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Wissenschaftlicher Katholischer Studentenverein
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Aus: unitas Mai/Juni 1994

Robert-Schuman-Universität Essen?
Thema in der Mai-Ausgabe des UNITAS-Radiomagazins im Ruhrgebiet


„Nicht bekannt... Keine Ahnung... Sicher, der Musiker...“ - diese und ähnliche Statements ernüchterten die Macher der neuesten Radioproduktion der UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund. In ihrem Mai-Magazin setzte sich die Aktivitas mit der laufenden Diskussion um die Umbenennung der Universität/Gesamthochschule Essen auseinander. Das mittlerweile siebte ihrer einstündigen Radio-Magazine, die im Bürgerfunk von Radio Essen und der Ruhrwelle Bochum ausgestrahlt werden, stellte am 11.Mai den Unitarier und „Vater Europas“ Robert Schuman als Kandidaten für einen neuen Namen der Essener Universität in den Mittelpunkt.

Mit der Sendung griff die UNITAS an der Ruhr in einen bislang recht „unaufgeregt“ verlaufenden universitätsinternen Gesprächsprozeß ein, in den die politischen Kräfte am Ort hineinwirken. Dies stellte auch eine von den Bundesbrüdern Bernd Genser und Christian Lammert für die neueste „AufRuhr“-Sendung bei rund 100 Kommilitonen durchgeführte Zufallsbefragung in der Mensa fest. Wie sich herausstellte, haben sich weder die Diskussion selbst, noch gar die Alternativen zur Namensgebung in größeren Kreisen herumgesprochen.

Bis auf ganz geringe Ausnahmen wußten die Studenten auch kaum etwas mit dem Namen „Schuman“ anzufangen. Wie befürchtet, war es allenfalls der Musiker, zu dem den Studentinnen und Studenten etwas einfiel. So erinnerte sich wenigstens ein besonders informierter Kommilitonen spontan an die „Rheinische Sinfonie“ des gleichnamigen romantischen Komponisten. Anderen wäre jeder Name recht: „Sollen sie doch die Uni nach Kashoggi benennen“, meinte ein offensichtlich Betriebswirtschaft Studierender, der jeden Vorschlag unterstützt, wenn nur der Namensgeber oder seine Erben einen „entsprechenden Betrag für die universitäre Lehre und Forschung lockermachen.“ Andere wiederum votierten für ein örtliches Kneipenoriginal oder lieber den Rot-Weiß-Essen-Altstar „Ente“ Lippens. Und der Hausmeister der Alma Mater gab erregt zu Protokoll, daß wohl niemand in Frankreich auf die Idee käme, eine Universität nach einem Deutschen zu benennen - und sei er noch so berühmt.....

Der Weg einer Alternative

Die Fakten: Seit dem vergangenen Jahr steht der insbesondere von Oberbürgermeisterin Anette Jäger und SPD-Fraktion unterstützte Vorschlag im Raum, die Uni/GHS Essen nach dem Essener Alt-Oberbürgermeister und ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann zu benennen. Seitdem aber Mitte Januar Dr. Markus Kiefer, CVer und Herausgeber eines lokalen Wochenblattes, als bislang einzige Alternative und überraschend den Namen Robert Schumans in den Ring warf, waren die Bundesbrüder an der Ruhr natürlich als erste „mit von der Partie“. Eine sofort angestellte Blitzrecherche bei den im Ruhrbistum und angrenzenden Raum bestehenden Zirkeln Anfang Februar ließ eine deutliche Parteinahme Für Schuman erkennen, was die Aktiven „vor Ort“ in ihrer Unterstützung für den „europäischen“ Vorschlag bestärkte.

Ein offizielles Statement der UNITAS wurde gleich in 320.000 Exemplaren des Wochenblattes verbreitet, ein umfassender Artikel über Schuman in einem weiteren Stadtmagazin brachte erste Reaktionen. Auch die Alten Herren des Essener Zirkels stiegen ein und warben nachdrücklich im Convent Essener Corporationsverbände (CEAV) für den Alternativvorschlag. Das Ergebnis: Einstimmig beschlossen die vertretenen, bereits über den CV informierten Verbände, dem Antrag der UNITAS zu entsprechen und den Namen Robert Schumans im Förderverein der Universität zu empfehlen, in dem sie Sitz und Stimme haben.

Trotzdem: Manchem Außenstehenden und fern der grünen Ruhr Wohnenden drängt sich sicher zuerst und ganz selbstverständlich die Frage auf, was Schuman wohl mit dem bis heute noch weitgehend vom Kohle-und-Stahl-Klischee bestimmten Revier Überhaupt zu tun haben mag. Eine Argumentationslücke? Nein, erklärten die Aktiven in ihrem Radiomagazin: Denn es sei gerade Schuman, der es verdient habe, den Menschen in Stadt und Region im Gedächtnis zu bleiben. Er, dessen politische Vision Europas Wirklichkeit zu werden beginnt, er, der selbst zwischen den Grenzen der wechselvollen Geschichte des Kontinents aufwuchs, widersetzte sich prinzipientreu nationaler Beschränktheit. Dem Nachkriegsfrankreich gab er das Vertrauen in die Republik zurück und erleichterte gleichzeitig der jungen deutschen Republik die Rückkehr in die Völkergemeinschaft.

Schuman und das Revier

Und sein Bezug zum Ruhrgebiet ist dabei offensichtlich: Denn Schuman stemmte sich in den ersten Friedensjahren nach dem Krieg gegen die völlige Demontage der deutschen Wirtschaft - mit ganz entscheidenden Auswirkungen für die unter Zwangswirtschaft stehende Montanbetriebe gerade des rheinisch-westfälischen Industriereviers. Nüchtern sah er mit der deutsch-französischen Aussöhnung als erstem Baustein Europas die Wichtigkeit zuerst des wirtschaftlichen Zusammenwachsens: „Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen“, meinte Schuman in seiner „Historischen Erklärung“ vom 9. Mai 1950, in der den Vorschlag machte, die Grundindustrien Deutschlands und Frankreichs als Grundstein für ein Vereinigtes Europa zusammenzuschließen. Die „Solidarität der Produktion“ sollte einen neuen Krieg unmöglich machen, einen Ausgleich im Fortschritt der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft schaffen und allen Staaten Europas offen stehen.

Mit seinem „europäischen Traum“, der über die Montan-Union von 1952 bis heute inzwischen sehr konkrete Form annahm, wurde Schuman zum „Propheten der Zukunft“. Sie sah er in einer universellen Solidarität, in einer Aufhebung der Teilung Europas, das versöhnt mit der Pluralität der Traditionen und Überzeugungen zum Vorbild Für Fortschritt, Solidarität, Verantwortung und Zivilisation werden sollte. Robert Schuman, der von dem jüngst zum Träger des Heinrich-Brauns-Preises des Bistums Essen gekürten ehemaligen belgischen Ministerpräsidenten Leo Tindemans einmal als „der weitblickendste Staatsmann unserer Zeit“ bezeichnet wurde, muß damit in der weiten Öffentlichkeit als „Pionier Europas“ gelten, dem vielleicht der größte Anteil am Werden einer europäischen Nation zukommt.

Diese Erkenntnis galt und gilt es auch an der Ruhr zu beleben, so die Meinung der UNITAS im Revier. Zu niederschmetternd war den Bundesbrüdern das Ergebnis der Umfrage im „geistdurchfluteteten Beton“ der Essener Uni. Aber, Hand aufs Herz: An welcher der Hohen Schulen der Republik wäre der Befund wirklich anders gewesen? Trotzdem - Robert-Schuman-Universität Essen: Bleibt dies nicht ein bißchen weit hergeholt, ist dies nicht ein bißchen viel Ehre für eine junge, 1972 gegründete Universität mit 25.000 Studierenden in 14 Fakultäten?

Während sich seit kurzem die Duisburger Universität in der Nachbarschaft den Namen Mercators, des großen Sohnes der Stadt, zugelegt hat, verfolgen die Unterstützer der Namensgebung nach Robert Schuman in Essen eine völlig andere Idee: „Eine junge, namenlose Universität nach einem großen Sohn oder einer großen Tochter der Stadt zu benennen, ist sicher der einfachste Weg“, heißt es in der Moderation des UNITAS-Magazins. Gerade im Ruhrgebiet, das als Konjunkturlokomotive der Nachkriegszeit mit Bergbau und Stahl selbst so maßgeblich von der Politik Robert Schumans profitiert hat, gebe es aber eine besondere Herausforderung für eine sachliche, emotionslose und parteipolitisch unbelastete Diskussion, die über den Vorschlag Gustav Heinemann hinausgeht.

Schuman-Diskussion vor dem Euro-Gipfel in Essen

Zumal in der Stadt Essen selbst: Denn schließlich rüstet sich die 630.000 Einwohner zählende Ruhrmetropole schon vor den für den 12.Juni anstehenden Europawahlen für den diesjährigen Euro-Gipfel. Am 9./10. Dezember treffen sich die Regierenden Europas am „Schreibtisch des Reviers“. Welche Chance für eine Universität in einer europäischen Zukunftsregion für eine glaubwürdige Demonstration von Europa- und Weltoffenheit!

Europa und die aktive Rolle eines fast vergessenen Visionärs an dessen Gestaltung - dies muß im Mittelpunkt der Essener Diskussion stehen. Daß Robert Schuman vor 90 Jahren in die UNITAS Salia in Bonn eintrat und zeitlebens ein bekennender Unitarier war, der Umstand, daß sein Seligsprechungsprozeß eingeleitet und gerade unser Verband sein Vermächtnis neu und Für die aktuelle Arbeit mehr entdecken muß - dies sind keine Argumente Für die hiesige Diskussion. Aber den Fortgang der Ereignisse werden die Unitarier an der Ruhr jedenfalls nicht nur als Zuschauer verfolgen...

Christof Beckmann


 ... das ist der rechte Mann.." - so meinte schon Mephistopheles einst im Studierzimmer sinnierend an den Schüler gewandt (Faust, Der Tragödie Erster Teil). Recht hatte er allemal - und die Weisheit paßt für den speziellen Fall. Denn die Universität/Gesamthochschule Essen sucht einen Namen. Nicht gerade eine Tragödie, noch ein Drama, aber ein Schauspiel mit wenig Publikum, so schien die Suche bislang. Bis Anfang des Jahres ein neuer Vorschlag auf die Bühne trat, als vom Stadtblatt ,,Hallo Essen" der Name des ehemaligen französischen Außenministers und Ministerpräsidenten Robert Schuman in die öffentliche Debatte geworfen wurde. Wenn auch zur Zeit die Diskussion in der Institution keine große Wellen zu schlagen scheint, kam doch außerhalb des Campus publikumswirksam des Namenskarussell wieder in Fahrt.

In der Hochschule werde die Frage der Namensgebung seit einigen Wochen in ollen Fachbereichen und verschiedenen Gruppen diskutiert. Dies betonte Rektor Professor Dr. Elmar Lehmann auf eine Anfrage des von Dr. Markus Kiefer herausgegebenen Blattes. Da die Überlegungen noch nicht abgeschlossen seien, will der Rektor selbst zu diesem Zeitpunkt noch keine Stellungnahme abgeben. Doch wie soll es anders sein: Lange bevor im Senat beschlossen wird - und auf die Entscheidungsfindung dort kommt es an - stoßen sich auch im politischen und im öffentlichen Raum, wie so oft, die Dinge im Raum. Eine Perspektive ist gefragt...

Die Namen....

Öffentlich und länger zur Debatte steht bislang Gustav Heinemann, von 1946 bis 1949 Essener Oberbürgermeister, favorisiert von Oberbürgermeisterin Jäger und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Willi Nowack. Als ,,Bürgerpräsident" stehe Heinemann für Demokratie, Toleranz und Solidarität, meint Annette Jäger. „Grundsätzlich für gut" hält dagegen Hanns Sobek, Erster Bürgermeister, den Vorschlag „Robert Schuman". Walter Wandke, GRÜNEN-Ratsherr und Mitglied im Kulturausschuß, will das „,Lebenswerk von Schuman und seine Verknüpfung mit dem Ruhrgebiet der frühen Nachkriegszeit nicht geringschätzen", schlägt seinerseits aber den Schriftsteller Erik Reger vor, der sich vor sechzig Jahren in zwei Romanen ,,Union in fester Hand" und ,,Das wachsame Hähnchen" mit der Stadt und dem Revier auseinander setzte. Eine Namensgebung begrüßt auch die Fraktionsvorsitzende der FDP, Georgia Kaiser. Die Richtung sei wegweisend, meint die Liberale, doch möchte sie eine Personifizierung vermeiden. Ihr Vorschlag: „Europa-Universität Essen". Und endlich ganz international wird die Angelegenheit mit der Antwort von Francois Scheer, dem Französischen Botschafter in Bonn. Er hält den Vorschlag für eine gute Idee, schlägt als Alternative im europäischen Kontext zudem Charles de Gaulle vor.

Mit Blick auf das Revier und auf die Frage, ob nicht auch herausragende Frauen für die Namensgebung in Frage kommen, äußern sich Stimmen aus dem kirchlichen Raum: So hält der Essener Weihbischof Franz Grave den Vorschlag für “sicherlich bedenkenswert", da Schuman mit der Schaffung einer europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl für Essen und das Ruhrgebiet große Bedeutung gehabt habe. Darüber hinaus verweist der Bischofsvikar für weltkirchliche und gesellschaftliche Aufgaben darauf, daß die christlich-soziale Bewegung aus dem Ruhrgebiet starke Impulse erhalten har. Die Grundlage der Sozialgesetzgebung sei hier begründet worden, stellt Grave fest und nennt als ,,hervorragenden Repräsentanten dieser Bewegung" Heinrich Brauns, der vor seiner Zeit als zwölfmaliger Arbeitsminister (1920-1928) der Weimarer Republik von 1895-1900 als Vikar in Essen-Borbeck wirkte. Auch Dr. Baldur Hermans, dem Leiter der Abteilung Kirche und Gesellschaft im Bischöflichen Generalvikariat gefällt die Namensgebung „Robert Schuman-Universität". Sie würde in diesem Jahr aufmerksam europaweit registriert, erklärt Hermans, sie wäre Programm, signalisiere Offenheit für Europa und Weltoffenheit, internationale Kooperation und Verständigung, ehre einen europäischen Politiker von hoher moralischer Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Es falle schwer, einen gleichermaßen bedeutenden Namen wie den Schumans zu finden, doch solle man auch an Frauen wie an die lange Zeit in Essen lebende Politikerin Helene Weber, an die jüdische Physikerin Ilse Meitner oder die Philosophin Edith Stein denken.

... die Uni...

In der öffentlichen Meinung schweben also inzwischen eine ganze Reihe prominente und weniger prominente Namen über dem Gelände, dem dereinst nicht im Traum anzusehen war, daß es einmal Standort einer „Hohen Schule" sein würde. Mit der Industrialisierung entstand an selber Stelle im alten „Segeroth“ innerhalb weniger Jahrzehnte „Essens wilder Norden". Eingeklemmt zwischen Maschinenbaufabrik, Städtischer Gasfabrik, Kruppscher Gußstahlfabrik und Schießstand, dem Bahnhof Essen-Nord, Zeche Gustav und Victoria Mathias, Rheinisch-Westfälischem Elektrizitätswerk, Kläranlage und Städtischem Fuhrpark war er über die Region hinaus als “Nachtjacken- und Scheunenviertel" bekannt. Bis in die Zeit noch dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich im ,,klassischen Zuwandererviertel Essens“ zwischen Maschinen-, Bohrer-, Former, Gas-, Dreher-, Gieß- oder Schachtstraße bei höchster Bevölkerungsdichte und geringstem Wohnkomfort ein reich differenziertes politisches und soziales Milieu.

Zwischen katholischer Kirchengemeinde St. Marien und angeschlossenem Kloster, der KPD, Zentrumspartei und sozialistischer Arbeiterbewegung wuchs in den slumartigen Mietskasernen der Mythos vom „Roten Segeroth". Von der Heimat Kleingewerbetreibender, von „Klüngelskerlen", aus den Ostprovinzen stammenden Juden, den Sinti und Roma an der Schlenhofstraße, Kostgängern, hochmobilen Facharbeitern und Prostituierten ließen die Bomberstaffeln der Royal Air Force im August 1945 nur noch Trümmer. In Ruinen, Holzbaracken und Nissenhütten, Schuppen und Kellerwohnungen kämpften nach dem Krieg Flüchtlinge und 25.000 Menschen um ihr Überleben. Ein seit 1950 verfolgter Plan, einen Großmarkt an der Stelle des Viertels einzurichten, kam nicht zur Verwirklichung, neue Bauprojekte gegen Ende der 1960er Jahre wurden nicht ausgeführt. Erst mit dem im Januar l92l erfolgten Zuschlag für die Uni auf dem Gelände des Segeroth kam eine neue Perspektive. Unter dem Motto „Offene Universität“ ging es schließlich zur Sache und am 24.Oktober 1972 kam es unter Gründungsrektor Wolter Kroll zum ersten Spatenstich. 22 Jahre später bevölkern 22.500 Studenten aus vielen Ländern der Welt den Campus, studieren an 14 Fakultäten.

...die Stadt ...

Die Essener Universität eröffnete nicht nur dem Viertel neue Perspektiven, auch der Stadt und den Menschen in der Region. Sie ist zwar nicht gerade die größte Hochschule in der Gegend, aber ein Pfund, mit dem die Stadt, einst weltweiter Inbegriff von Kohle und Stahl, heute wuchern kann. Wie das Revier selbst liegt sie im Herzen Europas.Und nicht umsonst tröst die mit 630.000 Einwohnern mit Frankfurt um den sechsten Platz in der Republik rangelnde Ruhrmetropole den beziehungsreichen Namen „Schreibtisch des Ruhrgebietes". Essen, gleichzeitig Zentrale des Ruhrbistums, Sitz der größten .Energieriesen Europas und großer deutscher Wirtschaftskonzerne, eine Stadt mit großem Kulturangebot und Freizeitqualität, hat unter guten Voraussetzungen ihre Zukunft noch vor sich. Denn im europäischen Wettbewerb bestehen für das Revier insgesamt gute Ausgangspositionen. Kein Wunder also, daß im Jahr der Europa-Wahlen der Dezember-Gipfel der Europäischen Union mit Recht diesmal in Essen stattfindet. Schon jetzt zeichnet sich ein aufwendiges und vielfältiges Europaprogramm in der Stadt ab.

... die Perspektive.

Während so am Himmel über der Stadt wie ein Regenbogen vieldeutig und hoffnungsvoll der Schriftzug ,,Europa" steht, fällt mit dem Nomen ,,Robert Schuman" für die Essener Uni ein mächtiger Stein ins Wasser. Wie kaum eine andere Universitätsgründung der letzten Jahrzehnte hat Essen damit eine Chance, Flagge zu zeigen. Bedenkenswerte Alternativen stehen im Raum, die über die Stadt hinaus weisen und den Horizont weiten können. Wenige aber so, wie der potentielle Namensgeber selbst.

Robert Schuman hat sicher verdient, den Menschen in dieser Stadt, in dieser Region und in Europa im Gedächtnis zu bleiben. Denn seine politische Vision Europas beginnt Wirklichkeit zu werden. Er, der selbst zwischen den Grenzen der wechselvollen Geschichte aufwuchs, als Luxemburger vor genau 90 Jahren in Bonn sein Studium aufnahm, in München, Berlin und Straßburg fortsetzte, widersetzte sich prinzipientreu nationalem Dünkel und der Unfreiheit. Nach dem Krieg gab er Frankreich das Vertrauen in die Republik zurück, erleichterte gleichzeitig der Bundesrepublik wieder den Weg in die Völkergemeinschaft, stemmte sich gegen die völlige Demontage vor allem rheinisch-westfälischen Industriereviers. Nüchtern sah er mit der deutsch-französischen Aussöhnung als erstem Baustein Europas die Wichtigkeit wirtschaftlichen Zusammenwachsens: „Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen", sagte er in seiner „Historischen Erklärung" vom 9.Mai 1950. In ihr machte er den Vorschlag, die gesamte deutsche und französische Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Hohe Behörde zu stellen. Diese Solidarität der Produktion sollte einen erneuten Krieg unmöglich machen, einen Ausgleich im Fortschritt der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft ermöglichen und allen beitrittswilligen Staaten ganz Europas offen stehen.

Mit seinem “Europäischen Traum“, der über die MONTAN-Union von 1952 bis heute inzwischen sehr konkrete Gestalt annahm, wurde er zum ,,Prophet der Zukunft". Sie sah Robert Schuman in einer „universellen Solidarität", in einer Aufhebung der Teilung Europas, das versöhnt mit der Pluralität der Traditionen und Überzeugungen zum Vorbild für Fortschritt, Solidarität, Verantwortung und Zivilisation werden sollte.
Schuman - von Leo Tindemanns, dem ehemaligen belgischen Ministerpräsidenten, einmal als “der kreativste und weitblickendste Staatsmann unserer Zeit" bezeichnet, wurde zum ,,Pionier Europas". Robert Schuman schuf dazu Perspektiven, die noch über Europa hinausweisen. „Robert Schuman-Universität Essen" also – ohne eine Zweifel eine zukunftsweisende Perspektive für Hochschule und Stadt gleichermaßen.

Christof Beckmann



Zitiert: Robert Schuman

„Das Gesetz der Solidarität drängt sich dem öffentlichen Gewissen auf. In der Erhaltung des Friedens, der Verteidigung gegen Aggressionen, dem Kampf gegen das Elend, der Achtung der Verträge, der Erhaltung von Gerechtigkeit und Menschenwürde fühlen wir uns alle solidarisch.“

„Europa ist gegen niemand. Das geeinte Europa ist ein Symbol der allumfassenden Solidarität der Zukunft. Bevor Europa eine militärische Allianz oder eine wirtschaftliche Einheit sein wird, muß es eine kulturelle Einheit im höchsten Sinne des Wortes sein."

„Der Respekt vor dem Recht des Anderen ist der Friede für alle."

“Europa kommt es zu, einen neuen Weg aufzuzeigen: durch das Akzeptieren einer Vielfalt von Zivilisationen, von denen jede den anderen mit gleicher Achtung begegnet.“

„Die Demokratie ist eine fortdauernde Bewegung, die sich vervollkommnen muß. Das Gesetz der Solidarität zwischen den Völkern gebietet dem heutigen Gewissen aller Völker, sich zu einer gegenseitigen Solidarität aufgerufen zu sehen. Einer braucht den anderen ohne Unterschied des Ranges und der Macht, die er hat.“

„Der Friede der Welt kann nicht bewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen."


Aus: STADTMAGAZIN „LIVE. Zeit für Essen“, März 1994, X-XII.

 

 

WISSENSCHAFTLICHER KATHOLISCHER STUDENTENVEREIN
unitas ruhrania
Bochum - Essen - Dortmund - gegr. 12.1.1911 in Münster
 

Essen, 27.Januar 1994
Hallo Essen - Redaktion 

Stellungnahme zur Namensgebung
der Universität-Gesamthochschule Essen

Sehr geehrte Herren,

die Information, daß es eine Initiative zur Benennung der Universität-GHS Essen nach Robert Schuman gibt, zunächst im Kreis der UNITAS im Ruhrgebiet ein großes Interesse hervorgerufen. Aber auch im Bundesverband ist der Vorschlag auf ein positives Echo gestoßen. Eine förmliche Erklärung zur Sache wird im Februar bei einer Klausurtagung des Vorstandes in Neuss getroffen werden können - falls auch für Sie von Interesse.

Nicht nur im W.K.St.V. UNITAS Ruhrania, sondern auch bei den örtlichen Vorständen der UNITAS-Altherrenzirkel im Bistum Essen/Raum Ruhrbiet in den Städten Essen, Bochum, Castrop-Rauxel, Dinslaken-Walsum, Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Mülheim, Oberhausen, Recklinghausen, Witten und Wuppertal hat die Information über die Initiative entsprechende Beschlüsse und große, auch begeisterte Zustimmung für die Initiative hervorgerufen. Ich darf Ihnen persönlich und im Auftrag die nachstehende - kurze - Stellungnahme zur Sache übersenden.

Mit freundlichen Grüßen
Dr.Christof Beckmann


Stellungnahme

„Ein hervorragender Vorschlag. Denn wer die Zukunft - auch für das Revier - will, meint Europa. Und wer Europa will und die Verantwortung des Kontinents für die Welt sieht, kommt an dem großen Europäer Robert Schuman nicht vorbei. Sein Charakter, seine weit in die Zukunft weisende politische Vision, seine Unabhängigkeit von nationaler Begrenztheit, seine tiefe Menschlichkeit und hohe persönliche Integrität, sein Widerstand gegen Unfreiheit, sein bedingungsloses Eintreten für Demokratie und Gleichberechtigung unter den Völkern, sein lebenslanger Appell für Solidarität, Versöhnung, Gerechtigkeit, Menschenwürde und die Erhaltung des Friedens sind vorbildlich. Der Vorschlag hat in unserer Stadt viele Fürsprecher verdient. Dem „Vater Europas“ könnte kein besseres Andenken bewahrt werden. Sinnvolle Alternativen? Keine!“

Dr. Christof M. Beckmann, Essen
Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine UNITAS im Bistum Essen/Ruhrgebiet