Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Aus: unitas 1/2005
"Cor
unum et anima una“
Ruhr-UNITAS feierte 175. Geburtstag von Hermann Ludger Potthoff
ESSEN.
Das 94. Stiftungsfest der UNITAS Ruhrania stand ganz im Zeichen des 175.
Geburtstags unseres Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff. Mehr als 60 Gäste
versammelten sich am 22. Januar 2005 auf dem neuen Ruhranen-Haus, um so ihren
ganz speziellen Beitrag zum Jubiläumsjahr des Verbandes zu leisten. Ein
schwungvoller, von FM Rüdiger Duckheim im „Feldschlösschen“ geschlagener
Kommers sorgte für eine würdige und fröhliche Feierstunde. Ermunternde Worte
richteten VOS Andreas Memmesheimer (UNITAS Rheinfranken), der Geistliche Beirat
Kaplan Helmut Wiechmann und StD a.D. Martin Gewiese als Vorsitzender des ältesten
UNITAS-Zirkels Essen an die Corona. Grüße überbrachten auch Vertreter des
Borbecker CV-Zirkels „Kohle“, der CV-Verbindungen K.D.St.V. Nordmark (Essen)
und AV Silesia (Bochum). Große Artikel in den örtlichen Zeitungen hatten den
aus Werden stammenden Gründer der UNITAS bereits einem großen Publikum
vorgestellt. Unter einem neu gerahmten großen Jugendbild des Verbandsstifters
erinnerte die Festrede von Ehrensenior Dr. Christof Beckmann an Hermann Ludger
Potthoffs Leben und Bedeutung, die wir im Folgenden in neuer Fassung
wiedergeben:
Ein Herz und eine Seele
„Cor unum et anima una / Ein Herz und eine Seele“ Potthoff hieß der
Wahlspruch, den Potthoff vor 145 Jahren bei der 1. Generalversammlung in Düsseldorf
prägte. Unter ihm wurde damals die so genannte „klerikale UNITAS“ ins Leben
gerufen. Ihr sollten die Priester angehören, die als Studenten den seit 1847 in
Bonn, 1855 in Tübingen und 1859 in Münster aktiven Vereinen angehört hatten.
Den sie nun ergänzenden „Priesterverein UNITAS“ der Alten Herren
bezeichnete Bbr. Werner Ohlendorf in seinem 1913 erschienenen Handbuch für den
Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS“ als
„eine der einzigartigsten Organisationen, die die Geschichte des deutschen
Katholizismus im 19. Jahrhundert aufweisen kann.“ Zweck der Vereinigung war
die freundschaftliche Verbindung untereinander aber auch die Vermittlung von
religiöser und wissenschaftlicher Anregung. An ihrer Spitze stand als Präses,
zugleich Generalpräses der UNITAS, bis 1873 Hermann Ludger Potthoff als
treibende Kraft der ganzen Vereinigung.
Dass die UNITAS an der Ruhr ihn, dessen Geburtstag sich am 21. Januar zum 175.
Mal jährte, in den Mittelpunkt ihres 94. Stiftungsfestes stellt, legt schon die
Nähe zu seinem Geburtsort im heutigen Essen-Werden nahe. In seinem Todesjahr
1888 aber wurde auch der erste Altherren-Zirkel des Verbandes in der Ruhrstadt
gestiftet – damit ist bereits auch die Lebensspanne unseres Gründers
beschrieben: Von 1830 bis 1888 – ganze 59 Jahre alt ist er geworden, war
Hermann Ludger Potthoff „Herz und Seele“ der UNITAS.
Sein Werk, aus dem der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband
Deutschlands wuchs, entsteht in einer unruhigen und turbulenten Zeit. Umbrüche
und Aufbrüche kennzeichnen das Umfeld der Gründung im 19. Jahrhundert, die
Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche erreichen einen weiteren Höhepunkt.
Ein Kontinent in Aufruhr
Hermann Ludger Potthoff und seine Freunde sind Zeugen einer sehr bewegten Zeit.
Das 1842 begangene Kölner Dombaufest und die ein Jahr später begangene
Jahrtausendfeier des Reichs sind Ausdruck eines schwärmerischen und turbulenten
Aufbruchs, einer Zeit, in der allenthalben patriotische und nationale Bewegungen
Auftrieb erlangen. In ihr gerät der ganze Kontinent in Aufruhr, ausgelöst
durch die französische Juli-Revolution in Mittel- und Südeuropa und allen
Staaten Europas - mit Ausnahme Englands und Russlands. Die Ereignisse überschlagen
sich: Aufstände überall, die gewaltsame Vereinigung Italiens führt zur
Besetzung des Kirchenstaats und Inhaftierung von Papst Pius IX., radikale
Unruhen in den deutschen Ländern - besonders im Südwesten, in Wien und Berlin
- brechen sich Bahn. Verwegen gewandete aktive und ehemalige Studentenführer
rufen die Republik aus, Freischaren proklamieren die bewaffnete Revolution. Im
Streit zwischen großdeutschen und kleindeutschen Parteiungen gibt es
Demonstrationen für Vereins- und Pressefreiheit, auch für Religions- und
Glaubensfreiheit. Die verfassungsgebende Nationalversammlung konstituiert sich
in der Frankfurter Paulskirche, wird bald durch Militär gesprengt. Ein Land im
Ausnahmezustand: Standgerichte, Massenerschießungen und -auswanderung, Fürstenunion
und Reaktion. Widerstand, besonders im katholischen Volksteil Preußens gegen
Kulturpolitik, bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen.
Kurz: Im manifesten Zusammenbruch der Alten
Welt – zwischen Revolte und Beharrung - entsteht die bürgerliche
Gesellschaft. Dramatische Schritte vollziehen sich, es entfaltet sich ein
rasantes Potenzial in den Wissenschaften, der Wirtschaft und an Ideologien. All
dies kulminiert für unseren preußisch dominierten Raum in diesen
entscheidenden Jahren zwischen 1848 bis 1859, dem Jahr, in dem die
Zentrumspartei gegründet wird. In diesen Umbruchszeiten liegt die Wurzel eines
Verbandes – unseres Verbandes, in einer zersplitternden Welt.
1847 hat sich im Gasthof „Engel“ die „Ruhrania“, ein Verein katholischer
Studenten in Bonn gegründet, einer von fünf, die sich dort zur so genannten
„Union“ zusammenschließen. Eine Protestaktion vor allem gegen
antikatholisches Vorgehen Preußens in den neu gebildeten Provinzen Rheinland
und Westfalen. Dieser Union ist trotz heißer Schwüre beim gemeinsamen Fest auf
der Klosterruine Heisterbach keine lange Existenz beschieden - die Ruhrania überlebt,
weil sie sich ab Sommersemester 1850 total reformiert: Sie verzichtet auf
Couleur - (die Farben der Ruhrania waren orange-weiß-rot) - äußerliches
Zeichen einer gänzlichen Neuorientierung. Und sie richtet das Vereinsleben
bewusst auf die Bildung des katholischen Glaubens unter den Prinzipien „virtus,
scientia und amicitia“ aus. Im SS 1852 unter Leonhard Brandt, später
Missionar in den USA, wählt die Ruhrania den hl. Thomas von Aquin und den hl.
Aloisius zu ihren Patronen. Die Mitglieder verpflichteten sich, an den Festtagen
dieser Heiligen zur gemeinsamen Eucharistiefeier, zur anschließenden Agape und
einer Festsitzung, für die sich der Name Morgensitzung einbürgert. Später,
1854 – nach der Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis -
kommt als weitere Patronin die Immaculata und damit ihr Fest als drittes
Vereinsfest dazu.
Ein Bautechniker wird Priester
Die wichtigen Weichen der späteren UNITAS sind damit bereits gestellt, als der
junge Bautechniker Hermann Ludger Potthoff im Wintersemester 1852/53 in die
Ruhrania eintritt. Und doch bezeichnen wir ihn mit Recht als ihren Gründer.
Hermann Ludger Potthoff ist schon gut zwei Jahre vorher in der damals noch
ziemlich kleinen und jungen Universitätsstadt Bonn mit der Ruhrania
zusammengetroffen. Viele ihrer Mitglieder sind von der Ruhr zum Studium an den
Rhein gegangen. Ihre Geburtsorte gehören heute zur Stadt Essen, wie Werden,
Heisingen, Heidhausen, Borbeck und Schönebeck. Sein ältester Bruder Wilhelm
war 1847 einer ihrer Gründer, studierte dort zunächst Medizin, dann wie sein
zweiter Bruder August ab 1850 Theologie.
Ihr Vater ist Bauunternehmer in Werden - Sohn Hermann Ludger soll das
Unternehmen erben und fortführen. Ab 1840 auf der Rektoratsschule in Werden,
besucht er die Bau- und Gewerbeschule in Hagen. In den Ferien arbeitet er auf
den Baustellen seines Vaters. Auf dem frühesten Bild bis zu seinem
Altersbildnis ist er alles andere als ein durchgeistigter, schmaler Gelehrter:
Ein durchaus tatkräftiger, ja humorvoller, im Leben stehender Mensch, mittelgroß,
mit kräftiger Statur und offenem, optimistischem Blick macht sich Ende 1849 von
der Ruhr auf an den Rheinstrom unter dem Siebengebirge, um seine Brüder zu
besuchen. Er lernt dort im Freundeskreis der Ruhrania eine ganz andere Welt
kennen. Und beschließt: Ich will auch Priester werden und Theologie studieren.
Dazu muss er erst das Abitur nachholen. Ostern 1850 zieht er nach Bonn. Sein
Landsmann Wilhelm Pingsmann aus Werden, ebenfaIIs Ruhrane und später
Domkapitular und Offizial der Erzdiözese Köln, bereitet ihn auf das Abitur
vor. Schon 1852 hat Potthoff es bestanden, beginnt sofort das Studium und kann
nun - nach seiner Immatrikulation - vollberechtigtes Mitglied der Ruhrania
werden. Bereits zum Sommersemester 1853 wird er zum Präses gewählt und bleibt
dies mehrere Semester.
Zug um Zug setzt er nun den Umbau des landsmannschaftlichen Vereins ins Werk.
Deutlich wird dies am Beispiel des Prinzips scientia – in einer Zeit, in der
Seminare heutiger Zeit noch nicht existieren. Prinzip und Praxis nehmen damit
viele Entwicklungen an der Universität bereits vorweg. Nach heißen Debatten
beschließt der Convent damals unter seiner Leitung:
1. Jeder (wöchentliche) Vortrag muss frei gehalten werden. Nur die
Dispositionen (Stichpunkte) dürfen während des Vortrags eingesehen werden.
2. Jedes Mitglied soll wenigstens einmal im Semester eine schriftliche Arbeit
einreichen. Zu ihr haben die anderen Mitglieder eine schriftliche Kritik
einzureichen.
3. Es wird den einzelnen Mitgliedern dringend ans Herz gelegt, durch das Studium
des vorkommenden Themas und Vorbringungen von Einwendungen die Disputation zu
beleben.
Dies sind dies mehr als die Grundzüge eines unverbindlichen Rhetorikseminars:
Denn was nutzt es, viel zu wissen, wenn man es nicht mündlich und schriftlich
an den Mann bringen kann? Was nutzt es etwas zu vertreten, wenn man es nicht
begründen und verteidigen kann? Was nutzt es, viel zu hören, wenn man sich
keine eigenen Gedanken dazu machen und Kritik anbringen kann? Was nutzt an einem
selbst geübte Kritik, wenn man sie nicht ertragen und danach zu handeln lernt?
Und nicht zuletzt: Was nutzt es zu kritisieren, wenn man selbst nichts von der
Sache versteht? Zweifellos: Ein pädagogisch wertvolles Programm - hier ist das
wöchentliche Training für jedes Mitglied ein echter Nutzen – in einem
Verein, der sich das Attribut „wissenschaftlich“ wählt.
Das zweite - und nicht weniger wichtig - war das Abrücken vom althergebrachten
Prinzip der Landsmannschaft. Am 2. Februar 1854 wird der Name „UNITAS“
einstimmig angenommen. Ein programmatischer Name, der das „Katholisch“
unterstreicht. Seine Bedeutung: „Einheit im Glauben, Einheit in der
Wissenschaft und Einheit in der Freundschaft“, so der ausführlichere Vermerk
im Protokoll. Und auf die erste Seite des Protokollbuches schreibt Potthoff:
„In necessariis UNITAS, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – seit
1854 ist dies seither ununterbrochen der Wahlspruch der UNITAS geblieben.
Ein Lebensbund entsteht
Genau ein Monat später, am 3. März 1854, bekräftigen alle Unitarier mit ihrer
Unterschrift die neuen Statuten. Sie drücken das aus, was Hermann Ludger
Potthoff sich schon zu dieser Zeit unter UNITAS vorstellte – es ist das alles
umschließende Band der Einheit: In allen grundsätzlichen Fragen, in allen
Lebenslagen, beruflichen und persönlichen Herausforderungen. Ein hehres Ziel,
aber auch hier ganz praktisch: Denn die Statuten bestimmen u.a. außerdem: Die
UNITAS ist nicht nur ein Freundeskreis für die Studentenzeit, sondern für das
ganze Leben. Ein wirklicher Lebensbund entsteht – und das zieht sich mit all
den vielfältigen persönlichen Kontakten und Freundschaften durch die gesamte
unitarische Geschichte – ja sogar durch große und entscheidende Teile unserer
deutschen Geschichte.
Für diese Generationen übergreifende amicitia setzt sich später keiner so
engagiert ein wie Potthoff selbst. Er beendet 1855 sein Studium, zieht ins
Priesterseminar nach Köln, empfängt im August 1856 die Priesterweihe und
feiert in Hardenberg/Neviges seine Primiz. Sieben Jahre ist er Kaplan in
Kapellen-Gilverath, wird 1863 vom Kölner Kardinal von Geissel in die
Diasporaarbeit nach Dresden „ausgeliehen“ – der Apostolische Vikar für
Sachsen – das Herrscherhaus ist katholisch - hat seelsorgerische Hilfe in der
sächsischen Landeshauptstadt angefordert. Potthoff wird Stiftskaplan in der
Hofkirche, leitet ein Waisenhaus, ist Hofprediger und bleibt als königlicher sächsischer
Konsitorialrat für 23 Jahre dort.
Auch in dieser Zeit bleibt er in engem Kontakt mit den Bundesbrüdern im Westen.
Es ist inzwischen die Zeit der Reichsgründung, dem Deutsch-Französischen Krieg
folgt ein Preuße auf dem deutschen Kaiserthron, als der inzwischen 41-jährige
Potthoff in einer weiteren Weise für den inneren Zusammenhalt tätig wird: Auf
seinen Antrag beschließt die GV 1871 in Bonn-Poppelsdorf unter anderem die
Herausgabe eines „Vereinsorgans für die Mitglieder der „clerikalen und
akademischen UNITAS“. Poffhoff wird die Schriftleitung übertragen. Die erste
Nummer der Zeitschrift kommt zum 1. Januar 1872 - als Treuebekenntnis zu Papst
Pius IX. unter dem Namen ROMA. Vielen klingt er zu anspruchsvoll - Potthoff
nimmt die Kritik auf und nennt die Zeitschrift ab 1873 „Correspondenz der
UNITAS“. Ein Jahr später heißt es „Correspondenz-Blatt der UNITAS“ –
Potthoff wird jetzt „Urpräses“ der UNITAS genannt.
Übrigens – und darum unterstreiche ich dies auch hier besonders gerne: Seit
1898 wird die Zeitung unter der Leitung von Prälat Joseph Prill in Essen
redigiert, bekommt ein ganz neues Gesicht. Und sie erhält hier ab 1900 den
Namen „UNITAS“. Eben jener Joseph Prill, damals Religionslehrer am
Burggymnasium, hatte im Todesjahr von Hermann Ludger Potthoff 1888 in dessen
Geburtsort Werden den ersten Altherrenzirkel der UNITAS gegründet. Dass die
„UNITAS“ heute im 144. Jahr - und ja auch wieder in Essen - erscheint, liegt
daran, dass sie sich bereits auf die Festbriefe der UNITAS bezieht, die seit
1860 anlässlich der unitarischen Vereinsfeste zwischen den Coeten der UNITAS
ausgetauscht wurden.
Abkehr vom reinen Theologen-Verband
Nun wären dies bereits einige wichtige Aspekte, die seine Bedeutung
herausstellen. Doch Potthoffs Engagement sind nicht nur die kurz beleuchteten
Grundsätze, die innere Ausgestaltung und die Grundlagen der Kommunikation im
Verband zu verdanken. Denn er ist ebenfalls wesentlich dafür verantwortlich,
dass die UNITAS überhaupt ihre heutige Gestalt annimmt. Wie oft erwähnt,
handelt es sich bei der jungen UNITAS durchaus und keineswegs um einen reinen
Theologenverband: Sehr früh hatten die Statuten von 1853/ 54 festgelegt, dass
auch Studenten anderer Fakultäten in den Verein aufgenommen werden konnten,
jedoch nur nach einstimmigen Beschluss der Mitglieder. Ein Zusatz, der 20 Jahre
später, 1873 gestrichen wurde. Denn die Integration der Nichttheologen hatte
offenbar völlig problemlos geklappt. Nun wird es 14 Jahre später auch ganz
offiziell und verbandsweit beschlossen. Denn 1886 ist Potthoffs Bundesbruder und
Mitgründer der UNITAS, Friedrich Ludger Kleinheidt aus Essen-Heisingen
Generalvikar der Erzdiözese Köln geworden. Hermann Ludger wird nach 23 Jahren
aus der Diaspora in seine Heimatdiözese Köln zurückgeholt - als Oberpfarrer
in Burtscheid, heute gehört es zu Stadt und Diözese Aachen.
Ein Jahr später findet die außerordentliche GV 1887 in Neuß statt: die UNITAS
steht Studenten aller Fakultäten offen. Und die Coeten, die Einzelvereine der
UNITAS, nennen sich nun „wissenschaftliche katholische Studentenvereine
UNITAS“. Dies setzt Gründer Potthoff – gegen den Widerstand von Franz Hitze
- mit dem jungen Studenten Peter Kreutzer durch. Dem späteren Pfarrer in St.
Johann in Altenessen und ersten Stadtdechanten von Essen, steht später in dem
jungen „Roten Ruhrkaplan“ Bbr. Carl Klinkhammer der erste Priester zur
Seite, der von den Nazis verhaftet werden wird.
Mit der Öffnung der UNITAS für Studenten aller Fakultäten hat Potthoff seiner
UNITAS einen letzten großen Dienst erwiesen. Doch keiner ahnt, dass sein Leben
seinen Lauf vollendet hat: Ein Jahr später, am 8. Oktober 1888, stirbt er im
59. Lebensjahr. Sein frisches Grab auf dem Burtscheider-Friedhof macht die
UNITAS zu einem Denkmal. Ort vieler Fackelzüge und Festveranstaltungen in den
über 100 Jahren, die seitdem vergangen sind, wird auch sein Geburtshaus in
Essen-Werden, wo in der Hufergasse 15 heute noch eine Gedenktafel an den Gründer
der UNITAS erinnert, der ihr die Grundlagen und wesentlichen Strukturen gab.
Das unitarische Testament
Zwar ist Vieles über und von Hermann Ludger Potthoff noch erhalten, auch manche
seiner Predigten oder seiner Dispositionen zu Predigten. Ein Buch könnte man über
ihn schreiben. Doch wenn auch nur sein „unitarisches Testament“ bekannt
geblieben wäre – bereits dies wäre allein schon ein einzigartiger Grund, in
ihm eines der größten Unitarier zu gedenken. Dieses „unitarische
Testament“, von ihm bereits 1854/55 als Erläuterung der Statuten 1854/55
verfasst, wurde viele Jahrzehnte lang es in der älteren UNITAS jeweils zu
Beginn eines jeden Semesters vorgelesen. Es ist ein Dokument eines aufmerksamen
und scharfen Beobachters, eines abgeklärten Menschenkenners und eines sehr
praktisch veranlagten Seelsorgers, der ganz und gar in der Kirche zu Hause ist.
Was würde er sagen, wenn er heute die Einladung zur 150. Generalversammlung am
Gründungsort Bonn lesen würde? Wo ganz offenbar wird, dass seine Ideen, sein
Lebenswerk, bis heute bestehen – in einer der ältesten im 19. Jahrhundert
entstandenen katholischen Vereinigungen überhaupt? Was würde er sagen, wenn er
uns heute sähe, das Handy griffbereit zur Hand, mit ISDN und Flatrate
ausgestattet? Uns, die Zeugen einer Zeit, in der die ganze globalisierte Welt
auf dem Bildschirm zu erreichen ist, in der sich wieder entscheidende Umbrüche
auf unserem Kontinent und überall abzeichnen? Was würde er sagen, wenn er
unseren Vereinsalltag erlebte: das Gelingende, die äußeren Umstände, unsere
Zweifel und Anfechtungen. Zumal wenn uns an der Ruhr sein Blick streifte, wo wir
etwas Neues beginnen – in Zeiten, die der Kirche, seiner und unserer Heimat,
ganz offensichtlich eine radikale Neubesinnung abverlangen?
Kein
Mythos, sondern Lebenspraxis
Das Werk des sehr handfesten, nüchternen Bautechnikers, Jugendführers und Pädagogen,
der viele begeistern konnte, der gefragte Kanzelredner und Zeitgenosse
entscheidender Ereignisse unserer Geschichte brachte unzählige Menschen nach
seinem Vorbild in einer einzigartigen Korporationsform zusammen. Doch um Hermann
Ludger Potthoff wurden keine Legenden und Geschichten wie manchen anderen Gründerfiguren
gedichtet. Aus der Literatur wissen wir schlicht: Er war geachtet, beliebt,
wurde sehr respektiert. Wohl, weil er darin selbst ein Vorbild war: Er achtete
die Meinung des anderen, er glättete die Wogen mancher interner
Auseinandersetzung, respektierte seine Freunde, verhalf jedem zu seinem Recht
und blieb doch konsequent. Er selbst hat bis zu seinem Tod so für die UNITAS
gelebt, wie er es in seinem frühen Testament gefordert hat: nie herrschsüchtig,
selbstlos, hilfsbereit und vor allem tief fromm.
Wir leben seinen Traum
Hermann Ludger Potthoff - ein ganz und gar lebenspraktischer Mensch, hatte –
so ließe sich sagen - einen Traum. Es war ein Traum, der Wirklichkeit wurde.
Und den – so ließe sich ebenfalls sagen - auch wir leben. Wenn wir heute
seiner gedenken, dann erinnern wir uns daran, was es bedeutet, wenn er in seinem
unitarischen Testament von „Einheit, aber nicht Einerleiheit“ spricht, was
„Lust zum Studium“, „stets offene Augen für das praktische Leben“ und
„entschiedenes Handeln“ bedeuten. Und „Liebe zu Gott, Demut des Herzens,
Freundschaft im Herrn“, wie er es ausdrückte.
Vor gut 140 Jahren, damals 34 und Oberhofprediger in Dresden, schrieb er: „Wer
durch die UNITAS mein Freund geworden, für den war ich es ganz, so gut ich es
konnte. Ich fragte nicht nach seinem Namen, seiner Landsmannschaft, nicht nach
seinen Talenten allein. Je mehr er mir ein Unitarier schien, je mehr war er mir
Freund. Das war mir Bedürfnis, das war mir heilige Pflicht. Man hat es zu öfteren
gesagt, und selbst edle Naturen sprechen es heute wohl nach, das akademische
Vereinsleben seien jugendliche, oft gut gemeinte, aber immerhin Träume, die in
der Wirklichkeit des Lebens wieder in ihr Nichts sich auflösen würden. Ich
habe diese Reden, sofern sie auch UNITAS betrafen, niemals verstanden, verstehe
sie auch heute nicht und werde sie niemals verstehen. Was mir die UNITAS war,
das war kein Traum, denn es war katholisches Leben, Fühlen und Handeln.“
„Cor unum et anima una“ – wir kehren an den Anfang zurück. „Ein Herz
– ein Geist und eine Seele“ – in der tieferen, der tiefsten Bedeutung des
Wortes. Es ist eine wahrhaft unitarische Redewendung – sie hat bei uns
Geschichte. Und sie muss mit einem Wirklichkeit gewordenen Traum zu tun haben.
Wohl kaum hätte die UNITAS 2005 Gelegenheit, ihr 150-jähriges Bestehen zu
feiern. Und wenn es sie nicht gäbe, müsste sie - um es mit einem Wort von
Bundesbruder Dr. Ludwig Freibüter zu sagen - gerade jetzt neu erfunden werden.
Und auch daran sei zum Schluss erinnert: Daran, dass die UNITAS 1988 im Essener
Saalbau – aus Anlass des 100. Todestages von Hermann Ludger Potthoff und des
100. des Essener Zirkels – erstmals die Vorortsübergabe im Rahmen eines
Kommerses feierte. Das aus Alten Herren bestehende Präsidium erklärte damals,
dass der Verband in Potthoffs Heimat einen neuen Anlauf nehmen werde. Es ist
getan. Unter dem Namen des Vereins, dem er seinen Stempel aufdrückte. Der
RUHRANIA. Stolz, froh und dankbar setzen wir es in seinem Namen – hier in
diesem Haus - fort. Gott sei Dank! Unserer lieben UNITAS Ruhrania ein herzliches
„Vivat, floreat, crescat!“, und dem ganzen Verband – „ad multos annos!“
Die Zukunft: Virtuell und
real
Das Geburtstags-Fest für Hermann Ludger Potthoff im Revier endete mit einem zünftigen
Ausklang und dem Hochamt am Sonntag in der Pfarrkirche St. Dionysius. Aktivitas
und Alte Herren nutzten die Gelegenheit, dem scheidenden Pfarrer Otmar Vieth zu
seiner Ernennung zum Dompropst zu gratulieren, bevor sich die Runde zu einem Frühschoppen
wieder auf dem Haus versammelte. In der vorlesungsfreien Zeit und im
Sommersemester steht nun dessen Renovierung an. Hausbauverein und CC hatten am
Samstagnachmittag über den Stand der Planungen und die Kostenkalkulation
beraten. Einen ersten virtuellen Eindruck vom Kneip- und Vortragssaal gibt es
schon: Architekt Bbr. Otfried Jäger (Wesel) hat die unter den beiden Türmen
geplante Halle mit offener Dachkonstruktion bereits als 3-D-Animation
vorbereitet. Es wäre zu schön, wenn aus der beeindruckenden virtuellen Ansicht
im Video bald eine reale werden könnte.
Dem in Essen gehaltenen Vortrag lag neben der Verbandsgeschichte von Peter
Hasenberg und früheren Artikeln in der Verbandszeitschrift auch die einschlägige
Literatur aus den UNITAS-Handbüchern zugrunde. Wichtige Informationen und
einige der verwandten Bilder versammelt die Festschrift zum 150. Stiftungsfest
von Unitas-Salia von 1997.