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„Politiker
bewegen sich erst, wenn es brennt“ - Das
Heilige Land – die Sprengkraft des jüdisch-christlichen Glaubens –
„Es
ist eindeutig, dass der Konflikt um Israel und mit Israel und mit Palästina ein
Kernproblem des gesamten Konfliktherdes Nahost ist“, erklärt Bundesbruder Dr.
Baldur Hendrik Hermans, ehemaliger Dezernent für gesellschaftliche und
weltkirchliche Aufgaben im Bistum Essen. Der in Essen-Borbeck lebende Historiker
ist seit Kindesbeinen an mit der Pfadfinderei verbunden, begann sein Engagement
beim DPSG-Stamm St. Dionysius in Borbeck. Seit 2002 Generalsekretär der
Internationalen Konferenz des Katholischen Pfadfindertums (CICS), kennt er die
Probleme und aktuelle Situation in der Region durch seine Tätigkeit als langjähriger
Auslandsbeauftragter des Rings Deutscher Pfadfinderverbände, durch Dutzende von
Reisen in den Nahen Osten und durch viele Freunde, mit denen er Kontakt hält. Viele
Initiativen der dortigen Pfadfinderorganisationen versuchen über Grenzen der
Religion, Sprache und Kultur hinweg den Weg des Friedens und der Aussöhnung zu
ebnen. Keine leichte Aufgabe: Denn, so sagt Hermans, in Palästina und Israel
sei auch das Verhältnis von israelischen und palästinensischen Pfadfindern
nicht einfach. „Da lastet natürlich die ganze Geschichte der Familie, die
ganze Geschichte der Staaten mit auf den Schultern der jungen Leute.“ Eine
Geschichte, die in ständiger Bewegung ist und ganz aktuell neu durch den Krieg
belastet wurde. Im Fokus: Nazareth und Betlehem „Fangen
wir mal im Norden an: Nazareth in Galiläa ist seit 1948 Bestand des
israelischen Staates. Man muss natürlich wissen, dass Nazareth ursprünglich
eine fast völlig christlich-arabische Stadt war“, erläutert Hermans.
Mittlerweile seien Christen in der Minderheit, eine neue jüdische Stadt sei
dazu gekommen, viele Muslime hätten sich angesiedelt. Eine sichere Gegend –
so glaubte man. Bis hier in den Vororten Katjuscha-Raketen aus dem Libanon
einschlugen. Eine harte Prüfung für die Friedensinitiativen, die die
Pfadfinder entwickelten. Während der zweiten Intifada, als der Konflikt
zwischen Palästinensern und Israelis eskalierte, starteten sie im „Haus von
Nazareth“, einer Bildungsstätte der katholischen Pfadfinder, eine Initiative,
führten Gruppen zusammen und begannen gemeinsame Aktionen. „Israelisch-jüdische
Pfadfinder, israelisch-arabische Pfadfinder, Orthodoxe und Drusen - das war ein
tolles Zeichen“, so Hermans. Und sie wollen sich von den jüngsten Ereignissen
nicht unterkriegen lassen.
Differenzierter
Blick auf die Probleme ist nötig Viel
Vertrauen in die Politik habe er allerdings nicht, bekennt Hermans. Er setzt aus
Erfahrung lieber auf die vielen kleinen Schritte engagierter Menschen an der
Basis. „Ich glaube, dass es ja leider so ist, dass Politiker sich dann erst
bewegen und anfangen etwas zu gestalten, wenn eine unmittelbar krisenhafte Entzündung
eines Herdes da ist. Und das ist ja typisch für die ganze Region Nah-Ost
gewesen, dass man sich dann erst bewegt, wenn etwas brennt.“ Man könne nicht
einseitig nur auf Israel setzen, auch nicht nur auf Palästina. In der
Gemengelage der Probleme seien Information und differenziertes Urteil dringend
gefragt. „Ich muss deutlich sagen, viele Politiker haben auch keine Ahnung von
diesem Konflikt, das sind ja nur ganz wenige, die wirklich Bescheid wissen.“
Wer glaube, mit einfachen schwarz-weiß Schemen politische Lösungen herbeiführen
zu können, sei auf dem Holzweg: „Politik ist schon eigentlich eine
Anforderung an Verstand und Wissen. Und wenn das nicht vorhanden ist, sollte man
lieber aus der Politik raus bleiben.“ Gerechtigkeit
schaffen – Was
treibt ihn persönlich an? Lässt sich christlich motiviertes Engagement auf
eine Formel bringen? Hier setzt Baldur Hermans ganz auf ein biblisches Wort, das
Papst Paul VI. stark geprägt hat. „Gerechtigkeit schaffen, damit Frieden
entsteht. Das ist glaube ich die größte Herausforderung.“ In keinem
Staatswesen gebe es gesellschaftlichen Frieden ohne Gerechtigkeit. Und er meint
das ganz praktisch: „Gerechtigkeit heißt, das Menschen in Palästina zur
Schule gehen können, dass sie die notwendigen Grundversorgungen bekommen, dass
sie sich frei bewegen können, dass sie sich frei äußern dürfen, dass sie das
Land verlassen dürfen und wieder zurück kommen können. All das ist ja nicht
selbstverständlich da, im Gegenteil!“ Hermans klagt an: Die bittere Armut
ergebe sich daraus, dass sich in
einer völlig
kontrollierten Volkswirtschaft ohne Zustimmung Israels keine eigenständigen
Initiativen entwickelt könnten. Der Staat verfüge über die Steuern der Palästinenser
und über das gesamte Nationaleinkommen: „Gerechtigkeit heißt hier, den
Menschen die Rechte zukommen zu lassen und ihnen die Wirkmöglichkeiten zu
geben, damit Frieden entstehen kann.“ Wenn
Hermans von der „Sprengkraft des jüdisch-christlichen Glaubens“ spricht,
schließt er ausdrücklich das Alte Testament mit ein. „Dieses jüdisch-christliche
Erbe, die Vorstellung, dass alle Menschen gleiche Würde haben, das ist ein
Kulturgut und ein gesellschaftliches Potenzial, das uns eigentlich ermutigen
muss.“ Die Einzigartigkeit und das Spezifische des Christentums liege auch
darin, dass sie diese Gerechtigkeit für alle in den Mittelpunkt stelle –
„egal, ob getauft, nicht getauft, Christen oder Moslems oder Juden.“ Das
werde manchmal vergessen, wenn die Christen für viele ihrer Fehler im Laufe der
Jahrhunderte – auch zu Recht - kritisiert würden. Vom Wirken der großen Mönchsorden
bis in das 19. Jahrhundert hinein aber habe die Kirche einen entscheidenden
Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft, für eine an Frieden und
Gerechtigkeit orientierte Gestaltung der Politik geleistet. „Da gibt es viele
Pauschalisierungen, die durch manchmal idiotische Romane auf die Welt kommen,
die ein völlig unhistorisches Christentum zeichnen. Es schon wichtig, genauer
hinzusehen und auch zu merken, dass die Triebkraft, sich für Gerechtigkeit und
Frieden einzusetzen, Christen bis in die Gegenwart bewegt hat. Das wird oft übersehen.“
Ein
Jubiläum: 20 Jahre Friedenslicht aus Betlehem Dass
auch in diesem Advent aus dem Nahen Osten wieder ein besonderes Zeichen des
Friedens in 25 europäische Länder geht, habe angesichts dieser Fragen ein
besonderes Gewicht. Es ist die aus einer österreichischen Initiative
entstandene „Aktion Friedenslicht“,
die zum 20. Mal stattfindet und wesentlich von den Pfadfindern mitgetragen wird.
„Sie tragen ihren Teil bei für einen Weg, der neu zu pflastern ist, damit man
gemeinsam darüber gehen kann. Und ich bin da sehr optimistisch.“ Die Aktion
„Licht aus Betlehem“ sei ein ständiges Zeichen der Erinnerung, dass da
etwas Entscheidendes nicht in Ordnung sei, meint Hermans. „Und von daher ist
es schon toll, dass Betlehem als eine Stadt, die in der Krise lebt,
Ausgangspunkt für eine Aktion ist, die so stark symbolträchtig den Frieden
propagiert.“ Wenn man die Pfadfinder von ihrer Geschichte her nehme und das
Vermächtnis ihres Gründers, sei der Auftrag klar: „Dann waren Frieden, Versöhnung,
Miteinander auskommen, in den Dialog treten, Brüderlichkeit zeigen, über die
Grenzen hinweg, Kernanliegen. Und insofern gehört das schon dazu.“
Die
„Aktion Friedenslicht“ ist zugleich ein starker Auftakt auch für das
kommende Jahr: 2007 feiern die Pfadfinder weltweit ihr 100-jähriges Bestehen.
Der britische Lord Robert Baden-Powell of Gilwell, der als Protestant den Hl.
Georg als Vorbild der Ritterlichkeit zum Schutzpatron erkor, schrieb ihnen
damals in Stammbuch, „die Welt besser zu erlassen, als man sie vorgefunden
hat“. Bis heute ist dies die eigentliche Übersetzung des Worts von der „täglichen
guten Tat“. Über
40.000 Pfadfinder werden sich im kommenden Jahr in Highland Parks, nordöstlich
von London, zum Jubiläumsjamboree versammeln. Auch Bbr. Baldur Hermans, der als
Junge schon 1957 beim Jubiläumslager zum 50-jährigen Bestehen war („die
Queen ist an mir vorbei gefahren und ich war ganz ergriffen...“) ist diesmal
in seiner Funktion an den Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Im Team
leitet er dort den Bereich der katholischen Initiativen: „Das Jamboree wird
ganz im Zeichen des Friedens stehen. Wir versuchen, die Rolle der Kirche und der
Christen im Streben nach Frieden zu verdeutlichen und wollen zeigen, was man tun
kann.“ Eine wichtige Aufgabe für die größte Gruppe der Pfadfinder weltweit,
die katholischen Ursprungs sind: „Denkt man an Lateinamerika und Afrika oder
allein an Indonesien, wo es über 1 Million katholischer Pfadfinder gibt.“
Die
Queen als Ehrenvorsitzende der britischen Pfadfinder ist sicher die
prominenteste, doch es gibt viele Politiker, Kirchenleute und Manager, die in
diesen Jahren ihre Verbundenheit mit den Pfadfindern öffentlich bekunden und
sich als Mitglieder bekennen. Einer Bewegung, der im Lauf der Geschichte 380
Millionen Menschen angehört haben. „Tatsächlich“, erklärt Hermans,
„sind viele Leute in verantwortlichen Positionen in ihrer Kindheit und Jugend
geprägt vom Pfadfindertum. Ich glaube einfach, weil das Element einer Erziehung
zur gesellschaftlichen Verantwortung
ein ganz tragendes Element ist.“ Früh vermittle das Leben in der Gemeinschaft
viele Fertigkeiten, die als „soft skills“ oder „social skills“ heute
etwa stark in der Wirtschaft nachgefragt würden, schmunzelt er. So seien viele
in teuren Mana
gementkursen angebotene Trainings Gegenstand ganz
normaler Pfadfinderarbeit. „Selbst in unserem Pfadfinderzentrum Westernohe
finden Kurse mit Menschen aus Managementbereichen statt. Die lieben das, weil da
auch noch eine ganz besondere Atmosphäre dazukommt.“ Pfadfinder
sein, das heißt Leben in Gemeinschaft, gemeinsamer Einsatz für Frieden,
Gerechtigkeit und den Nächsten, für den Schutz der Schöpfung und es ist die
sprichwörtliche tägliche „Gute Tat“. Und nun ist es raus: Die
Pfadfinderbewegung ist 2007 für den nächsten Friedensnobelpreis nominiert.
Darauf ist Bbr. Baldur Hermans ist schon ein bisschen stolz: „Da kann man ja
nur hoffen und beten, dass das so kommt, wär ja ne tolle Sache. Ich würde mich
freuen!“ Und er denkt gleich ganz praktisch: „ Wenn wir ihn bekämen, dann könnte
man fantastische Entwicklungshilfeprojekte finanzieren ...“ C.
Beckmann
Zur
Person: Dr. Baldur Hermans
Hermans
gehörte dem Vorstand des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Essen an, war
Vorsitzender des Landesausschusses Katholischer Jugendarbeit NRW und Mitglied im
Landesjugendwohlfahrtsauschusses im Landschaftsverband Rheinland. 1985 berief
ihn Papst Johannes Paul II. zum Konsultur des Päpstlichen Rates für die Laien
in Rom. Vier Jahre später, 1989, ernannte ihn Kardinal Hengsbach zum Leiter des
Sekretariates und späteren Dezernates für gesellschaftliche und weltkirchliche
Aufgaben des Bistums Essen. 2004 wurde er mit Erreichen der Altersgrenze aus
dieser Aufgabe entpflichtet. Bbr.
Hermans, in Essen-Borbeck geboren und dort bis heute zu Hause, ist von
Kindesbeinen an mit der katholischen Pfadfinderbewegung verbunden. Fast 20 Jahre
war er Auslandsbeauftragter der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg. Zu
seinen Aufgaben gehörten unter anderem die Vertretung des katholischen
Pfadfinderverbandes in Europa und in der Welt, die Vermittlung internationaler
Jugendbegegnungen und die Initiierung internationaler Projekte. Besonders
widmete er sich dem Aufbau von katholischen Pfadfinderverbänden im Nahen Osten
und Verbänden in den osteuropäischen Ländern und in Afrika. Im März 1998
ehrte ihn Weltkomitee der Pfadfinder mit dem „Bronzewolf“, der
höchsten Auszeichnung der Weltpfadfinderbewegung, für
sein Engagement als Auslandsbeauftragter des Rings deutscher Pfadfinderverbände. 2002
wurde Hermans in Thessaloniki/Griechenland
zum Generalsekretär der Internationalen Katholischen Konferenz des
Pfadfindertums (CICS) gewählt. Auch bei seiner Wiederwahl in Tunis/Tunesien
erhielt das einstimmige Votum der Delegierten
der CICS-Weltkonferenz. Die
CiCS vertritt die Interessen katholischer Pfadfinderverbände in aller Welt. Ihr
gehören etwa 70 katholische Pfadfinderverbände und Pastoralräte in nationalen
Pfadfinderverbänden in Europa, Afrika, Amerika und Asien/Pazifik an. Bbr.
Baldur Hermans übte das Amt des Stellvertretenden Generalsekretärs bereits
seit 1992 aus. Die CICS mit Sitz in Rom, eine vom Vatikan anerkannte
Internationale Katholische Organisation (OIC), hat zugleich als katholische
Laienbewegung innerhalb der Weltpfadfinderbewegung einen konsultativen Status. Dr.
Baldur Hermans, der zahlreiche Publikationen vorlegte, war lange Jahre Dozent
für Christliche Soziallehre am Bischöflichen Priesterseminar. Der Vorsitzender
des Nikolaus-Groß-Hauses e.V. in Hattingen-Niederwenigern ist
in vielen Bereichen ehrenamtlich tätig, u.a. war er viele Jahre als
Vorsitzender des Stadtbezirkverbandes IV der CDU (Borbeck). Der Präsident des
Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Professor Dr. Hans Joachim Meyer,
berief ihn in den Stiftungsrat der neuen Stiftung „Lumen Gentium - Stiftung
deutscher Katholiken". Der Sitz der Stiftung ist Essen, Ort der Geschäftsführung
ist Bonn-Bad Godesberg.
Sie
ist mit 95.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, fast 20.000
ehrenamtlichen Leiterinnen und Leitern in 25 Diözesen, 132 Bezirken, 1.270 Stämmen
und 103 Siedlungen, der katholische Pfadfinderverband in der Bundesrepublik.
1929 gegründet, erlebte die DPSG nach Auflösung und Verbot 1938 in den fünfziger
Jahren ein kontinuierliches Wachstum. Seit 1971 ist sie ein koedukativer Verband
für Mädchen und Jungen, Frauen und Männer. Internet:
www.dpsg.de Die
DPSG ist über den Ring deutscher Pfadfinderverbände (RdP) Mitglied in der von
Lord Robert Baden-Powell gegründeten Weltpfadfinderbewegung, Mitglied im Bund
der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und in der 1962 ins Leben gerufenen
Internationalen Katholischen Konferenz des Pfadfindertums (CICS), die vom
Heiligen Stuhl als internationale katholische Organisation anerkannt ist (65
nationale Organisationen in fünf Kontinenten und ungefähr 8 Millionen
Pfadfinder weltweit). Vorsitzender: Dr. Baldur Hermans (Essen). Internet:
http://www.cics.org.
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