Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
aus: unitas 3/2006
Vor
40 Jahren:
Gründung der UNITAS Robert Schuman in Bochum
Festrede von Bbr. Karl Fürst zu Löwenstein
VON
CHRISTOF BECKMANN

Am 29.
Juni 2006 jährte sich der Geburtstag von Bbr. Robert
Schuman (1886- 4.9.1963) zum 120. Mal. Immer wieder gab und gibt es Anlass
an ihn zu erinnern. Zumal Unitarier und viele andere die Hoffnung hegen, dass
der ehemalige französische Ministerpräsident und „Vater Europas” einst zu
den von der Katholischen Kirche Seliggesprochenen zählen möge. Schon frühere
UNITAS-Generationen haben sich an seinem Beispiel orientiert: Vor 40 Jahren
wurde u.a. die nach ihm benannte UNITAS-Robert Schuman in Bochum publiziert.
Im Sommer 1965 hatte die Bochumer Altherrenschaft den Entschluss gefasst, an der
neuen Hochschule eine UNITAS-Korporation zu gründen. „Mit großem Eifer“,
berichtet die Verbandszeitschrift damals (1), wurde gleich im Wintersemester
1965/66 ein Programm aufgestellt und durchgeführt. Die 89. Generalversammlung
des UV in Trier nahm am 1. Juni 1966 den Antrag auf Aufnahme des jüngsten
Sprosses des UNITAS-Verbandes einstimmig an. Die Publikation am 24.-26. Juni –
„von vielen Alten Herren und Bundesbrüdern mit geheimer Skepsis erwartet“ -
sollte dem neuen Geist, der in Bochum herrschte, in gebührender Weise Rechnung
tragen. Unerwartet groß war die Unterstützung besonders beim
UNITAS-Altherrenzirkel Münster, so der Bericht: Die Münsteraner Korporationen
verlegten ihren gemeinsamen Stiftungsfestkommers ins Ruhrgebiet und erschienen
mit 160 Bundesbrüdern und Alten Herren zum Gründungskommers in Bochum.
Über 300 Unitarier konnte cand. phil. Heinz Abels, Senior der UNITAS-Bochum,
begrüßen. 17 unitarische Korporationen und die beiden befreundeten
Korporationen des CV und KV zu Bochum hatten ihre chargierten Vertreter entsandt
– „erster Beweis des Vertrauens und der Unterstützung aller Unitarier für
die junge Korporation“, wie die UNITAS-Zeitung bemerkte. Bbr. Abels erinnerte
an die Besonderheiten an der gerade aus dem Boden gestampften neuen Universität:
„Traditionen und aus Geschichte und Erfahrung resultierende Hilfen gab es
nicht. Eine aufstrebende Industriestadt mit all ihrer Dynamik und ihrem Anspruch
auf zeitgemäße Formen und Inhalte wurde mit einer Institution konfrontiert,
die auf eine ehrwürdige, doch manchmal auch antiquierte Geschichte zurückgreifen
konnte.“ In diesem Spannungsfeld zeigten sich neue, wichtige Probleme.
„Offenheit für alle Probleme, soziale Bereitschaft und die stetige Überprüfung
vorgegebener Ideale in einen Einklang mit unseren unitarischen Prinzipien zu
bringen, mußte gerade hier im Ruhrgebiet erste Aufforderung zur Dokumentation
sein.“
Sehr offen zeigte sich die junge Ruhr-Universität für die unitarischen Aktivitäten:
Rektor Prof. Dr. Heinrich Greeven, Prorektor Prof. Dr. Johann Schwartzkopff,
Kanzler Dr. Wolfgang Seel und der Dekan der Katholisch-theologischen Fakultät
Prof. Dr. Georg Teichtweier luden zum Gespräch ein. Denn der Gast, den die
frisch gegründete Korporation als Festredner zum Kommers hatte gewinnen können,
war niemand anderer als der Präsident des Zentralkomitees der deutschen
Katholiken, Bundesbruder Dr. phil. Dr. jur. Karl Fürst zu Löwenstein.
Unitarische
Prinzipien: Damals und immer aktuell
„Alte Prinzipien in neuer Zeit“, so lautete der Titel seines Vortrags zum
Publikationskommers, in dem er Sinn und Inhalt der unitarischen Grundsätze
umriss. Bis heute klingt aktuell, was er den versammelten Gästen ins Stammbuch
schrieb:
Das wissenschaftliche Ideal des Verbands, führte er aus, könne nicht
bedeuten, über noch mehr Dinge ein wenig wissen zu wollen, sondern sich zum
Fachwissen einige grundlegende Bildungswerte anzueignen. Darin könne die freie
studentische Gemeinschaft auch heute noch die Bildungsarbeit der Hochschule ergänzen.
„Vollreife des Menschlichen als Bildungsideal sehen wir freilich erst dort
verwirklicht, wo die sittliche Persönlichkeit in religiöser Überzeugung
verwurzelt ist.“ Dieses Minimum gemeinsamer Grundüberzeugung sei
Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog, dessen Themen die des geistigen
Pluralismus und nicht des Verfalls seien. Diese gemeinsame Grundüberzeugung
finde sinnfälligen Ausdruck in der bundesbrüderlichen amicitia, in der mehr
stecke als die „Zufälligkeit persönlicher Sympathie.“ Der Geist des
Vertrauens und des Verstehens sei die Grundhaltung der unitarischen
Freundschaft.
Das religiöse Prinzip übersetzte ZdK-Präsident Karl Fürst zu Löwenstein
mit „Formung der sittlichen Persönlichkeit aus dem Glauben.“ Grundlegend für
diesen Prozess der Erziehung müssten religiöses Wissen und Laienapostolat
sein. Das durch Papst Johannes XXIII. geprägte „aggiornamento“ bedeute
zeitgemäße Öffnung nach außen. Für dieses Sich-Öffnen in ökumenischem
Zusammenwirken mit allen Christen seien bei aller Bescheidenheit und Demut, wie
sie dieser Papst vorgelebt habe, „ein klarer Standpunkt und unzweifelhafte
kirchliche Gesinnung die beste Voraussetzung.“
Lebhaftes Echo fanden seine Worte in der Presse: So schrieb u. a. die
„Westdeutsche Allgemeine“ unter der Überschrift „Wieder den Dialog
pflegen“ von einem „nahezu ... europäischen Programm. Bezogen ... auf die
jungen Mitglieder der UNITAS, galten sie im Grunde allen jungen Menschen unserer
modernen Gesellschaft. Trotz der Spezialisierung auf allen Gebieten die eigene
Bildung vielseitig zu pflegen, vor allem der Sprache wieder den verdienten Platz
einzuräumen (der eigenen und der anderer Völker), das Geschichtsbild zu
erweitern, das Musische zu pflegen, um reifere Urteilsfähigkeit gegenüber der
Gegenwart zu besitzen; sich der falschen Überbewertung des Materiellen zu
enthalten; wieder den Dialog zwischen den Menschen zu erlernen, zu erproben, für
die eigene, heilige Überzeugung im Umgang mit anderen einzutreten.“
Warum
„UNITAS Robert Schuman“ ?
Die Gründung der UNITAS Bochum sei eine „wohlbedachte Antwort an die
Skeptiker, die meinen, Korporationen seien - zumal an einer so modern
konzipierten Universität - schlechthin eine unzeitgemäße Erscheinung“, erklärte
in Anschluss der Vorsitzende des Bochumer Altherrenvereins, Oberstudienrat
Johannes Serwe. UNITAS Bochum wachse aus eigener Wurzel. Die junge Korporation
habe in echtem Gründergeist „ein berechtigtes Verlangen“, einen Namen zu
tragen, der ihrer angestrebten Wesenseigenart entsprechen solle:
„Nun gibt es aber für uns Unitarier einen uns teuren Namen, der groß genug
ist, aller Verengung vorzubeugen, einen Namen, der für europäisch-christliche
Tradition steht und zugleich ein Zeichen ist für wirklichkeitsorientiertes
politisches Engagement. Ich meine den Namen ROBERT SCHUMAN. Robert Schuman, der
unser Bundesbruder war, wäre am 29. Juni dieses Jahres achtzig Jahre alt
geworden. Und so ist sein Name an die junge Korporation wie ein Anruf
ergangen.“ Namensgebung sei Christen kein magisches Tun, sondern ein Akt des
Geistes: „Möge die Rechtfertigung der Namensgebung sich darin zeigen, daß in
der Korporation, die seinen Namen von heute ab trägt, Geist von seinem Geiste
lebendig sei! Robert Schuman -, er ist der Baumeister des Europas der ersten
Stunde genannt worden. Hier, wo im Herzen des deutschen Montangebietes in einem
der größten Bauvorhaben Europas dem Geist der Zukunft durch die Entstehung der
neuen Universität gehuldigt wird, wird der wissenschaftliche katholische
Studentenverein UNITAS-ROBERT SCHUMAN an der Ruhruniversität Bochum die mit
diesem Namen gegebene Verpflichtung in gleichermaßen demütiger wie stolzer
Freude auf sich nehmen.“
Anknüpfend an die Gedanken beider Vorredner verpflichtete VOP Bbr. Ewald Mertes
die junge Korporation auf die Prinzipien und das Grundgesetz der unitarischen
Gemeinschaft. Zahlreiche schriftliche Glückwünsche kamen: So etwa von Dr.
Franz Hengsbach, Bischof von Essen, Generalvikar Krautscheid, Bbr. Heinrich
Tenhumberg, Weihbischof von Münster, vom Straßburger Bürgermeister und
ehemaligen Ministerpräsidenten Pierre Pflimlin, vom Rektor und Kanzler der
Universität Bochum, von Bundesminister und Bundesbruder Dr. Heinrich Krone, vom
Oberbürgermeister der Stadt Bochum, aus der evangelischen und katholischen
Studentengemeinde. Persönlich gratulierten die Vertreter des Männerringes
Neudeutschland, der CV und der KV. Gesellschaftlicher Höhepunkt der Publikation
war ein großer Ball am Samstag, das Stiftungsfest klang aus mit dem
Festgottesdienst am Sonntagmorgen in der Bochumer Propsteikirche.
Epilog
Bleibt aus heutiger Sicht festzustellen, dass sich die junge Korporation mit dem
klingenden Namen trotz großer Vorsätze nach einigen Semestern leider wieder
auflöste. Die Bedingungen des Umfelds waren wohl doch nicht so, wie man sich
das vorgestellt hatte. Zumal mit den kurz darauf beginnenden 68er-Jahren ein
anderer Geist durch die „Ordinarien- und Spectabilitäten-Universitäten“
fegte.
Doch lässt sich vier Jahrzehnte später andererseits sicher auch feststellen:
Eine wirklich gute Idee ist nicht wirklich totzukriegen. Anfang der 90er-Jahre
gehörte der Bochumer UNITAS-Zirkel unter damaliger Leitung von Bbr. Dr. Benno
Eichholz zu den ersten, die die Wiederbegründung einer UNITAS an den Ruhr-Unis
tatkräftig mit unterstützt haben. UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund setzt
neben der Tradition der UNITAS St. Luidger in Essen auch die der nach unserem
Bundesbruder Robert Schuman benannten ehemaligen Bochumer Korporation fort.
Christof
Beckmann
(1): Hier und im Folgenden: „UNITAS-Robert Schuman in Bochum publiziert.
Bbr. Karl Fürst zu Löwenstein hielt die Festrede”, aus: UNITAS, 106.Jg.,
8/1966, August, 157-159.
Bild auf dieser Seite: Time Magazine, 1. März 1948