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Wissenschaftlicher Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND

 

26. Oktober 2007 

"Vom Mimikri der Geisteswissenschaften. 
Eine teilnehmende Beobachtung im akademischen Lebensraum 
unter besonderer Berücksichtigung 
des gut plazierten Danks an die Sponsoren". 

Versuch über eine akademische Lossprechungsfeier 
bei den Geisteswissenschaften an der Uni Duisburg-Essen.

Essen, 26. Oktober, Kanapees, Sekt und mehr, Geschiebe und Blitzlichter. „Stimmt das eigentlich? Es soll doch derzeit ein Jahr der Geisteswissenschaften stattfinden?“, surrt eine Stimme aus dem Getümmel. Doch da war es schon getan: Der Fachbereich Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen hatte zur Feierlichen Verabschiedung der Absolventinnen und Absolventen der akademischen Abschlussprüfungen des WS 2006/07 und des SS 2007“ geladen, mehr als 250 Gäste versammelten sich im Glaspavillon auf dem Campus. In den ersten Reihen die Professoren - so vorhanden -, Mitglieder der Prüfungskommissionen. Und Magnifizenz Prof. Dr. Lothar Rechlin ergriff nach dem gemeinsamen Foto der Ex-Studiosi für die angerauschte „Weltpresse“ von der NRZ das Wort ...

Doch das, nämlich das Wort von der „Geisteswissenschaftlichen Fakultät“ aus seiner Begrüßung, zieht er sofort wieder zurück. Jurist und falscher Abschlussjahrgang. „Viel Arbeit und Mühen“, so der Rektor in freier Rede, hätten das Studentenleben am „Fachbereich“ bestimmt. „Sicher gab es auch eher lustbetonte Phasen“, lockte er ein erstes Gickeln aus den Reihen. Soviel zur Kontinuität des Studentenlebens. Doch nun komme es darauf an, in einem Berufsleben das Erlernte anzuwenden, sich weiter zu qualifizieren und neue Kompetenzen zu erwerben. Der universitäre Erwerb methodischer Kenntnisse und das Erlernen systematischen Lösens von Problemen seien nicht alles. „Die erfreuliche Botschaft heißt: das Lernen hört niemals auf!“, stellt der Universitätschef kategorisch fest. Eine Botschaft, die spontan zu eher wenig Emotionen verfängt. Doch er legt nach und setzt einen weiteren kantigen Satz bestimmt und euphorisch in die Corona: „Universitäten sind total interessante Orte!“ Sagt´s - und wünscht den mehrfach apostrophierten „Absolventinnen und Absolventen, die nun ihre Examen absolviert“ haben, dass sie weiter in Kontakt mit ihrem Fachbereich und ihrer Universität bleiben. Denn eine Uni könne noch selbst viel lernen. Wohl wahr. Und dann verschwindet der Meister unerkannt.

Sponsoring: Die neue Poesie der Hochschule

Da fängt es der erste der "Spectabilitäten", der Dekan des Fachbereichs Geisteswissenschaften schon etwas besser an. Prof. Dr. Erhard Reckwitz zitiert eingangs einen südafrikanischen Literaten und Weinkenner, spricht von der individuellen Erntezeit und guten Jahrgängen. Da spricht der Kenner. Nach der Poesie lässt er Hoffnung auf Empirie keimen, als er von einer 25-jährigen Zeit als Prüfer spricht und sich Vergleiche ankündigen. Verwertbare Statistiken kommen zwar nicht, wohl aber die Erkenntnis, dass sich mindestens zwei Typen - „teils sicher auch karikierend“ und „gutmütig spottend“ - herausschälen lassen. Für manchen im Saal eine persönliche Minute. Denn man darf nun in sich gehen und mitüberlegen, welchem Typ man am ehesten entspricht. Bleibt die Erkenntnis, dass Professoren mit der Kategorisierung von Typ A („monologischer Examenstyp“) oder Typ B (leidet an der Unübersichtlichkeit der Welt“) nichts Menschliches fremd ist.

Knallhart folgt endlich das von den Vorrednern mehrfach Angekündigte. Machen wir es kurz: Es spricht der Vertreter des Sponsors der Veranstaltung. Der Vorstandsvorsitzende einer regional „bestens aufgestellten“ Krankenkasse verliest etwas mühsam das ihm geschriebene Grußwort. Dass sie die Veranstaltung und den Fachbereich unterstützt, für Blumen, zwei Preise für die besten Magisterarbeiten in Höhe von 500 Euro (Der Dekan: "Das sind 1000 Mark!". Gelächter) und das aus Heiligenhaus bei Düsseldorf - und nicht mal aus Essen - angelieferte Büffet sorgt, kann nicht hoch genug gepriesen werden. Zumal im „Jahr der Geisteswissenschaften“ - das - wir ahnen es  - allerdings auch hier keine Rolle spielt.

Plötzlich Revolte in der Luft

Schon akademischer wird es bei der „Vorstellung der Doctores“ durch Prof. Dr. Roland Galle. Als Vorsitzender des Promotionsausschusses begrüßt er auch die „magistri et magistrae“. Hui, Latein. Und weicht gleich von seinem Skript ab. Denn jetzt kommen Fakten: 25 Prozent aller Studenten seien Geisteswissenschaftler, so der einzige Grauhaarige ohne Schlips, sie würden von lediglich 10 Prozent des Lehrpersonals an allen Hochschulen bundesweit unterrichtet. Das klingt nach Revolte. „Eine überaus prekäre Situation“, kritisiert er die Ergebnisse der Exzellenzinitiative, die vor allem technisch ausgerichteten Universitäten massiv fördere. Schiebt aber gleich eine Anekdote ein, die vom Hochmut der Geisteswissenschaftler vor Heizungs- und Lüftungstechnikern berichtet. Sie seien auch selbst schuld, gibt er zu bedenken: “Die Geisteswissenschaften jagen heute bald jeder Nützlichkeitsattrappe nach“. Ein Plädoyer für ein selbstbewussteres Auftreten der akademischen Aschenputtel . Einen guten Mittelweg hält Galle für „gefragt und möglich“, kräftig plädiert er für unvernutztes Forschen und das Gewinnen von „Innovationskraft aus der Befragung der Vergangenheit“. Wo man sich mehr wünschte, ist seine Redezeit zu Ende. Ein verhaltener Dank an den Sponsor und eine sich anbahnende Sternstunde ist vorüber.

Was folgt, ist eine etwas hemdsärmelige akademische „Lossprechungsfeier“ für über 100 Absolventinnen und Absolventen. (rechts: Bildmotiv von der Einladungskarte. Mit Dank an den Sponsor.) Ein erster Lichtblick: Die eher humoristische Lobpreisung der Kulturwirte, die alle bis auf eine Vertreterin erst gar nicht gekommen sind - „weil sie jetzt in südlichen Ländern weilen“. Das muntert auf. Bei den im kühlen Norden gebliebenen Promovierten oder Neu-Magistern heißt es: Verlesen der Namen (Applaus), der Fächer (wahlweise auch Applaus erst hier) und Nennung der Themen. Ein Panoptikum aus Ansätzen der Kommunikationswissenschaften, Geschichte, Germanistik, praktischen Sozialarbeit. Lyrische Titel, knackige Sentenzen, Schachtelthemen. Nicht nur wo es vernuschelt vorgetragen in Fremdsprachen geht, bleibt oft dunkel, worum es sich gehandelt haben könnte. Wissenschaft wahrscheinlich. Die Laudatio auf die beste Magisterarbeit im WS wird vertretungsweise verlesen, die Laudatio auf die des SS lässt sich wirklich sehen. Mit Dank an den Sponsor, den weder Laudatoren, Dekan, noch Preisträger jeweils vergessen. Bis vom Dekan endlich zum Halali auf das kalte Büffet geblasen wird. Doch kein Jahrgangswein weit und breit. Sekt, Orangensaft und durchweg ökologisch wertvolle Krankenkassen-Vitaminbrocken. An Tischen, die von Reklame strotzen. Das Beste ist sofort weg: Die klinisch sauber je zu acht Exemplaren verpackten Gummibärchen in den Packungen mit dem Firmenlogo. 

Fazit: Gaudeamus null.

Lernen für das Leben - eine akademische Abschlussfeier: Hinter einem Strelitzienstrotzenden Mega-Blumengesteck im Dunkeln verschanzte Redner im Kampf mit der Technik, dünne Mikrophon-Stimmchen, durchwachsen festliche Kleidung. Irgendwie ein Auftritt ohne Skript. Und ein bisschen Musik hätte auch nicht geschadet. Denn irgendwie hatten wir sie bislang immerhin bei den schönen Künsten und zumindest in der Nähe der Geisteswissenschaften verortet. Wer sich den Namen des Sponsors gemerkt und nicht gleich wieder vergessen hat, hat wenigstens etwas heute gelernt. Schade irgendwie, weil man das Mimikri der Geisteswissenschaften doch endlich satt haben wollte. Ausgerechnet sie, die Hüter der Tradition, die Klassiker, die Historiker, die Kronenträger hehrer Wissenschaft, die Erforscher von Formen, Bildern, Epochen, Symbolen und Sprache. Die „Hinterfrager des Alltäglichen“, wie einer der ausgezeichneten Magister mit nachgeschobenem Dank an die Eltern - immerhin mal was anderes - festhielt. Immerhin ein weiterer Lichtblick: Die Preisträger, durchaus selbstbewusst in ihrer Präsentation, engagiert in ihren Themen. Sie und alle sind nun "formvollendet" an das Ende eines jahrelangen Studiums gelangt, und mit allen Formen und Ehren nach ihrer individuelle Erntezeit ins Leben entlassen. Mit Dank an ... den Sponsor. Genau.

„Mach Dir nichts draus, früher gab´s das überhaupt nicht! Das ist doch schon mal wenigstens etwas!“, besänftigt summa cum laude-Neo-Magister Bbr. Sebastian Sasse im neuen Jackett- strahlend neben ihm Freundin Saskia Bendrich, ebenso glänzend durchs Examen gegangen. Na dann eben - weiter so - durch das Jahr der Geisteswissenschaften … Wir schalten um zur Werbung. (Warum ist es eigentlich eine Krankenkasse? Muss man sich wirklich Sorgen machen?) Jedenfalls gut zu wissen, dass ein völlig nutzfreies und nahezu vom  Kommerz unabhängiges "Gaudeamus" wenigstens noch durchs "Feldschlößchen" schallen wird. Zum Lob der Wissenschaft, der Alma Mater und des studentischen Lebens. Und anderer Qualitäten, die das Studium im besten Falle mit sich bringt. Dann nämlich, wenn uns der Alt-Senior und frischgebackene Magister mit großen Zukunftsplänen in diesem "Jahr der Geisteswissenschaften" zu einer zünftigen Kneipe einladen wird - auch einer Art Akademischem Festakt ....

Dr. Anonymus