Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Glaubensüberzeugungen
zutiefst verletzt
Protest gegen Ausstrahlung von "POPETOWN" durch Musiksender MTV
Im Zusammenhang mit der umstrittenen Fernsehserie „Popetown“ (MTV), deren Ausstrahlung für den 3. Mai angekündigt war, hat
die 129. Generalversammlung am 28. April 2006 in Neuss einen Protestbrief formuliert und mit folgendem Wortlaut an MTV-Networks in
Berlin geschickt:
Sehr geehrte Damen und Herren,
die in Neuss tagende 129. Generalversammlung des UNITAS-Verbandes fordert Sie nachdrücklich auf, die Zeichentrickserie
„Popetown“ darauf hin zu überprüfen, ob sie angesichts der Grundwerte unserer Verfassung und der Achtung vor den religiösen
Einstellungen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung weiterhin ausgestrahlt werden kann.
Als Katholiken waren und sind wir uns insbesondere durch die inzwischen eingestellte Werbung und den angekündigten Inhalt der
Satire in unseren Glaubensüberzeugungen zutiefst verletzt. Wir sind nicht gewillt, unsere ethischen und religiösen Überzeugungen
in übelster Weise lächerlich machen zu lassen. Wir verweisen Sie darauf, dass insbesondere junge Menschen auf Orientierung und
Weltanschauung angewiesen sind. Wir halten es für unverantwortlich und nicht hinnehmbar, dass ihnen in satirischer Form
vermittelt werden soll, dass diejenigen Personen und Einrichtungen, auf die sie möglicherweise ihr Vertrauen setzen, nicht ernst
zu nehmen seien. Unsere Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann.
Ihre Serie trägt nach unserer festen Überzeugung dazu bei, dieses Erfordernis zu untergraben.
Vermitteln Sie Ihren Zuschauern weiterhin Unterhaltung und Freude. Verzichten Sie darauf, vielen Menschen ihre grundlegenden
Lebensentscheidungen nehmen zu wollen.
Mit freundlichen Grüßen
Dieter Krüll, Verbandsgeschäftsführer
Elisabeth Fels, Vorortspräsidentin
Heinrich Sudmann, Vorsitzender des Altherrenbundes
Dr. Claudia Bellen-Kortevoss, Vorsitzende des Hohedamenbundes
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Kasse
machen mit Provokation:
MTV – ein kalkuliertes Geschäft
Was da läuft, ist beabsichtigt und absolut erfolgreich: Die Macher lachen
sich in´s Fäustchen, die auflaufenden Protestfaxe, Mails und öffentlichen
Interventionen werden bei der Geschäftsleitung mit breitem Grinsen quittiert.
Soviel Werbung – und dann noch geäußert von den erlauchtesten Häuptern –
das haut jetzt schon die Klickzahlen auf der Homepage in schwindelnde Höhen,
das ist zielgruppenorientiert und erfüllt perfekt den Zweck. Smart & cool
– genau wie es der knallhart und rein kommerzorientierte Kanal braucht.
Und darum geht es: „Ein durchgeknallter Papst und ein krimineller Kardinal
bedingen ungewollt-gewollte Todesfälle, die Versklavung von Kindern und
weitere, äußerst seltsame Vorfälle in 'Popetown'. Als Leiter des 'Back
Office' im Vatikanstaat muss sich Pater Nicholas um alles Organisatorische in 'Popetown'
kümmern. Keine leichte Aufgabe, denn schon auf höchster Ebene ticken
Zeitbomben: Da ist der 77-jährige exzentrische Papst, der den Charme eines
unausstehlichen Siebenjährigen versprüht, sowie der korrupte Kardinal, der
Waisenkinder in die Sklaverei verkauft. Und auch das eigene Personal ist eher
sonderlich als sonderlich hilfreich. Dennoch: Optimist und Menschenfreund
Nicholas versucht jeden Morgen auf ein Neues Gutes zu tun - Badestunden mit dem
Papst eingeschlossen.“ So lautet kurz der müde Plot der Story von „Popetown“
in der Voranzeige des Musikkanals MTV. Am 3. Mai will er die Ausstrahlung
starten, daran hält der Sender trotz – und nun auch wegen - zahlreichen
Interventionen fest.
Schon die in mehreren Programmzeitschriften erschienene MTV-Anzeige hatte
Proteste ausgelöst. Unter der Überschrift "Lachen statt Rumhängen"
hatte ein grinsender Jesus Christus mit Dornenkrone und Fernbedienung vor einem
TV-Gerät für den Start der Cartoon-Serie geworben. Diese Darstellung sei
wenige Tage vor Karfreitag und dem Osterfest eine Provokation der Christen in
Deutschland, so die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in
Deutschland (EKD): "Durch die Art und Weise, wie der gekreuzigte Jesus
Christus in dieser Werbung dargestellt wird, werden Kernaussagen des
christlichen Glaubens verhöhnt und lächerlich gemacht". Das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) verurteilte die Werbung als
"Verhöhnung des christlichen Glaubens". Trotz des Rückzugs der
Anzeige mache sich der Musiksender die Ansicht der Beschwerdeführer nicht zu
eigen, die ihre religiösen Überzeugungen als gedemütigt empfänden - für den
Werberat Anlass, den Sender zu tadeln.
Windelweich - und ehrlich zugleich - die Reaktion des Senders: MTV-Sprecher Mats
Wappmann erklärte dem epd, die Serie polarisiere das Publikum und spreche nicht
jeden an, doch es komme "weder zur Verunglimpfungen noch zu Beleidigungen
von Glaubensrichtungen". Die Serie "Popetown" und die Anzeigen für
die Serie sollten in keiner Weise eine Haltung des Musiksenders dem Christentum
oder der katholischen Kirche gegenüber ausdrücken. Das im Auftrag der BBC
produziertes Comedy-Format beschreibe "satirisch die fiktiven Erlebnisse
von Pater Nicholas im Vatikanstaat", so MTV weiter. Das Format wie die
Anzeige für die Serie arbeiteten mit den für Satire üblichen Stilmitteln
"wie Verfremdung, Überspitzung und Parodie".
Provokation: Abgezockt und kalkuliert
Das ist nichts anderes als kalkuliert: Die sehr speziellen Comics haben im
MTV-Musikschnipselregen ihren festen Programmplatz. Das ätzende Wortgekotze der
in den Streifen versammelten Versagertypen ist „Kult“ - bitter für den, der
die letzte Folge verpasst hat. Das angepeilte Zielpublikum der 14-29-Jährigen
steht nun mal auf das schwer erträgliche Pubertärgequatsche comicanimierter
Flachhirne, das die „ultimative Plattform für die internationale
Musikszene“ unter anderem mit zum boomenden Spartenprogramm gemacht hat.
Marktanteile sind entscheidend, eine entsprechende Programmpolitik zahlt sich für
die kühl rechnenden Macher aus.
Dies zeigt die gesamte Entwicklung des 1981 in den USA gegründeten privaten
Fernsehsenders „Music TeleVision“, der seit 1985 unter der Leitung des
Texaners Mark Booth mit MTV Europe von London auszog, um auch die
deutschsprachige Szene zu erobern. Jahrelange Kämpfe um die Aufschaltung
folgten mit diversen Medienanstalten, Kabelnetzen und der Deutschen Post. Ab
1999 begann MTV in Deutschland auf der Satelliten-Frequenz des eingestellten
Kinderkanals Nickelodeon zu senden – die Geburtsstunde für MTV Central, den
MTV-Regionalsender für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Inzwischen
gibt es 13 regionale MTV-Sender in Europa, die ihr Programm an die entsprechende
Musikkultur im jeweiligen Land anpassen. Konkurrent VIVA wurde an die Wand gedrückt,
2005 von der MTV Muttergesellschaft Viacom übernommen. Neu positioniert, sind
die beiden MTV-Sender und die beiden VIVA-Sender nun auf ihr ganz spezielles
Publikum ausgerichtet. Dabei bedient VIVA eher die weiblichen Zuschauer und
sendet seitdem vor allem Mainstream. Hauptanteilseigener von MTV ist das
Medienunternehmen Viacom. Es hat damit nicht nur eine Monopolstellung für
Musikvideoveröffentlichungen in Deutschland, sondern kann gerade junge Leute in
Kaufgewohnheiten, Mode und mehr beeinflussen. Und das Konzept geht voll auf: Die
Sender der MTV-Familie haben vorzeigbare Zuwächse von 6-12 Prozent.
Die geradezu groteske Werbungen für Handyklingeltöne (ein Wahnsinnsgeschäftsidee)
wurde inzwischen zurückgefahren – ebenso hat sich aber auch der Abschied vom
reinen 'Musikfernsehen' ausgezahlt. Ihn und mehr massenwirksame Themen hatte
bereits Mitte vergangenen Jahres Senderchefin Catherine Mühlemann angekündigt
(5.7.2005 – laut.de), Endlos-Telenovelas, Karaoke-Shows, eine Hip Hop Reality
Doku und eine Dating Show sollten den Trend verstärken. Das Ziel:
Zuschauerbindung um jeden Preis. Denn der Preis zählt – vor allem der Preis
der Werbeplätze. Er steigt, je mehr sich der Zuschauer mit seinem Sender
identifiziert.
Perfide Effektivität: Der Mensch ist
selbst die Ware
Wenn nun etwa der Bundesvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend
(BDKJ) für 15 katholische Kinder- und Jugendverbände mit rund 650.000
Mitgliedern in der Kritik an der TV-Papst-Satire „Popetown“ für kritische
Distanz wirbt, ist das genau richtig. Denn es ist leicht, das gestylte Projekt
zu unterschätzen: Es ist mehr als frei randalierender Kapitalismus. Die ganze
Aktion ist viel zu wohlkalkuliert, mit Anwälten und hochbezahlten Experten
durchgerechnet. Das Hauptziel ist sowieso erreicht – das ganze Konzept ist
perfekt aufgegangen.
Was sehr wohl verdient, genauer unter die Lupe genommen zu werden, ist genau
dieser Aspekt: Wie funktionieren Abhängigkeiten, Manipulationen und
Beeinflussungen? Wie sind ganz konkrete Wertschöpfungsketten in diesem Bereich
der Unterhaltungsindustrie konstruiert, die die TV-orientierten Kids vom
Windelalter an begleiten, ihnen die Welt erklären, die „korrekte“ Kleidung,
Sprache, Musik, Sozial- und Konsumverhalten in die Gehirnwendungen stanzen? Fakt
ist: Der Konsument – in diesem Fall sind es nicht zum geringsten Teil
leicht beeinflussbare Minderjährige - wird für so blöd und manipulierbar
gehalten, wie er ist. Kein Wunder, dass so viele auf dieses Konzept
hereinfallen. Die Macher wissen es, unterstützen es und bauen darauf ihren
Erfolg: Denn es gibt sie tatsächlich, eine auspressbare, ausreichend große und
wachsende Zahl von berieselten Salatköpfigen, die sich von Medienmachern die
Grundvollzüge ihrer Existenz vorschreiben, widerspruchslos und meist hilflos
einer gut organisierten Gang von Sinn- und Inhaltsstiftern ausgesetzt. Die Geschäftsidee
„Provozieren & Kassieren“ ist ein subtiles, höchst effizientes und
wirksames System, das nicht von postpubertären, selbsternannten Heilsbringern
ausgeübt wird, sondern von Profis. Und das nur einem Ziel dient: Kasse machen.
Hier ist das Wort von der Pflicht zu mehr Medienkompetenz wirklich angebracht,
die der BDKJ anmahnt: Es gilt nicht bewusst zu machen, wie Medien gemacht werden
(wer wollte nicht schon mal immer Filme drehen oder als Moderator im Rampenlicht
stehen), sondern wie solche Medien schlicht funktionieren.
Sicher gilt es zu intervenieren, da Gefühle von Christen tatsächlich verletzt
werden. Doch waren schon die ersten Äußerungen zur letzten Papstwahl
(„Nazi-Papst“) in der britischen Yellow-Press eher Mitleid erregend. Und es
kann auch manchmal ein dickes Fell nicht schaden, wenn man als Christ in dieser
Welt lebt. Doch ist die müde Geschichte, um die es geht, vor allem eins: Ein
greller Lichtkegel auf ein prekäres und zerstörerisches Grundprinzip einer
Gesellschaft, die Spaß und Unterhaltung verspricht, in der in Wirklichkeit der
Mensch selbst aber immer mehr nur noch als Konsument und Ware zugleich
funktioniert.
Christof Beckmann