im Wahllokal öffentlich fest, dass die Wahl
kontrolliert wurde und verweigerte ebenso öffentlich meine
Stimmabgabe, wobei das Ereignis von mir und anderen schnellstens
in breiter Öffentlichkeit publiziert wurde.“ (26)
Erstaunlicherweise wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt nichts gegen
Matthias Mertens unternommen, auch Anzeigen wegen „verbotener
Vereinstätigkeit“ oder „aggressiver Predigten“ führten
bis zum Jahr 1941 lediglich zu einer „Reihe von
Vernehmungen.“ (27)
Am 21. September 1941 entschloss sich die Geistlichkeit von
Sterkarde-Nord, die später weltberühmt gewordenen Predigten
von Bischof Clemens August Graf von Galen (gehalten am 13. und
20. Juli, 3. August 1941) in Auszügen in der Kirche zu
verlesen. (28) Als Matthias Mertens vom Sohn eines Polizisten
den Hinweis erhielt, dass für den gleichen Sonntag eine
Demonstration gegen den Bischof vor oder während des
Hauptgottesdienstes geplant war, zu der insgeheim die SA des
Bezirks aufgeboten war, entschloss er sich zu den Sätzen, die
ihn letztlich in das Konzentrationslager Dachau bringen sollten:
„Meine Andächtigen! Wir sind unserem Bischof dankbar, dass er
für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit eine Lanze gebrochen hat,
dass er es mutig tat, wo es mit großen Gefahren für ihn
verbunden war. Wer dagegen demonstriert, der demonstriert damit
gegen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Und das ist nicht nur
unchristlich, das ist auch undeutsch und alles, was sich daran
beteiligt, ist Pöbel.“ (29) Vor allem dieses Wort führte zu
einer Anzeige, am 24. November 1941 zur Vernehmung durch die
Gestapo-Leitstelle Düsseldorf und schließlich zu seiner
Verhaftung am 6. Januar 1942. (30) Nach mehr als zwei Monaten im
Polizeigefängnis Oberhausen wurde ihm am 10. März 1942 der
Schutzhaftbefehl ausgehändigt, am 31. März 1942 die
Mitteilung, dass seine Überführung in das Konzentrationslager
Dachau angeordnet worden sei. Er protestierte: „Ich stamme aus
einer uralten kerngesunden und kerndeutschen Bauernfamilie vom
Niederrhein. Zehn Kinder haben meine Eltern großgezogen, und 27
Enkelkinder schmücken das Alter meines 90-jährigen Vaters. Mit
dem von meinen Eltern und Geschwistern eigenhändig erarbeiteten
Geld habe ich an deutschen Schulen und Hochschulen studiert,
ohne je fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Weder ich bin jemals
mit einem Gesetz in Konflikt gekommen noch ist es eins von
meinen Angehörigen. Ich arbeite seit 10 Jahren beruflich an der
sittlichen Reinerhaltung der Jugend und an der moralischen
Erstarkung unseres deutschen Volkes im Geiste meines
kinderreichen Vaterhauses. Ich erleide jetzt an die drei Monate
die Bitternis der Schutzhaft im Polizeigefängnis Oberhausen und
kann mir nicht denken, dass eine falsche Anzeige nun auch noch
meine Verbannung wie die eines Staats- und Volksfeindes in ein
Konzentrationslager zur Folge haben soll.“ (31) Am 17. April
1942 wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.
(32) Der erste Häftling aus dem isolierten Priesterblock, der
Matthias Mertens am Drahtzaun ein „herzliches Willkommen“
bot, war der ebenfalls aus der Diözese Münster stammende
Diakon Karl Leisner (1915-1945), den er noch aus seiner Zeit in
Materborn kannte (33) - eine Begegnung, die seine lange Haftzeit
in Dachau nachhaltig prägte: „Mir fiel dabei auf, dass der Händedruck
des von seiner Krankheit durchaus Gezeichneten und die wenigen
Worte, die er mir fürs erste sagen konnte, von ungekünstelter
Kraft und froher Zuversicht zeugten.“ (34)
Über seine fast dreijährige Haftzeit im Konzentrationslager
Dachau hat Matthias Mertens später kaum gesprochen:
„Wenigstens eine durchschnittliche Phantasie würde nicht
ausreichen, die Geschehnisse hinter den Stacheldrahtzäunen des
dritten Reiches einfachhin zu erfinden. Wollte aber einer ihre
Einzelheiten schildern, ohne ihrer Zeuge gewesen zu sein, so müßte
man schon eine Erfindungsgabe von wahrhaft krankhaften Ausmaßen
voraussetzen“ (35), so schrieb er später in einem Artikel der
„Neuen Züricher Nachrichten“. Seine Familie in der Heimat
wandte nicht geringe Geldmittel auf, um ihren „Matthes“
durch Eingaben an einflussreiche Persönlichkeiten frei zu
bekommen - ohne Erfolg. Als Matthias Mertens im Frühjahr 1943
zum Kommandanten des Dachauer Lagers befohlen wurde, der ihm eröffnete,
dass er befugt sei, ihn sofort unter der Bedingung zu entlassen,
dass er sich künftig aller priesterlichen Funktionen enthalte
und das schriftlich versichere (36), weigerte er sich. Gegenüber
seinem Vater begründete er dies: „Ich schlage mich mit Gottes
Hilfe schon durch, wenn es so bleibt, obgleich das Beste, 'die
goldene Freiheit', einstweilen fehlt. Aber ich darf und will über
nichts klagen angesichts der Nöte so vieler [...]. Ihr sollt
bei neuen Versuchen keine Auslagen mehr machen. Was Ihr ohne
solche noch tun wollt und mit solchen alles getan habt, danke
ich Euch aus ganzem Herzen und Gott lohne das. Ich freue mich über
Eure Meinung, dass auf unlautere und unwürdige Bedingungen von
mir nicht eingegangen werden soll. Ihr sollt Euch da auf mich
verlassen können. Aber betet mit mir um Beharrlichkeit. Allein
aus sich kann man so etwas nicht auf die lange Dauer. Aber nein,
dann wollen wir lieber unser Wiedersehen auf den Himmel
verschieben.“ (37) So sollte Matthias Mertens für zwei
weitere Jahre seinen Mitbrüdern aufgrund seiner ungebrochenen
Gläubigkeit eine gute Stütze sein; nicht zuletzt auch wegen
seiner praktischen Veranlagung konnte er vielen auch durch
sonstige Tätigkeiten helfen. (38)
Es
spreche für die Größe des Priesters Matthias Mertens,
schreibt Bbr. Klinke, dass es für ihn neben dem Un- und
Untermenschlichen, also dem Negativen des KZ-Erlebens, bis zu
einem gewissen Grade auch eine „andere Seite“ dieses
Erlebens gegeben habe: Dazu gehörte für ihn „alles, was [ihn
und seine priesterlichen Freunde] vor der letzten Verzweiflung
bewahrte, alles, was das Leben hinter dem Stacheldraht trotzdem
lebenswert erscheinen ließ, alles, was den Mut zum 'dennoch'
jeden Tag von neuem stärkte, alles schließlich und besonders,
was das dumpfe und niederziehende und anscheinend so sinnwidrige
Leiden auf eine Stufe höchster Sinngebung emporhob: das Religiöse.“
(39) So wurden die Erfahrungen im Konzentrationslager Dachau für
Matthias Mertens zu einem besonderen Beitrag zu der während des
Dritten Reiches oft gemachten Erfahrung, dass „der
Nationalsozialismus mit seiner antireligiösen und
antikirchlichen Einstellung nichts anderes war als '... ein Teil
von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute
schafft.' Der Teufel, solcherart von Goethe im Faust
charakterisiert, wurde jedem noch halbwegs gläubigen Lagerhäftling
eine oft erlebte lebendige Wirklichkeit, wenn er es nicht schon
vorher oder nicht mehr gewesen war. Ja, man gewann im Laufe der
jahrelangen Haft den Eindruck, dass der Widersacher, der Teufel,
das Konzentrationslager als seine ureigene Domäne
betrachtete.“ (40) Ist es von daher verwunderlich, dass
Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern am 17. Dezember
1944 neben vielen anderen Empfindungen auch einen „guten Teil
heilige Schadenfreude“ im Herzen verspürte, als mit der
Priesterweihe von Karl Leisner dem Teufel ein schlimmer Streich
gespielt wurde und dass er damit in seiner Hochburg eine
empfindliche Niederlage erlitt? So wurde der Sonntag Gaudete als
der große und in der Geschichte der Gefängnisse und
Konzentrationslager wohl einzig dastehende Tag der
„Priesterweihe hinter Stacheldraht“ für Matthias Mertens zu
dem Tag, an dem er lernte, ohne Verbitterung an Dachau zu
denken, obwohl seine Gesundheit dort für immer schwer gelitten
hatte. (41) Zu „dieser einzigartigen Gelegenheit“, dem Tag,
an dem er selbst vor genau zwölf Jahren die Priesterweihe
empfangen hatte, wiederholte und erneuerte er sein „adsum“.
(42) „Wir Priesterkameraden aus der Diözese Münster, dreißig
Überlebende sind wir noch, umstehen den Weihealtar zunächst
[...]. Dann dürfen wir nach [dem Bischof] dem Ordinanden
nacheinander die Hände auflegen, wie es der Weiheritus für die
anwesenden Priester vorsieht. Aber die andern Hunderte von
Priesterhäftlingen aus 24 Nationen können nur im tiefem
Schweigen ihre Arme ausbreiten [...]. Es folgt die Überreichung
der priesterlichen Gewänder und die Salbung der Hände, die
danach zusammengebunden werden. Jetzt ist Karl Leisner zweifach
gefesselt, und seine Hände sollen nun segnen, auch die segnen,
die seine Ketten geschmiedet haben. Außerordentlich stark, ja
überwältigend wirkt diese Symbolik der Salbung und doppelten
Fesselung, in die wir alle fühlbar mit hineingezogen sind
[...]. 'Man flucht uns, und wir segnen. Man verfolgt uns, und
wir nehmen es geduldig hin. Man verleumdet uns, und wir sprechen
Trost. Wie der Auswurf der Welt sind wir geworden, wie der
Abschaum aller bis zur Stunde (1. Kor. 4,12-13) [...]. 'Victor
quia victima' - 'Er ist Sieger, weil er ganz Opfer ward', so könnte
man über diese Stunde schreiben wie über die von Golgotha.
Etwas wie Siegesfreude liegt denn auch [...] über unserer
Gemeinschaft und zittert durch unsere Herzen [...].“ (43)
Als die amerikanischen Truppen immer näher rückten, wurde
Matthias Mertens am 9. April 1945 aus dem Konzentrationslager
entlassen. Von dort begab er sich noch am gleichen Tag in das
Krankenhaus München-Schwabing, wo eine bakterielle Ruhr
festgestellt wurde. (44) Von Schwabing aus besuchte er am 29.
Mai 1945 (45) seinen Mitbruder Karl Leisner, der sich seit dem
4. Mai 1945 im Sanatorium Planneg befand. Wie seine erste
Begegnung mit ihm in Dachau, so gehörte für Matthias Mertens
auch die letzte mit Karl Leisner zu seinen unauslöschlichen
Erinnerungen: „[...] Wieder konnten wir nur wenige Worte
wechseln, diesmal wegen der Schwäche des Kranken. Aber dennoch
waren meine Eindrücke fast die gleichen wie vor drei Jahren:
eine ungebrochene Zuversicht und eine sieghafte Freude strahlten
von ihm aus. In diesem Satz, den er mir sagte, kommen sie so
recht zum Ausdruck: 'Um drei Dinge habe ich stets gebetet: um
die Genesung und die Freiheit und um das Priestertum. Gott
schenkte sie mir alle drei, nur in umgekehrter Reihenfolge.“
(46)
Als die Amerikaner kurz darauf das Krankenhaus beschlagnahmten,
machte sich Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern
Prof. Dr. Heinrich Selhorst (1902-1979) und Rektor Heinrich Küppers
(1896-1955) auf den langen und beschwerlichen Weg in die Heimat.
(47) Am 29. Juni 1945 traf er auf dem elterlichen Hof in
Wachtendonk ein, wo er das Glück und die Freude hatte, seinen
Vater noch lebend wiederzusehen. (48) Schon wenige Tage später,
am 6. Juli 1945 fuhr er zusammen mit Bundesbruder Heinrich Mönks
nach Münster, um Bischof Clemens August Graf von Galen zu
treffen, der Matthias Mertens wie einen Sohn empfing: „Als
Matthes vor dem Bischof in die Knie ging, um seinen Ring zu küssen,
zog ihn dieser zurück, umarmte ihn und sagte, dass heute der
Tag sei, an dem er vor ihm in die Knie gehen würde.“ (49)
Trotz seiner immer noch nicht ausgestandenen Erkrankung und Schwäche
kehrte Matthias Mertens bereits am 23. Juli 1945 als Kaplan in
seine vorherige Pfarrgemeinde St. Josef in
Sterkarde-Schmachtendorf zurück, wo man ihm einen begeisterten
Empfang bereitete. „Die Schmachtendorfer, die sich am 17.
April 1942 noch am Zug von ihrem Kaplan verabschieden konnten,
holten ihn nun von dort mit einer Kutsche ab und geleiteten ihn
mit einer Reiter- und Fahrradeskorte zur völlig überfüllten
Kirche. Als er dort mit einem neuen weißen Messgewand bekleidet
einzog, erhoben sich alle Anwesenden, applaudierten minutenlang
und bewarfen Matthes mit Hunderten von roten Rosen als Zeichen
des Sieges über das Martyrium.“ (50)
Im März 1947 stellte eine Untersuchung im Krankenhaus eine
Lungentuberkulose als direkte Folge der langen Haftzeit fest,
die Matthias Mertens zwang, schweren Herzens die Kaplanstelle in
Sterkrade aufzugeben. Über ein Jahr blieb er in stationärer
Behandlung und ging von Juni 1948 bis August 1949 zu einer Kur
in eine Spezialklinik in Arosa (Schweiz). Seine vollständige
Genesung konnte er jedoch zeitlebens nicht mehr erreichen. (51)
Am 10. August 1948 beauftragte ihn Bischof Michael Keller
(1896-1961) mit der Seelsorge am Prosper-Hospital in
Recklinghausen. Zu einer optimalen medizinischen Betreuung kam
dort auch eine größere Unabhängigkeit. (51) Als für den
angeschlagenen Matthias Mertens der Umgang mit Krankheit und Tod
immer schwieriger wurde, setzte sich sein Freund Heinrich Mönks
zusammen mit Hermann Hooymann (1906-1983), Pfarrer an St.
Liebfrauen in Goch, dafür ein, dass ihn der Bischof am 28.
August 1953 zum Spiritual und Prokurator am Collegium
Augustinianum, seinem alten Gymnasium, ernannte. Diese
kombinierte Tätigkeit ermöglichte ihm neben guter
medizinischer Versorgung gleichzeitig nur so viel
Seelsorgearbeit zu übernehmen, wie es seine Gesundheit zuließ.
Die Tätigkeit eines Spirituals lag Matthias Mertens aber wohl
nicht so sehr; schon bald wurde er wieder von dieser ihm
zugedachten Aufgabe entbunden. (52) So investierte er seine
verbleibende Kraft in die wirtschaftlichen Belange der Schule,
auch wenn er immer wieder durch die Folgeschäden seiner langen
Haftzeit aus der Arbeit herausgerissen wurde. (53)
Der Kontakt zur UNITAS blieb und erstarkte neu: Kurz nachdem
Matthias Mertens auf „der Gaesdonck“ eingezogen war,
besuchte ihn Heinrich Mönks zusammen mit den Klever Bundesbrüdern
Friedrich Giesen (1900-1964) und Heinrich Holling (1900-1986),
die ebenfalls der UNITAS-Sugambria angehörten. Und wie schon über
zwanzig Jahre zuvor, versuchte er wieder, Matthias Mertens zur Rückkehr
in die Unitas zu bewegen. Dabei argumentierte er vor allem
damit, dass ihm gerade jetzt die „wahrhaft brüderliche
Gemeinschaft“ nur gut tun würde. (54) Er erbat sich
Bedenkzeit bis zum Vereinsfest „Maria Immaculata“, erschien
an diesem Tag zum Gottesdienst des Klever Zirkels und teilte
mit, dass er nach Münster seinen Wiedereintritt gemeldet habe.
(55) Bis zum Ende der 50er Jahre hat er daraufhin an fast allen
Veranstaltungen des Klever Zirkels teilgenommen und seine
Bundesbrüder auch zu sich auf die Gaesdonck eingeladen. Eine
besondere Beziehung entwickelte sich dabei zu Bundesbruder
Heinrich Robke (1908-1993), der dort von 1955 bis 1972
Oberstudiendirektor war. (56)

Nicht zuletzt bedingt durch die physischen, vor allem aber auch
durch die psychischen Folgen der Haft, kam es in der Folgezeit
immer häufiger zu Problemen und Mißverständnissen auf der
Gaesdonck. (57) Der so impulsive, kämpferische Matthias
Mertens, der nach außen ungebrochen in die Freiheit zurückgekehrt
war, zeigte sich nun immer mehr belastet und geschwächt durch
die lange Haftzeit; ein Phänomen, dass bei vielen KZ-Häftlingen
mit oft langer Verzögerung aufgetreten ist. (58) Ohne auf
weitere Einzelheiten einzugehen, soll an dieser Stelle auch
nicht verschwiegen werden, dass Matthias Mertens zu dieser Zeit
ein massives Alkoholproblem entwickelte, dass ihn in der
Folgezeit noch cholerischer und unberechenbarer machte, als er
es ohnehin schon war. (59) Seit Anfang der 60er Jahre zog er
sich von seinen Aufgaben und aus seinem persönlichen Umfeld
mehr und mehr zurück. Auch an den Klever Zirkeltreffen nahm er
nicht mehr teil, (60) hielt aber noch engen Kontakt zu den
Bundesbrüdern Pfarrer Heinrich Mönks und Heinrich Robke. Vor
allem diese beiden waren es, die Matthias Mertens aufsuchte,
wenn er „einen guten Tag hatte“ und „sein Schneckenhaus“
für einige Stunden verlassen wollte. „Oft war er dann wieder
ganz der alte, der gute und gesellige Bundesbruder, derjenige,
der nicht aufhören konnte zu 'schwadronieren.'„(61) Über
seine persönlichen Probleme sprach er vor allem mit seinem
alten Freund und Conabiturienten Joseph Scholten: „Wenn
Matthes zu uns kam, wußte ich schon, dass wieder irgendetwas
passiert war. Mit meinem Mann zog er sich dann ins Wohnzimmer
zurück, wo sie bei verschlossenen Türen über Stunden hinweg
miteinander redeten. Wenn dann alles geklärt war, verbrachten
wir den Rest des Tages in einer ganz herzlichen Atmosphäre.
Joseph und ich haben Matthes sehr geliebt.“ (62) Nachdem 1965
zog sich Matthias Mertens von seiner Aufgaben als Prokurator des
Collegium Augustinianum (63) mehr und mehr zurück, was zu
Schwierigkeiten mit der zuständigen Abteilung im Bischöflichen
Generalvikariat führte. Als man von dort aus Bischof Joseph Höffner
(1906-1987) bat, „diesen launenhaften, dickköpfigen und brüllenden
Mann, der sich Priester nennt“ (64) abzuberufen, fuhren
Hermann Hooymann sowie die Bundesbrüder Heinrich Mönks und
Heinrich Robke nach Münster, um den „zuständigen Herrn im
Ordinariat zur Rede zu stellen und bei Bischof Joseph für
Matthes einzustehen, der uns, noch ehe wir uns gesetzt hatten,
mitteilte, dass der so tapfere und einsame Rektor Matthias
Mertens, der es im Leben besser verdient gehabt hätte, solange
auf der Gaesdonck bleibt, wie er es will.“ (65)
Dem immer mehr gezeichneten Matthias Mertens sollte nur noch
eine kurze Zeit bleiben. „Eines Tages rief er mich zu mir und
zeigte mir seine roten Hände. Ich fragte ihn: 'Hat es etwas mit
der Leber zu tun?' Darauf sagte er still: 'Ja, jetzt auch noch
Leberkrebs.'" (66) Noch einmal setzte sich Bundesbruder
Heinrich Mönks für ihn ein und besorgte ihm einen Platz in
einer Spezialklinik in Kassel, wo er fast ein halbes Jahr
verbrachte. Dort konnte man ihm aber nicht mehr helfen, worauf
er auf die Gaesdonck zurückkehrte und von den dort tätigen
Ordensschwestern liebevoll gepflegt wurde. Als er merkte, dass
es zum Sterben kam, rief er nacheinander seine engsten Freunde
zu sich, wobei er für jeden eine kleine Kiste mit Briefen, Büchern
und Photos vorbereitet hatte. (67) Seine letzten Tage und
Stunden begleitete Hermann Hooymann, (68) dem er auch den Text für
sein Sterbebildchen diktierte: „Man soll uns betrachten als
Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Da dem so
ist, verlangt man von jedem Verwalter nur, dass er treu befunden
werde. Doch was mich angeht, so ist es mir völlig gleichgültig,
von euch oder von einem anderen menschlichen Gerichtstage
beurteilt zu werden; ja, ich beurteile mich nicht einmal selbst.
Es ist der HERR, der mich richtet. Deshalb urteilt nicht
vorzeitig über etwas, bis der HERR kommt. Er wird auch das im
Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der
Herzen offenkundig machen; und dann wird jedem sein Lob von Gott
zuteil werden. IHM SEI LOB UND DANK IN EWIGKEIT, AMEN!“ (69)
Kurz darauf erbat er die Krankensalbung und starb nach einigen
Tagen ohne Bewusstsein am 1. Februar 1970. „Auch wenn ich
selbst Priester bin, habe ich kaum einen Menschen erlebt, der
erfüllt mit einer so starken Liebe zur Kirche gestorben ist.“
(70) Unter großer Anteilnahme wurde Matthias Mertens im Quadrum
der Gaesdonck zu Grabe getragen; das Requiem hatte zuvor
Domkapitular Prof. Dr. Heinrich Selhorst in Konzelebration mit
nahezu 100 Mitbrüdern gehalten, darunter fast allen noch
lebenden Dachauer Mithäftlingen aus der Diözese Münster. Die
Predigt sowie die Beisetzung hielt der mit ihm am gleichen Tag
in die UNITAS eingetretene Bundesbruder Heinrich Mönks. (71)
Die persönliche Tragik von Matthias Mertens und sicher nicht
zuletzt seine letzten Jahre mit allen Missverständnissen und
der Verkennung seiner Bemühungen, haben wohl dazu beigetragen,
dass es, auch innerhalb des Unitas-Verbandes, lange Zeit so
still um ihn war. Heute, in einer Zeit, in der wir es oftmals
mehr als nötig haben, unseren eigenen Glauben und unsere
Stellung in der Kirche zu überprüfen, kann uns dabei das
tapfere und mutige Beispiel unseres Bundesbruders Matthias
Mertens Vorbild und Verpflichtung sein. Nicht jedem ist es
gegeben, vor aller Öffentlichkeit Bekenner der Wahrheit zu
sein; nicht von allen wird gefordert, für Gott und die Kirche
mit Leib und Leben einzustehen. Aber Zeugen der Liebe Christi
sollten wir allezeit sein!
Bilder:
Bild 1: Bbr. Matthias Mertens als Sugamber in Münster
Bild 2: Das im KZ Dachau entstandene Gedenkbildchen von der
Priesterweihe Karl Leisners verzeichnet unter dem Wappen des späteren
Münsteraner Kardinals von Galen die anwesenden Geistlichen,
unter ihnen außer Mathias Mertens noch drei weitere unitarische
Bundesbrüder: Pfarrer Heinrich Fresenborg (M), geb. 02. Mai
1900, gest. 21. März 1986, im KZ Dachau vom 28. November 1941
bis zum 28. März 1945; Generalvikariatsrat Geistl. Rat Heinrich
Hennen (I2, M3), geb. 13. Januar 1907, gest. 02. November 1967,
im KZ Dachau vom 30. Januar 1942 bis zum 05. April 1945; Pfarrer
Heinrich Koetter (I2), geb. 28. Oktober 1910, gest. 15. Juni
1973, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 27. März 1945.
Quellennachweis:
1
Vgl. Ganz, Günther: „... verzeihen und auf Rache
verzichten!“ Als Priester im KZ Dachau: Bbr. Rektor Matthias
Mertens (1906-1970), in: Unitas 2 (2000), 54f., hier: 54.
Zweitabdruck in UNITAS-Handbuch, Bd. IV, 2000, 374-381.
2 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf.
Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
3 Vgl. ein Schreiben von Dr. Thomas Becker (Archiv der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) an den
Verfasser vom 08. Juni 2000.
4 Vgl. dazu das Gesamtverzeichnis des Unitas-Verbandes 1930, S.
128. Das Rezipierungsdatum von Heinrich Mönks wird in der von
Dirk Lüerßen und Thomas Weinmann verfassten Festschrift „W.K.St.V.
Unitas Sugambria: Gestern - Heute - Morgen“, Mülheim an der
Ruhr 1999, S. 202, falsch angegeben.
5 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul
Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
6 Vgl. Unitas 6/7 (1929/30), S. 101. Matthias Mertens hatte den
zu seiner Zeit bekannten Theologen Dr. Carl Sonnenschein
(1876-1929) auf dem Katholikentag 1928 in Magdeburg
kennengelernt, wo er wohl einen nachhaltigen Eindruck auf ihn
machte. Er begann sich zu dieser Zeit intensiv mit dessen Werk
zu beschäftigen und einige Aufsätze zu veröffentlichen, u.a.
am 20. Februar 1934 in der Klever Zentrumszeitung „Der
Volksfreund“.
7 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf.
Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
8 Vgl. Schwarzes Brett der Unitas 10/11 (1931), Seite 92.
9 Vgl. Ebd.
10 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster,
vom 24. August 2000. Dazu wurde mir von den Bundesbrüdern Dr.
Ludwig Freibüter und Dr. Wolfgang Burr bestätigt, dass es zu
dieser Zeit nicht ungewöhnlich war, dass Bundesbrüder die
Unitas bei ihrem Eintritt ins Priesterseminar verlassen haben
bzw. nach Aufforderung durch ihren Regens oder Bischof verlassen
mussten.
11 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf.
Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens. Die
Exmatrikulation erfolgte unter der lfd. Nummer 1039 am 27. April
1932.
12 Vgl. dazu das Primizbildchen von Matthias Mertens, Original
im Besitz des Verfassers.
13 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster,
vom 24. August 2000. Irrtümlich wird oft angegeben, dass die
Weihe durch Bischof Johannes Poggenburg (1868-1933) erfolgte,
dieser war jedoch erkrankt.
14 Persönliche Mitteilung von Pastor Franz Hermes, Goch, vom
24. August 2000.
15 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul
Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
16 Ebd.
17 Vgl. dazu ein Schreiben von M. Mertens an Pfr. Emil
Thoma v. 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verf.
18 Geerkens, Ernst: „Zur Namensnennung des Pfarrheims in St.
Anna Materborn“, Unveröfftl. Arbeitspapier für den dortigen
Pfarrgemeinderat, S. 2, Kopie im Besitz d. Verf.
19 Vgl. Ebd., Seite 3. Hier wird wiederum die Verbindung zu Carl
Sonnenschein deutlich, der die „kirchliche
Arbeitsbeschaffung“ immer als „wertvollen sozialpolitischen
Dienst“ bezeichnet hatte.
20 Vgl. dazu ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil
Thoma vom 18. Dezember 1946 (Kopie im Bes. d. Verf.); der genaue
Vorwurf lautete, dass er „zusammen mit zwei Laien im Vorfeld
der Volksabstimmung vom 11. August 1934 durch die Verbreitung
von angeblich durch die Partei benützten, kirchenfeindlichen
Liedertexten gegen die Regierung agitiert“ hat.
21 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine
Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter
37 (1984), Seite 60.
22 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18.
Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
23 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul
Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
24 Vgl. Ebd.
25 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18.
Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
26 Vgl. Ebd.
27 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine
Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter
37 (1984), Seite 60.
28 Ebd., Seite 61. Bei der wörtlichen Schilderung bezieht sich
Scholten auf das Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil
Thoma vom 18. Dezember 1946.
29 Boberach, Heinz: Berichte des SD und der Gestapo über
Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944, Mainz 1971,
Seite 611. In einer „Meldung wichtiger staatspolizeilicher
Ereignisse“ vom 21. Januar 1942 hieß es dazu lapidar: „Der
Kaplan Matthias Mertens (geb. 05.12.06 Straelen, wohnhaft
Oberhausen-Sterkrade) hatte in einer Predigt zu einer von der
NSDAP durchgeführten Kundgebung in unsachlicher Weise Stellung
genommen und hierbei gegen den Redner und die Teilnehmer dieser
Versammlung beleidigende Äußerungen gemacht. M. wurde durch
die Stapoleitstelle Düsseldorf vorläufig festgenommen.“
30 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen -
Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter
37 (1984), Seite 61.
31 Vgl. ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma
vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz d. Verf.
32 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in:
„Neue Züricher Nachrichten“ vom 28. März 1949.
33 Ebd.
34 Ebd.
35 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen -
Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter
37 (1984), Seite 62.
36 Schreiben von Matthias Mertens an Vater und Geschwister v.
17. April 1943, Kopie im Besitz d. Verf.
37 Vgl. Dyckmans, Paul: Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter
23 (1970), Seite 111.
38 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in:
„Neue Züricher Nachrichten“ vom 28. März 1949.
39 Ebd.
40 Vgl. Hermes, Franz: Noch eine Erinnerung an Rektor Mertens,
in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), S. 67.
41 Vgl. Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht,
|