Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Aus: unitas 2004/2

Vom
Abenteuer,
ein Student zu sein –
Ein Zwischenruf
Von Bbr. Sebastian Sasse
(UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund)
Bildung – ein Thema, das
auf der politischen Agenda ganz oben steht und vor allem uns als Studenten
betrifft. Deswegen können uns die öffentlichen Debatten über die Zukunft der
Bildung in Deutschland nicht unberührt lassen. Kaum eine Woche vergeht, in der
nicht eine neue bildungspolitische Sau durchs Dorf getrieben wird.
Die
Debatten laufen dabei immer nach dem gleichen Muster ab: Zunächst wird ein
Krisenszenario beschworen, nach dem Motto: „Wissenschaftler xy hat
festgestellt, jeder dritte Achtjährige ist Analphabet!“ Nachdem dann ganz
Deutschland mit Hilfe der Medien aufgescheucht worden ist, tritt schließlich
der Kanzler vor die Mikrofone und kündigt an, das Thema zur Chefsache zur
machen. Wahlweise wird nun ein Expertengremium einberufen oder der Kanzler fragt
einfach mal seine Frau um Rat. Am Ende kann dann vieles dabei herauskommen, nur
erfahrungsgemäß keine vernünftige Lösung. Da ist es schon wahrscheinlicher,
dass Doris via Bildzeitung verkündigt: „Deutsche Mütter! Lest Euren Kindern
nicht mehr vor. Entfremdet sie nicht von ihren Büchern.“
So ist also die Lage. Was also noch Neues über Bildung schreiben? Ich sitze in
der Mensa vor einem leeren Stück Papier. Noch ein neuer Vorschlag zur
Entschlackung der Universitätsbürokratie? Nein, ich habe genug von dem ganzen
Zirkus. Ich sitze hier an meinem Tisch und um mich herum wuselt ein bunter
Haufen von jungen Menschen, die sich alle Student nennen. Vorne in der Ecke
sitzen zwei Mädels und ein Mann im Holzfällerhemd, vermutlich BWL-er. Sie
unterhalten sich über die Prüfungsordnung. „Brauche ich eigentlich den
Schein aus dem Hauptseminar.“ Die beiden Frauen nicken ihrem Kommilitonen
bestimmt zu. An dem Tisch neben mir spricht ein Mädchen mit lustigen Rastazöpfen
mit einem jungen Mann im schwarzen Polo-Shirt: „Also wenn ich Plato richtig
verstanden habe“ ....
Ach ja, Plato ...
Ach ja, Platon. Vielleicht wissen ja die alten Griechen ein Antwort auf die
Frage, was es bedeutet Student zu sein: „Und nun mache Dir den Unterschied
zwischen Bildung und Unbildung klar. ... Stelle Dir die Menschen vor in einem
unterirdischen, höhlenartigen Raum, der gegen das Licht einen weiten Ausgang
hat über die ganze Höhlenbreite; in dieser Höhle leben sie von Kindheit,
gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie dort bleiben müssen und nur
gegen vorwärts schauen, den Kopf aber wegen der Fesseln nicht
herumdrehen
können; aus weiter Ferne leuchtet von oben her hinter ihrem Rücken das Licht
eines Feuers; zwischen diesem Licht und den Gefesselten führt ein Weg in der Höhle,
ihm entlang stelle Dir eine niedrige Wand vor, ähnlich wie bei den Gauklern ein
Vorschlag von den Zuschauern errichtet ist, über dem sie ihre Künste zeigen.
... An dieser Wand ... tragen Menschen mannigfache Geräte vorbei, die über die
Mauer hinausragen, dazu auch Statuen aus Holz und Stein von Menschen und anderen
Lebewesen, kurz, alles mögliche, alles künstlich hergestellt, wobei die
Vorbeitragenden teils sprechen, teils schweigen. ... sie (die in der Höhle
Gefesselten) sehen von sich und den anderen zunächst nichts außer den
Schatten, die von dem Feuer auf die gegenüberliegende Mauer geworfen werden ...
.“
Raus aus der Höhle !
Ja, ja die alten Griechen. Kommt uns das nicht bekannt vor, was Plato hier
seinen Lehrer Sokrates ausführen lässt. Glauben wir nicht auch oft, bloß die
Schatten der Wirklichkeit wahrzunehmen. Ist die moderne Mediengesellschaft
unsere Höhle? Starren wir nicht auch wie gefesselt in den Fernseher und
glauben, dass das, was uns von der Mattscheibe aus entgegen flimmert, die
Wirklichkeit sei. Nun wird der eine oder andere erwidern: „Sicherlich lassen
sich viele von irgendwelchen Medienspektakeln täuschen. Aber die Mehrheit doch
nicht. Wir sind doch aufgeklärt. Wir leben in einem modernen Land!“ Einer
solcher Argumentation werden sich vor allem die Teile der Bevölkerung anschließen,
die glauben aufgrund ihrer Ausbildung besonders vor solcherart Täuschung gefeit
zu sein. Dieser Menschenschlag nennt sich gemeinhin Akademiker.
Aber so leicht lässt Plato Sokrates es uns nicht machen. Für ihn sitzen wir
alle in der Höhle. Egal ob Oberstudienrat, Bäcker oder Landstreicher. Es ist
aber auch klar: Wenn wir Bildung erfahren wollen, dann müssen wir aus der Höhle
heraus. Dafür müssen wir Kraft und Anstrengung aufbringen. So fährt er denn
fort: „Überlege nun Lösung aus Ketten und Unverstand ... Wenn etwa einer gelöst
und gezwungen würde, sofort aufzustehen und den Kopf umzuwenden, auszuschreiten
und zum Licht zu blicken, wenn er bei alledem Schmerz empfände und wegen des
Strahlenfunkelns jene Gegenstände nicht anschauen könnte, deren Schatten er
vorher gesehen – was glaubst du, würde er da wohl antworten, wenn man ihm
sagte, er habe vorher nur eitlen Tand gesehen, jetzt aber sehe er schon
richtiger ... Würde er da nicht in Verlegenheit sein und glauben, was er vorher
erblickt, sei wirklicher als das, was ich ihm jetzt zeige?“
Was ist ein Akademiker?
„Wodurch
unterscheidet sich ein arbeitsloser Akademiker von einem Akademiker mit Arbeit.
Der Erste sagt zum Zweiten: Ich hätte gerne eine Currywurst.“ Dieser Witz
zeigt, der Nimbus, der einst das Wort „Akademiker“ umstrahlte, ist dahin.
Das ist insofern konsequent, als dass es heute fast keine Akademiker im
eigentlichen Sinne mehr gibt. Da unser Land aber Akademiker so sehr bedarf, wie
wahrscheinlich noch nie zuvor, ist es um so wichtiger, sich die eigentliche
Bedeutung des Wortes „Akademiker“ vor Augen zu führen.
In Athen gründete Platon einst die Akademie. Hier lehrte er seine Philosophie
und bildete seine Schüler. Aus der Akademie entwickelte sich unser Wort
Akademiker. Was heißt das nun? Ein Akademiker ist ein Mensch, der neben seiner
eigentlichen Tätigkeit auch ein Interesse an Philosophie hat. Ein Philosoph ist
eine Mensch, der die Weisheit liebt. Er besitzt sie also nicht, sondern er
strebt nur nach ihr. Ein philosophierender Mensch ist also ein Mensch auf dem
Weg. Sein Leben verläuft nicht statisch, er ist fortwährend in Bewegung. Wir
alle gehen Wege. Wenn ein Wanderer von einem Punkt A zu einem Punkt B will, hat
er mehrere Möglichkeiten. Er kann die befestigte Straße benutzen. Er kann sich
aber auch seinen eigenen Weg bahnen. Er kann sich durch den noch nicht
erschlossenen Wald schlagen. Und wenn er plötzlich vor einer Felswand angelangt
ist, also nicht weiterkommt, muss er zurückkehren, einen anderen Weg
einschlagen. Die Wurzel der Philosophie ist das Staunen. Der Mensch befindet
sich auf seinem Weg und plötzlich kommt ihm dabei irgend etwas seltsam vor. Er
stellt sich eine Frage. Und indem er nach der Antwort sucht, schlägt er einen
neuen Weg ein. Die Gefahr besteht darin, plötzlich die Orientierung zu
verlieren. Der Reiz: Es besteht die Möglichkeit, den richtigen Weg
einzuschlagen, den Weg zur Weisheit.
Ein Akademiker weiß um dieses Risiko und er geht es trotzdem ein. Der
Akademiker ruht sich nicht in seinem bürgerlichen Leben aus, er ist ein
Suchender. Er sucht weiter nach dem Weg zur Wahrheit. Je nach Disziplin seiner
wissenschaftlichen Arbeit, versucht er seinen Teil zu dieser großen Suche
beizutragen. Der Akademiker ist ein Abenteurer.
Nun mal ehrlich ...
Nun mal ehrlich, wenn ich jetzt behaupten würde, unser gesamter
Wissenschaftsbetrieb liege in Ketten und sei in weiten Teilen von Unverstand
dominiert, weil er sich vom Wesentlichen entfernt habe: Wer würde dann nicht
zunächst verlegen zur Seite blicken und schließlich meine These bestimmt zurückweisen?
Es hilft aber nichts, ich beharre weiter darauf: Der Student erfährt heute im
Studium nicht mehr viel von dem Wesentlichen, was Wissenschaft ausmacht. Was das
Wesentliche ist? Nun, Sokrates darf sich einer metaphorischeren Sprache bedienen
als ich. Den alten Griechen nimmt man Pathos nicht krumm. Er spricht einfach vom
„Licht“. Wir müssen deswegen alle, egal ob Mediziner, Ingenieur oder
Historiker, Philosophen werden. Als Studenten unterscheiden wir uns daher nicht
vom Rest der Bevölkerung dadurch, dass wir neben dem Personalausweis auch noch
eine Matrikelnummer besitzen. Student sein heißt, sich auf das Abenteuer
Wissenschaft einzulassen. Haben unserer heutigen Universitäten, diese tristen
Fabriken der Bürokratie, eine Chance wieder zum Tummelfeld solcher Abenteurer
zu werden?
Nun sollte man meinen, dass in unserer Gesellschaft das „Abenteuer“ hoch im
Kurs steht. Wird uns doch allenthalben gesagt, wir sollten nach dem Kick, der
Entgrenzung, dem Rausch suchen, um uns selbst zu finden. Aber, wie bereits erwähnt,
das Abenteuer des Studenten besteht in seiner Suche nach der Weisheit. Er kann
sich also niemals sicher sein, die vollständige Weisheit gefunden zu haben. Der
Student darf nie selbstzufrieden sein, er muss sich immer wieder aufraffen und
nach einem neuen Weg suchen. So zu handeln wird immer schwieriger. Gerade im
akademischen Milieu. Nicht selten trifft man hier auf Gestalten, die glauben,
ein schwarzer Schal und ein Glas Rotwein in der Rechten reichten aus, um sich
als Prototyp eines Intellektuellen präsentieren zu können. Es genügt eben
nicht, mal bei Nietzsche gelesenen zu haben, dass das Dionysische, das
Triebhafte im Menschen, unseren kreativen Kern bilde. Sonst würde ja jeder
x-beliebige Exzess den besten Weg zum ersten Lyrikband darstellen. Dann müssten
ja unter den Brücken die besten Sonette gedichtet werden und jede Fixerstube
eine Ansammlung von potentiellen Literaturnobelpreisträgern in sich bergen.
„Student
sein, wenn die Veilchen blühen, das erste Lied der Lerche singt, der Maiensonne
Strahl triebweckend in die Erde dringt. Student sein, wenn die weißen Schleier
vom blauen Himmel grüßend weh’n: das ist des Daseins schönste Feier! Herr,
lass sie nie zu Ende geh’n!“ Was’n das? So würde wohl mancher meiner
Kommilitonen auf diese Verse reagieren. Und tatsächlich wirkt dieses alte
Studentenlied mit seinem fröhlichen Optimismus heute stark befremdlich. Gerade
auf einen Studenten. Im Uni-Alltag herrscht knallharte Bürokratie. Es geht nur
noch um überfüllte Hörsäle und die Einführung von Studiengebühren. Da ist
kein Platz für Studenten mit Platon im Kopf und Veilchen im Knopfloch. Der
Student von heute fühlt sich einem zunehmenden Druck von außen ausgesetzt. Er
folgt nicht seinen wissenschaftlichen Interessen, er beugt sich den
Anforderungen des Marktes. Jeder rät ihm, sein Studium so schnell wie möglich
zu beenden und dann Karriere zu machen. Das Idealbild des modernen Studenten ist
ein durch die Welt von Praktikum zu Praktikum jettender junger Mensch, der
mindestens sechs Sprachen fließend beherrscht, aber nirgendwo zu Hause ist.
Kann man da noch vom Studium als des „Daseins schönster Feier“ sprechen?
Wohl kaum.
Was ist ein Student?
Die Universität hat also mit der von vor hundert Jahren wenig gemeinsam. Wie
bei jeder gesellschaftlichen Institution sind auch an ihr die Umbrüche des
letzten Jahrhunderts nicht vorbeigegangen. Dass auch die Universität sich
wandeln muss, ist im Prinzip nicht falsch Allerdings muss die Frage erlaubt
sein: Hat sich die deutsche Universität in den letzten 30 Jahren zu ihrem
Vorteil entwickelt? Nein. Aber es besuchen doch so viele junge Menschen, wie nie
zuvor, die Hochschulen? Das ist vollkommen richtig. Allerdings gab es noch nie
so wenige Studenten. Diese These klingt seltsam? Nun, es schreiben sich immer
mehr Menschen an den Unis ein, die meisten sind nur keine wirklichen Studenten.
Sie besuchen Vorlesungen, schreiben Hausarbeiten, machen Scheine. Ja, natürlich.
Die meisten haben irgendwann auch ihren Abschluss in der Tasche. Nur Studenten
sind sie trotzdem nicht. Student sein, bedeutet nämlich, eine bestimmte
Lebensform zu wählen. Was zeichnet dieses Lebensform aus? Student zu sein,
bedeutet sich auf das Abenteuer Suche einzulassen. Student sein heißt, sich im
Sinne Platons auf die Suche nach dem Weg zur Wahrheit zu begeben. Wenn wir
diesen Weg einschlagen, dann erleben wir auch des „Daseins schönste Feier“.
Wir leben zwar in der „Spaßgesellschaft“, doch von Freude am Leben hört
man erschreckend wenig. Daher glaube ich, dass unsere Gesellschaft dringend
dieser Spezies bedarf, die sich Student nennt. Es darf daher nicht immer nur über
Strukturprobleme gesprochen werden. Auch soll uns hier die Auswanderung von
Wissenschaftlern in die Vereinigten Staaten nicht kümmern. Es geht um das
Bekenntnis zu einer Option, zu einer Möglichkeit, in dieser Welt seinen Platz
zu finden. In unserer Zeit wird viel von Chancen gesprochen, die man angeblich
nicht verpassen darf. Ich will nur eins: Eine freie Person sein. Ein Student.
Deutschland braucht Studenten
In der öffentlichen Diskussion wird oft ein allgemeiner Mangel beklagt. Der
Mangel an Ideen, Innovationen usw.. Deutschland mangelt es an Personen.
Deswegen, und nur deswegen braucht Deutschland Studenten.
Was also tun? Rückzug lautet die Parole. Zurück zu sich, zum Fach. Einfach
denken und sich bilden ohne Rücksicht auf Verluste. Rüstzeug: Humor und Mut.
Es lohnt nicht mehr, sich über die einstürzenden schiefen Türme der Bildungsbürokratie
aufzuregen. Ich brauche, um gut studieren zu können, nicht mehr als meinen
Kopf. Den kann mir keiner nehmen. Also los. Machen wir uns auf den Weg, auf den
Weg zur Weisheit. Aber lasst uns nicht die Veilchen am Wegesrand übersehen. Wir
wollen sie pflücken und uns am Leben erfreuen. Fröhlich erhebe ich mich von
meinem Mensatisch. Es ist schön, Student zu sein. Das Abenteuer ruft.