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26. Oktober 2007 "Vom
Mimikri der Geisteswissenschaften.
Doch das, nämlich das Wort von der „Geisteswissenschaftlichen Fakultät“ aus seiner Begrüßung, zieht er sofort wieder zurück. Jurist und falscher Abschlussjahrgang. „Viel Arbeit und Mühen“, so der Rektor in freier Rede, hätten das Studentenleben am „Fachbereich“ bestimmt. „Sicher gab es auch eher lustbetonte Phasen“, lockte er ein erstes Gickeln aus den Reihen. Soviel zur Kontinuität des Studentenlebens. Doch nun komme es darauf an, in einem Berufsleben das Erlernte anzuwenden, sich weiter zu qualifizieren und neue Kompetenzen zu erwerben. Der universitäre Erwerb methodischer Kenntnisse und das Erlernen systematischen Lösens von Problemen seien nicht alles. „Die erfreuliche Botschaft heißt: das Lernen hört niemals auf!“, stellt der Universitätschef kategorisch fest. Eine Botschaft, die spontan zu eher wenig Emotionen verfängt. Doch er legt nach und setzt einen weiteren kantigen Satz bestimmt und euphorisch in die Corona: „Universitäten sind total interessante Orte!“ Sagt´s - und wünscht den mehrfach apostrophierten „Absolventinnen und Absolventen, die nun ihre Examen absolviert“ haben, dass sie weiter in Kontakt mit ihrem Fachbereich und ihrer Universität bleiben. Denn eine Uni könne noch selbst viel lernen. Wohl wahr. Und dann verschwindet der Meister unerkannt. Sponsoring:
Die neue Poesie der Hochschule Da
fängt es der erste der "Spectabilitäten", der Dekan des
Fachbereichs Geisteswissenschaften schon etwas besser an. Prof. Dr. Erhard
Reckwitz zitiert eingangs einen südafrikanischen Literaten und Weinkenner,
spricht von der individuellen Erntezeit und guten Jahrgängen. Da spricht der
Kenner. Nach der Poesie lässt er Hoffnung auf Knallhart folgt endlich das von den Vorrednern mehrfach Angekündigte. Machen wir es kurz: Es spricht der Vertreter des Sponsors der Veranstaltung. Der Vorstandsvorsitzende einer regional „bestens aufgestellten“ Krankenkasse verliest etwas mühsam das ihm geschriebene Grußwort. Dass sie die Veranstaltung und den Fachbereich unterstützt, für Blumen, zwei Preise für die besten Magisterarbeiten in Höhe von 500 Euro (Der Dekan: "Das sind 1000 Mark!". Gelächter) und das aus Heiligenhaus bei Düsseldorf - und nicht mal aus Essen - angelieferte Büffet sorgt, kann nicht hoch genug gepriesen werden. Zumal im „Jahr der Geisteswissenschaften“ - das - wir ahnen es - allerdings auch hier keine Rolle spielt. Plötzlich
Revolte in der Luft Schon
akademischer wird es bei der „Vorstellung der Doctores“ durch Prof. Dr.
Roland Galle. Als Vorsitzender des Promotionsausschusses begrüßt er auch die
„magistri et magistrae“. Hui, Latein. Und weicht gleich von seinem Skript
ab. Denn jetzt kommen Fakten: 25 Prozent aller Studenten seien
Geisteswissenschaftler, so der einzige Grauhaarige ohne Schlips, sie würden
von lediglich 10 Prozent des Lehrpersonals an allen Hochschulen bundesweit
unterrichtet. Das klingt nach Revolte. „Eine überaus prekäre Situation“,
kritisiert er die Ergebnisse der Exzellenzinitiative, die vor allem technisch
ausgerichteten Universitäten massiv fördere. Schiebt aber gleich eine Anekdote
ein, die vom Hochmut der Geisteswissenschaftler vor Heizungs- und Lüftungstechnikern
berichtet. Sie seien auch selbst
schuld, gibt er zu bedenken: “Die Geisteswissenschaften jagen heute bald
jeder Nützlichkeitsattrappe nach“. Ein Plädoyer für ein selbstbewussteres
Auftreten der akademischen Aschenputtel . Einen guten Mittelweg hält
Galle für „gefragt und möglich“, kräftig plädiert er für unvernutztes
Forschen und das Gewinnen von „Innovationskraft aus der Befragung der
Vergangenheit“. Wo man sich mehr wünschte, ist seine Redezeit zu Ende. Ein
verhaltener Dank an den Sponsor und eine sich anbahnende Sternstunde ist vorüber.
Fazit:
Gaudeamus null. Lernen
für das Leben - eine akademische Abschlussfeier: Hinter einem
Strelitzienstrotzenden Mega-Blumengesteck im Dunkeln verschanzte Redner im
Kampf mit der Technik, dünne Mikrophon-Stimmchen, durchwachsen festliche Kleidung.
Irgendwie ein Auftritt ohne Skript. Und ein bisschen Musik hätte auch nicht
geschadet. Denn irgendwie hatten wir sie bislang immerhin bei den schönen
Künsten und zumindest in der Nähe der Geisteswissenschaften verortet. Wer
sich den Namen des Sponsors gemerkt und nicht gleich wieder vergessen hat, hat
wenigstens etwas heute gelernt. Schade irgendwie, weil man das Mimikri der
Geisteswissenschaften doch endlich satt haben wollte. Ausgerechnet sie, die Hüter
der Tradition, die Klassiker, die Historiker, die Kronenträger hehrer
Wissenschaft, die Erforscher von Formen, Bildern, Epochen, Symbolen und
Sprache. Die „Hinterfrager des Alltäglichen“, wie einer der
ausgezeichneten Magister mit nachgeschobenem Dank an die Eltern - immerhin mal
was anderes - festhielt. Immerhin ein weiterer Lichtblick: Die Preisträger,
durchaus selbstbewusst in ihrer Präsentation, engagiert in ihren Themen. Sie
und alle sind nun "formvollendet" an das Ende eines jahrelangen
Studiums gelangt, und mit allen Formen und Ehren nach ihrer individuelle
Erntezeit ins Leben entlassen. Mit Dank an ... den Sponsor. Genau. „Mach
Dir nichts draus, früher gab´s das überhaupt nicht! Das ist doch schon mal
wenigstens etwas!“, besänftigt summa cum laude-Neo-Magister Bbr. Sebastian
Sasse im neuen Jackett- strahlend neben ihm Freundin Saskia Bendrich, ebenso
glänzend durchs Examen gegangen. Na dann eben - weiter so - durch das Jahr
der Geisteswissenschaften … Wir schalten um zur Werbung. (Warum ist es
eigentlich eine Krankenkasse? Muss man sich wirklich Sorgen machen?)
Jedenfalls gut zu wissen, dass ein völlig nutzfreies und nahezu vom
Kommerz unabhängiges "Gaudeamus" wenigstens noch durchs "Feldschlößchen"
schallen wird. Zum Lob der Wissenschaft, der Alma Mater und des studentischen
Lebens. Und anderer Qualitäten, die das Studium im besten Falle mit sich
bringt. Dann nämlich, wenn uns der Alt-Senior und frischgebackene Magister
mit großen Zukunftsplänen in diesem "Jahr der
Geisteswissenschaften" zu einer zünftigen Kneipe einladen wird - auch
einer Art Akademischem Festakt .... Dr. Anonymus
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