Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Ermländer,
Unitarier, Zeuge der Vertreibung
Bbr. Professor Gerhard Fittkau
gestorben
ESSEN.
Im Alter von 91 Jahren ist am Samstag, 6. März 2004, Bbr. Professor Dr. Gerhard
Fittkau in Essen-Werden gestorben. Vor zwei Jahren noch hatte der weit über die
Grenzen des Ruhrbistums und Deutschlands bekannte Priester, Pädagoge und
Publizist den 65. Jahrestag seiner Priesterweihe begehen können. Seit 1960
lebte er im Essener Süden in der Werdener Gemeinde St. Ludgerus.
Bbr. Fittkau wurde am 11. Mai 1912 in Tollnigk, Kreis Heilsberg/Ostpreußen,
geboren. Seine Studien führten ihn zunächst nach Innsbruck, wo er sich 1930
der sieben Jahre zuvor gegründeten UNITAS Greifenstein anschloss. Anschließend
setzte er sein Studium in Rom, Freiburg/Schweiz und Braunsberg fort. 1937 weihte
ihn Bischof Maximilian Kaller in Frauenburg zum Priester. Kaller hatte früh die
besondere Begabung des jungen Priesters erkannt und machte ihn zu seinem Bischöflichen
Kaplan. Bald geriet Fittkau in Konflikt mit den Nationalsozialisten, weil er
verbotene Hirtenbriefe verteilte. Als „Staatsfeind“ wurde er 1939 aus Ost-
und Westpreußen ausgewiesen. Zuflucht fand er als Hausgeistlicher im Karmel zu
Breslau. In dieser Zeit absolvierte er ein Zusatzstudium, das er 1944 mit einer
Promotion zum Doktor der Theologie mit höchstem Prädikat abschloss. Seine
Doktorarbeit wurde später in Bonn während seiner Tätigkeit in den USA veröffentlicht.
Alle vier Manuskripte seiner Habilitationsschrift über „Die Theologie des
Mysteriums bei Johannes Chrysostomus“ gingen in den Kriegswirren 1945
verloren.
Das Jahr 1944 war entscheidend im Leben von Bbr. Fittkau. In jenem Jahr 1944
wurde er Pfarrer in Süßenberg in der Nähe von Heilsberg. Kurz nach dem
Jahreswechsel erlebte er den Einmarsch der russischen Truppen und wurde
verschleppt in den „Archipel GULag“. Wegen seines angegriffenen
Gesundheitszustandes wurde er aber zum Ende des Jahres 1945 wieder abgeschoben
und erreichte nach einer 28-tägigen Odyssee mit dem Güterzug Frankfurt/Oder.
Es stand sehr schlecht um ihn, als er anschließend nach Berlin kam, wo ihn
Katharinenschwestern jedoch wieder gesund pflegen konnten. Seine Erlebnisse,
Empfindungen und Eindrücke in diesem Jahr hat er festgehalten in dem Buch
„Mein 33. Jahr“ (1), das schnell eine Auflage von über 100.000 Exemplaren
erreichte und in zehn Sprachen übersetzt wurde. Der beeindruckende
Erlebnisbericht schildert die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen.
Der ostpreußische Bischof Kaller war inzwischen aus seiner Heimat vertrieben
und zum Päpstlichen Sonderbeauftragten für die Vertriebenen in Deutschland
ernannt worden. An seine Seite kehrte Fittkau zurück. Nach dem Tode Kallers
1947 übernahm Bbr. Fittkau wie selbstverständlich die Seelsorge an seinen im
ganzen Land zerstreuten Landsleuten. Bei einer ersten Bettelreise in die Schweiz
brachte er unter anderem 300 Fahrräder für die Mitbrüder in Mitteldeutschland
zusammen.
Im Herbst 1948 wurde er Generalsekretär des Bonifatiuswerkes in Paderborn, und
im Februar 1949 ging er als Direktor der American St. Boniface Society, des
amerikanischen Bonifatiuswerkes, nach New York. Dort organisierte er mit Talent
eine umfassende Diasporahilfe. Seine Begabung für Sprachen und seine
Sprachgewandtheit kamen ihm dabei zustatten. 1953 wurde Gerhard Fittkau vom
Papst zum Päpstlichen Geheimkämmerer und 1956 zum Päpstlichen Hausprälaten
ernannt. Den Titel eines Konsistorialrates seines Heimatbistums Ermland behielt
er bei.
Auch später, als er nach seiner Rückkehr 1960 nach Essen kam und von 1962 ab
am Bischöflichen Priesterseminar St. Ludgerus in Essen-Werden
Dogmatikvorlesungen hielt, waren ihm diese Fähigkeiten eine gute Hilfe. Während
des Konzils leitete er in Rom die deutschsprachige Abteilung des
Konzilspresseamtes, 1961 wurde er Gründungsmitglied des Rundfunkrates der
Deutschen Welle, einem Gremium, dem er als einziger „der ersten Stunde“ über
25 Jahre lang angehörte. Von 1968 bis 1971 war er im Auftrag der
nordrhein-westfälischen Bischöfe offizieller Beobachter beim Niederländischen
Pastoralkonzil und 1971 Mitarbeiter der deutschen Vertretung bei der
Bischofssynode in Rom. Der Papst ernannte ihn 1982 zum Apostolischen Protonotar.
Im Juli 1989 würdigte der ermländische Bischof Edmund Piszcz die Verdienste
Bbr. Fittkaus mit der Ernennung zum Ehrendomherren in der Diözese Ermland
(Polen).
Wer sein Buch „Mein dreiunddreißigstes Jahr" gelesen hat, weiß, wer er
war", lautet es im Text seiner Todesanzeige: „Der Hirte, der seine Herde
nicht im Stich gelassen hat, als die Wölfe kamen. der Priester, der das
Gehorsamsversprechen an seinen HERRN und an seinen Bischof gehalten hat bis zum
letzten Atemzug - er starb während der hl. Messe bei der Vaterunser-Bitte
"Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden"; der Theologe, der
die Wahrheit des katholischen Glaubens unermüdlich und kraftvoll verteidigt und
das Schicksal des lästigen Propheten ertragen hat, ohne seinen Humor zu
verlieren; der Mensch und Bruder dessen Verlässlichkeit und Zuwendung für
viele zum Anker geworden ist. Wir beten, er möge jetzt schauen, was er in
seinem Leben geglaubt und verkündet hat."
Am 16. März 2004 wurde Bbr. Gerhard Fittkau nach dem Requiem in St. Gereon in Köln-Merheim
auf dem Kalker Friedhof zur letzten Ruhe getragen.
(1) „Mein dreiunddreißigstes Jahr. Ein ostpreußischer Pfarrer im Archipel
Gulag“, zuletzt aufgelegt in Berlin: Buchverl. Union,
[1991]. 334 S.. (ISBN 3-372-00401-9), 29,80 EURO. Als Taschenbuch im
Steyler-Verlag, Nettetal 1982, (ISBN 3805000677).
Aus: unitas 2004/1